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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 6
Ulrich Greiners Leseverführer. Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen schöner Literatur, C. H. Beck Verlag 2005, 215. S., ISBN 3-406-53644-1, 14,90 €
Wie war es früher? Man wurde „Leseratte“ gescholten und zum Spielen nach draußen geschickt. Später hieß es dann: „Kannst du nicht etwas vernünftiges tun?“, womit meist eine wenig geliebte Beschäftigung gemeint war. Und aus dieser Zeit ist eine kleine Beimischung schlechten Gewissens der Leselust geblieben. Und heute? Da gibt es unzählige Programme zur Förderung des Lesens auf allen Altersstufen und nun auch den „Leseverführer“.

Ulrich Greiner gibt in zehn Kapiteln Hinweise für die Menschen, „die gerne lesen“. Für sie hat er das Buch geschrieben und , wie wir sehen werden, den Begriff der „schönen Literatur“ sehr weit gefasst (was für alle, die noch ein wenig unsicher sind in der Bejahung ihrer Leseneigung, höchst beruhigend ist – keine strikte Trennung in E und U!). Im Vorwort führt der Autor aus, dass er nicht die Leser meint, die Informationen suchen – die wissen, was sie suchen. „Sie aber wollen nicht suchen, sondern finden. Sie gehen in einen Roman hinein wie in ein fremdes Land. Um Romane soll es im Folgenden hauptsächlich gehen, um erzählende Literatur und um die besten Wege dorthin.“ (10) Keineswegs soll es sich um einen Kanon handeln, auch nicht um eine Literaturgeschichte, sondern: „An einer bunten Mischung von Beispielen will ich Ihnen zeigen, was Literatur ist, wie literarische Texte verfahren, was sie auszeichnet und was sie mit uns machen, wenn wir sie lesen.“ (11)
Im ersten Kapitel geht es um „die Lust und das Laster des Lesens“, und dabei vor allem um den Eskapismus, die Flucht aus der Wirklichkeit in eine andere Welt, von dem Greiner behauptet, dass er ein Hauptantrieb der Leseleidenschaft sei. Beim Lesen verschwindet man im Buch: „Schon in frühesten Jahren zeigt sich das Ausmaß der Ver- und Entführbarkeit. Man liest Karl May und Enid Blyton, ‚Jim Knopf’ und ‚Harry Potter’ und den ‚Herrn der Ringe’ – und all die anderen furchtbaren und wunderbaren Schmöker. Und die Frage, ob das große Literatur ist, kümmert einen überhaupt nicht.“ (16/17) Dann erörtert der Verfasser die Gründe für dies Fluchtverhalten, etwa als „stellvertretendes Handeln“, und spricht ihm eine „humanisierende Wirkung“ zu, wenn der Leser in den Schicksalen, von denen er liest, sein eigenes wieder erkennt. Beispiele belegen, dass man mit dem eigenen Eskapismus durchaus in guter Gesellschaft ist, etwa bei Don Quijote. Aber: „Eskapismus ist gut, Kontrolle ist besser.“ (17)
Das zweite Kapitel „Über das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit“ erörtert die Glaubwürdigkeit des Fiktiven. „Der Roman ist […] eine erzählte Geschichte, die Material der Wirklichkeit in mehr oder minder hohem Maß enthält und verarbeitet.“(35) Ausführlich stellt Greiner das Problem an Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ (1719) und dem ihm zu Grunde liegenden Schicksal von Alexander Selkirk dar, und vermittelt gleichzeitig die Verfahrensweisen bei der Verarbeitung eines vorgegebenen Stoffs unter eigenen Zielsetzungen.
Am Ende der einzelnen Kapitel ist jeweils eine „Pause“ eingeschaltet, in der Greiner Ergänzungen nachträgt, hier zur ‚Literatur der Arbeitswelt’ und ‚erotischer Literatur’ unter dem Vorzeichen ‚Wirklichkeit’ und deren Schwierigkeiten für den Leser.
Im folgenden „Über das Fortleben literarischer Helden“ geht der Autor von ‚Frodo’ aus dem ‚Herrn der Ringe’ aus und zeichnet dann als ältestes Grundmuster die Schicksale Parzivals nach – mit großer Sympathie: „Ich jedenfalls habe Wolframs Parzival immer geliebt, vor allem auch seine köstliche Gegen- und Parallelfigur, den lebenslustigen Ritter Gawan…“ (gerade der Hinweis auf die persönlichen Vorlieben Greiners macht seine Darstellung so lebendig, man fühlt sich als Leser in den eigenen Neigungen gut verstanden). Auch Michael Kohlhaas kennt man, selbst wenn man Kleist nicht kennt, und neben den unglücklichen Helden wie ‚Werther’ und ‚Emma Bovary’ auch den bösen: ‚Kapitän Ahab’ aus „Moby Dick“. Und heute? Ist nicht ‚Harry Potters’ Fortleben als Held schon gesichert?
In der anschließenden „Pause“ fragt Greiner, was man vom Dichter wissen muss – und grenzt sich vom verbreiteten Voyeurismus ab – auch wenn er die eigene Neugier gesteht. Er meint aber, dass „die sorgfältige Lektüre ein Werk entstehen lässt, an dem der Leser ebenso Anteil hat wie der Autor. Dessen Aussehen und persönliche Umstände tragen dazu wenig bei oder nichts,“ (78) worüber sich freilich streiten ließe.
Im zweiten, etwas umfangreicheren Teil seiner Erörterungen wendet sich der Verfasser einzelnen Aspekten des Romans zu. Das beginnt mit der Frage nach dem „schlechten Ende guter Bücher“ und geht dabei neben anderen Beispielen auf den Schluss von Kleists „Penthesilea“ ein. „Sie sehen, liebe Leser, dass die Literatur keineswegs nur der Ort des Schönen ist“, und er verweist auf Rilkes Wort vom Schönen, das nichts ist „als des Schrecklichen Anfang, das gelassen verschmäht, uns zu zerstören“ (aus der ersten „Duineser Elegie“, 91). Weiter beschäftigt sich Greiner mit den berühmten Anfängen von Romanen, arbeitet grundlegende Unterschiede heraus (etwa zwischen den ersten Worten von Kafkas „Der Prozess“ und dem Beginn von Thomas Manns „Tod in Venedig“ und ihrer jeweiligen Bedeutung für das betreffende Werk). In der zugehörigen „Pause“ beantwortet er dann die Frage „Muss man alles zu Ende lesen?“ hilfreich für den ermüdeten Leser, indem er ihm die Freiheit zubilligt, ein Buch zur Seite zu legen – er kann sich dabei auf Robert Musil berufen, der bekennt: „wenn ein Buch aber wirklich eine Dichtung ist, kommt man selten über die Hälfte hinaus…“ (114) – bei trivialer Literatur sei es anders.
Besonders umfangreich ist das Kapitel „Über Erzählhaltungen und Erzählperspektiven“, was sich daraus erklärt, dass dem nicht so geübten Leser manches neu sein mag, das ihm hier erläutert wird. Greiners These ist folgende: „Der große Autor folgt einer Idee, die sich in ihm festgesetzt hat […], und diese Idee erzwingt nun eine ganz bestimmte erzählerische Verfahrensweise.“ (117/18) Von diesem Ansatz aus erläutert Greiner verschiedene dieser Methoden und geht dabei auch auf das Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit ein.
Es gibt aber auch „Romane, die ihren eigenen Regeln folgen“, und um die geht es nach der „Pause“, die sich damit beschäftigt, wo man was liest, bzw. lesen sollte – der wichtigste Rat ist jetzt, dass man immer genug Auswahl haben sollte. Ob dazu gerade der Roman gehören sollte, „der eigenen Regeln folgt“, nämlich „Das Leben. Gebrauchsanweisung“ von Georges Perec, an dem der Verfasser beispielhaft darstellt, was er meint, mag offen bleiben. Hier begibt Greiner sich auf die Höhen der Gebirgswanderung, mit der er sein Buch vergleicht, nicht jeder wird ihm so weit hinauf folgen wollen. Das gilt ein wenig auch für die Passagen zum Thema „Über Romane, die mit dem Leser spielen“ (8.Kapitel), das mit der Einsicht schließt: „Sie sehen, lieber Leser,“ (und gleich zu Beginn hatte Greiner betont, dass immer auch die Leserinnen gemeint seien) „dass die Literatur, um ein Bibelwort abzuwandeln, ein Haus mit vielen Wohnungen ist.“ (175)
Auf diese Vielfalt weist der Verfasser auch im Kapitel „Über Romane, die nicht gut geschrieben sind“ hin – wobei die Auswahl der Textbeispiele überraschend wirkt, Stifter wird ausführlich herangezogen, Thomas Bernhard und Konrad Weiß, schließlich Juli Zeh. Aber es sind dies doch wichtige Texte, auch in den Augen Greiners, was sich in der Zusammenfassung spiegelt: „Das eine und einzig gültige Urteil kann es nicht geben, weil die Literatur mit all ihren Erscheinungsformen ein unendliches Verfahren ist – unendlich, solange es Bücher und solange es Leser gibt.“ (195)
Damit sind wir fast am Ende angelangt: der Verfasser fragt „Was fehlt?“ („Neunte Pause“) und endet mit einem kurzen Kapitel „Über das Leichte und das Schwierige“, das er mit Tabellen anreichert, in denen Bezug genommen wird auf die Wünsche des Lesers, seine Stimmung, verschiedenen Inhalte und die entsprechenden Romane – jeweils geordnet nach Schwierigkeitsgraden. Das leitet schon über zu den wichtigen Zusammenstellungen im „Anhang“. Hier werden alle genannten Bücher und ihre Autoren greifbar, ebenso wichtige Hilfsmittel und Internet-Adressen.
Wenn man Ulrich Greiner auf seinem Weg als „Leseverführer“ begleitet hat, ist man in vielem als Leser bestärkt, hat eine Menge gelernt und kennen gelernt, ist dankbar für Anregungen aller Art und möchte das Buch auch in die Hände derer legen, die noch am Beginn ihrer Lesebiographie stehen. Für wirkliche Anfänger freilich setzt es denn doch zuviel voraus an bereits gewonnenen Leseerfahrungen.
Renate Scharffenberg