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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 6
Adalbert Stifter: Der Waldsteig. Mit Wort und Bild illustriert von Sonja Poll und Helmut Stabe. Mitteldeutscher Verlag, Halle und Leipzig 2005, ISBN 3-89812-313-8, 20 €
Ein kleines Juwel, bestechend schön und bescheiden zugleich hat der Mitteldeutsche Verlag in diesem Herbst herausgebracht. Mit dieser bibliophilen und sehr unterhaltsamen Ausgabe von Stifters Novelle Der Waldsteig (1845) feiert man in Halle und Leipzig den 200. Geburtstag des Dichters.

Der Waldsteig ist eine für Stifters sinnenfreudige Erzählkunst typische Geschichte einer Wandlung, einer seltsamen Metamorphose, hier des depressiven Hypochonders Tiburius Kneigt, der, soviel wird gleich am Anfang verraten, ist jetzt wieder sechs und zwanzig Jahre alt, da er doch noch vor Kurzem über vierzig gewesen ist. (5)
Alles, was auch nur halbwegs zur kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Erhellung der Szenerie einer Kurstadt im 19. Jahrhundert, zudem in alpinem Hochgebirge gelegen, beitragen könnte, haben zwei junge Buchkünstler, Studenten der Burg Giebichenstein, Universität Halle (Sonja Poll, geb. 1974 und Helmut Stabe, geb. 1975) um die Novelle in amüsanter Vielfalt herumkomponiert. Die schwarzweißen Federzeichnungen und Drucke wirken erstaunlich bunt, und sind doch nur durch eine einzige Farbe gebrochen: dem Rot.
Rot wie die wellenförmig angeordneten kleinen Walderdbeeren auf dem Cover des Buches, dessen Design schon eine Augenweide ist.
Stifter und die Erdbeeren. Das gehört zusammen wie sein berühmter Vergleich der Kraft überschäumender Milch im Töpfchen mit eruptiver Lava. In den Erinnerungen des Freundes Friedrich Simony, den Kaiser Franz Josef I als ersten Professor für Geografie an die Universtät Wien berief, spielen Erdbeeren eine wichtige Rolle. Stifter habe sich, so Simony, regelrecht bezaubern lassen von der Natur und den Erddingen, er wollte aber immer „das Gesehene, so oft sich nur Gelegenheit bot, wissenschaftlich erörtern.“ (Vgl. Simony, Friedrich: Verkehr mit Stifter. In: Kuh, Emil: Zwei Dichter Österreichs Franz Grillparzer – Adalbert Stifter. Pest 1872, S. 455.)
Nach ähnlichem Prinzip scheinen auch die Herausgeber zu arbeiten und profilieren hier die Kongruenz von Inhalt und Form neu heraus. Einzelne Begriffe, Textpassagen und Metaphern werden illustriert und mit zeitgenössischen Quellentexten erklärt.
Zum Inhalt. Der zunächst traurig-ritterliche Held mit dem passenden Nachnamen „Kneigt“, dem man nach dem „g“ noch gern ein englisches „h“ hinzufügen möchte, hatte alles und eigentlich nichts (14). Ein närrischer Landarzt gibt dem Unglücklichen den alles entscheidenden Hinweis. „Sie müssen heirathen, aber zuvor müssen Sie in ein Bad gehen, wo Sie sogar ihr Weib finden werden.“ Das war für Herrn Tiburtius zu viel!! Aber dieser fährt trotzdem tapfer nach Bad Ischl zur Badekur. (Ja, das Bad Ischl, wo der Kaiser Franz Josef 1853 um die Hand der Sissi und nicht um die der Schwester Helene anhalten wird – aber das ist eine andere Geschichte.)
Nun bekommt der Leser die für das Verständnis der Handlung eben nicht alles entscheidenden, aber geradezu herrlich ausufernden Hinweise: u.a. die Preise der 10 verschiedenen Mineralwässer mitgeteilt (Adelheidsquelle eindeutig die teuerste, am preisgünstigsten wäre Ischler Mairra Louisen-Quelle gewesen!), die neuesten Kurtrinkgefäße gezeigt; erfährt dass der „Sesselträger-Preis-Tarif aus dem Fremdenführer in Ischl und Umgebung von Leopold Mayer, 1857“ einen Nachtzuschlag für „Bade und Visitengang am Orte selbst“ (44) ausweist. Spazierstöcke aus einer Epoche, als Wellness „Badekur im Ischler Soolebad“ und Aerobic noch „Die Bewegungen“ (32) hießen, zeigen sieben verschiedene Knäufe.
Tiburius Kneigt bevorzugt aber keine „Luftparthien im Glastragesessel“ (44), er lernt stattdessen bei offenem Fenster zu schlafen, er geht in den Wald, steigt ins Gebirge findet seinen Pfad und rennt metaphorisch aus dem dunklen Dickicht des Waldes in ein neues Leben: Er trifft Maria, ein Walderdbeermädchen. Das Mieder war schwarz, und den Schoß umschloß ein kurzes faltenreiches blauwollenes Rökchen, daraus die weißen Strümpfe und die groben mit Nägeln beschlagenen Bundschuhe bervor sahen. (53)
Den Sommer darauf hält Tiburius um die Hand der schönen Maria an und im Spätherbst sahen alle Badegäste, die noch da waren, wie er sie in einen schönen wohleingerichteten Reisewagen, der vor dem Hause hielt, einhob, und mit ihr nach Italien davon fuhr. (78)
Adalbert Stifter ist ein Meister hintersinniger Parabeln, hier von der Einfachheit des Glücks. Auch nimmt er dem Leser sozusagen den kritischen Wind aus den Segeln, wenn er wiederum gleich auf der ersten Seite schreibt: Die Geschichte ist eigentlich recht einfältig, und ich erzähle sie blos, damit ich manchem verwirrten Menschen nüzlich bin, und dass man eine Anwendung daraus ziehe. (5)
Die schönste Anwendung dieser im wahrsten Sinne des Wortes ‚Neuerscheinung’ eines Klassikers ist, sich an einem Winterabend an den Ofen zu setzen (es muss ja nicht gleich ein biedermeierlicher sein) und genüsslich zu blättern, zu schmökern und zu schmunzeln über soviel editorischen Feinsinn. Wer noch ein originelles Weihnachtsgeschenk sucht: 20,- €.
Erika Schellenberger-Diederich