Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 6


 

Leon Goldensohn. Die Nürnberger Interviews. Gespräche mit Angeklagten und Zeugen. Patmos-Verlag 2005, 458 Seiten, ISBN 3-538-07217-5; 29.90 €

Auf knapp 371 Seiten (hinzukommend ein Vorwort, eine Einführung in die Thematik „Nürnberger Prozesse“, ein Sachregister und ein Glossar) stellt Leon Goldensohn eine einzigartige Geschichte dar: die Geschichte des Nationalsozialismus, wie sie 1946 die Hauptangeklagten und Zeugen der Nürnberger Prozesse ihm, einem jüdisch-amerikanischen Militärpsychiater, zu erzählen bereit waren.

Diese Gespräche sollten – man mag zuerst das Gegenteil vermuten – nicht der Anklage zur Beweisführung dienen, sondern eine Bestandsaufnahme darstellen: eine minutiöse Niederschrift seelischer Befindlichkeiten, einen Versuch, Denkungsweisen weniger aufzudecken, denn zu begreifen, um somit die Phänomene Naziherrschaft – Naziterror fassen zu können.

Nicht die juristische Konfrontation der 19 Angeklagten und 4 Zeugen mit ihrer politischen Vergangenheit wird also gesucht, sondern das Gespräch über Kindheit, Elternhaus, Verhältnis zu nahestehenden Personen, Erziehung, Ausbildung, Beruf und politischem Werdegang. Aus dem Bericht über Vergangenes erschließen sich somit Themen wie NSDAP, Antisemitismus und Genozid wie von selbst.

Jedem der Interviews ist ein Bild des Befragten samt Minimalbiographie inklusive Information über den Ausgang des Prozesses für den Angeklagten vorangestellt. Dies bleibt leider der einzige historische Kommentar. Auch wenn einzelne Bemerkungen der Interviewten mit Fußnoten versehen im Anhang erläutert werden, die Gespräche sind alles andere als objektiv, können es natürlich gar nicht sein, denn im Fahrtwasser der Prozesse, und angesichts ihres politischen Scheiterns bemühen sich die Befragten bis auf wenige Ausnahmen und wenige Momente um eine möglichst vorteilhafte Darstellung ihrer selbst, verdrängen bewußt oder unbewußt Dinge, reden schön oder leugnen, was passiert ist.

So faszinierend diese „Offenbahrungen“ auch sein mögen, sie sind der Stoff, aus dem Mißverständnisse und Fehlinterpretationen gemacht sind; historisch „unbefleckte“ Gemüter könnten hier nur allzuleicht falsche Rückschlüsse ziehen und so genau das geschehen, was Goldensohn und die Herausgeber der Interviews vermeiden wollten – daß nämlich der Eindruck entsteht, es handle sich hier nicht um Täter, sondern um mißverstandene und – wie immer wieder von den Befragten behauptet – von Hitler, Göbbels und Himmler manipulierte Opfer. Neben einer historischen Auseinandersetzung wäre folglich die Analyse des Gesagten aus psychiatrischer Sicht mehr als willkommen gewesen.

Goldensohn kann diese Schwäche jedoch schwerlich zum Vorwurf gemacht werden, denn als Psychiater und Arzt mußte er einerseits jenseits des historischen Ereignishorizontes verbleiben und sich entsprechend seiner ärztlichen Aufgabe vor allem auf ein klinisch-analytisches Gespräch fokussieren, zum anderen aber verhinderte sein Tod – er verstarb bereits 1961 – die von ihm zwar anvisierte, doch über eine Abschrift seiner Notizen niemals hinausgelangte Edition. Erst  der renommierte Historiker Robert Gallately griff das Projekt wieder auf. Wolfgang Benz, Direktor des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, verfaßte zusätzlich ein Vorwort. Eli Goldensohn, Bruder des Autors, fügte Erläuterungen über die Herausgabe des Materials an. 

Daß Herausgeber und Kommentatoren der Interviews nichtsdestotrotz die Notwendigkeit einer gewissen Einordnung in den historischen Kontext verspürten, wird an der doch recht umfangreichen (26 Seiten) Einführung zu den Nürnberger Prozessen erkennbar. Die Ausführlichkeit dieser Erläuterungen läßt aber das weitere Nicht-Vorhandensein erläuternder Kommentare aus historisch-psychologischer Sicht als um so augenfälligeren Mangel erscheinen.

Kritisch zu betrachten bleibt zudem die Aufbereitung der Interviews selbst – optisch wie inhaltlich:  Die indirekt formulierten Fragen des Psychiaters, die ebenso in indirekter Rede gegebenen Antworten der Häftlinge und Zeugen, gehen bei den meisten Unterhaltungen ohne nennenswerte optische Markierung (z.B. Kursive für die Kommentare bzw. Fragen Goldensohns) ineinander über, wodurch so manch wichtige Information überlesen werden mag; eine besonders gespannte Aufmerksamkeit bei der sowieso schon brisanten Lektüre ist also geboten.

Dem Vorwort zufolge hatte Goldensohn im Verlaufe seiner Gespräche etliche Notizbücher gefüllt. Bei den hier versammelten Unterhaltungen handelt es sich also lediglich um Auszüge. Welches waren die Kriterien, die zur Auswahl des hier Präsentierten führten? Zuweilen – wie z.B. bei Jodl oder Keitel – wirken die Interviews wie abgehackt und unvollständig; bei Heß und Speer erscheint das Präsentierte eher als Extrakt denn als Gespräch. Auch ist die Fragestellung, mit der Goldensohn den Inhaftierten gegenübertritt, leider nicht immer die gleiche. Um einen Vergleich der Aussagen zu erleichtern, wäre es begrüßenswert gewesen, wenn eine offenkundigere Systematik in der Fragestellung vorgelegen hätte.

Weiterhin fallen einige der Interviews völlig aus dem Rahmen, indem sie sich wie zum Beispiel im Falle Kaltenbrunner nahezu ausschließlich mit der Organisation des österreichischen Polizeiapparates beschäftigen, das Private jedoch völlig ausklammern. Welches waren die Gründe für die Ausblendung dieses oder jenen Lebensbereiches, Details, hier eben der privaten Welt?

Zwar mag Goldensohn nicht verantwortlich für  die Auswahl der Textpassagen zeichnen, doch kann man sich kaum des Eindrucks verwehren, daß seine Interviews sehr wohl von Sympathie und Antipathie gesteuert wurden und fragt sich daher auch, ob Länge, Kürze, somit letztendlich die Zusammenstellung, nicht in entsprechendem Zusammenhang stehen. Interesse und Abneigung werden vor allem sichtbar bei der Beschreibung der Personen: Immer wieder notiert Goldensohn die lüsterne Fratze Streichers und sein meckerndes Gelächter; Hjalmar Schachts Umgangsformen erscheinen ihm falsch und manieriert, hingegen wirkt er auf seltsame Weise von den Erläuterungen Baldur von Schirachs angetan.

Daß die Ausführungen den Leser trotz alledem regelrecht in Bann schlagen – dem wird wohl niemand widersprechen wollen, der auch nur die ersten paar Seiten dieser Gesprächskompilation gelesen hat, in der Wilhelm Frick lakonisch alles auf sich nimmt, weil er sieht „wie das Leben, die Natur, der Krieg nun einmal sind“, ignorant und unverbesserlich Julius Streicher keine Sekunde zögert zu bekennen: „Wenn jeder so ein reines Gewissen hätte wie ich, würde niemand mehr auf der Welt Schlaftabletten nehmen oder einen Arzt aufsuchen. Mein Gewissen ist so rein, wie das eines Säuglings.“ Beklemmend das Gespräch mit Rudolf Höß, dem Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz, der selber nicht mehr in der Lage, das von ihm Befohlene zu verkraften, den Tod seiner Seele längst erlitten hat, aufgebraucht, abgestumpft und verzehrt ist.

Glaubten die Angeklagten ihren eigenen Worten? Wie wird ein Mensch zum Täter?  Was macht einen Täter aus? – Fragen, denen sich der aufmerksame Leser nicht verschließen kann; Fragen, die im Laufe der Nachkriegsgeschichte bereits tausendfach gestellt wurden, Fragen, die trotz allen Bemühens nur fragmentarisch beantwortet werden konnten, und auf die das vorliegende Buch sicherlich keine Antwort anbietet. Im Gegenteil, es weist vielmehr darauf hin, daß wir uns trotz so manch tiefgreifenden Einblicks mit dem Unverständlichen zufrieden geben müssen und nur erkennen können, daß wir vor den Splittern zerbrochener politischer wie menschlicher Existenz stehen. Mehr nicht.

Tanja von Werner

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