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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 6
Eine gebeugte Frau humpelt auf die lediglich mit einigen Kästen ausstaffierte ebenerdige Bühnenfläche: die inhaftierte, über ihre Zeit hinaus gealterte Ilse Koch, im Konzentrationslager Buchenwald, das ihr Mann Karl Koch als Kommandant leitete, einst gefürchtet als die „Kommandeuse“, unberechenbar und herrschsüchtig, nunmehr, nach Jahrzehnten der Haft ein Wrack, dem nur noch die Erinnerung geblieben ist.
Auf diesem Freigang deckt Ilse Koch ihr Innerstes auf: ihren Lebensweg bis hin zu ihrem Suizid nach 22jähriger Haft; den Aufstieg einer kleinen unbedeutende Stenotypistin, die erkannt hat, daß ‚man verstehen muß, mit der Zeit zu gehen’, und sich sexuell anbiedernd in Nazi-Kreisen aufsteigt und „Karriere“ als Frau des Kommandanten von Buchenwald macht. In Buchenwald residiert sie in der ‚Villa Koch’, spielt die große Dame, die herrschaftlich ausreitet, elegante Empfänge gibt und sich auf vertrautem Fuß mit Nazi-Größen wie Himmler bewegt, und sic schließlich sich das Recht verliehen sieht, Häftlinge nach eigenem Gutdünken züchtigen und quälen zu lassen.
Ilse Koch ist zu allen Momenten tief beeindruckt von ihrem eigenen Aufstieg, und wie im Märchen von Schneewittchen, das als Zitat in die Präsentation dieses Psychogramms eingeflochten wird, bewundert sich Ilse, die sich selbst die Rolle der schönen, aber bösen Königin zuweist, vor dem Spiegel ihres Lebens.
Die irre Zerrissenheit ihres Charakters wird dem Zuschauer schlagartig bewußt, als Gilla Cremer, Akteurin und Verfasserin des Stückes zugleich, in kürzesten Abständen zwischen den einzelnen Phasen Ilses Leben hin- und herblendet, die junge aufstrebende, die alte gebrochene, die herrschende, die verzweifelte, die aufbegehrende Ilse mimt.
In einer elegant und wendig präsentierten Kollage aus Erinnerungsfetzen, recherchiert aus den Selbstzeugnissen der ‚Kommandeuse’, begegnet uns eine Frau, die ihren eigenen Gelüsten nach Macht und Reichtum erlegen ist und dabei als Opfer ihrer selbst zur Täterin wird; die, unfähig zu bereuen, in Selbstmitleid aufgeht und, je unerträglicher ihr Leben wird, die Tage von Buchenwald um so mehr glorifiziert, nämlich zur ‚besten Zeit ihres Lebens’, als ‚satte, gute Zeit’. Erotik, eisige Berechnung, zielstrebige Brutalität, all das fokussiert sich in einer Person; der Zuschauer ist unweigerlich gefesselt.
Gilla Cremers Spiel führt Erschrecken und Unterhaltung in außergewöhnlicher Ästhetik zusammen; die Abgründe, die sie allein mit Stimme und Körper und dem Einsatz nur weniger Accessoires aufreißt, um unmenschliches und zugleich doch tief menschliches Verhalten zu entblößen, lassen 90 entsetzlich faszinierende Minuten entstehen.
Im Anschluß an das Gastspiel wurde dem Publikum die Möglichkeit gegeben, über das soeben Gesehene zu diskutieren; doch leider kam das Gespräch nur schleppend in Gang und begnügte sich dann mit zumeist schulmeisterlichen Allgemeinplätzen. Schade, denn so heftete sich einem durch und durch inhaltlich wie schauspielerisch beindruckenden Stück der Geschmack des Schalen an.
Tanja von Werner