Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 1


 

Werther!

Von Nicolas Stemann
Nach Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther

Premiere: Freitag, 27. Januar 2006 in der Studiobühne TiL des Stadttheaters Gießen

 

Mit Isaak Dentler als Werther
Leitung: Renate Aichinger, Dirk Olaf Hanke

Was eigentlich interessiert junge Theatermacher an dem Roman Die Leiden des jungen Werther, 1774 geschrieben, seinerzeit eines der meistverkauften und vieldiskutierten Bücher, immer noch bekannt natürlich, mehr allerdings wohl Schullektüre heute als ein Buch, das noch häufig am Ladentisch verlangt würde? Warum aus Goethes Roman ein Theaterstück machen und den Werther auf die Bühne bringen?

In der Aufführung in der Studiobühne Til des Gießener Stadttheaters finden der Autor Nicolas Stemann, Renate Aichinger und Dirk Olaf Hank als Leiter der Inszenierung und Isaak Dentler als Werther zum Teil überzeugende Antworten auf diese Fragen, zeigen aber auch die Problematik und die Grenzen solcher Bühnen-Adaptionen bekannter Texte, die ursprünglich nicht für das Theater konzipiert wurden, auf.

Das Ausrufezeichen hinter dem Titel von Nicolas Stemanns Bühnenvorlage – Werther! – ist bereits verräterisch; scheint es doch in eher unbescheidener, selbstgefälliger Weise die Aufmerksamkeit des Publikums für die Werther-Figur erzwingen zu wollen. Und die tritt dann auch aufmerksamkeitssüchtig und oberflächlich-knallerisch auf: Bei noch vollem Licht, die Zuschauer setzen sich gerade, springt in den hinteren Reihen ein junger Mann in langem, offenem schwarz-grauen Mantel über dunklen Hosen und dunklem Hemd auf und beginnt, Werther-Bonbons in die Menge zu werfen: „Wollen Sie ein Werther-Original? Hier, ich habe noch ein paar“, u. s. w., u. s. w. Er gibt sich – das improvisierte Spiel zieht sich über viele Minuten – als kumpeliger Straßenverkäufer, bietet sich an wie ein Marktschreier, will – das ist wohl der Regieeinfall – das „Werther-Fieber“, das seinerzeit kurz nach Erscheinen des Buches mit Porzellantassen, auf denen Werther- und Lotte-Porträts abgebildet waren, mit Werther-Parfüm, mit Werther- und Lotte-Kleidung und zahlreichen Werther-Parodien und Werther-Verkitschungen grassierte, auch als heutige Marotte entlarven. – Dieser Einstieg erweist sich als eine allzu durchsichtig gestrickte Inszenierungsidee, zu schultheaterhaft, billig-vordergründig, ein Gag, der vielleicht an manche Fernsehunterhaltungssendung erinnern mag, hier aber überflüssig ist.

Der eigentliche Beginn der Werther-Geschichte allerdings wird theaterwirksam in Szene gesetzt. Eben noch Bonbon-Verteiler, rennt Isaak Dentler, der Darsteller des Werther, von der Zuschauertribüne hinunter auf die fast leere Bühne, läuft wie besessen im Kreis, springt an die schwarz ausgekleideten Wände, setzt sich dann auf eine Lautsprecher-Box und fängt unvermittelt an, Sätze aus der Widmung vor dem ersten Werther-Brief zu zitieren: „Was ich von der Geschichte des armen Werthers nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt und leg es euch hier vor und weiß, dass ihr mir´s danken werdet.“

Damit ist die Figur des Werther eingeführt und die Inszenierung hat ihre Form gefunden. Der Zuschauer, so viel ist nach Anfang Nr. 2. klar, wird einen fahrigen, unruhigen, gefühlsschwankenden Werther sehen, eine Figur, die nicht mit sich im reinen ist, auf der Suche nach etwas zu sein scheint, selbstzerstörerische Züge aufweist, weglaufen will, aber nicht fliehen kann, eingesperrt bleibt in ihrem Gefühlschaos, immer wieder aufbraust, schreit und immer wieder – ein Häuflein Elend dann – in sich zusammensinkt.

Werther spricht seine Geschichte der vergeblichen Liebe zu Lotte ins Mikrofon, wendet sich in manchen Passagen direkt ans Publikum, grübelt in Selbstgesprächen über seine Situation, breitet seine Liebe zu Lotte in einer Weise vor dem Publikum aus, als erinnere er sich von weit her an Vorgänge, unter denen er immer noch leidet, als schreibe er eine Art Tagebuch über seine Liebeskrankheit, die ihn zugrunde richten sollte. Popmusik zwischendurch gliedert die Inszenierung und schafft spannungsvolle Sprechpausen.

Isaak Dentler spielt die verschiedenen Facetten der komplexen Werther-Figur in beeindruckender Weise, das Fahrig-Unruhige so genau wie das Aggressiv-Aufbrausende, auch das Still-Verzweifelnde, zeigt den Verfall eines jungen Menschen, seine „Krankheit zum Tode“, wie es im Goethetext einmal heißt, ohne das Moment des Krankhaften – sicherlich eine Versuchung für einen Schauspieler – zu übertreiben oder extrem auszuspielen. Sein Spiel wird zu einem Garanten für den Erfolg der Inszenierung.

Der psychische wie physische Verfall Werthers, die Selbstzerstörung aus Liebespein, die schnelle Fahrt in den Abgrund – Stemann konzentriert seinen Text auf wenige Briefe – stehen im Mittelpunkt der Aufführung. Und dafür haben Renate Aichinger und Dirk Olaf Hanke spannende Bühnensituationen entwickelt. Dazu gehört, wie der berühmte Brief „Am 16. Juni“ – „Kurz und gut, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht“ – in Bühnengeschehen umgesetzt wird. Der Darsteller ironisiert den ersten Teil, der die Fahrt zu einem Ball schildert, verzerrt die Worte, die sich auf Albert, den Rivalen in Sachen Liebe und Verlobten Lottes, beziehen, macht sie zu grotesk, ja bedrohlich klingenden Sätzen. – Dann plötzlich bricht dieser aggressiv-spöttische Ton ab und geht, als wäre die Erinnerung an Lotte ganz nah, in eine sensible Schilderung der ersten Begegnung zwischen Werther und Lotte in ihrem Elternhaus über, gesprochen über das Mikrofon wie in einem Selbstgespräch. – Der ernste, stillere Ton wird erneut durch eine aggressivere Sprechweise gebrochen: „Ja, wer ist denn Albert?“ Gleichzeitig setzt laute Musik ein und der Spieler rennt – wie vorher – von Wand zu Wand, reißt eine Türe auf, als wolle er entfliehen, steht vor einem Gitter und erkennt, dass er in seinem Liebesschmerz gefangen ist. Die Szene demonstriert, wie sich Werther in einen Traum, der Lotte heißt und der für ihn nicht Wirklichkeit werden kann, verrennt und sich darin verliert. Solche Szenen bringen die zerbrechende Figur des Werther den Zuschauern in bedrohlicher Intensität nahe. Diese werden zu Voyeuren des an der Liebe zerbrechenden Werther, werden Zeugen seiner unheilbaren „Krankheit zum Tode“.

Von der ersten Begegnung mit Lotte auf dem Ball über das Gespräch mit Albert über den Selbstmord, in dem Werther mit einer Pistole wie mit einem Spielzeug hantiert und seinen Selbstmord später vorwegnimmt, zur so genannten Gesandtenepisode ist es in Stemanns Textvorlage nur ein Sprung. Im Goethe- Roman versucht Werther in diesem Teil außerhalb von Lottes Umgebung und Nähe eine neue Lebensperspektive zu gewinnen. Goethe zeigt, wie Werthers überschwängliches Lebensgefühl von der mächtigen Realität gestört und vernichtet wird.

Stemanns Bühnenvorlage und die Löbershof-Inszenierung komprimieren und radikalisieren diesen Teil. Sie zeigen einen Werther, der aufgegeben hat, verloren ist, kaum mehr aufbegehrt, dessen Redefluss in Einsilbigkeit übergeht. Werther sitzt auf dem Lautsprecher, spricht ein paar Worte, rattert leblos die Monatstage – 1. Dezember, 2. Dezember – herunter und betrinkt sich zu lauter Popmusik aus dem Lautsprecher mit Whiskey. Seine Ausweglosigkeit und Trostlosigkeit könnten nicht größer sein. Am Ende wankt er zu einer Strichzeichnung, die er früher von Lotte an die Wand gekritzelt hat, und streicht, als wolle er Abschied nehmen, über den Kreidemund.

Das Ende der Aufführung kommt unerwartet schnell. – Lottes Satz, als Werther zu ihr zurückkehrt, „Gehen Sie, Sie sind krank.“, ist kaum verklungen, als Werther schon an der Stelle auf der Tribüne, von der aus er siebzig Minuten vorher Bonbons in die Zuschauerreihen geworfen hat, lapidar jene Sätze spricht, die zu den eindringlichsten Romanschlüssen überhaupt gehören: „Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.“ – In der Gießener Inszenierung fällt kein Schuss, braucht nicht vorgeführt zu werden, wie Werther stirbt. Werther, das zeigt die Aufführung, ist lange schon vor dem eigentlichen Ende tot.

Die Inszenierung läuft allerdings – das muss angemerkt werden – mehrmals Gefahr, sich selbst durch überflüssige Peinlichkeiten und unernsthafte „Sprüche“ um den Erfolg zu bringen. Gemeint sind unpassende Einwürfe wie „Tschüss“, „am 1. Dezember ein Türchen aufmachen“, „O Tannenbaum“ und „Prosit Neujahr“, um nur einige aufzuzählen. Nach dem Sinn und der Funktion solcher Albernheiten, die man auf den Bühnen mittlerweile zu oft gehört hat, zu fragen, verbietet der Respekt vor den eindringlichen Szenen in einem insgesamt doch gelungenen Werther! Theaterkunststücke sind Werther-Bonbons, „Tschüss“ und Ähnliches aber wahrlich nicht.

Herbert Fuchs

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