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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 1
Fest der Kreise
aus Rinden zu fliehen und Gras, die Schiffe im
Schuppen
ich weiß keinen besseren Ort, das Maß, die Fische im
Sand
zehn Stunden täglich, faule Runden, Blätter schnupfen
und
gleiten auf Blei, ein und aus in Scheiben
aus dem Stand, verzogen, rupfen in Dosen und fort
ich mache damit was ich will, die Bretter, die Wogen,
weiter, Gründe zu bleiben, der Kundendienst
füllt das Glas, das Wetter wie zum Tadel
das hat keinen Anfang, am Mittag zerrissen
wie die Buchstaben mir gleichen, in Leinen, im Topf
sie nadeln, ich bin der Einzige, jetzt stolpern und
hissen
die Kreuze zu Klumpen, zwischen den Punkten ein Kopf, ein
Faden
Guido Graf hat Mut zur Kompression. Wie bei den Dichtern der „hermetischen Schule“ (Nelly Sachs, Celan u.a.), schreibt sich diese Verdichtung in Grafs „Fest der Kreise“ unmittelbar aus dem Schweigen her.
Aus diesem Grund zeigt der Autor uns nur einen Teil des Auszusprechenden, der andere liegt links davon, im Off, im Weißen, im Unsicht/hörbaren, vielleicht jenseits des Seitenrandes. Deshalb sind alle „Zeilenanfänge“ klein geschrieben. Eben, weil es gar keine Zeilenanfänge sind.
Die Strophen haben immer die gleiche Struktur: immer wieder versucht einer zu sprechen, wird aber erst vorläufig, dann endgültig aufgehalten.Zu wirkungsvoll wird der weniger Sprechende als die Sprache Suchende von den Dingen selbst blockiert, vom Gras, den Schiffen im Schuppen, Dosen, Brettern, Kreuzen...
Durch sie wird zunächst der Redefluss als das Zur-Sprache-Kommen sabotiert und so das Lyrische Ich selbst, kaum aus dem Schweigen gelangt, wieder dem Verstummen anheim gegeben.
Dabei stellt sich das Verstummen als glattes Gegenteil des Schweigens heraus. Ruht zweiteres nämlich noch in sich, stellt ersteres vielmehr ein in sich selbst zurückgestauchtes Sprechen dar. Wieder ist es im Weißen, ja über den Seitenrand hinaus zu suchen. Diesmal in dem rechts vom Gedicht.
Im „Fest der Kreise“ ist also von einem Scheitern die Rede, von dem Versuch, „Rinden“ zu überschreiten und ins Offene, ins Weite, ins Freie zu kommen. In ein Offenes, Weites, Freies, das in der Meeres-Metaphorik aufscheint.
Aber es bleibt beim Wunsch, die „Schiffe“ bleiben von Anfang an „im Schuppen“. Ja, sie sind in der zweiten Strophe offensichtlich bereits havariert, nur „Bretter“ sind von ihnen übrig geblieben, also nur Treibgut.
Die Meeres-Bilder werden in der dritten Strophe schließlich bis auf das „hissen“ zurück genommen. Und selbst dieses „hissen“ ist mit dem „stolpern“ verbunden. Nicht einmal das ist gut gegangen.
Statt dessen Innenraum-Bilder wie „Topf“ und „Faden“. Der „Faden“, zu dem der „Kopf“ selbst wird, vergleicht man die Möglichkeiten des Bewusstseins mit den weißen Untiefen des neurologischen Unbewussten.
Es gibt also gute Gründe, Guido Grafs „Fest der Kreise“ als nichts Geringeres als eine Skizze des vereitelten menschlichen Zur-Sprache-Kommens aufzufassen. Wahrscheinlich sogar eben jenes, das uns anthropologisch zwingend kennzeichnet.