Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 1


 

Das Denken, eine gefährliche Operation, bei gefährlichen Menschen desto gefährlicher.
Universalpoesie und Universalpoet. Hartmut Steineckes E.T.A. Hoffmann-Monographie

Kein Wunder, daß sich Heinrich Heine besonders von Hoffmann angezogen fühlt, den er in Berlin als junger Student erlebt. Scheint diesem spätromantischen Dichter doch gelungen, was die Frühromantik einst forderte: Nicht nur entsprechende Texte zu schreiben, sondern selbst ein romantisches Leben zu führen. Dazu hatte Hoffmann, wie Steinecke in Engführung zeigt, durch seine Doppel- besser: seine Dreifach - Begabung als literarisches, musikalisches und zeichnerisches Talent beste Voraussetzungen ("Uni - versalkünstler"). Und  seine Lebensbedingungen spielten dabei - wenn auch für Hoffmann selbst häufig in unerwünschter Weise - kräftig mit. Denn, wie in seinen Märchen, Erzählungen und Romanen der Gegensatz zwischen Künstler(tum) und Philister(welt) strukturbildend ist, mußte Hoffmann als Dichter, Musiker und Karikaturist jahrzehntelang hauptberuflich als preußischer Justizbeamter in höherer Position arbeiten. Steinecke zeigt besonders im 11. und 12. Kapitel, daß Hoffmann in Leben  u n d  Werk jedoch nicht zu reduzieren ist auf das allzu einfache Klischee von ersehnter 'reiner' Künstlerexistenz und 'verhaßtem' Brotberuf. Dazu kannte Hoffmann die Wirklichkeit zu genau. Und so gibt es die Erfüllung der Sehnsüchte bei ihm nur in der Form des Märchens. So zieht Steinecke das Fazit:"(...) das Eigentliche von Hoffmanns Werk [ist] die Vielfalt des Heterogenen."

Steinecke gelingt, "dieses Gesamtbild eines Werkes zu einem Bild des Gesamtwerkes" werden zu lassen. Dabei steht für ihn "im Mittelpunkt (...) das Werk". So sieht er sein Buch als notwendige Ergänzung zu den bereits länger vorhandenen Standard - Biographien von Eckhart Kleßmann (E.T.A.Hoffmann oder die Tiefe zwischen Stern und Erde. Stg. 1988) und Rüdiger Safranski (E.T.A.Hoffmann. Reinbek 1984/1992). Und dazu ist Steinecke geradezu prädestiniert als Herausgeber der Ausgabe der "Sämtliche(n) Werke" 1985 - 2004 im Deutschen Klassikerverlag Frankfurt/M.. An vielen Stellen fordert seine Darstellung den "geneigten Leser" Hoffmanns heraus, die entsprechenden Originaltexte aufzuschlagen und Steinecke und Hoffmann parallel zu lesen. Erst dann wird die immense Leistung von Gesamtausgabe und Monographie in ihrem kongenialen Bezug aufeinander ganz deutlich. Da Steinecke das vorliegende Buch aber nicht nur für Fachwissenschaftler und Studenten, sondern auch und gerade für den Hoffmann - Liebhaber verfaßt hat, kann er nicht all sein Wissen in diesem so schon 645 Seiten starken 'Bändchen' unterbringen und muß auf ausführliche Kommentare in den Anmerkungen seiner Gesamtausgabe hinweisen. Trotzdem - und obwohl ein Schlagwortregister fehlt - ist das Buch mit Anmerkungen, Inhaltsverzeichnis, E.T.A. Hoffmann - Zeittafel, Werk- und Personenregister, Literatur - und Abk.-Verzeichnis gut ausgestattet.

Neben der chronologischen Besprechung der einzelnen Werkkomplexe und zugehörigen Lebensetappen geht es Steinecke immer und bei einem romantischen Autor mehr denn je auch um ästhetische Fragen. So stellt er im Hinblick auf Hoffmanns Roman "Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern" (1819-21) die "Verlagerung des narrativen Zentrums vom Inhalt in die Form.(...) [heraus]. Diese mehrfache Brechung und Distanzierung ermöglicht ein virtuoses Spiel ironischen Erzählens, das man humoristisch nennen kann(...)." Zu untersuchen, inwieweit  - trotz entsprechend häufigen Wortgebrauchs bei Hoffmann - tatsächlich der Humor und nicht schwerpunktmäßig die Ironie satirischer Sichtweise neben der Fantasie "zentrale Leitlinie(n)" in seinem Werk ist, bleibe der wissenschaftlichen Forschung vorbehalten. Gerade die Gestalt des Kapellmeisters Kreisler sieht Steinecke als einen "Ironiker, der die Hohlheit der Gesellschaft und die Mängel der Welt entlarvt." "Ironie im Hoffmannschen Sinn zeigt die Unzulänglichkeit des Bestehenden, die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit [s. Schillers Definition der Satire; AdV] und besitzt damit Erkenntnisfunktion."

So ist die erneute Lektüre gerade des "Kater Murr", dessen "Radikalität (...) wesentlicher Aspekt seiner Modernität" ist, uns allen ans Herz gelegt. Aktuell in einer Umbruchszeit wie damals, dem "Beginn der Moderne". - Also, lesen Sie, lesen Sie möglichst parallel Steinecke und Hoffmann! (Und sie erfahren, was es mit dem Titel der Rezension [Knarrpanti - Zitat] auf sich hat, der für "Meister Floh", "Kater Murr" u.a.m. gilt.)

Hartmut Steinecke: Die Kunst der Fantasie. E.T.A. Hoffmanns Leben und Werk. Insel Verlag Frankfurt/M. u. Leipzig 2004, 645 S., 48 Abb., ISBN 3-458- 17202-5, 32,90 €

Hannelore Schmidt-Enzinger

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