Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 1


 

Wapnewski als weiser Wotan

„Mit dem anderen Auge. Erinnerungen 1922 - 1959“

Vor allem der 2. Weltkrieg war prägend für diesen geistigen Vater vieler Germanistik - Studenten der 50er und 60er Jahre.- Erst später wurde die Linguistik (in Marburg und anderswo ) an den westdeutschen Universitäten  obligatorisch. Bis dahin hatte man  - gleich ob man das 1. Staatsexamen für den Schuldienst oder die Promotion für eine Uni - Karriere bzw. die Bibliothekars - oder Archiv - Laufbahn  anstrebte - brav chronologisch neben der Neuen Abteilung ( ab ca. Grimmelshausen) die Alte Abteilung mit Vorlesungen, Übungen,  Pro- und Hauptseminaren fleißig zu besuchen. Dort fing man mit Gotisch an ( unvergeßlich  die Weihnachtsgeschichte und das auswendiggelernte ‘Vater unser’); dann arbeitete man sich über die ahd. Grammatik, das Hildebrandslied u.a.m.(alles im Original und nicht etwa ins Nhd. übersetzt!) mehr oder weniger mühselig bis zum Gipfel des Mhd. empor: Endlich der Minnesang und die großen Epen! Das war das Gebiet, wo man notwendig auf Peter Wapnewski stieß, den Meister in der Erforschung mittelalterlicher Literatur : Bei der Beschäftigung mit Wolfram von Eschenbach, Walther von der Vogelweide, Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg u.a.m..Und später dann im Zusammenhang mit Richard Wagners Musikdramen, vor allem seinem „Tristan und Isolde“.

Aber was wußten wir damals von Wapnewski als Person? Damals, in der 60ern lehrten in Marburg Prof. Schröder (auch er ein „Willehalm“ - Spezialist) und Prof. Schmitt in der Alten Abteilung, und Wapnewski war weit weg für uns (außer in den Regalen der Institutsbibliothek als Sekundärliteratur).- Auf S.171f. seiner Erinnerungen weilt er als Hamburger Student 1947 kurzfristig zu einem überregionalen Hochschultreffen in Marburg: Offenbar für ihn eher ein Albtraum; denn erzählenswert blieb ihm einzig eine Art Saalschlacht unter den hungrigen Studenten um von den US - Besatzern gnädig gestiftete „Doughnuts“.

Was will Wapnewski mit seiner Autobiographie? Seinen eigenen Worten im „Geleite“ nach einen „Flickenteppich“ zusammensetzen; mit altüblicher rhetorischer Demutsgebärde nicht als „hochartifizielles Verfahren“, sondern um Zeugnis abzulegen von seiner Zeit. Dabei verspricht er, sein Ich so wenig wie irgend möglich in den Vordergrund zu spielen (ein Paradox!). Weder Confessiones wie bei Augustinus noch Confessions à la Rousseau sollen es sein.(Folgerichtig ist die erotisch-sexuelle Entwicklung wie das Weibliche überhaupt fast ausgeblendet.) Und auch das epische Präteritum, das Raunende, verspricht er zu vermeiden.(Tatsächlich stößt man bei der Schilderung von Kriegsereignissen denn auch auf das historische Präsens.) Es geht Wapnewski  - vielleicht verräterisch - um seine Zeit „und deren Spiegelung in diesem Leben“.

Seine Zeit, das sind in diesem ersten Band seiner Erinnerungen vor allem die Hitlerzeit und dann die Nachkriegsjahre. Und wir können - soweit wir sie nicht selbst hautnah erlebt haben - hier etwas, wenn auch Persönliches und daher notwendig Subjektives, nicht unbedingt Repräsentatives in statistischer Weise, erfahren über die Schule von damals (Volksschule und altsprachliches Gymnasium in Kiel), über HJ und Arbeitsdienst, über den Alltag, abhängig von Lebensmittelmarken, Tausch und Schwarzmarkt bis zum Organisieren = Stibitzen, über Filme und Schlager von damals, über Sirenenalarm und Luftschutzkeller.

Das gravierendste Erlebnis ist für den jungen Wapnewski seine Verwundung (s. Frontispiz des einäugigen Wotan sowie den Titel erläuterndes Vorwort „Mit dem anderen Auge“). Als Panzerladeschütze (wiewohl zum -Richtschützen ausgebildet) verliert er an der Ostfront im Herbst 1942 - 20jährig - sein linkes Auge. Und ist infolgedessen bis 1944 außer Gefecht gesetzt. 

Nun kommt der zweite Schwerpunkt seines Lebens ins Spiel: die Universität. - Noch während des Krieges hat er als Schwerverwundeter kurzzeitig die Möglichkeit in Berlin und in Freiburg, wo er Heidegger hört, je ein Semester zu verbringen. Seine Interessen innerhalb der Geisteswissenschaften sind vielfältig. (Später promoviert er im Nebenfach Klassische Archäologie.) Im Mittelpunkt steht aber schon damals für ihn die  deutsche Literatur.

Intensiv beschäftigt sich das Buch dann - nach Erwähnung des glücklich eingestellten Prozesses wegen „Wehrkraftzersetzung“ (durch entsprechende Reden in volltrunkenem Zustand in einem Berliner Lokal 1943) - mit Wapnewskis weiterem Studium, vor allem in Hamburg. Wir lernen Lehrende und Kommilitonen kennen und den Versuch, eine andere, neue Universität aufzubauen. - Schließlich kommt auch die Frage (s)einer NSDAP - Zugehörigkeit ins Spiel, die der Autor 1945 wie 2005 abschlägig beantwortet.

Nach Promotion und Assistentenzeit unter der alten Ordinarius - Herrschaft in Heidelberg geht Wapnewskis Karriere steil aufwärts, als ihm ein Harvard - Semester gewährt wird.

Im letzten Kapitel befindet der Autor sich auf See, auf der Rückreise aus den gastlichen USA nach Europa, nachdem er dem Ruf auf eine Harvard - Professur nicht gefolgt ist. Warum nicht? Interessant seine Begründung: Auf die Dauer sei es doch für einen Germanisten frustrierend, mit Studenten zusammenzuarbeiten, die nolens volens weder der Sprache in ihren subtilen Nuancen noch der Kultur - und politischen Geschichte Deutschlands und Europas mächtig seien. Sein praktisches Beispiel: Ein us - amerikanischer fleißiger Student siedelt den  althochdeutschen Recken Hildebrand zeitgleich mit dem neuzeitlichen alten Fritz (Friedr.II.) an. (Wie würde Wapnewski sich wundern bei der Arbeit heute mit deutschen Studenten an einer deutschen Universität?)

Wie nicht anders zu erwarten, wird bei Wapnewski alles in erlesener Sprache dargestellt. Weitgehend nüchtern zwar, von der fachüblichen Vorliebe für Redundanzen nicht ganz ungetrübt, mit feinem Humor an, wohl den traurigen Zeiten geschuldet, nur zu wenigen  Stellen. Wir lernen des Autors Familie, Freunde, Kommilitonen, Lehrer und Professoren kennen, darunter eine größere Zahl bis heute bekannter  Größen (außer Heidegger z.B. Walter Rehm, Walter Jens, Egon Schwarz, Reinhard Lettau). 

Wir sind auf die Fortsetzung, den 2. Band von Wapnewskis Erinnerungen gespannt. Wir? Ja; ich denke dabei an Wapnewskis Zeitgenossen und Germanistik-Studentengenerationen. Im 2. Band wäre mit einer nicht unbrisanten Darstellung des geisteswississenschaftlichen Universitätsbereichs zur Zeit der Studentenbewegung in den 60ern zu rechnen. Wünschen wir dem verdienten Emeritus Gesundheit und eine spitze Feder dazu.

Hannelore Schmidt - Enzinger

Peter Wapnewski, Mit dem anderen Auge. Erinnerungen 1922 - 1955, Berlin Verlag, Bln 2005. 256 S., 1 Abb., 13 Fotos, ISBN 3 - 8270-0380-6. 24 €

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