Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 2


 

Der gegenwärtige Trend physiologischer Erforschung der Meditation: Öffentliche Legitimationsstrategie oder tieferes Interesse? Zur Kritik einer Mode in der aktuellen neurophysiologischen Forschung

von Roland Benedikter

 

Zusammenfassung / Summary

Der Beitrag widmet sich Elementen einer Kritik an diskursiven und methodischen Einseitigkeiten von Teilen der aktuellen neurophysiologischen Meditations-Forschung. Er behandelt dazu als Beispiel Sachverhalte im Spannungsfeld von Gehirn-Wellen-Messungen im Rahmen von Sehkonzentration-Experimenten. Der Fokus liegt auf einer beispielhaft gemeinten Kritik von Teilen der heute modisch gewordenen gehirnphysiologischen Bewußtseinsforschung, welche sich als öffentliche Legitimationsstrategie zunehmend mit wissenschaftlichen Grenzgebieten wie Meditation beschäftigt - aus verschiedenen Gründen, die der Beitrag, bei voller Anerkennung der zahlreichen positiven Aspekte,  aufzuweisen und kritisch zu hinterfragen versucht.

Seit einiger Zeit ist die Erforschung von Meditation mittels naturwissenschaftlicher Verfahren zum Trend geworden. Man untersucht an Universitäten, privaten Forschungsinstituten und firmeneigenen Einrichtungen in diversen Formen die „physiologischen Grundlagen und Wirkungen“ der Meditation. Die öffentliche Bekanntgabe sensationeller Resultate vervielfältigt sich ebenso schnell wie die darauf aufgesetzten publikumswirksamen Präsentations-Formate. Das ist in Zeiten der weltweiten medialen Aufmerksamkeitsökonomie[1] und eines zugleich allgemein wachsenden Interesses an neuer, empirischer Spiritualität im Rahmen der gegenwärtigen Entstehung einer ausdrücklich individuell, säkular und nicht-konfessionell orientierten Spiritualität der globalen Zivilgesellschaft[2] zweifellos eine gewinnversprechende Methode, um physiologischen Untersuchungen nicht nur gesteigerten Unterhaltungswert, sondern darüber hinaus auch den Anschein umfassenderer Bedeutung zu geben – und damit zumindest implizit nicht nur die Drittmittelfähigkeit, sondern auch die interdisziplinäre Legitimation der naturwissenschaftlichen Bewusstseins-Forschung zu steigern. Doch kann auch die Dimension des heute allmählich mit der globalen Zivilgesellschaft entstehenden „post-postmodernen“ oder „subjektiv-objektiven“ Kultur-Bewusstseins[3], das ja eng an empirisch-psychologische spirituelle Praktiken wie wissenschaftliche Wiederentdeckung der Introspektion[4], empirische Erfahrung und Kommunikation individueller moralischer Intuition und systematisch-meditative Selbsterforschung gebunden ist, daraus Gewinn ziehen? Oder wird hier Meditation (im Folgenden im weitesten Sinne als im Prinzip innovative, weil Erfahrungs-erweiternde kulturelle und spirituelle Technik verstanden[5]) nur von Teilen der Naturwissenschaft benutzt, vereinseitigt dargestellt und damit letztlich - bewusst oder unbewußt - in ihrer eigenen Dimension delegitimiert?

Betrachten wir dazu ein konkretes Beispiel, um ein ausgewogenes und, vor allem, ein möglichst ambivalenzfähiges Urteil zu bilden – wie es ja anders nicht mehr sinnvoll sein kann im Zeitalter von „Transhumanismus“, „Neuerfindung des Menschen durch sich selbst“ und „Debatte zwischen Ich und Gehirn“.

Zwar nicht in direktem Zusammenhang, aber doch deutlich im Gefolge des Erfolgs mehrerer verwandter Vorläufer-Studien* wurden Mitte Juni 2005 mit weltweitem medialem Echo Forschungsergebnisse der Universität von Queensland, Australien, vorgestellt. Sie weisen darauf hin, dass Meditation grundlegende physiologische Reaktionen des Gehirns beeinflusst.

Wissenschafter der Universität Queensland führten gemeinsam mit Kollegen der Universität von Kalifornien mit 76 buddhistischen Mönchen, die in den Bergen Indiens leben, Sehtests durch. Dabei wurde jedem der beiden Augen der Mönche gleichzeitig ein anderes Bild gezeigt. Die Aufmerksamkeit der meisten Menschen würde, so erwartete man, ordnungslos hin- und herspringen, und bald in Verwirrung und Orientierungslosigkeit enden. Den Mönchen gelang es jedoch nach Auskunft der Forscher, sich jeweils auf eines der beiden Bilder zu konzentrieren. Das zeigten ihre Gehirnströme, die während des Experiments gemessen wurden. Die Forscher schrieben dazu in der Fachzeitschrift „Current Biology“: „Diese Fähigkeit zur Überwindung einer grundlegenden mentalen Reaktion liefert Hinweise darauf, wie das Gehirn trainiert werden kann.“

Die Nachrichtenagenturen meldeten zu den näheren Umständen der Untersuchungen:

„Die Teilnehmer hatten zwischen fünf und 54 Jahren Meditationstraining absolviert. Bei den Tests erhielten sie spezielle Brillen, die es ermöglichten, mit jedem Auge ein anderes Bild zu sehen. Normalerweise würde das Gehirn rasch zwischen beiden Bildern wechseln. Es wurde bisher davon ausgegangen, dass es sich dabei um eine grundlegende und unwillkürliche Reaktion handelt. Jene Mönche, die eine Meditationsform ausübten, bei der sie sich auf ein einzelnes Objekt konzentrierten, konnten sich auf eines der Bilder beschränken. Mönche, die das längste und intensivste Training absolviert hatten, konnten sich bis zu 12 Minuten lang auf eines der Bilder konzentrieren.“

Es wurde also an den physiologischen Messungen der Gehirnströme deutlich, dass die Konzentrationsübung des Bewusstseins, der bei vergleichendem Überblick praktisch ohne Ausnahme alle geistigen Traditionen der Menschheit eine zentrale Rolle zuweisen (Spuren davon finden sich im übrigen in verschiedensten Zusammenhängen auch in der europäisch-westlichen Kultur, etwa in den Reformpädagogischen Ansätzen des 20. Jahrhunderts, so in Maria Montessoris zentralem Prinzip der „Polarisierung der Aufmerksamkeit“ oder in Rudolf Steiners „Nebenübungen“), eine praktische Fähigkeiten-Bildung zur Folge hat. Diese Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Gegenstand oder, wie es stellvertretend für die indische Tradition etwa der vermutlich bedeutendste Denker der indischen Renaissance seit dem 19. Jahrhundert, Ramana Maharshi, ausdrückte, auf „das Denken eines einzigen Gedankens über längere Zeit“, ist ein durchgängiges gemeinsames Merkmal aller geistigen Weisheitstraditionen der Welt. Sie ist eines der wenigen praktischen Übungs-Verfahren angewandter Erfahrungs-Spiritualität, die allen Traditionen und Praktiken nicht nur im Hinblick auf das damit zu erreichende Ziel, sondern auch hinsichtlich der Form und der durchzuführenden Tätigkeit gemeinsam ist. Sie wird von allen Weisheitstraditionen aller Zeiten übereinstimmend als grundlegende Voraussetzung zur Bildung verlässlicher geistiger Erfahrungen angesehen, ebenso wie (und als Voraussetzung davon) als eigentliche Bildnerin einer um „höhere“ Fähigkeiten erweiterten Ich-Dimension.

Olivia Carter von der Universität von Queensland zog aus der naturwissenschaftlichen Beobachtung der elektro-chemischen Gehirnströme den Schluß: „Die Mönche zeigten, dass sie in der Lage waren, externe Informationen zu blockieren. ‚Das ist ein erster Schritt zu einem wissenschaftlichen Verständnis, wie ihr Gehirn arbeitet. Es wäre sinnvoll, weitere Tests mit bildgebenden Verfahren durchzuführen, um die Unterschiede in den Gehirnen der Mönche genau sehen zu können.’ Den Forschern könnte, so Carter, dieses Wissen ein größeres Verständnis ermöglichen, wie die Meditation Vorgänge im Gehirn beeinflusst, wenn jemand entscheidet, einem Objekt seine Aufmerksamkeit zu schenken. Das gelte zum Beispiel dafür, was geschähe, wenn man sich entscheide, nicht näher auf schlechte Nachrichten einzugehen oder sich zu beruhigen. Buddhistische Mönche berichteten laut BBC häufig, dass sie negative Ereignisse verarbeiten, und danach einfach weiter machen könnten.“**

Es geht hier also wesentlich darum, „die Unterschiede in den Gehirnen der Mönche genau sehen zu können.“ Nicht um die Innenerfahrung, um dasjenige, was die Mönche erleben, geht es, sondern um die gehirnphysiologische Abbildung dieser Vorgänge. Nicht um das Innere der Vorgänge, sondern um das Äußere ihrer meß- und wägbaren Manifestation geht es. Das Ganze hat dabei deutlich die Aura des Spektakulären und des Geheimnisvollen. Es raunt unterschwellig vom Eindringen – und vor allem: vom Eindringen-Können – der modernen Naturwissenschaft in die großen spirituellen Geheimnisse des Kósmos. Es legt indirekt eine neue Aufgeschlossenheit dieser Naturwissenschaften für das Feld des Geistigen nahe. Und es hat damit, für das heutige Zeitgeist-Empfinden, das sich in weiten Teilen der sozial und intellektuell bestimmenden bürgerlichen Mittel- und Ober-Schichten nach einem neuen, subjektiv-objektiven und kulturell kreativen Bewusstsein sehnt, die Aura der Avantgarde und der möglichen Verschmelzung von „alter“ Naturwissenschaft mit „neuer“ Weltsicht.

Wie ist dieser „neue“, scheinbar so offene und „interdisziplinäre“ Diskurs als öffentliche Wirklichkeit zu bewerten?

Selbstverständlich erbringen die genannten Untersuchungen als solche (und diesseits ihrer öffentlichen Diskursivierung) wertvolle Ergebnisse, die das wissenschaftliche Erfahrungsspektrum ergänzen und erweitern. Sie stützen manche Einzelergebnisse, die bereits aus der Innenschau der geistigen Welttraditionen vorliegen, nun auch von Außen. Und sie zeitigen manchen Vorteil für die gesellschaftliche Akzeptanz spiritueller Praktiken. Sie weisen insbesondere darauf hin, dass Aufmerksamkeit willentlich von Innen, aus dem Ich des Individuums heraus, gesteuert werden kann. Das scheint heute für den postmodernen Zeitgenossen im Zeitalter des neoliberal triumphierenden weltweiten Behaviourismus und Kontextualismus auch für die unmittelbare Innenerfahrung des Ich-Bewusstseins an sich selbst nicht mehr selbstverständlich zu sein.

Doch trotzdem diese Forschungen in dieser Hinsicht sehr sinnvoll und horizonterweiternd sind, bleibt auch Kritik zu üben:

1. Hier wird klar jene Bevölkerungs- und Bildungs-Gruppe innerhalb der europäisch-westlichen Demokratien angesprochen, die für die Zukunft der physiologischen Gehirnforschung in den kommenden Jahren maßgeblich ist. Es ist kein Zufall, dass sich die Untersuchungen auf Buddhisten richten, nicht auf Christen oder auf eine gemischte Gruppe etwa aus Muslimen, Christen, Hinduisten und Buddhisten. Denn der Buddhismus ist heute vor allem in seiner mythologischen Präsentations-Form gerade bei den europäisch-westlichen Mittelklasse-Intellektuellen beinahe automatisch „in“; der Islam und das Christentum dagegen „out“. Doch nicht nur buddhistische Mönche betreiben die beschriebene Konzentrationsübung, sondern auch europäische, westliche und nahöstliche Traditionen. Daß praktisch alle heutigen Experimente zur physiologischen Untersuchung der Meditation weltweit bei Buddhisten studiert werden, ist zu einem guten Teil ein modisches Phänomen. Es verweist auf die Interessen, aber auch auf die faktische Naivität der Untersuchenden im Hintergrund. Und dies alles ungeachtet der wiederholten Aufforderungen des Dalai Lama: Studiert und praktiziert das Geistige an Euren eigenen Traditionen.

2. Äußeres kann die innere Erfahrungsdimension nicht erschließen - um die den Mönchen doch offenbar alles geht. So ist etwa, um nur ein konkretes Beispiel zu nennen, die zentrale Erfahrung der „Verzögerung“ und „Distanzierung“ von Sinneseindrücken, zum Beispiel beim Hören, bei der Bewußtseinskonzentration eine zentrale empirische Tatsache. Sie verweist auf den Eintritt in ein subjektiv-objektives Bewusstsein mittels der Ich-Konzentration der Denk-Wahrnehmung.[6]Ohne die Einbeziehung dieser empirischen Innendimensionen bleiben die physiologischen Gehirnforschungen zur Meditation letztlich auf der Ebene der Gesundheits- und Fähigkeitenpflege des Körpers und seiner Korrelate im weitesten Sinne. Das ist legitim, aber im Hinblick auf die verhandelte Thematik nicht ausreichend. Die physiologische Ebene kann gerade im Zusammenhang der Meditation und ihrer inneren Erfahrungs-Gesetzmäßigkeiten nur auf die physische Manifestation und die Träger-Dimension verweisen. Entscheidend ist hier aber die innere Erfahrung, die dabei gemacht wird.

3. Um diese Dimension adäquat wissenschaftlich und methodisch zu erschließen, aber auch zur Entwicklung des heute notwendigen subjektiv-objektiven Bewusstseins für das 21. Jahrhundert, das allein noch den Herausforderungen der Globalisierung, der neuen Technologien und der „Neuerfindung des Menschen durch den Menschen“ gerecht werden kann, sind nicht länger einseitig „ablesende“ Schwerpunkt-Studien zur physiologischen Grundlage, sondern mehrdimensional-rekonstruktive Studien auch zur innerlich direkt ergriffenen Selbstbeobachtung des Bewusstseins notwendig. Beide sind unverzichtbare Aspekte einer nun notwendigen Mehr-Dimensionen-Forschung zum menschlichen Bewußtsein. Dazu keimen heute erste systematische Ansätze, welche Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, Außendimension und Innendimension systematisch zu korrelieren versuchen. Diese Ansätze bleiben bislang allerdings vereinzelte, und oft genug einsame, Pionierversuche – so wie die vorbildlichen, keineswegs unkritisch zu nehmenden und mit zahlreichen zum Teil schwerwiegenden Problemen behafteten, aber insgesamt in der Grund- und General-Tendenz doch zukunftsweisenden Forschungen des integralen Vordenkers Ken Wilber und seiner neuen, Integralen Universität.*** Siehe etwa den Erfahrungsbericht Wilbers in seinem Tagebuch „Einfach Das“ (1997), wo er Gehirnstrom-Messungen mit der Erfahrung veränderter geistiger Zustände an sich selbst unter empirischen Forschungsbedingungen verbindet – hier aber in ganz anderer, nämlich inklusiver (nicht vereinnahmender) Stoßrichtung, und nicht zuletzt im Hinblick auf die Rechtfertigung der Innendimension durch die Außendimension. Wie Wilber zeigt, geschieht alles, was geschieht, in einem Kósmos, der fundamental aus Bewusstsein und Evolution besteht. Und alles ist daher sowohl in der Inneren wie in der äußeren Dimension nachweisbar: Wenn Innen etwas geschieht, hat es eine äußere Träger-Manifestation; und wenn Außen etwas geschieht, hat es eine innere Bewusstseins-Dimension. Hier ist Rechtfertigung des Inneren durch das Äußere möglich, nicht aber wesensadäquate Erschließung des Inneren durch das Äußere.**** Das wird für eine künftige inklusive Bewußtseinsforschung eine wesentliche methodisch-praktische Prämisse sein müssen. Sie erlaubt Inklusion durch Differenzierung: also jene Form von Interdisziplinarität, die heute – gegenüber allen Formen von undifferenzierter Integration, die in fast allen Fällen regressiv-mythologisch angelegt oder wirksam sind – die einzige sinnvolle Form der Bildung eines „post-postmodernen“ integrativen Bewusstseins nicht nach hinten, sondern nach vorne ist.

4. Um beide Dimensionen: Innen-Erfahrung und Außen-Beobachtung des charakteristisch subjektiv-objektiven Prozesses, der bei im weitesten Sinne spirituell erweiterten Bewusstseins-Akten abläuft, im Rahmen einer Erweiterung des Verständnisses der Ich-Dimension gleichermaßen einbeziehen und systemisch-wissenschaftlich in begründeter Weise integrieren zu können, brauchen wir fortan zumindest in heuristischer Absicht nicht nur auf dem Gebiet des Äußeren, sondern auch auf dem Gebiet des Inneren Empirie. Das ist derzeit eine Forderung, noch keine Realität. Es ist ein offenes Laboratorium und erst anfänglich im Werden begriffenes Experiment mit ungewissem Ausgang, kein gesichertes Wissen. Daher sollten wir es auch nicht als gesichertes Wissen ausgeben – so wie es allerdings offenbar die Wunsch-Tendenz mancher neurophysiologischer Meditationsforscher ist. Es wird nun für die kommenden Jahre eine konkrete, intersubjektiv kommunizierbare, spirituelle, übende Praxis nötig, die nachprüfbaren methodischen Regeln gehorcht und experimentell durch Nachvollzug abklärbare Ergebnisse produziert. Denn die entsprechende Erfahrung muß auch von Innen heraus empirisch hergestellt, überprüft und dann intersubjektiv besprochen werden. Dazu brauchen wir als unverzichtbare Grundlagen:

Fazit? Sofort nach ihrem Erscheinen blieben die Meldungen zu den „neuesten wissenschaftlichen Forschungsergebnissen zur Meditation“ tagelang unter den Top Ten aller weltweiten Wissenschafts-Meldungen. Ja sie waren über längere Zeit die Nummer eins der meistgelesenen Meldungen weltweit.********* Das hat aus der Sichtweise des Spannungsfeldes zwischen Geist und Gehirn seine Vor- und Nachteile. Es weckt neues Interesse, führt aber auch zu falschen Identifikationen und zum Glauben, man könne die innere geistige Erfahrung mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften immer besser rein äußerlich fassen. Es öffnet das Paradigma der Zeit ein ganz klein wenig; doch es beruhigt zugleich all jene nachhaltig, die sich vor dem – doch unabdingbar notwendigen – „Schmerz des Denkens“ (Jean-Francois Lyotard) am bewussten Ich und seiner aktiven Selbstergreifung von Innen heraus: vor der Katharsis des Übertritts über die Schwelle, der stets mit einem konstitutiven Doppelgänger-Erlebnis, mit der Begegnung mit dem „Hüter der Schwelle“ verbunden ist, auf welche das eigentliche spirituelle Erleben aufbauen muß. Es beruhigt insbesondere all jene, die sich vor diesem innerlich real durchzugehenden Schwellenerlebnis fürchten, und die es sich leichter – eben „moderner“ – machen wollen auf dem Weg in die ersehnte geistige Sphäre. Vor allem aber ist die Tatsache des riesigen öffentlichen Interesses an solchen scheinbar „eindeutigen und klaren, endlich handfesten“ Forschungen zur „Physiologie der Meditation“, die langsam zu einem veritablen Forschungs- und Industriezweig heranwächst, ein Symptom der Zeitlage. Dieses Symptom ist ebenso tiefenambivalent wie die Zeitlage selbst.

Faktum ist: Die meisten bisherigen Forschungen zum Schnittpunkt zwischen Gehirnphysiologie und Meditation bleiben stark auf Außenwirkung bedacht. Sie bleiben außerdem auf den äußerlichen Aspekt des untersuchten Ereignisses beschränkt, und sie hüten sich geflissentlich vor jeder Aussage über den inneren Aspekt. Sie hüten sich auch streng vor jeder Zusammenfügung des äußeren Aspekts und der ihm angemessenen Forschungs-Methodologien mit dem inneren Aspekt und der diesem angemessenen Forschungs-Methodologien. Sie arbeiten assoziativ mittels der impliziten Herstellung von bewusst vagen Analogien, nicht multidimensional oder gar integral auf die Anschauung eines vielschichtigen und verschieden-logischen Ganzes als strukturaler Einheit von differenten Dimensionen hin. Damit sind sie in Wirklichkeit höchstens hilfreich, aber nicht progressiv. Sie geben sich die Aura des „Vorstoßes in das Geheimnis, schaffen aber kein neues Paradigma. Dieses wäre aber gerade an dem heute allenthalben aus der Gegenwartskultur dämmernden Schwellenpunktes zwischen Subjektivität und Objektivität nötig. Ein neues, subjektiv-objektives Bewusstsein für das 21. Jahrhundert will heute dämmern – individuell und kollektiv. Dieses neue Bewusstsein will den einseitigen Objektivismus der bisherigen Naturwissenschaften und ihrer materialistischen Kultur, aber auch den einseitigen Subjektivismus der bisherigen universitären „Geisteswissenschaften“ und ihrer narzistischen Kultur in ein für beide Dimensionen heilsames Drittes zusammenführen. Es will objektiv denken, aber unter voller Aufrechterhaltung des menschlichen Ichs und seines Kontakts zu sich selbst. Es will die „Idee in der Wirklichkeit“ schauen, aber unter voller Aktivität der Wärme des eigenen Selbstbezugs, aber auch der kritischen Selbstbeobachtung des eigenen Bewusstseins während seiner Akte. Um ein solches subjektiv-objektives Bewusstsein hervorzubringen, das, wie sich seit einigen Jahren mehr denn je Zeit, nun unabdingbar nötig wird, damit die Welt nicht ernsthaft Schaden nimmt**********, benötigen wir ein inklusives Paradigma, das Physiologie, Spiritualität, Kultur und Soziales systematisch und gleichberechtigt aufeinander bezieht, als verschiedene Dimensionen ein und desselben begreift, die Differenzen dabei nicht aufeinander reduziert und insgesamt einem mehrdimensionalen Weltverständnis den Weg bereitet, welches das objektive Element mit der eigenen Subjektivität neu versöhnen kann.

Wichtig, ja entscheidend dabei scheint mir, Differenzen nicht aufeinander zu reduzieren, sie aber ausdrücklich auch nicht einfach zu „integrieren“, was nur allzu oft nur die andere Seite der wechselseitig projektiven und phantasmatischen Reduktion ist, wie sie heute vielerorts im Sinn eines falsch verstandenen, unzeitgemäß gewordenen Interdizsiplinaritäts-Begriffs praktiziert wird. Es geht ausdrücklich nicht vorrangig darum, zu „integrieren“, sondern darum, zu „inkludieren“: darum, die divers-logischen Dimensionen in ihrer konstitutiven Dimensionen-Variabilität und ihrer produktiven Inkommensurabilität gleichsam als heuristische, aber nicht faktische Komplementär-Schichtung bestehen zu lassen. Es geht darum, sie gleichzeitig gerade nicht bereits von vornherein im Hinblick auf eine mögliche Synthese von These und Antithese, sondern vielmehr als einfache Verdoppelung der Erfahrung zu behandeln. So wie wir, wie beispielhaft im Verfahren der individuellen „Vertiefung“ im Rahmen einer Psychoanalyse, die Begegnung mit dem „Fremden Anderen“ nicht sofort „integrieren“ wollen sollten, sondern offen stehen und wirken lassen, um uns nicht ihres eigentlichen Erfahrungsschatzes und ihres originär möglichen Ereignisses, das heißt: ihres möglicherweise gerade bei Nicht-Integration durch notwendige Inkubations- und Vergessens-Prozesse hindurch zutagetretenden Unerwarteten und Ungedachten, durch vorschnelle Rationalisierung zu berauben. Die Differenz zwischen den Begriffen „Integration“ (der für europäische Ohren historisch nicht zu Unrecht einen gewissen pejorativen Beigeschmack besitzt) und „Inklusion“ scheint mir in diesem Spannungsfeld für die kommenden Jahre und ihre wissenschaftlich-methodische und begriffliche Grundlagen-Ausdifferenzierung gerade zwischen Geist und Gehirn, und hier vielleicht noch mehr als an anderen Schnittstellen des Zeit-Paradigmas, konstitutiv.

Dazu aber leisten die derzeit in Mode befindlichen physiologischen Gehirnforschungen zur Meditation kaum einen Beitrag. Ihre Wirkung ist daher in nicht wenigen Fällen letztlich reaktionär. Denn sie stabilisieren unterschwellig das bestehende objektivistische Paradigma, indem sie so tun, als sei von hier aus das Geheimnis zugänglich. Hier ist es aber nicht zugänglich, sondern nur in seiner Abbildung von außen gespiegelt. Die Innendimension, wegen derer die buddhistischen Mönche meditieren, lässt sich keineswegs darauf reduzieren, dass die Mönche „negative Ereignisse verarbeiten und danach einfach weitermachen“ wollen. Das ist wohl kaum der Grund, warum sie meditieren. Es ist nur ein Nebeneffekt. Die wesentliche Innendimension aber erscheint in den bisherigen physiologischen Forschungen zur Gehirnwirkung der Meditation letztlich als sekundär. Sie bleibt letztlich obstrus, und sie wird als solche indirekt sogar immer obstruser, je mehr Teile der diskurs- und zeitgeistorientierten Naturwissenschaften zumindest für das öffentliche Bewußtsein mit ihren Mitteln erklären zu können scheinen. Warum eine eigene Dimension und Logik des Geistigen, wenn die Naturwissenschaft mit ihren „handfesten“ Mitteln doch letztlich auf dasselbe zugreifen kann? Das ist die Frage, die aus diesen Forschungen unbewußt im Innern des Zeitgenossen hervorgeht. Sie ist seiner wissenschaftlichen, kulturellen und geistigen Entwicklung eher hinderlich als förderlich.

Wichtig scheint, glaubt man wenigstens den öffentlichkeitswirksamen Darstellungen der neuro-physiologischen Gehirnforschung im Spannungsfeld zwischen Gehirn und Geist, heute aus angewandter naturwissenschaftlicher Sicht vorrangig Gesundheit, praktische Fähigkeit des „Abschaltens“ und „Umschaltens“, der „bewußtseinsmäßigen Flexibilität“. Das sind Qualitäten, wie sie der Neoliberalismus in Zeiten von Leiharbeit und Umweltkatastrophen erfordert. Ihnen werden als transzendentale Draufgabe zur Befriedigung „höherer Interessen“ äußere Sondererscheinungen beigegeben, die letztlich unerklärlich bleiben.

Diese diskursive Mode ist jedoch in langfristiger Blickrichtung sowohl der Meditation und ihrer Eigendimension wie letztlich auch der Würde und der Aufgabe der Naturwissenschaften abträglich. Sie stellt beide in ein zumindest diffuses Licht. Daher umgekehrt auch ihr Spektakuläres und den Zeitgeist gerade aufgrund der vermeintlich „überraschenden“ Vereinfachung des Komplexen so Anziehendes. Man freut sich als noch immer „postmoderner“ (oder gar „moderner“) Zeitgenosse über solche Forschungen, weil man als daran im Prinzip (nämlich im geheimen, nie endenden Gespräch der Seele mit sich selbst) Interessierter unbewußt insgeheim hofft, dass man damit bereits das Faktum der Spiritualität bestätigt haben würde für sich, und zwar ohne weitere Anstrengung, und ohne Mühen der Auseinandersetzung mit für den gesellschaftlichen Konsens umstrittenen und unsicheren Dimensionen. Teile der technischen Naturwissenschaften, aber auch Teile der in Zeiten der „Gesundschrumpfung“[7]  (Hermann Lübbe) in ungesunder Weise öffentlichkeitsheischenden „Geistes“-Wissenschaften reiten mit der physiologischen Gehirnforschung zur Meditation an einer Schwelle, um möglichst viel Interesse zu bündeln, und um Legitimation von allen Seiten zu erheischen – auch von den progressiv-spirituellen und kulturell kreativen Kreisen, deren Zahl bekanntlich wächst***********, was auch den Naturwissenschaften nicht verborgen bleibt. Die Frage ist, ob diese Forschungen wirklich beiden Seiten: alten Naturwissenschaften und neuen kulturell kreativen Kultur- und Bewußtseinsträgern zugute kommen, wie gewöhnlich behauptet wird. Und die Frage ist insgesamt, ob sie dem neuen, subjektiv-objektiven Bewusstsein, das heute aus der Kultur heraus dämmern will, zugute kommen. Daran darf, bei allen Vorzügen und Errungenschaften, und bei aller Chancen und - impliziten und expliziten - Legitimationsmustern, die diese Forschungen auch einer neuen Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaft zweifellos bieten, in den bisher vorliegenden Formen stark gezweifelt werden.

Anmerkungen

*Vgl. dazu zum Beispiel den Beitrag „Kausales Verständnis noch unvollständig. Eine Studie zur physiologischen Grundlage der Meditiation“, in: Das Goetheanum, Nr. 11/2005, März 2005, S. 2.
**“Meditation beeinflusst grundlegende Reaktionen des Gehirns“, in: http://de.news.yahoo.com/050613/295/4ktlv.html.
*** Siehe dazu www.integraluniversity.org.
**** K. Wilber, Einfach Das. Tagebuch eines ereignisreichen Jahres, Frankfurt am Main 2001; siehe die Eintragung vom 10. April 1997, S. 98ff.
***** Siehe dazu näher L. Ravagli, Meditationsphilosophie, München 1994.
******Siehe dazu näher zum Beispiel die Studien in R. Benedikter (Hg.), Kultur, Bildung oder Geist? Skizzen zur Gestalt der europäischen Humanwissenschaften im 21. Jahrhundert, Innsbruck-Wien-München 2004.
******* Siehe dazu näher die grundlegenden - und in mancherlei Hinsicht für die neuere Forschung im Grenzbereich zwischen Gehirn und Geist prospektiv erst noch vollends fruchtbar zu machenden - Werke von Max Scheler, Helmuth Plessner, Nikolai Hartmann, Teilhart de Chardin und Arnold Gehlen.
********Siehe dazu näher meinen Aufsatz Der sich selbst erforschende Mensch. Die wissenschaftliche Wiederentdeckung der Introspektion, in: Das Goetheanum, 84. Jahrgang, Nr. 5/2005, 28.01.2005, Dornach 2005, S. 6-7.
*********Siehe dazu die entsprechenden Untersuchungen des derzeit erfolgreichsten Internet-Nachrichtenanbieters „Yahoo“, in: http://de.news.yahoo.com/, „Top 10“, Juni 2005.
********** Vgl. zur Untermauerung dieser Aussage, die keinerlei apokalyptischem Genuß, sondern einer nüchternen Betrachtung der aktuellen Fakten und Zahlen der Welt-Entwicklung entspringt, meinen Bericht zur Tagung der Alternativen Nobelpreisträgerinnen und –träger anlässlich des 25jährigen Bestehens des „Right Livelihood Awards“ in Salzburg, 8.-13. Juni 2005, sowie meine dabei geführten Gespräche mit Jakob von Uexküll, Frithjof Bergmann und Ibrahim Abouleish, inzwischen veröffentlicht im „Goetheanum“, Dornach.
*********** Vgl. P. Ray und S. Anderson, The Cultural Creatives, New York 2000.

[1] Vgl. dazu näher R. Benedikter, Die Aufmerksamkeitsökonomie. Perspektiven einer neuen Wirtschaftsform, in: R. Benedikter (Hg.), Postmaterialismus: Die zweite Generation, Band 2: Der Mensch, Wien 2001. Siehe: www.passagen.at/autoren/benedikter.html.
[2] Vgl. dazu näher meine Kooperationen mit den Trägern des Alternativen Nobelpreises (The Right Livelihood Award) Stockholm, u.a. in R. Benedikter (Hg.), Postmaterialismus: Die zweite Generation, Band 6: Die Globalisierung, Wien 2004, www.passagen.at/autoren/benedikter.html, sowie in: Soziale Arbeit – wie geht es weiter? Der Philosoph Frithjof Bergmann im Gespräch mit Roland Benedikter, in: Forum SOZIAL. Zeitschrift für soziale Arbeit und Praxis. Mitgliederzeitschrift des Deutschen Berufsverbandes für Soziale Arbeit e.V. (DBSH), Heft 3/2005, Essen 2005, und Die richtige Lebensform. Roland Benedikter im Gespräch mit Jakob von Uexküll, in: Das Goetheanum, 84. Jahrgang, Nr. 37/2005, 09.09.2005, S. 4-5.
[3] Vgl. dazu näher die Beiträge in: R. Benedikter (Hg.), Bewusstsein – Individualität – Freiheit. Interdisziplinäre Perspektiven im Spannungsfeld zwischen Natur, Sozialität und Geist, 2 Bände, Stuttgart 2006 (in Vorbereitung).
[4] Vgl. dazu näher meinen Beitrag in R. Benedikter (Hg.), Kultur, Bildung oder Geist? Skizzen zur Gestalt der europäischen Humanwissenschaften im 21. Jahrhundert, Innsbruck-Wien-München 2004.
[5] Vgl. dazu näher die vergleichenden globalen Flächen-Untersuchungen der empirischen sozialpsychologischen Forschung in den USA seit den 1970er Jahren, vor allem das Werk von Clare W. Graves, Prof. für Sozialpsychologie am Union College, New York: www.clarewgraves.com
[6] Vgl. dazu näher die Beiträge in R. Benedikter (Hg.), Bewußtsein – Individualität – Freiheit, a.a.O.
[7] Vgl. dazu näher die Beiträge von H. Lübber in: R. Benedikter und H. Reinalter (Hg.), Die Geisteswissenschaften im Spannungsfeld zwischen Moderne und Postmoderne, Wien 1998; und in R. Benedikter und H. Reinalter (Hg.), Geisteswissenschaften wozu? Skizzen zu Gestalt und Zukunft, Innsbruck-Wien-München 1997.

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