Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 2


 

Buch des Monats April 2006

Thomas Lang: Am Seil. Roman, 174 Seiten, C. H. Beck Verlag, München 2006, ISBN 978 3 406 54368 5, 16,90 €

Thomas Lang, geboren 1967, Träger des Marburger Literaturpreises, hat im Sommer 2005 bei den Klagenfurter Literaturtagen mit einem Text über ein Vater-Sohn-Drama den angesehenen Ingeborg Bachmann-Preis gewonnen. Jetzt hat er einen Roman, Am Seil, vorgelegt, dessen letztes Kapitel identisch ist mit dem Klagenfurter Text, und nun erst wird die „Vater-Sohn-Verschlingung“ – so hat einer der Juroren bei der Begründung des Preises für Lang das Thema umschrieben – in ihrer ganzen Wucht und Tragik deutlich.

Lang erzählt eine einfache Geschichte, keineswegs neu, oft in Romanen aufgegriffen oder zu Dramen verarbeitet. Gert, der Sohn, besucht seinen Vater Bert Kesperg in einem Seniorenheim. Bert – der Nachname wird im Roman nur wenige Male benutzt – lebt dort seit geraumer Zeit; er ist gehbehindert und pflegebedürftig. Seinen Sohn hat er seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. – Die Begegnung gerät zu einer letzten großen Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn, zu einer gegenseitigen Aburteilung und Verurteilung in Gedanken und nicht ausgesprochenen Worten. Nur an wenigen Stellen, eigentlich erst am Schluss, brechen die innere Anspannung, das Unverständnis, die Ablehnung des anderen, die unausgesprochenen Vorwürfe und Schuldzuweisungen die Kruste des Schweigens auf und werden zu offenen Anklagen und Beschuldigungen.

Die äußere Handlung des Romans kann in ein paar Sätzen dargestellt werden. Gert besucht seinen Vater im Altersheim; Bert schlägt eine Ausflugsfahrt in seinem Auto vor; sie steigen in Berts Auto ein und fahren, darum bittet der Vater, zu dessen Bauernhof weit draußen auf dem Land. Dort erreicht der Vater-Sohn-Konflikt seinen Höhepunkt und findet seinen Abschluss.

Die Spannung erzielt das Buch aus dem episodenhaften Kontext der Handlung, aus dem inneren Konflikt zwischen Gert und Bert, aus der Sprache und Erzählform des Romans. – Schon der Beginn des Buches ist seltsam. Erzählt wird in allen Einzelheiten, wie das Motorrad, mit dem Gert vor dem Seniorenheim vorfährt und das anscheinend gestohlen ist, am Parkplatz umfällt und ihn dabei fast unter sich begraben hätte. Gleichzeitig beobachtet Gert ein Flugzeug über sich, das ein Transparent mit den Worten „Servus in etternam“ über den Himmel schleppt. Ein Romanbeginn, der überdeutlich symbolisch und zeichenhaft auf drohendes Unheil hinweist. Von Anfang an scheint etwas gefährlich Endgültiges über der Begegnung zwischen Vater und Sohn zu liegen. Gert spürt, dass die bevorstehenden Stunden mit seinem Vater zu einer kaum aushaltbaren Belastungsprobe für beide werden können: „Er erwartet nichts Gutes. Es gibt nichts zu reden, es gab nie was zu reden. Selbst die Zeiten, in denen ihn das alles traurig machte, sind vorbei.“

Gert betritt das Seniorenheim und erlebt das Gebäude mit seinen sich verzweigenden Gängen als Labyrinth; er hat Schwierigkeiten, das Zimmer seines Vater zu finden, verirrt sich, steht erst nach mehreren Versuchen vor dem richtigen Raum. In der äußeren Verwirrung spiegelt sich Gerts innere Abwehrhaltung gegen den Besuch wider. „Ein plötzlicher Anfall von Übelkeit zeigt ihm deutlich, dass er nicht hier sein will. Er hat Angst davor, seinen Vater zu sehen. So klar er sein Gefühl benennen kann, so wenig kennt er den Grund. Warum hört er nicht wenigstens auf sich? Er könnte sich auf der Stelle rausschleichen, aufs Motorrad steigen, falls ihm jemand hilft, es aufzuheben, und falls sein Arm nicht wieder taub wird. – Adieu. Am Ende wird es doch verzichtbar sein, den Alten zu sehen. Er hat es versucht, er ist bis hierher gegangen und merkt nun, dass es gar nichts bringt. Wer sagt, dass man die Erkenntnis immer erst am letzten Ende eines Weges haben kann? Er hat sie jetzt, er kann umkehren.“

Gert kehrt nicht um. Denn so groß auch seine Abneigung gegen den Besuch sein mag, noch größer ist der innere Zwang, der ihn treibt, Bert zu treffen. So wie Gert und Bert vom Klang und den Buchstaben her fast austauschbare Namen sind, so scheinen diese für zwei Charaktere zu stehen, die etwas Mysteriöses aneinanderkettet. Vater und Sohn haben sich ein Jahrzehnt lang nicht gesehen und sind einander fremd geworden. Dennoch kommen sie nicht voneinander los: Ihr Schicksal treibt sie zwanghaft aufeinander zu.

Dabei schwelt der Konflikt zwischen Vater und Sohn seit der frühen „versauten Kindheit“ Gerts. Es sind die „klassischen“ Vater-Sohn-Probleme: Der Vater erwartet vom Sohn mehr, als dieser leisten kann, und der Sohn zerbricht langsam an dieser Überforderung. Es macht Thomas Langs erzählerische Stärke aus, dass er das Klischee einer Vater-Sohn-Beziehung nicht verändert oder ironisch bricht, sondern dass er schildert, wie es die Leben von Gert und Bert in allem bestimmt. Er benutzt das Stereotyp der schleichenden psychischen Deformierung des „zu weichen, zu wenig entschlussfreudigen, zu lahmarschigen, zu trägen“ Sohns durch den übermächtigen Vater dazu, um zu zeigen, wie sich zwei Menschen bis in den Tod hinein selbst zerstören.

Als wirkungsvolles Erzählmittel dient ihm dabei der ständige Wechsel der Perspektiven. In einem Kapitel werden die Vorgänge aus der Sicht Gerts, im anderen aus Berts Sicht geschildert. Die Erzählstruktur eröffnet die Möglichkeit, das tiefe Misstrauen zwischen Vater und Sohn ausführlich darzustellen und zu zeigen, dass es durch nichts überwunden werden kann. Beide leben und agieren in ihrer Welt, die mit der des anderen nichts außer schlimmen Erinnerungen gemein hat. Der Perspektivwechsel stellt beide, ohne dass sich der Leser dessen immer bewusst wird, auf eine Ebene: Schuld und Schicksal sind gleich verteilt in Thomas Langs Roman.

Der Vater hat das Leben des Sohnes zerstört. Gert wollte ein Kunststudium aufnehmen und gab auf, als der Professor beim Prüfungsgespräch lapidar – „Was begeistert Sie so an Malewitsch?“ – feststellte, dass seine „ganze Kunst bei dem Russen geklaut wäre“. Er absolvierte gegen den Willen des Vaters und ohne dessen Unterstützung eine Schauspielschule, ging aber nie zu einem Theater, sondern landete schließlich beim Fernsehen und moderierte eine beliebte Unterhaltungssendung für ein älteres Publikum. Aber auch dort wurde ihm, „als er seiner Assistentin zwischen die Beine fasste“, gekündigt: Einer mit „Grapschgerüchten“ kann nicht Fernsehmoderator sein. Gert hat keinen Job mehr, kein Geld, das Haus steht zur Zwangsversteigerung an. Er erinnert sich, wie er einmal als Kind einem Hundehaufen auf der Straße ausweichen wollte, aber dennoch ausrutschte und seine Schuhe beschmutzte. „Er zieht Missgeschicke an, wie Scheiße die Fliegen“, heißt es da im Roman. „Es ging sein Leben lang so weiter. Ausgeleierte Reißverschlüsse, falsche Züge, verlogene Flittchen, ein Schlamassel von über vierzig Jahren Dauer.“

Gert hat – und darin liegt einer der bedrückenden Momente des Buches – nie die Kraft besessen, für seine Entscheidungen und Handlungen die Verantwortung zu übernehmen. Niemals ist der Schatten des Vaters aus seinem Leben gewichen; immer fühlte und fühlt er sich wie „ferngesteuert“, hat keine Identität gefunden, kann die Gegenwart nicht ertragen, ist nicht er selbst und flüchtet sich deshalb immer wieder in Erinnerungen, die aber – ein fast tragischer Circulus vitiosus – so peinigend sind, dass die Gegenwart danach nur noch düsterer erscheint.

Ein Ereignis vor allem bedrückt ihn, ein Unfall, bei dem seine junge Geliebte Felicitas tödlich verunglückte. Er kann das Bild des toten Mädchens, das leblos über ihm im völlig kaputten Auto hing, nicht mehr aus seinem Kopf verdrängen. Und wieder gibt er dem Vater die Schuld dafür, dass er mit diesem schrecklichen Ereignis nicht fertig werden kann: „Jedes Mal, wenn ich daran denke, leert sich ein Becher voll heißer Flüssigkeit in meinen Bauch, und ich möchte zu Boden sinken. Es kann nicht ungeschehen gemacht werden. Das könntest du mir sagen: ´Es ist nun einmal geschehen. Leider. Trotzdem bleibst du ein Mensch.´– Aber nein. Bert hat nicht mal einen Blick für seinen Sohn.“

Der Besuch Gerts bei seinem Vater – das wird in Thomas Langs Roman bald deutlich und daraus erwächst ein Teil der Spannung – ist Gerts letzter verzweifelter Versuch, sein Leben in den Griff zu bekommen. Er möchte von dem, der ihn nie wirklich akzeptiert hat, ein Wort des Verständnisses hören. Er klammert sich förmlich an diese Hoffnung, sieht im Vater seinen einzigen Lebenssinn, ohne zu erkennen, wie „klein“ ihn diese Haltung macht, wie absurd sein Verhalten ist.

Bert versagt ihm die Erfüllung des Wunsches. Er bemerkt Gerts Hilflosigkeit und Gebrochenheit, sieht, dass er mit seinen knapp fünfzig Jahren wie ein Alter vor ihm steht: „Die Haut ist grau, die Wangen bammeln als fleischige Läppchen seitlich runter, der Mund sitzt, nun ja, wie ein hässliches Loch im Gesicht, umrahmt von schmalen, farblich kaum von der Haut unterscheidbaren Lippen, die überdies verrunzelt sind wie bei einer alternden Frau.“ Aber er hört in seinen Gedanken nicht auf, den Sohn zu beurteilen, einzuordnen, zu kritisieren, abzuschätzen. Gert bleibt der, von dem sich der Vater Bilder macht, denen der Sohn nicht entsprechen kann, und der deshalb aus dem Leben des Vaters ausgeschlossen bleibt, der keine Erlösung erfahren kann.

Eine Szene macht das besonders deutlich. Gert steht in Berts Zimmer und beobachtet die Herzlichkeit zwischen der jungen Pflegeschwester Bubi und seinem Vater. Beide vergessen, dass er mit ihnen im Zimmer steht. „Gert bekommt das gleiche Gefühl, das er früher hatte, wenn der Alte Zeitung las und jede Frage oder Bemerkung schlicht Luft für ihn war. Er schrumpelt zusammen wie ein Stück Plastik, das zu nah an die Flamme geraten ist. Übrig bleibt ein stinkender harter Klumpen.“ Der Vater zwingt ihm ein „Schuljungengefühl“ auf.

Und dennoch steuert die Handlung des Romans fast so wie eine Kugel, die sich auf einer leicht abschüssigen Bahn nicht mehr stoppen lässt, immer schneller auf einen Punkt zu, der Vater und Sohn endgültig und für immer vereint. Von der Mitte des Buches an häufen sich die Vorausdeutungen auf einen dramatischen Schluss. Berts Plan ist einfach. Er überredet Gert zu einer Spazierfahrt in seinem Auto, das vor dem Seniorenheim abgestellt ist, und bringt ihn dann dazu, über Land zu fahren zum alten, jetzt verlassenen Hof, auf dem Gert groß geworden ist. Gert soll ihm dort helfen, seiner Krankheit und seinem Alter „ein Schnippchen zu schlagen“: Er soll ihn in der Scheune auf dem Zwischenboden erhängen.

Der unlösbare, nie endende Konflikt zwischen Gert und Bert findet am archaischen Ort einer Bauernscheune seine pathetische Auflösung. Gert – die Szene wird zum Höhepunkt des Romans – hilft dem schwachen, kranken Vater mit viel Mühe über eine Leiter auf das Zwischendeck der Scheune. Der Sohn hat verstanden, was der Vater von ihm wünscht, und seine Rolle dabei akzeptiert. Aber erst als er über das, was der Vater von ihm erwartet, hinauswächst und zum ersten Mal einen Entschluss fasst, der in ihm selbst entsteht, der mit ihm eins ist, kommt es zur lang ersehnten wirklichen Vereinigung zwischen Vater und Sohn: Unmittelbar bevor der Vater mit der Strickschlinge um seinen Hals vom Zwischendeck in die Tiefe springen will, wirft Gert das Seil über einen Balken und knüpft sich selbst die andere Seite des Stricks um seinen Hals. Dann nimmt er seinen Vater fest in die Arme. Seine letzten Worte – und damit schließt das Buch – sind: „´Komm, Vater.´“

Thomas Langs Roman Am Seil beeindruckt mit seiner Vater-Sohn-Geschichte und besticht durch eine Erzählweise, die alles funktional macht. In der Rückschau wird klar, wie sehr jedes Detail verwoben ist mit dem, was erzählt wird. Der Roman hat dadurch etwas mechanistisch „Kühles“, provozierend „Kaltes“, wird zu einem Räderwerk, in dem alles ineinander greift und das bis zu seinem Ende unaufhörlich läuft. Die Geschichte zwischen Vater und Sohn wird zu einem überzeitlichen Ereignis, zu einem zeichenhaften, beispielhaften Geschehnis schlechthin. Der Autor führt den Leser in eine Handlung hinein, die der Leser längst zu kennen glaubt, die dann aber gerade in ihrer strukturellen und sprachlichen Dichtheit und Komplexität seine Erwartungen durchbricht und mit dem überraschenden Ende seine Emotionen berührt. Am Seil erzählt ein altes Drama, das durch die Erzählform aufregend neu wird.

Herbert Fuchs

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