Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 2


 

Paul Celan: Mikrolithen sinds, Steinchen. Die Prosa aus dem Nachlass. Kritische Ausgabe. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2005, 948 Seiten, ISBN 3-518-41706-1, 34 €

Paul Celan / Peter Szondi: Briefwechsel. Mit Briefen von Gisèle Celan-Lestrange an Peter Szondi und Auszügen aus dem Briefwechsel zwischen Peter Szondi und Jean und Mayotte Bollack. Herausgegeben von Christoph König, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2005, 264 Seiten, ISBN 3-518-41714-2, 19,80 €

Die Texte der Prosa aus dem Nachlass werden von den Herausgebern "chronologisch in nur vier Abteilungen eingeordnet, die z.T. weiter unterteilt sind: 1. Aphorismen, Gegenlichter und aphoristische Fragmente; 2. Fiktionale Prosa mit den Unterabteilungen a) Erzählende Prosa und b) Dialoge und Notizen für dramatische Arbeiten; 3. Theoretische Prosa mit den Unterabteilungen a) Theoretische und kritische Fragmente, Entwürfe für poetologische Texte, mit einem Anhang Entwürfe für fiktive Briefe, b) Das Vortragsprojekt ›Von der Dunkelheit des Dichterischen‹ und c) Texte zur Goll-Affäre; schließlich 4. Verstreut publizierte Prosa und Interviews" (S. 237). Die Abteilungen sind ungleichgewichtig, s. hierzu im editorischen Nachwort die allgemeinen Ausführungen zu Celans Prosaschaffen. Manches wurde bereits publiziert, so etwa "Von der Dunkelheit des Dichterischen" im "Meridian"- Band der Tübinger Ausgabe (vgl. S. 252), die Texte zur Goll-Affäre in der Ausgabe "Paul Celan - Die Goll-Affäre" (z. B. der lange Brief an Alfred Andersch, vgl. S. 253), oder derjenige der Rundfunksendung "Die Dichtung Ossip Mandelstamms", der ebenfalls schon im "Meridian"-Band, allerdings nicht mit allen "zugeordneten Notizen, Entwürfe[n] und Vorstufen aus dem Nachlass" (S. 256), veröffentlicht ist. Öfter wurde in Rezensionen die Unverhältnismäßigkeit von Text und Kommentar – wenig mehr als zweihundert von Celan stammenden Seiten stehen über siebenhundert der Herausgeber gegenüber - kritisch angeführt; wir wollen uns hier darauf beschränken, auf das immer erneut wachgerufene Interesse hinzuweisen, das zum Beispiel die Lektüre der Varianten zum Manuskript der Radiosendung über Mandelstamm notwendig evoziert.

"Der Meridian: der geheime, zu Unsichtbarem verlebendigte Reim", lautet ein Aphorismus (S. 30), der auf prägnanteste Weise den Schluss der Büchner-Preisrede erläutert: "Ich finde etwas - wie die Sprache - Immaterielles, aber Irdisches, Terrestrisches, etwas Kreisförmiges, über die beiden Pole in sich selbst Zurückkehrendes und dabei - heitererweise - sogar die Tropen Durchkreuzendes -: ich finde ... einen Meridian" (Gesammelte Werke, 3. Band, S. 202). Was auf solch heitere Weise (über das Lachen dieser Heiterkeit äußert sich der Mandelstamm-Text) "alle Tropen und Metaphern ad absurdum" (a.a.O., S. 199) führt, will immer erneut die "einmalige, punktuelle Gegenwart" (ebda.) des Gedichts, seinen unsichtbar-magnetischen ortlosen Ort bilden. Wie findet man ihn?

"Mikrolithen sinds, Steinchen, kaum wahrnehmbar, winzige Einsprenglinge im dichten Tuff deiner Existenz" (S. 74), lautet eine Stelle aus der "fiktionalen Prosa", die dem Band seinen Namen gab; kurz darauf liest man: "Erinnerungen, winzige Steine hinter der Stirn, der Zufall von morgen fügt sie zum Mosaik" (S. 75). Der "Stein" - keine Metapher! - ist auch für Nelly Sachs geronnene, wieder aufzusprengende, zu verflüssigende Erinnerung. Celan notiert zu seinem Mandelstamm-Manuskript: "Der Stein, das Anorganische, Mineralische, ist das ältere, das aus der tiefsten Zeitschicht, aus der Vorwelt - die auch des Menschen Vorwelt ist, dem Menschen Entgegen- und Gegenüberstehende. Der Stein ist das Andere, Außermenschliche, [...] mit seinem Schweigen gibt er dem Sprechenden Richtung und Raum" (S. 868).

Im Stein eingeschlossen ist "Weltzeit" - ihr muss die "Herzzeit" begegnen: "Die Polarität von Gestirn und Pupille, Schweigendem und Sprechendem" (vgl. S. 841 f). Im existenziellen Augenblick solcher Begegnung entsteht die Dichtung. Sie ist ein "Gespräch" (S. 853) zwischen dem sich existenziell aufschließenden "Ich" und dem zum "Du" werdenden Fremden der Welt. Zwischen beiden jedoch gibt es keine vollständige "Koinzidenz, Kongruenz" (S. 865): "Aber in diese Gegenwart bringt das Angesprochene und durch Nennung gleichsam zum Du Gewordene sein Anders- und Fremdsein mit. Noch im Hier und Jetzt des Gedichts, noch in dieser Unmittelbarkeit und Nähe lässt es seine Ferne mitsprechen, bewahrt es das ihm Eigenste: seine Zeit" (S. 198). "Nähe" ist hier die größte überhaupt, die sich im Augenblick der Begegnung ereignet; aus ihr, sie ermöglichend, entfaltet sich eine "Ferne", das rätselhafte Aufscheinen des Einen und seiner "Zeit". Spiegeln sich solchermaßen Nähe und Ferne ineinander, entspringt die eigentliche, tiefste Wirklichkeit des Gedichts: "Im Gedicht e r e i g n e t sich Wirkliches, trägt Wirklichkeit sich zu" (S. 194).

Celan zitiert in diesem Brief an einen Bremer Lehrer, ohne es eigens zu erwähnen, Heidegger, für den das "Ereignis" des Seins, seine "Lichtung", der immer wieder ursprüngliche Schöpfungsakt, nicht der Schattenwirklichkeit, mit der wir in unserem normalen Dasein umgehen, sondern der "wahren" ist, in dem sich die Sprache der Existenz selber ausspricht. Dieser Sprachakt ist "ein Akt der Freiheit" (Der Meridian, Ges. Werke, Bd. 3, S. 189), nämlich der einer Inspiration, in der Welt und Ich in ihrer identisch-differenten Zeitlichkeit sich treffen und erkennen. Für Celan entspringt aus solcher Erkenntnis das jeweils einzelne Gedicht in seiner konkreten inneren Zeitlichkeit: "Das Gedicht ist hier das Gedicht dessen, der weiß, dass er unter dem Neigungswinkel seiner Existenz spricht, dass die Sprache seines Gedichts weder "Entsprechung" noch Sprache schlechthin ist, sondern aktualisierte Sprache, stimmhaft und stimmlos zugleich [...]" (S. 197).

In dem Moment, da die Sprache des Gedichts, es selber, sich "aktualisiert" und solchermaßen sich selber schafft, steht es "uns entgegen, aus dem Unbekannten, es ragt in die Höhe, reicht in die Tiefe hinab, bringt uns die Ferne nah" (S. 861). Diese sich nahende Ferne jedoch ist eine "ins Offene und Besetzbare, ins Leere und Freie weisende Frage" (S. 199) - hier also "ist" der ortlose Ort, "ein menschlicher Ort" (S. 197) und zugleich derjenige der "freiwerdende[n] Sprache" (S. 130, vgl. S. 128). In der radikalen Individuation (S. 144 u. 197) und existenziellen Selbstwerdung der Sprache tritt ihr die "Welt" als eine, die sich "aller Kontingenz zu entledigen sucht" (S. 142), gegenüber.

"Etwas Befremdendes, nicht ganz Geheueres, etwas Ungereimtes" sei, "so berichten verschiedene Zeitgenossen", an Mandelstamm. "Plötzlich hört man ihn auflachen - bei Anlässen, die eine ganz andere Reaktion erwarten lassen; er lacht viel zu oft und viel zu laut" (S. 196). In der letzten Strophe des langen, von Celan angeführten Gedichts: "DER ERSTE JANUAR 1924" steht die Zeile: "Ein Lachen, selig, macht sich los -". Dieser Vers und die biografische Notiz werden von Celan in eine ungeheure Konstellation gebracht: "So kommt es zum Ausbruch aus der Kontingenz: durch das Lachen. Durch jenes, uns bekannte, "unsinnige" Lachen des Dichters - durch das Absurde. Und auf dem Weg dorthin hat das Erscheinende - die Menschen sind abwesend - geantwortet [...]. Gedichte sind Daseinsentwürfe: der Dichter lebt ihnen nach" (S. 206).

Das absurde Lachen bricht aus der Kontingenz aus und öffnet den Bereich des Leeren und Freien, in dem die subjektiven Intentionen der Menschen "abwesend" sind, das "Erscheinende", das Sein selber, antwortet, gerade weil ihm nichts abverlangt, sondern es als Erscheinendes freigelassen wird; und diese Konstellation: von Individuation und erscheinender Offenheit, die in einem höchsten Zeit-Moment zum Urbild der Freiheit zusammentreten, ist "Daseinsentwurf", Maximum und Wahrheit, aus der der Dichter immer wieder ausgestoßen wird und die er immer aufs neue zu erreichen strebt: "Der Dichter, mag er dies Wirkliche für den Augenblick des Gedichts auch freisetzen, er fällt nichtsdestoweniger in seine (alte) Befangenheit zurück - aus der ihn, wenn je, erst das nächste Gedicht wieder befreit - auch diesmal nur für einen "Augenblick" (S. 105, vgl. auch S. 99).

Wer nicht in der Wahrheit ist, ist in der "Ödnis":

FADENSONNEN
über der grauschwarzen Ödnis.
Ein baum-
hoher Gedanke
greift sich den Lichtton: es sind
noch Lieder zu singen jenseits
der Menschen.

(Gesammelte Werke, Bd. 2, S. 26)

Ein "baumhoher Gedanke" ("O hoher Baum im Ohr! / Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung / ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor", Rilke, Sonette an Orpheus, erster Teil, I - vgl. das o. zitierte "stimmhaft und stimmlos zugleich") kann sich, weil er keinem Menschen gehört, den "Lichtton" der Sprache "greifen". "Höhe" und "Tiefe" kommen zueinander - aus ihrer Beziehung, dem uralten (vgl. S. 866) Hieros Gamos, entsteht das Lied, für das doch gilt: "Das Gedicht nimmt immer, auch da, wo es ins Außermenschliche tritt, den Menschen mit" (S. 150), aber der Mensch ist, in "radikaler Individuation", verwandelt. Seine "Herzzeit" und die "Weltzeit" treten in ein "Spannungsverhältnis", aus dem "jenes schmerzlich-stumme Vibrato" entsteht (S. 198), das nun den Ton des Liedes, nicht nur des Lichts, sondern auch des Gedankens, bildet.

Gegenüber solchen um absolute Authentizität ringenden Gedanken bietet Celans Briefwechsel mit dem Literaturwissenschaftler Peter Szondi (1929 - 1971) eher das Bild einer nicht gelingenden Kommunikation. "Über hundert Briefe, Ansichtskarten, Telegramme und Widmungen" werden gewechselt, aber: "Keine rechte Kontinuität stellte sich ein" (Nachwort von Christoph König, S. 109). "Kaum wurden die Dinge erörtert, die beiden am Herzen lagen: die Dichtung Celans etwa oder Szondis Schriften, sein Kampf >1968< in Berlin für die institutionellen und politischen Grundlagen seiner Philologie, oder ihrer beider Krankheit [...]" (S. 110).

Ein wenig seltsam mutet es nun an, wenn der Herausgeber in diesem nicht stattfindenden Gespräch untergründigen Konnotationen nachgeht: "Der Gedanke, auf dem Celan beharrte, bemächtigte sich der Briefe und ihrer Sprache, gewaltsam wollte sich das Dichterische im Leben Szondis durchsetzen; zu Grunde lag weniger der schiere Machtwunsch als vielmehr Celans Überzeugung, in der veränderten, >falschen< Rede das herkömmliche, falsche Sprechen zu reflektieren und einen eigenen Sinn zu gewinnen" (S. 110 f). Der Satz windet sich - kenntlich wohl auch im merkwürdigen Bezug von "Überzeugung" und "zu reflektieren ... zu gewinnen" - und führt zur übertriebenen Schlussfolgerung: "Im Agon entfaltete sich das idiomatische Sprechen dieser Korrespondenz" (S. 111).

Zu Beginn dominiert die Goll-Affäre: "All das, lieber Peter, ist, glauben Sie es mir, um mehrere Grade finsterer, als Sie es sehen. (Und Sie sehen Finsternis genug!)" (S. 28); bald aber beginnen nicht wenige Briefe Szondis etwa so: "Lieber Paul, ich habe Ihnen sehr lange nicht geschrieben, seien Sie mir bitte nicht bös" (S. 36). Immer wieder wird Szondi von tiefen Depressionsschüben überfallen. In die Briefe gelangt davon nur: "verzeihen Sie bitte mein langes Schweigen. Jean [Bollack] hat Ihnen vielleicht erzählt, dass es mir seit vielen Wochen nicht sehr gut geht. [...] Das ist der Grund, warum ich Ihnen erst heute für "Atemwende" danke [...]" (S. 66 f). Aber im selben Brief berichtet Szondi, er sei zu Vorträgen und Seminaren in England gewesen. Vielleicht ist also doch die Vermutung erlaubt, dass nicht nur Krankheit oder Zeitmangel für die ausbleibende Intensität des brieflichen Gesprächs verantwortlich zu machen sind. Soweit die Gründe dafür nur im Persönlichen liegen, müssen sie Dritte nicht beschäftigen. Was sich jedoch nach der Lektüre des Bandes einstellt, ist ein Bedauern: die in der NS-Geschichte wurzelnde Psychose Celans und Depression Szondis, sowie eventuell andere, kontingente Umstände haben eine wirkliche Auseinandersetzung über Fragen der Dichtung, Geschichte und Philosophie zwischen zwei Menschen, die prädestiniert waren, sie zu führen, verhindert.

Max Lorenzen

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