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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 2
Inszenierung – Peter Radestock
Ausstattung - Andreas Rank (Gast)
Musikalische Einstudierung - Maria Tosenko
Dramaturgie - Annelene Scherbaum
Regieassistenz - Juliane Nowak
Darsteller:
Oscar Leonhardt - Thomas Streibig | Max Waldeck -
Christian Holdt | Fritz von Berg - Stefan Piskorz |
Heinrich Koch - Carl Pohla | Alberta Bitler - Regina
Leitner | Beate Stenzel - Joanna Maria Praml | Emma
Löwenstein - Juliane Beier | Günter Hundt - Stefan Gille |
Arnold Stenzel - Ullrich Wittemann | Karl Koch - Jürgen
Helmut Keuchel | Paul Schmidt - David Gerlach
Musikalische Begleitung: „Atomic B. and the Huguenots“
a.G.
Piano - Jörg Müller | Gitarre - Marc Dennewitz | Baß - Tom
Götze | Saxophon - Jens Bürger | Saxophon - Friedemann
Seidlitz | Schlagzeug - Sven Helbig | Posaune - Christoph
Herrmann | Trompete - Christian Rien

Stefan Piskorz, Joanna Maria Praml, Juliane Beier, Regina Leitner, Carl Pohla
Begeisterter, minutenlanger Applaus, Bravorufe, Standing Ovation – was will ein Musical-Ensemble mehr nach zweieinhalbstündiger Aufführung? Und all dies haben Sänger, Tänzer, Musiker zur Premiere des Musicals „Swinging St. Pauli“ erhalten.
Die Geschichte des Musicals entführt den Zuschauer in das Hamburg des Jahres 1941; das einzige, was den Jugendlichen verblieben ist, sind die allabendlichen geheimen Treffen im Tanzclub Oscar Leonhardts. Hier können sie fernab deutsch-biederen Liedgutes endlich ihre Jugend ausleben, können zum Swing, abqualifiziert als „Nigger-Musik“, tanzen, um so für kurze Zeit den Krieg und seine Nöte zu vergessen.

Regina Leitner
Daß die Zeit dieser Oase jedoch ihrem Ende entgegentanzt, kündigt sich in zweierlei Ereignissen an: zum einen dem Besuch des Clubs durch Beate Stenzel (Johanna Maria Praml), Tochter einer absolut hitlerkonformen Familie, zum anderen dem Erscheinen Emma Löwensteins (Juliane Beier), einer jungen Jüdin auf der Flucht. Nach anfänglicher Ablehnung beschließt Oscar Leonhardt (Thomas Streibig), ihr zu helfen, doch die sich anbahnenden und bereits vorhandenen Liebesbeziehungen zwischen den jungen Leuten komplizieren die Situation, verzögern und verhindern letztendlich die Flucht ins Ausland. Die Gestapo erscheint, die Lage wird bedrohlich, ja hoffnungslos...

Joanna Maria Praml, Tänzer der Tanzschule Henseling
Schon von vornherein war dem Zuschauer klar, daß ihn bei dieser Aufführung etwas besonderes erwarten sollte: So waren die gewöhnlichen Stuhlreihen aus dem Saal geräumt und durch Tische ersetzt worden – auf einer Ballustrade oder sternförmig auf eine Bühne hin ausgerichtet, wie in einem Tanzclub selbst, zudem dekoriert mit Kerzen (die jedoch niemand wagte zu entzünden), Servietten, einem an eine Menükarte erinnerndes Programm.
Die mit Band besetzte Bühne war zur Tanzfläche einer Bar geworden, der Zuschauer somit von Beginn an in das Geschehen integriert, das sich in „seinem“ Club abspielte, nämlich in einer Mischung aus Standbildern und lebhaftester sprachlicher, sängerischer und tänzerischer Aktion, die sich über einen in Vorder- und Hintergrund geteilten Raum erstreckte.

Juliane Beier, Christian Holdt, Stefan Piskorz, Regina Leitner, Joanna Maria Praml
Obgleich am Kietz angesiedelt, verzichteten die Schauspieler jedoch weitgehend auf dessen lokales Idiom – schade. Allein Jürgen Helmut Keuchel alias Karl Koch, Vater eines der tanzwütigen Jugendlichen, hielt durchgehend am „Hamburger Snak“ fest. Mit der souveränen Lässigkeit eines Alfred P. Doolittle präsentierte er sich dem Publikum. Begeistert zeigte sich dieses auch von dem gesanglichen Können Regina Leitners, die die Rolle der Clubsängerin Alberta Bitler, überzeugend ausfüllte, in ihrer Stimme jenen Hauch hoffnungsloser Eleganz, der das scheinbar unbeschwert - freudvolle Gebaren der Tanzenden als Farce entlarvt und ahndungsvoll kommentiert.

Christian Holdt, Juliane Beier
Bar jeder dunklen Vorahnung auf das Kommende erscheinen hingegen die Lieder Emma Löwensteins – eine Mischung aus Unschuld und Glauben an baldige Rettung. Nicht von ungefähr erinnert der Melodieverlauf den Kenner zuweilen an Disneys „Die Schöne und das Biest“. Nichtsdestotrotz konnte sich Juliane Beier auch diesmal nicht bei ihren schauspielerischen Aktivitäten zurückhalten, stimmgewaltig auf sich aufmerksam zu machen. Nun ja.
Als Obersturmbannführer Günter Hundt und sein Handlanger Arnold Stenzel wurden Stefan Gille und Ullrich Wittemann zu einem schauspielerischen Synonym für den Begriff „guter Cop und böser Cop“; auch Thomas Streibig schien die Rolle des windigen Clubbesitzers wie auf den Leib geschrieben.

Christian Holdt, Ulrich Wittemann
Unterstützt wurden die tänzerischen Einsätze der Schauspieler durch ein teilweise sehr junges Ensemble an Tänzerinnen und Tänzern, denen man zwar gelegentlich Unerfahrenheit mit Bühnenauftritten anmerkte, andererseits aber auch ihr Engagement. Leider hatte man (wie so oft im Marburger Schauspielhaus) das Gefühl, daß die zur Verfügung stehende Tanzfläche eigentlich zu eng für all die tänzerischen Aktionen war.
Fazit: Ein empfehlenswert bes(ch)wingter Abend, trotz all der Tragik, die in der „Story“ an sich liegt, gern gesehen, teilweise gern gelacht – mehr davon: Das Publikum weiß es zu danken – so wie am Premierenabend selbst.
Tanja von Werner
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