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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 3
Kathrin Passig ist die Siegerin der diesjährigen Klagenfurter Literaturtage. Sie gewann den renommierten Bachmann-Preis mit ihrem Text „Sie befinden sich hier“.
Der Text schildert ein Drama in Kälte und Schnee. Zwei Personen brechen auf zu einer Wanderung, zu einem Bergspaziergang eher als zu einer anstrengenden Wanderung durchs Gebirge, werden vom Schnee überrascht, verirren sich im deutsch-tschechischen Grenzland: „Der Weg verlor sich schon ein oder zwei Stunden später, oder vielleicht waren auch wir es, die den Weg verloren.“ Jetzt, Stunden nur oder Tage nach dem Aufbruch – vieles, was erzählt wird, bleibt undeutlich, unbestimmt –, liegt eine der Figuren, die Ich-Erzählerin – oder spricht eine männliche Figur? –, im Schnee, entkräftet, orientierungslos, verloren bereits, kurz vor dem Erfrierungstod. Wie in einem Bewusstseinsstrom, in einem inneren Monolog gibt der Text die Gedanken der Figur in ihren letzten Stunden, Minuten, Sekunden vor dem Tod wieder. Das Faszinierende ist, dass die Figur in ihrem Sterbemonolog mit einer unemotionalen, kühlen, „vernünftigen“ Sprache der Todeswirklichkeit entfliehen will. Aus dem Kontrast zwischen dieser kalkulierten Vernunftsprache und dem Erfrieren, aus dem vergeblichen Versuch, den Tod zu verdrängen, ihm mit einer unterkühlten, pathosfreien Sprache und einer bis ins Besserwisserische und Belehrende abgleitenden Wort- und Gedankenflut ein Schnippchen zu schlagen, zieht der Text seine makabren, komischen, grotesken Momente.

Kathrin Passig
Der absurd-vernünftige Ton wird bereits in den Anfangssätzen angeschlagen: „Wenn man im Winter in eine misslich Lage gerät, weil es beispielsweise früher dunkel wird als gedacht, Schneetreiben einsetzt oder man den Weg verloren hat, gibt es zwei Möglichkeiten. Ist damit zu rechnen, dass man in absehbarer Zeit gefunden und gerettet wird, vergräbt man sich im Schnee und wartet ab. Kennt man dagegen den Weg zur nächsten Unterkunft und ist ein Rettungseinsatz vorerst nicht zu erwarten, sollte man in Bewegung bleiben.“ Diese Sprache des Abwägens, Beurteilens, Einordnens, des „Sich-Gut-Zuredens“ und „Sich-Beruhigens“, des Analysierens und Interpretierens wird zur Überlebensstrategie der Erfrierenden. Über Amundsen redet sie und Nansen, über ihre Winterjacke, „einem wahren Wunderwerk an Wind- und Wasserdichtigkeit“, über Schnee in der Eskimosprache und den Unterschied zwischen Hase und Kaninchen und über die vielen Berghütten irgendwo in der Umgebung. „Alles eine Frage der Selbstbeherrschung, der richtigen Einstellung.“
Als ob das Sterben so einfach wäre, als ob sich seine Einsamkeit durch Worte verscheuchen ließe, als ob das Existentiell-Erschütternde der Situation durch nüchterne Gedanken gebannt werden könnte. Denn am unausweichlichen Ende der Ich-Erzählerin ändern – auch das letztlich ein komisch-grotesker Zug des Textes – die Gedankenflut, der Wortschwall nichts. Je länger das Reden dauert, umso deutlicher werden die Zeichen für den nahen Tod: Die Hände werden steif, taugen nicht mehr dazu, „einen einfachen Reißverschluss zu bedienen“; auch die Füße versagen längst. „Aber bei meiner Fortbewegungsart habe ich ohnehin keine Verwendung für sie“, heißt es dazu lakonisch im Text. Und nüchtern-selbstironisch kommentiert die Erfrierende: „Die Beine werden selbst zusehen müssen, wie sie zurechtkommen, ich kann mich heute nicht um alles kümmern.“
Das komisch-absurde Sterben der Ich-Sprecherin wird durch die häufige Erwähnung des Namens Anne zu einem Gebirgsdrama zweier Menschen ausgeweitet. Anne war wohl – sie existiert eigentlich nur in rätselhaften Andeutungen, könnte auch eine Halluzination der Sterbenden sein – die Begleiterin auf der Bergwanderung und ist bereits – in der Nacht vorher am Felsvorsprung? – erfroren oder abgestürzt, verschwunden jedenfalls im unaufhörlichen, undurchdringlischen Schneefall, im „grauweißen Nichts“, ist „zum Punkt geworden“. Ihre Jacke und ihre Handschuhe trägt jetzt die Ich-Figur: „Anne ist nicht mehr da. Ich komme sehr gut ohne sie zurecht, besser sogar.“
Das Drama um die Erfrierende und um ihre Beziehung zu Anne ist – auch das eine Lesart des Textes – eine Parabel über Zufall und Schicksal in dieser Zeit. „Sie befinden sich hier“ heißt es in der Überschrift. Aber der Titel hat nicht nur keinen Punkt, sondern ist auch, obwohl er vorgibt, präzise zu sein, ungenau, undeutlich, unbestimmt. Im ortlosen „Hier“ besiegelt sich das Schicksal der Ich-Figur. Überrascht und fast ungläubig muss die Sterbende feststellen: „Eindeutig haben wir hier eine falsche Abzweigung eingeschlagen, aber ob sie nur wenige Stunden zurückliegt, einen halben Tag oder ein halbes Leben, kann ich nicht sagen. Wir hätten nach Berlin weiterfahren können und wären gestern Nachmittag dort angekommen. […] Eine Reihe winziger Entscheidungen hat dazu geführt, dass ich jetzt hier durch den Schnee krieche.“
Die Entscheidung der neunköpfigen Jury, den mit 25.000 Euro dotierten Bachmannpreis 2006 an Kathrin Passig zu vergeben, war bereits in der ersten Abstimmungsrunde eindeutig. Kathrin Passig erhielt darüber hinaus den Publikumspreis (5000 Euro). „Sie befinden sich hier“ sei, sagte die Autorin nach der Preisverleihung vor der Kamera, ihr erster literarischer Text überhaupt. Es bleibt also abzuwarten, ob die Preisträgerin den hochgesteckten Erwartungen der Kritiker, mit ihr ein neues literarisches Talent in Klagenfurt entdeckt zu haben, in den nächsten Jahren mit erfolgreichen literarischen Veröffentlichungen gerecht werden kann.
Die weiteren Preisträger der Klagenfurter Literaturtage sind Bodo Hell (Preis der Telekom Austria), Norbert Scheuer (3sat-Preis) und Angelika Overath (Ernst-Willner-Preis). Erstaunlich und unverständlich ist, dass Clemens Meyer, der in diesem Frühjahr mit seinem Roman Als wir träumten für viel Aufsehen bei Kritik und Lese-Publikum sorgte, mit einer sprachlich wie inhaltlich packenden, detailgenauen, raffiniert montierten Kurzgeschichte über einen alternden Boxer im Knast und seinen jungen Zellengenossen in der Endbeurteilung der Jury – nur Ursula März stimmte für ihn – leer ausging.
Herbert Fuchs
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