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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 3
Buch des Monats Juni 2006
Mirko Bonné: Der eiskalte Himmel
Roman. 432 Seiten. Schöffling & Co. Frankfurt a. M. ISBN 3-89561-401-9.
24,90 €
Mirko Bonné, geboren 1965, veröffentlichte Romane, Gedichtbände, zuletzt Hibiskus Code, und Übersetzungen von Gedichten englischer und amerikanischer Lyriker. Er wurde für sein literarisches Werk mit mehreren Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Wolfgang-Weyrauch-Preis (2001), dem Ernst-Willner-Preis (2002) und dem Förderungspreis zum Kunstpreis Berlin (2004). Bonné gehörte zu den sechs Kandidaten für den Marburger Literaturpreis 2005.

Gleich zu Beginn des Romans Der eiskalte Himmel erfährt der Leser, dass er ein Buch über eine Antarktis-Expedition, die Imperial Trans-Antarctic Expedition unter der Leitung von Sir Ernest Shackleton, dem berühmten Scott- und Amundsen-Gefährten früherer Südpolerkundungen, in der Hand hält. Und 430 Seiten später schreibt der Autor in einem Nachwort: „Figuren und Ereignisse meines Romans sind nicht frei erfunden. Tatsächlich hat sich vieles den äußeren Fakten nach so zugetragen, wie ich es beschreibe.“
Shackleton bricht mit seiner 27-Mann-Expedition in den letzten Oktobertagen 1914 von Buenos Aires aus auf dem Schiff Endurance in die Antarktis Richtung Weddellmeer auf. Sein Ziel ist es, die Vahselbucht südlich von Coatsland am nördlichen Rand der Antarktis zu erreichen, um von dort aus mit Hundeschlitten und Motorschlitten zum ersten Mal den Eiskontinent zu durchqueren.
Der Roman folgt den einzelnen Stationen der Expedition. Das Schicksal der Männer gehört längst zu den großen Forscher- und Entdecker-Mythen des zwanzigsten Jahrhunderts, ähnlich packend und emotionsgeladen wie das „Rennen“ zum Südpol zwischen dem Norweger Amundsen und dem Engländer Scott ein paar Jahre vorher, bei dem Scott als großer Verlierer vier Wochen nach seinem Rivalen ans Ziel gelangte und beim Rückmarsch mit seinen Gefährten in einem Schneesturm erfror. Die Wetterbedingungen, die Shackleton im antarktischen Sommer vorfindet, sind extrem expeditionsfeindlich: ungewöhnlich niedrige Temperaturen, fürchterliche Schnee-, Hagel- und Eisstürme und das Weddellmeer vor dem Südpol-Festland voller Eisberge und Packeisschollen.
Das Expeditionsschiff Endurance wird am 24. Januar 1915 nur vierzig Kilometer vor der Vahselbucht, ihrem Ziel, vom Packeis eingeschlossen und nicht mehr freigelassen. Schiff und Besatzung treiben monatelang hilflos und manövrierunfähig mit dem Eis vom Festland weg Richtung Norden. Als ihr Schiff schließlich, eingepfercht zwischen Eisschollen, zu bersten droht, retten sich die Männer mit Proviant, der nötigsten Ausrüstung, mit Zelten und Rettungsbooten auf eine Eisscholle. Aber auch die wird langsam vom Packeis zerrieben. Nach Wochen bangen Ausharrens entdecken sie die Umrisse einer Hügelkette auf der etwa einhundert Kilometer entfernten Elephanteninsel. Sie lassen ihre drei Boote von der Eisscholle aus ins Wasser und beginnen – „441 Tage nachdem unser Schiff im Eis eingeschlossen wurde und 16 Monate seit Verlassen der Insel Südgeorgien“ – eine waghalsige zweiwöchige Ruder- und Segelfahrt durch das Packeismeer auf die mit Eisbergen überzogene Insel zu. Sie erreichen sie völlig erschöpft, aber unbeschadet und schlagen in einer geschützten Bucht mit den wenigen Dingen, die ihnen geblieben sind, ein notdürftiges Lager auf. Alle wissen, dass ihr Aufenthalt nicht von langer Dauer sein kann. Ihre Chancen zu überleben und durchzukommen sind gering.
In Shackleton reift ein tollkühner Plan. Mit fünf Männern seiner Expedition will er versuchen, in einem der drei Boote nach Südgeorgien zu segeln, um von dort aus mit einem großen Schiff den Rest der Mannschaft von der Elephanteninsel zu retten. Sie brechen, so erschöpft und ausgemergelt sie nach den monatelangen Strapazen im Eis sind, am Ostermontag 1916 auf und erreichen nach einer waghalsigen Bootsfahrt drei Wochen später Südgeorgien, etwa 1400 Kilometer von der Elephanteninsel entfernt. Allerdings landen sie mit ihrem Boot an einer Inselstelle, die 55 Kilometer von der einzigen Siedlung, einer Walfangstation, entfernt und von dieser durch einen von Gletschern und Eis überzogenen mehr als tausend Meter hohen Bergkamm getrennt ist. Aber – der gute Ausgang der Imperial Trans-Antarctic Expedition ist bekannt – die Männer überwinden auch dieses letzte Hindernis, erreichen schließlich die Walfangstation und bringen alle Expeditionsmitglieder Wochen später heil und gesund nach London zurück. In einigen Zeitungen verdrängt die wundersame Rettung der Verschollenen für einige Tage sogar die schlimmen Kriegsnachrichten; längst tobt ja in Europa der Erste Weltkrieg.
Mirko Bonnés Der eiskalte Himmel ist ein Reise-, Abenteuer-, Expeditions- und Entdeckerroman. Aber das Buch ist mehr als das. Es gelingt ihm, den Leser selbst auf eine Antarktis-Expeditionsreise zu schicken, ihn am Erlebnis einer unglaublich-riskanten, gleichwohl glücklich endenden Endeckerfahrt teilnehmen zu lassen. So ist der Autor auch nicht in erster Linie an den Fakten und Stationen der Reise, so eng er auch Shackletons Spuren folgt, interessiert. Sein Erzähler ist kein Logbuchschreiber oder Reiseberichtverfasser, der penibel Einzelheiten der Fahrt festhält. Bonné interessieren die Männer, die sich um Shackleton geschart haben, ihre Beziehungen untereinander, ihr Schiffsalltag und ihr Verhalten in Gefahrensituationen, im vom Packeis eingeschlossenen Schiff, auf der Eisscholle, in den langen Nächten des antarktischen „Winters“, ihre Verzweiflung und ihr Mut, ihre Hoffnungslosigkeit und ihr Lebenswille. Und Bonné will zeigen, was es heißt, sich Eis- und Schneestürmen, monatelanger Finsternis, Kälte und Nässe auszusetzen, sich immer wieder zu übermenschlichen Anstrengungen anzutreiben, zu wissen, so gut wie keine Überlebenschancen zu haben, und dennoch nach Möglichkeiten, dem Eis der Antarktis zu entfliehen, zu suchen und jede Gelegenheit, die Rettung verspricht, so aussichtslos sie auch erscheinen mag, zu ergreifen.
Bonné zeigt die Unwirklichkeit der Expedition Shackletons und damit die Absurdität jeder Bemühung und jeder Strapaze, dieser Unwirklichkeit zu entkommen oder so zu tun, als existiere sie nicht, als gebe es ein erreichbares Ziel, als habe die Expedition einen übergeordneten Auftrag, der alles erduld- und ertragbar macht. An einer Stelle des Romans spricht Shackleton selbst in einer Rede an die Besatzung, kurz bevor die Männer das Schiff, das vom Eis langsam zerdrückt wird, verlassen und aufgeben müssen, von der Ausnahmesituation, in die sie geraten seien: „Etwas ganz und gar Seltsames haftet dieser Reise an. Weil sie nie hätte stattfinden dürfen, weil alles, was schief gehen konnte, schief gegangen ist, weil sich jedes Bedenken im Nachhinein als richtig erwies, kommt es mir so vor, als wären wir gar nicht ins Südmeer gesegelt, sondern als wären wir vollends aus der Welt verschwunden. Als hätte es uns aus jedem menschlichen in einen Bereich absoluter Unwirklichkeit verschlagen. Manchmal sehe ich einem von uns zu und denke: Das tut dieser Mann doch gar nicht wirklich, es ist nur ein Traum, dass er wie besinnungslos seit Stunden wieder und wieder einen Spalt ins Eis drischt, nur damit der wieder zufrieren kann.“
Für Shackleton und die anderen geht es von einem bestimmten Punkt der Reise an nicht mehr darum, Erfolg zu haben oder zu scheitern, sondern nur darum, „in ihr Leben zurückzufahren“, der Unwirklichkeit zu entrinnen. Indem Bonné das Verschwinden der Männer aus der Welt zeigt und ihren verzweifelten Kampf, dorthin zurückzukehren, wird aus Der eiskalte Himmel ein großes Drama über die Absurdität menschlicher Anstrengung und Größe. Bonnés Erzählung hat nichts gemein mit den herkömmlichen heldenverehrenden Südpolbüchern und Filmen über Antarktisexpeditionen. Sein Buch schildert Shackletons Antarktisfahrt für den Leser dieser Zeit; es ist ein „moderner“ Abenteuerroman.
Bonné lässt die Geschichte von einem Siebzehnjährigen erzählen, der sich als „blinder Passagier“ an Bord der Endurance schleicht und nach seiner Entdeckung als Gehilfe des Schiffskochs arbeitet. Merce Blackboro, so sein Name, erweist sich als begeisterungsfähiger Erzähler mit einer grenzenlosen Neugier auf Neues und Unbekanntes, die ihn im Laufe der Reise zu einem wichtigen Mitglied der Expedition und zu einem Vertrauten Shackletons macht. Er ist gleichzeitig ein Büchernarr, so dass er bald Shackletons „Bord-Bibliothekar“ und zu einem Experten über Südpolreiseliteratur wird. Immer wieder flicht er in seine Erzählung Berichte über die berühmten Expeditionen eines Amundsen oder Scott oder Ross oder Cook ein, zitiert aus deren Logbüchern und Tagebüchern und macht so seine Erzählung über die Expedition zu einem Antarktisentdeckerroman schlechthin. Merce Blackboro ist – ein einfacher, aber wirkungsvoller Kunstgriff des Autors – ein Erzähler, mit dem sich der Leser identifizieren kann. Durch ihn erst wird die Shackletonreise zu einem Leseerlebnis.
Bonné begnügt sich nicht damit darzustellen, wie das Shackleton-Abenteuer – gegen alle Vernunft und Erfahrung mit Glück und Unglück – für die Expeditionsmitglieder letztlich gut ausgeht. Ein solches Ende, mag es auch in Wirklichkeit so gewesen sein, schönte und bagatellisierte im Nachhinein den physischen und psychischen Ausnahmezustand, dem die einzelnen Besatzungsmitglieder der Endurance monatelang ausgesetzt waren. In zwei bemerkenswerten Schlusskapiteln distanziert Bonné deshalb den Leser von dem, was er vorher auf fast vierhundert Seiten mit viel Spannung erzählt.
Merce kehrt in ein kriegszerrissenes Europa zurück. Er ist ein Held, der für einige Zeit Schlagzeilen macht, dann aber erkennen muss, dass die Menschen um ihn herum anderes beschäftigt. Junge Männer, auch der Mann seiner Schwester, auch der Mann des Mädchens, in das er einst selbst verliebt war, fallen im Luftkrieg und im Bombenhagel auf den französischen Schlachtfeldern. Und mit einem Mal, fast unmerklich, verschwindet für Merce Blackboro wie für den Leser Shackletons Eis-Irrfahrt aus dem „Blickfeld“, wird von einer anderen Realität verdrängt. Shackleton fällt noch einmal – wie einst im eisbepackten Weddellmeer – aus der Wirklichkeit heraus, wird zu einem märchenhaften Abenteurer, dessen heldische Erfolge und heldisches Scheitern unwirklich erscheinen und langsam verblassen: Shackleton wird zu einem Mythos.
Da ist das Ende des Buches dann auch nur konsequent. Merce trifft Jahre später zufällig den längst weltberühmten Südpolfahrer, als der auf einer Lesereise – sein Buch über die Expedition heißt Südwärts – in Newport Station macht. Beide begrüßen sich herzlich. Aber zu einem wirklichen Gespräch und zu einer echten Begegnung zwischen ihnen, dem großen Entdecker und dem kleinen Küchengehilfen von einst, kommt es nicht. Shackleton hat keine Zeit; er wird von seinem Weltruhm weitergetrieben. Nur in einem Satz, den er bei seiner Abreise aus dem Auto heraus Merce Blackboro zuruft, blitzt noch einmal, wie von fern, ein Echo alten Kämpfertums, der 1914-Spirit auf: „Vergessen Sie nicht, Sie haben sich selbst gerettet. Bauen Sie sich etwas auf. Nur seien Sie sich im Klaren darüber, dass ich irgendwann wieder aufkreuzen und Sie bitten werde, alles stehen und liegen zu lassen.“
Herbert Fuchs