Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 3


 

Fluchtpunkt Florenz – Deutsch-Florentiner in der Zeit des  Risorgimento zwischen Epigonalität und Utopie

Rotraut Fischer / Christina Ujma

 
 
Die europäische Romantik und Italien standen immer in einem besonderen Verhältnis. Madame de Stael und der englische Romantiker Lord Byron machten die Tatsache, daß Italien zersplittert und von fremden Mächten besetzt war, zu einem politischen und literarischen Thema. Risorgimento und Romantik gehen jedoch nicht nur bei Dichtern nördlich der Alpen zusammen; auch in Italien ist die Einigungsbewegung Teil und Produkt der italienischen Romantik. Schon Benedetto Croce beschreibt in seiner „Geschichte Italiens“ die Epoche des Risorgimento als Zeitalter der Poesie, das freilich nach der Staatsgründung von einer Epoche der Prosa, der prosaischen und nüchternen Realität abgelöst wurde. Auf das Risorgimento zurückblickend schreibt er nicht ohne Wehmut:
 
„Zu Ende war jugendliches Wollen und Erglühen für ein neues, hohes und fernes Ideal; zu Ende waren die grenzenlosen Träume, die so schön sind in ihrem unklaren Schimmern; zu Ende die schmerzliche und doch süße Qual kämpfender Liebe; zu Ende die zagen Hoffnungen von 1848 und 1859; zu Ende edler Wettstreit um das gemeinsame Ziel und Verzicht auf eigene Wünsche, das stillschweigende und offene Zusammenwirken von Republikanern und Monarchisten, von Katholiken und Rationalisten, von Ministern und Revolutionären, von Königen und Verschwörern in dem alle beherrschenden Glauben an das Vaterland; zu Ende der Jubel, der 1860 Italien von einem Ende zum anderen durchbraust hatte, das Aufatmen der Unterdrückten, die Rückkehr der Verbannten und die Verbrüderung der verschiedenen Stämme, die nun alle Italiener waren.“[1]
 
Auch die nüchterne Geschichtsschreibung unserer Tage kommt in der Sache zum gleichen Ergebnis, so etwa der englische Historiker Harry Hearder in seiner Geschichte des Risorgimento.[2]
Romantisch fing das Risorgimento, das stets eine städtische Bewegung war, auch in Florenz an. Die Voraussetzungen dafür wurden allerdings in der Aufklärung geschaffen, in der Großherzog Pietro Leopoldo die Toskana in einen aufgeklärten Musterstaat verwandelte. Bereits vor der Französischen Revolution wurden Folter und Todesstrafe abgeschafft, die Jesuiten verbannt und Erziehungswesen und Zensur liberal gehandhabt. Dies interessierte zunächst die deutschen Italienbesucher wenig, denn weder Alexander von Humboldt noch Goethe fuhren nach Italien, um den Fortschritt zu suchen. Im Gegenteil, nicht Zukunft, sondern Vergangenheit war das Ziel vieler Reisender; angesichts der imperialen Ruinen Roms, der untergegangenen Städte Pompeji und Herkulaneum wollten sie sich selbst finden, vorzugsweise in arkadischer Landschaft.
Florenz hatte in dieser Hinsicht nichts zu bieten. Es galt zwar als feste Station auf dem Weg nach Rom, die zahlreichen Galerien wie auch die Kunst im öffentlichen städtischen Raum wurden fleißig besichtigt, aber in der deutschen Literatur waren die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten vor dem Ende des 19.Jahrhunderts selten wirksam. Doch bot Florenz angenehmen und geistvollen Aufenthalt. Von europäischem Rang war dabei vor allem der Salon der Gräfin Albany-Stolberg, die mit ihrem Gefährten, dem romantischen Dichter Graf Vittorio Alfieri, ab 1792 im Palazzo Mafetti am Lungarno Corsini lebte und alles, was in der europäischen Geisteswelt Rang und Namen hatte, zum Gespräch empfing.[3] Zu den Besuchern zählten u.a. Alexander von Humboldt (1804), August Wilhelm Schlegel, Madame de Stael (1807) und Friederike Brun (1808). Die Beziehung zwischen Alfieri und Albany-Stolberg trägt außergewöhnliche Züge und ist dabei doch nicht ganz untypisch für Florenz, das sich bis weit ins 19. Jahrhundert durch ein großzügiges moralisches Klima auszeichnete. Die Gräfin war ursprünglich die Gattin des 30 Jahre älteren „Bonny“ Prinz Charly, des berühmten englisch-schottischen Thronprätendenten aus dem Geschlecht der Stuart, der ab 1775 in Florenz lebte und dort vor allem durch Alkoholexzesse und Gewaltausbrüche gegen seine junge Gattin von sich reden machte. Louisa Maria Carolina verließ ihren unerfreulichen Gemahl und lebte fortan mit Alfieri. Das Paar hatte lange Zeit in Paris residiert, 1791 aber die Stadt aus Furcht vor jakobinischen Repressalien fluchtartig verlassen. Auch in Florenz hatten die beiden jedoch weiterhin enge Kontakte zu französischen Romantikern, zu Stendhal und Madame de Stael, die Alfieri, den Dichter des erwachenden italienischen Nationalbewußtseins, europaweit bekannt machen sollte. In ihrem berühmten Roman „Corinne ou l`Italie“, der unmittelbar nach seinem Erscheinen 1807 von Dorothea Schlegel ins Deutsche übersetzt wurde und großen Eindruck auf die deutschen Romantiker machte, wird Alfieri immer wieder zustimmend zitiert und als Stimme des jungen, des modernen Italien angeführt.
Auch als Alfieri 1803 nach langer Krankheit verstarb, blieb der Salon der Gräfin ein Mittelpunkt des Geisteslebens des Frührisorgimento, dessen Repräsentanten dort ein- und ausgingen. Zu ihnen gehörten nicht nur der romantische Dichter Ugo Foscolo und Lord Byron, sondern auch politische Intellektuelle wie Gino Capponi, Simonde de Sismondi, Massimo D`Azeglio und Giampiero Vieusseux. Als Albany-Stolberg 1823 starb, wurde sie neben Alfieri in Santa Croce, dem Pantheon des toskanischen Geistes, beigesetzt.
 
Ab 1812 bestand in Florenz eine weitere kosmopolitische Institution, das Gabinetto Vieusseux, ein gelehrter Lese- und Diskussionszirkel um den Verleger Giampiero Vieusseux, im Palazzo Buondelmonte an der Piazza Santa Trinità, in dem internationale, aber vor allem auch deutsche Literatur und Philosophie diskutiert wurden.[4]
Hier trafen Florentiner Gelehrte und Schriftsteller mit ihren Kollegen aus ganz Europa zusammen, unter den prominenten Besuchern befanden sich Shelley, Byron, Tommaseo, Manzoni, Leopardi, Foscolo, Heine, Gervinus und Ottilie von Goethe. Gleichzeitig war das Vieusseux, wie Gramsci sagte, „(...) centro di propaganda intelletuale per l'organizzazione e la condensazione del gruppo intelletuale dirigente della borghesia italiana del Risorgimento“, also eines der intellektuellen Organisationszentren des Risorgimento, der italienischen Unabhängigkeits- und Einigungsbewegung.[5]
 
Wer wollte, konnte im Vieusseux Dimensionen eines anderen, eines politischen Italien kennenlernen, die auf den ersten Blick kaum mit dem hergebrachten Florenz, der ruhigen Stadt der Kunst, zu tun hatten. Fanny Lewald, eine bedeutende, wenn nicht gar die bedeutendste deutsche Romanschriftstellerin des 19. Jahrhunderts, schildert dies rückblickend wie folgt:
 
„Florenz hatte damals auf seiner Oberfläche noch etwas träumerisch Friedliches. Es war die Stadt der Blumen(...)Es war äußerlich ein von allem Gegenwärtigen verschiedener Eindruck, eine in das Leben getretene, völlig eigenartige Welt voll Poesie und bestrickendem Zauber. Unter dieser sanften Oberfläche barg sich aber in den Kreisen gelehrter Männer eine lebhafte Beteiligung an den Bestrebungen für die Wiedergeburt Italiens; und in den Seitenzimmern des(...)Vieusseux fand sich eine Gesellschaft zusammen, die es wußte, daß sie, wenn auch mit verschleierter Strenge, genau beobachtet wurde.“[6]  
 
Diese intellektuelle Vitalität der Stadt sowie ihre  kosmopolitische Atmosphäre lenkten Mitte des 19. Jahrhunderts die Aufmerksamkeit europäischer Künstler und Literaten auf Florenz. Besonders Engländer wie das Dichterehepaar Elizabeth und Robert Barrett-Browning ließen sich hier häuslich nieder und machten die Stadt am Arno zu einer festen Größe im angelsächsischen Kulturleben.
Zum Zentrum eines ebenso deutschsprachigen wie kosmopolitischen Geisteslebens dagegen wurde Caroline Unger-Sabatiers Villa La Concessione in der Via Renai. Caroline Unger war eine gefeierte Sopranistin gewesen, die nach Liaisons mit Nikolaus Lenau und Alexandre Dumas den 15 Jahre jüngeren Franzosen Francois Sabatier heiratete und mit ihm in Florenz lebte. Beide huldigten einem romantisch geprägten Saint-Simonismus, wie er auch in Mazzinis „Jungem Italien“, besonders bei dessen toskanischen Aktivisten, ausgeprägt war.[7] Der Marburger Historiker und häufige Gast der Sabatiers, Otto Hartwig, schreibt rückblickend, daß die Sabatiers wegen ihrer radikalen Ansichten in Frankreich wohl kaum hätten leben können. In Florenz hingegen fanden sie, wie viele andere auch, einen Ort, an dem unbotmäßiges Leben, Denken und Schreiben gedeihen konnten.
Neben der Politik gehörten jedoch auch Musik, Kunst und Literatur zu den Gepflogenheiten des Hauses Unger-Sabatier, dessen Gastlichkeit von vielen Besuchern gerühmt wurde. Die Schriftsstellerin Fanny Lewald, die eng mit der Herrin des Hauses befreundet war, beschrieb dies so:
 
„Das schöne Haus mit seinen weiten, kühlen, durch Vorhänge beschatteten Gemächern, aus denen man auf die breiten Terassen des blumenreichen, in Wohlgeruch schwimmenden Gartens hinaustrat; die Aussicht, die man von dieser milden Höhe auf das schöne Thal genoß, die inhaltreichen Gespräche, die Sabatier beständig anzuregen wußte, weil der Sinn beider Gatten immer auf das Große und Ernsthafte gerichtet war, hatten etwas Bezauberndes und zugleich etwas Erhebendes. Es war immer eine gewählte Gesellschaft in dem Hause; und es gehörte mit zu dem Schönsten, was den Gästen geboten wurde, wenn Caroline sich herbeiließ, eins oder das andere der von ihr komponirten und gelegentlich auch von ihr gedichteten Lieder am Klavier zu singen;(...)[8]
  
Im Salon der Unger-Sabatiers verschränkten sich Epigonalität und Romantik aufs Schönste. An Fanny Lewald schreibt Caroline 1846/47:
 
„Mein Mann hat für unsren Salon in der Stadt eine Scene malen lassen, wo Goethe im Vordergrund steht, hinter ihm Mephisto, an einen Stuhl gelehnt, der lächelnd Faust und Gretchen betrachtet, die sich umarmen(...)Der ganze Salon ist recht gut gelungen. Dante, Goethe, Michel Angelo und Raphael bilden die Hauptpersonen an den vier Wänden; jeder mit einer Scene im Hintergrund analog wie die bei Goethe. - Moliere, Shakespeare, Schiller, Tasso, Petrarca, Ariost sind über den Thüren angebracht. Wenn Sie uns wiederkommen, so werden Sie ihn schon fertig sehen, und sich harmonischer darin finden als in einem mit Seide und Gold bronzirten Saal.“[9]
 
Die Götter der vorangegangenen Epochen, als deren Nachgeborene man sich empfindet, sind zu Hausgeistern geworden und schmücken den Salon. Dessen Wände dienen als Flügel eines Altars, vor dem in ästhetisch motivierter Andacht sich eine Harmonie mit dem geistigen Kosmos einstellt, in der man sich häuslich einrichten kann. Die als enorme Fallhöhe erlebte Distanz zu Goethe, Shakespeare oder Dante wird in dieses Interieur gebannt, die Heroen zur Ahnengalerie stilisiert und so verfügbar im Innenraum bürgerlicher Geselligkeit. Um es mit einem leicht abgewandelten Heinrich-Heine-Wort zu sagen: Die Geistesgeschichte war in jenen Jahren die große Morgue, wo jeder seine Toten aufsucht, die er liebt oder mit denen er verwandt ist.[10] Bei dem Versuch, die Neuzeit zu legitimieren, wurden immer wieder die abenteuerlichsten Ausflüge in die Geschichte unternommen. So verwundert es kaum, daß Historie und Historiker eine bislang unbekannte Bedeutung erlangten. Dies war auch im Salon von Caroline Unger-Sabatier zu spüren. Zu den bevorzugten Gästen der Villa La Concessione gehörten in den folgenden Jahrzehnten nicht nur der schon erwähnte Historiker Otto Hartwig, sondern auch seine Kollegen Michele Amari und Ferdinand Gregorovius.
 
Zwei epigonale Anleihen sorgten damals unter europäischen Wissenschaftlern und Literaten für Wirbel. Die erste war bedingt durch den verzweifelten Versuch der Italiener, für die nationale Einigung eine politische Perspektive zu finden. Neoguelfen wie Gioberti und Sismondi hofften, mit der politischen und kulturellen Kraft der italienischen Städtetradition und der Macht des Papsttums einen Einheitsstaat unter Führung des Pontifex Maximus zu schaffen. Während die politischen Hoffnungen mit der Revolution von 1848/49 zerstoben, war das Interesse an der Stadtgeschichte des Mittelalters so nachhaltig geweckt, daß divergierende Meinungen über Interpretation und Authentizität mittelalterlicher Quellen in den folgenden Jahren immer wieder die europäische Gelehrtenwelt erschütterten.[11] Die zweite epigonale Aktualisierung betraf die sog. Renaissance, wobei anzumerken wäre, daß vieles, was damals noch „mittelalterlich“ genannt wurde, mit Jacob Burckhardts bahnbrechendem Werk „Die Kultur der Renaissance in Italien“ aus dem Jahre 1860 in neuem Lichte erschien. Burckhardt unternimmt es, den Epochenumbruch vom Mittelalter zur Neuzeit als italienisches Ereignis, das in Florenz seinen Ursprung hatte, darzustellen.
 
„Die höchste politische Bewußtheit, den größten Reichtum an Entwicklungsformen findet man vereinigt in der Geschichte von Florenz, welches in diesem Sinne wohl den Namen des ersten modernen Staates der Welt verdient. Hier treibt ein ganzes Volk das, was in den Fürstenstaaten die Sache einer Familie ist.“[12]
 
In dieser Formulierung steckt neben einer Staatsidee auch ein Selbstentwurf des Bürgertums, das sich mit dem „Fürstenstaat“ auf eine Stufe stellt. Der Versuch der Selbstnobilitierung entsprach dem Impuls sozialen Aufstiegs und politischer Emanzipation und der Gewinnung entsprechender institutioneller und ästhetischer Repräsentationsformen. Deren Begründung und Legitimierung bedurfte der Geschichte als intellektueller und politischer `Ahnenreihe` und als ideellen Kostüms. So konnte es geschehen, daß die Renaissance der Renaissance zum verbreiteten Modell für die Überwindung der Stagnation wurde, die man der zeitgenössischen Gegenwart bescheinigte. Diese `Renaissance` beschäftigte deutsche Historiker ebenso wie viktorianische Schriftstellerinnen und war auch für die in Florenz ansässigen italienischen Wissenschaftler, die eine direkte Linie zwischen der Renaissance und dem Risorgimento, der Geburt der italienischen Nation, zogen, Orientierung und Legitimation für ihre politischen Ambitionen. Auch für einige ausländische Beobachter war das Renaissance-Paradigma so mächtig, daß das ganze Risorgimento als Wiedergeburt der Renaissance gesehen wurde. So schreibt der aus Mainz stammende Publizist und Schriftsteller Heinrich Homberger:
 
„(...)Italien hat es nun einmal an sich, daß es auch in seiner unmittelbaren Gegenwart auf den Ausländer den Eindruck macht, als ob nicht nur seine Landschaft und Bauten, sondern auch seine wandelnden Menschen nicht zu der heutigen Welt gehörten, als ob Victor Emanuel eigentlich ein Fürst des Cinquecento, Mazzini ein Jünglinge und Frauen bestrickender Jesuit des siebzehnten Jahrhunderts, Garibaldi ein legendengläubiger, legendenschaffender Kreuzfahrer wären(...) Italien liefert immer neu die lebenden Modelle, nach denen sich die Gestalten der Vergangenheit wiederherstellen lassen(...)“[13]
 
Und Herman Grimm, der Sohn Wilhelm Grimms, der Florenz in seinem „Leben Michelangelo`s“ Athens „jüngere Schwester“ nannte, sekundiert:
 
„Dennoch lebt das Andenken an die Männer und an die alte Freiheit(...)Mit Bewußtsein in Florenz zu leben, ist für einen gebildeten Mann nichts anderes, als ein Studium der Schönheit eines freien Volkes bis in ihre feinsten Triebe. Die Stadt hat etwas die Gedanken durchdringendes, beherrschendes(...)Indem man fühlt, wie Alles sein Leben aus der einen Freiheit sog, gewinnt die Vergangenheit in den geringsten Beziehungen einen Zusammenhang, der für das übrige Italien fast verblenden kann. Man wird ein fanatischer Florentiner im alten Sinne.“[14] 
 
Die Vergangenheit wurde unter dieser Perspektive zeitgenössisch, man konnte ihr auf Schritt und Tritt begegnen. Das „Bildnertalent“ ihrer epigonalen Künder konnte ihre Gestalten für die Zeitgenossen „wiederherstellen“.
Dabei hatte das Risorgimento mehr zu bieten: Nachdem ab 1859 der Einigungsprozeß erste Erfolge aufzuweisen hatte, wurde der werdende italienische Staat zur Insel der Freiheit in Europa. Exilierte Alt-Achtundvierziger und Progressive aus ganz Europa fanden dessen Klima so anziehend, daß sie sich in Italien niederließen. Bevorzugt wurde dabei Florenz, das in jenen Tagen Hauptstadt des neuen Italien und ein intellektuelles Zentrum der jungen Nation war. Die Stadt hatte den Vorteil, daß sich wegen der Neugründung der Universität, des Istituto Superiore, dort viele aus dem Exil zurückkehrende Italiener niederließen. So kannte man sich und konnte bestehende Geselligkeitsstrukturen teilweise fortsetzen. Für die Generation, die vor und nach 1848 Jahre ihres Lebens im Exil verbracht hatte, war Internationalität des Umgangs Normalität und fremdes, nicht-italienisches Gedankengut in Wissenschaft, Literatur und Politik vertraut.
 
Die Parallelen zwischen Deutschland und Italien waren damals Denkern beider Länder durchaus gegenwärtig. In diesem Zusammenhang ist vor allem der Führer des Giovine Italia, Giuseppe Mazzini, zu nennen. Er war der Prototyp des romantischen Revolutionärs, im Zivilberuf Literaturkritiker, der seine politischen Ideen gerne mit Verweisen auf Herder und Byron unterlegte.[15] Der hochgebildete Revolutionär und Kenner der deutschen Literatur und Philosophie beschwor die nördlichen Nachbarn wiederholt, den großen philosophischen und literarischen Traditionen Fichtes und Schillers endlich Taten folgen zu lassen und die Revolution von 1848 mit einer nationalen Wiedergeburt, einem deutschen Risorgimento zu vollenden. Mazzini schreibt:
 
„Und vor allem bestrebt euch, eure nationale Einheit volkstümlich zu gründen. Gebet den Gebeinen Schiller`s ein Vaterland(...)Wir können uns nicht mit euren fünfunddreißig oder sechsunddreißig Fürsten und mit euren Partheien der Gemäßigten verständigen, seid ein Volk, und wir werden einig sein. Der deutsche und der italienische Gedanke werden sich auf den freien Alpen verbrüdern."[16]
 
Die deutsche Revolution sollte ihre Legitimation nicht aus der Zukunft, sondern aus der ruhmreichen kulturellen Vergangenheit, aus der Weimarer Klassik beziehen wie das italienische Risorgimento die seine aus der Renaissance und ihr verwandten Traditionen bezogen hat. Mit diesem kühnen Sprung ins deutsche Erbe bringt Mazzini nicht nur Italia und Germania zusammen, sondern auch Aufklärung, Romantik und Revolution.
Ihm, der das Giovine Italia zu einer schlagkräftigen Organisation formierte, blieb die Realisierung seiner politischen Ideen jedoch weitgehend versagt. Nur in der römischen Republik von 1848/49 zeigte er der Welt, daß mit dem Risorgimento durchaus ein Staat zu machen sei, der den Einwohnern der Ewigen Stadt Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bringen wollte. 1860/61 kam es dann auch zu der von ihm und seinen Gefährten angestrebten italienischen Einigung; sie vollzog sich jedoch unter der Führung des tumb-pompösen Königs Vittorio Emanuele II und seines intriganten Kanzlers Cavour; der hartnäckig revolutionär-rapublikanisch gesonnene Mazzini konnte und sollte in diesem Italien keine Heimat finden, ihm blieb staatlicherseits die Rückkehr verwehrt. Für zahlreiche exilierte 48er Aktivisten, Gelehrte, Schriftsteller oder Politiker, wurde dagegen nach der Staatsgründung Italien und oft genug Florenz zur neuen Wirkungsstätte.
Einer von ihnen war beispielsweise der deutsche Physiologe Moritz Schiff, der 1848 seine Berliner Stellung wegen medizinischer Hilfeleistung an verwundeten Rebellen verloren hatte und nun am Istituto Superiore lehrte; in Florenz führte er ein gastfreies und kosmopolitisches Haus. Auch Philipp Schwarzenberg war ein Veteran der 1848er Revolution, der in Florenz eine neue Existenz fand. Ferenc Pulszky schreibt über den ehemaligen Paulskirchenlinken:
 
„Schwarzenberg war als Mitglied des deutschen Parlamentes so lange verfolgt worden, bis er seinem Vaterlande entfloh; als practischer und intelligenter Mann hatte er in Italien die Leitung eines vernachlässigten Bergwerkes übernommen und leitete dieses Unternehmen mit vielem Erfolg. Seine Frau hatte die Idee der italienischen Einheit mit echt weiblicher Begeisterung erfaßt und eben deshalb war die Gesellschaft in ihrem Haus mehr italienisch als deutsch.“[17]
 
Im Hause Schwarzenberg gingen aber nicht nur Risorgimentoaktivisten ein und aus, sondern prominente politische Flüchtlinge aus ganz Europa, darunter auch die Deutsche Ludmilla Assing. Assing war vielleicht die profilierteste unter den deutschen Parteigängern des Risorgimento in Florenz. Die Nichte und Testamentsvollstreckerin von K.A. Varnhagen von Ense war 1860 zum ersten Mal in Begleitung von Ferdinand Lasalle nach Florenz gekommen. Auf die hier geknüpften Kontakte konnte sie zurückgreifen, als sie 1861 vor einer Anklage wegen Majestätsbeleidigung aus Deutschland fliehen mußte. In Florenz führte sie die Varnhagensche Salontradition weiter, wobei als besondere Färbung ein pointierter Kult des Risorgimento hinzukam. Sie selbst beschreibt ihre Montagabende wie folgt:
 
„Die Geselligkeit bietet hier die reichste Auswahl(...)und auch meine Montag-Abende nehmen immer größere Dimensionen an: die hier Angesiedelten, die Italiener und die durchziehenden Fremden mischen sich untereinander, so daß ich mich schon gewöhnt habe, alle Viertelstunde eine andere Sprache zu sprechen. Jüngst befand sich Riccotti, der jüngste Sohn Garibaldi`s, unter meinen Gästen. Er kam aus London, wo er als Ingenieur angestellt ist(...)Der Sohn des edlen Garibaldi erregt eine allgemeine Sympathie, und alles drängt sich um ihn. Bei mir waren es vor allem die Deutschen, die ihn mit liebevoller Theilnahme umringten, und erwähnenswerth ist es wahrlich, daß in meinem Salon ein p r e u ß i s c h e r Offizier ihm die Hand drückte. Ich hatte außerdem auch viele italienische Patrioten bei mir, Cuneo, einen der ältesten Freunde und Biographen Garibaldi`s; De Gubernatis, Professor des Sanskrit und Schriftsteller(...)dann Tassara, der talentvolle Bildhauer, und einer der Tausend von Marsala; Dall` Ongaro, der Dichter u.s.w. Dazu Fremde aller Nationen, Blumen und Lichter so viel wie möglich, und zwischen meinen Familienbildern und der Berliner Freundesgalerie, die geschmückten Photographien von Mazzini und Garibaldi.“[18]
 
Auch Gästen, die auf der Durchreise waren, machte das bunte Treiben Eindruck; es erleichterte ihnen zugleich den Einritt in die fremde Gesellschaft. Ada von Treskow schildert in einem Brief an den Fürsten von Pückler-Muskau ihre anfängliche Verwirrung, aber auch die Faszination, die von dieser Versammlung interessanter und bedeutender Persönlichkeiten ausging.
 
„Einen wirklich charmanten Zirkel versammelt Ludmilla jeden Montag um sich; dort findet man alle Nationen, vorherrschend Italiener und Deutsche(...)Mir war ganz confuse zumut, ungefähr wie dem seligen Dr. Faust auf dem Blocksbergball unter den südlichen und `nordischen` Künstlern, den `Puristen`, den Weltkindern, Musageten usw. Dazwischen Fanny Lewalds Silberlocken, Mamas Häubchen und Ihr Porträt, o Durchlaucht, welches mit den magnetischen Mephistoaugen von der Wand auf mich niederschaute.“[19]
 
Die sozial und national bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, die Treskow hier vorfindet, ist einerseits eine epigonale Reinkarnation der Varnhagenschen Salontradition, andererseits eine stete Quelle von Information und Inspiration für Assings rege publizistische Tätigkeit. In dieser versucht sie, das neue Italien und seine Persönlichkeiten dem deutschen Publikum näher zu bringen. Hier wird sie vor allem die Biographin der Rebellen; sie porträtiert ihren verstorbenen Lebensgefährten und Risorgimento-Aktivisten Piero Cironi; doch auch dessen an sich bemerkenswerte Vita kann nicht dargestellt werden ohne Rückgriff auf die Vergangenheit, die allerdings utopisch in die Zukunft gewendet wird.  
 
„Zwei verschiedenen Ländern angehörig, vereinte uns die selbe Liebe zur Freiheit, dieselben Hoffnungen für die Zukunft(...)In der Gewissenhaftigkeit und Ausdauer, mit welcher er alle wichtigen Schriftstücke der Demokratie sammelte, erinnerte er mich an meinen Onkel Varnhagen von Ense. Cironi wie Varnhagen arbeiteten für die künftige Geschichte, im treuen Dienst der Wahrheit.“[20]
 
Hier versucht Assing, Vergangenheit und Zukunft revolutionär zu verklammern in dem Bewußtsein, daß auch die künftige Geschichte auf die Rekonstruktion der vergangenen, auf eine Vor-Geschichte also, angewiesen sein wird. Zugleich soll Geschichte als Geschichte der Revolution neu geschrieben werden.
 
Eine weitere Risorgimento-Persönlichkeit, die immer wieder zum Thema von Assings Essayistik wird, ist Giuseppe Mazzini, theoretischer Kopf des Risorgimento, aber auch mythenumwobene Verschwörergestalt. Assing hat nicht nur einige seiner Schriften ins Deutsche übersetzt, sondern den von der Reaktion wie von bürgerlichen Kreisen Verteufelten auch für die „Gartenlaube“ porträtiert, wobei sie versucht, den Revolutionär zu entdämonisieren.[21]
 
Zu den abenteuerlichen Gestalten des Risorgimento gehörte auch Francesco Dall` Ongaro, Priester, Dichter und Revolutionär, der zunächst die Kanzel für die politische Agitation benutzte, bis ihm seine Oberen das Predigen verboten. Daraufhin kehrte er der Kirche den Rücken und verlegte sich auf die politische Dichtung, bis die Revolution von 1848/49 Gelegenheit bot, den Worten Taten folgen zu lassen. Er kämpfte mit Garibaldi und mußte nach der Niederschlagung der Revolution wie viele andere ins Exil gehen. Für Assing ist er der Sänger des linken Flügels des Risorgimento:
 
„Dall` Ongaro ist ein echt vaterländischer Dichter; es ist in der That etwas von einem italienischen Körner in ihm, so schwungvoll und kühn sind seine Lieder, während seine Grazie und Anmuth, das Gemisch von Sentimentalität und Ironie, von Sanftmuth und Schärfe zuweilen an Heine erinnern könnten(...)Das Papstthum verfolgt er mit dem einsichtigen Haß desjenigen, der es aus der Nähe mit klarem Blick angeschaut und sich deshalb keiner Illusion über dasselbe hingeben kann. Die Freiheit, die religiöse, die politische, die sittliche, liebt dall` Ongaro wie eine schöne Braut, der er täglich neue Kränze und Blumen darbringt, jede großmüthige und edle That findet in ihm einen beredten Sänger. Wie er in Garibaldi den kriegerischen Helden Italiens verherrlicht, so in Mazzini den geistigen Helden, den großen Propheten und Meister, von dem die intellectuelle Entwicklung und Ausbildung immer neuen Stufen des Fortschritts entgegengeführt wird.“[22] 
 
Landesweite Berühmtheit erlangte Dall` Ongaro mit seiner Dante-Vorlesung, die er 1846 erstmals hielt; darin interpretierte er Dante als einen Vordenker der italienischen Einheitsidee. Nach der italienischen Einigung erhielt er in Florenz eine Professur für vergleichende Literaturwissenschaft; der gesellige Umgang im Hause Dall` Ongaro war nicht minder lebhaft als der in Ludmilla Assings Salon. Letztere schreibt darüber:
 
„Von jetzt an nahm er seinen dauernden Wohnsitz in der Vaterstadt Dante` s, wo sein Haus ein beständiger Sammelplatz fremder und einheimischer Berühmtheiten ist und alle Sprachen durcheinander rauschen(...)Deputierte, Künstler, Schriftsteller, Gelehrte vereinigen sich bei ihm; hier sieht man zuweilen den würdigen Patrioten Giovan Battista Cuneo, den alten Freund und Biographen Garibaldi` s(...)blonde Engländerinnen und schwarzäugige Italienerinnen drängen sich mit Neugierde und Begeisterung um den Hausherrn, und wenn man ihn von so vielen schönen jungen Mädchen und Frauen wie von einem Blumenkranz umgeben sieht, so sollte man glauben, der glückliche Dichter habe nicht eine Muse, sondern deren wenigstens zwanzig!"[23]
 
Die Florentiner Geselligkeit war in einem System von Salons organisiert, von linkem, staatstragendem, gelehrtem oder auch mondänem Typus. So verkehrte selbstverständlich Ludmilla Assing bei Dall` Ongaro und umgekehrt. Beide waren auch bei dem berühmtesten Revolutionär, den Florenz in den 1860ern in seinen Mauern beherbergte, Michail Bakunin, zu Gast. Von ganz anderem Zuschnitt war die Gesellschaft im Hause des Risorgimento- Politikers und zeitweiligen Bürgermeisters von Florenz, Ubaldino Peruzzi und seiner Gemahlin, der legendären Donna Emilia, wie sie genannt wurde. Als „Italiani moderati“ versammelten sie in ihrem Salon Intellektuelle, Künstler und Politiker jeglicher Couleur, und die Rolle des „Salotto d`Europa“ für die geistige und nicht zuletzt sprachliche Einigung Italiens wurde schon von den Zeitgenossen gerühmt. Hier fanden sich auch weitere Deutsche ein, verkehrten die Publizisten Karl Hillebrand und Heinrich Homberger sowie der Historiker Otto Hartwig, die mit der Hausherrin besonders verbunden waren; auch Herman und Gisela Grimm, die Tochter Bettina und Achim von Arnims, waren gelegentlich Gäste bei Donna Emilia. Aber auch so gegensätzliche Geister wie De Amicis, der sentimentale Sozialist, und der konservative Denker Vilfredo Pareto gehörten zu den ständigen Gästen und persönlichen Freunden des Hauses.
Das „ganze gebildete Europa“[24] traf sich auch in Hillebrands eigenem Haus, das er in den siebziger und achtziger Jahren mit seiner Lebensgefährtin, Jessie Taylor-Laussot, der „Rahel mit ewiger Jugend“,[25] wie er sie nannte, am Lungarno bewohnte; sie war die Tochter des englischen Übersetzers der Grimmschen „Kinder - und Hausmärchen“, Charles Taylor, Jugendfreundin Richard Wagners und eine begabte Musikerin. Der Historiker und Publizist Karl Hillebrand stammte aus Gießen, war aktiver 1848er Revolutionär und konnte der Exekution nur durch Flucht nach Frankreich entkommen; dort überlebte er zunächst als Sekretär Heinrich Heines, wurde aber bald in Frankreich heimisch, französischer Staatsbürger, Professor und Gelehrter, bis ihn der deutsch-französische Krieg der Jahre 1870/71 in einen Loyalitätskonflikt stürzte und er sich als Korrespondent der „Times“ in Florenz niederließ. Das Haus der Hillebrands  versammelte die großen Musikerpersönlichkeiten; Jessie Laussot musizierte regelmäßig mit Hans von Bülow, Franz Liszt, Joseph Joachim und Richard Wagner, der mit Cosima ebenfalls zu den häufigen Gästen gehörte. Über eines der zahlreichen musikalischen Ereignisse berichtet Assing:
 
„In der musikalischen Welt war die Erscheinung des Herrn Hanns v. Bülow, der sich in einem Konzert der hiesigen Gesellschaft „Cherubini“ zum Besten der Überschwemmten von Pisa hören ließ, ein freudiges Ereignis(...)Als Merkwürdigkeit verdient angeführt zu werden, daß die Gesellschaft „Cherubini“ von einer Frau, von Madame Laussot, geleitet wird, die energisch ihren Tactstock schwingt und es mit jedem anderen Cappelmeister kühn aufnimmt.“[26]
 
Ungeachtet des hohen Niveaus kultureller Gepflogenheiten begann sich in den sechziger Jahren angesichts der realen politischen Entwicklung die Gemeinsamkeit von Republikanern und Monarchisten auf diesem Gebiet zu zersetzen. Einer der wenigen Orte, an denen sowohl die Garibaldianer als auch die Repräsentanten des neugegründeten italienischen Staates verkehrten, war neben dem Salon der Peruzzis der von Ferenc bzw. Franz Pulszky.[27]
Graf Pulszky, ein führendes Mitglied von Lajos Kossoths ungarischer 1848er Regierung, kam 1860 aus dem Londoner Exil nach Italien, um die Interessen der ungarischen Freiheitsbewegung in Turin, der damaligen italienischen Hauptstadt, zu vertreten. Nachdem Cavour die ungarische Sache hatte fallenlassen, orientierte sich Pulszky zunehmend an Garibaldi und Mazzini, den er schon aus London kannte. Nachdem deutlich wurde, daß der linke Flügel des Risorgimento im jungen italienischen Staat wenig Einfluß hatte, zog sich Pulszky auf seine vorrevolutionäre Tätigkeit als Altertumswissenschaftler zurück und bezog 1862 die Villa Petrovich in Florenz. Diese wurde bald zu einem Focus Florentiner Geselligkeit; da die Muttersprache von Therese und Franz Pulszky Deutsch war, fanden sich vor allem die Deutsch-Florentiner aller politischen Richtungen bei ihnen ein, aber auch Osteuropäer, Engländer und Amerikaner, zudem viele Freunde aus dem Garibaldi-Mazzini-Lager wie Assing und Dall`Ongaro. Die Anziehungskraft reichte allerdings darüber hinaus, was bisweilen zu kuriosen Situationen führte. In seiner Autobiographie „Meine Zeit, mein Leben“ gibt Pulszky Fogendes zum Besten:
 
„Da es unter meinen Freunden viele Garibaldianer und Republikaner gab, hatten die Soiréen einen sozusagen etwas roten Anstrich; an edler Musik, schönen Frauen und geistreicher Conversation fehlte es niemals(...)Der internationale Charakter unseres Salons übte auch auf die Italiener eine derartige Anziehungskraft aus, dass, nachdem Florenz die Hauptstadt Italiens geworden und die Regierung hierher übergesiedelt war, die Minister Minghetti und Visconti-Venosta uns mitteilen ließen, es würde sie freuen, wenn wir sie einladen würden. Ich bemerkte, dass sie bei uns eine für sie ungewöhnliche Gesellschaft finden würden, so z.B. Bakunin, das Haupt des revolutionären Russland, und Dolfi, den früheren Führer der republikanischen Partei in Florenz, seines Standes ein Bäcker. Die Minister erschienen dennoch und unterhielten sich sehr gut, obgleich die übrigen Gäste sich nicht viel um sie kümmerten; nur die Engländer und Amerikaner ließen sich ihnen vorstellen.“[28]
 
Zwischen den Gribaldianern und der Führungspersonnage des neuen Italien war der Dialog nach der Niederschlagung von Garibaldis Aspromonte-Abenteuer abgerissen; man ignorierte sich gegenseitig und traf sich in neutralen Salons oder auf Beerdigungen früherer Mitkämpfer.
Ein solcher Anlaß war auch das Begräbnis des von Pulszky erwähnten Giuseppe Dolfi, der „Bäckers von Florenz“, auf den sich Parteigänger der unterschiedlichsten Richtungen einigen konnten. In der Revolution von 1848/49 hatte er eine wichtige Rolle gespielt. Ludmilla Assing schreibt über die Beisetzung des 1869 verstorbenen Volkshelden:
 
„Ein Leichenbegräbnis wie dieses war in der Arno-Stadt noch gar nicht vorgekommen. Wie keine Geistlichkeit und keine Bruderschaft dabei sichtbar waren, so auch keinerlei Uniform, der Verstorbene hatte es sich verbeten; es sollten ihn bloß seine Mitbürger als solche begleiten. Für sie hatte er ja gelebt, gewirkt und gelitten, und sie hatten sich auch alle eingestellt, Alte und Junge, Reiche und Arme, Vornehme und Geringe, Männer und Frauen, Greise und die Jugend der Schulen. Friedlich schritt hier der Republicaner neben dem Consorten, der Freidenker zur Seite des Frommen, alle begruben ihren Freund, den Bäcker Dolfi, der sie in den Tagen der Revolution geführt und gelenkt, in ihrem Namen mit den Mächtigen unterhandelt und diese zur Abdankung gezwungen hatte.“[29]
 
So einig waren sich indes Republikaner und Monarchisten, Freidenker und Katholiken nur noch selten.
Wie bei den italienischen Intellektuellen, so verliefen auch zwischen den ansässigen Deutschen politische Trennungslinien, und man traf sich primär mit Gleichgesinnten. Einer der wenigen, der die Demarkationslinien unbekümmert überschritt, war der bereits zitierte Journalist und Schriftsteller Heinrich Homberger. Er verkehrte als unermüdlicher Wanderer zwischen den Salons sowohl bei der Assing als auch bei den Peruzzis und in der Casa Petrovic. Homberger stammte aus dem damals großherzoglich-hessischen Mainz, studierte in Gießen Jura und kam 1865 als Korrespondent der „Augsburger Allgemeinen“, die in der Italienberichterstattung führend war, nach Florenz. Sein Interesse an Italien war durchaus patriotisch, denn es galt vor allem dessen Einigungsprozeß, in dem er ein Vorbild für die Lösung der deutschen Frage sah. So hatte er schon 1861 geschrieben:
 
„Die Geschicke Italiens und Deutschlands sind untrennbar; die Einheit des einen begründet die des anderen.“[30]
 
Und so „treibt“ ihn, als er 1865 italienischen Boden betritt, „die politische Aufgabe Deutschlands“.
 
„Ich will sehen, wie Neapolitaner, Toscaner und Lombarden in fünf Jahren...zu einem Volke mit einem Vaterlande verschmolzen sind, und durch diese Anschauung will ich mich belehren und Andere, wenn es mir möglich ist, auf daß diesseits der Alpen wie jenseits der glückliche Sohn eines großen Landes `auf freiem Grund mit freiem Volke wohne`...Ich möchte beitragen, die beiden Länder einander nahe zu bringen, die so vieles gemeinsam haben.“[31]
 
Die politische Vision von der geeinten Nation, die mit ihresgleichen friedlich koexistiert und so das Glück der Menschen aller Nationen begründet, wurde von vielen Deutschen ganz unterschiedlicher politischer Färbung, von Linken, Liberalen und Konservativen, geteilt und schien im Italien des Risorgimento Wirklichkeit werden zu wollen. So hatte aus deutscher Perspektive die italienische Einigung eine besondere Attraktivität; in den 1860er Jahren war die Diskussion über Italien bei Konservativen und Liberalen, Groß- und Kleindeutschen Bestandteil der Diskussion über Deutschland.[32]
 
Homberger repräsentiert jedoch auch den Typus des vom Gang der Dinge Enttäuschten, des larmoyanten Epigonen. Seine späteren Schriften aus den siebziger und achtziger Jahren zeugen von einem skrupulösen Umgang mit den Größen der Vergangenheit, der eher die Ferne zu ihnen reflektiert und abmißt, als sich mit ihnen aufzuputzen. Für den Schriftsteller Homberger - seine Sammlung italienischer Novellen erschien 1879 - steht der Umgang mit der Sprache im Vordergrund. Dabei ist die Beschäftigung mit den Heroen, die Lektüre von Goethe, Shakespeare und Dante, ständige Begleitmusik.[33] Die von den Großen ausgebildete Sprache empfindet er als Fessel seines eigenen Schaffens, da sie der heutigen Wirklichkeit nicht gerecht werde, aber dennoch nicht mehr die Kraft zur Neuschöpfung verleihe. Die ganze Sehnsucht nach einer anderen Sprache und letztlich nach einer anderen Welt drückt er aus wenn er schreibt:
 
„Beiden Dichtern (Shakespeare und Dante, die Verf.) aber kam unendlich zustatten, daß sie über eine noch junge, saftstrotzende, frei bewegliche Sprache verfügten, deren Flexibilität sich jedem Anspruch fügte. Sie wurden nicht sowohl durch die Gestalt der Sprache bedingt und bestimmt, als sie deren Gestalt bestimmten. Sie schufen nicht nur mittelst der Sprache, sie schufen die Sprache selbst, schmiedeten sich ihr Werkzeug, bekamen es nicht geliefert.“[34]
 
Diese prometheische Vorstellung von den mit dem Feuer hantierenden Schöpfern der Sprache bildet den Kontrast zum Selbstbild Hombergers und vieler anderer, vor allem in der Zeit nach 1870, dem Gefangensein in den erkalteten, festgewordenen Formen des Gegebenen. Dem aus der vorangegangenen Kunstperiode ererbten Impuls genialen Schöpfertums und idealischer Ganzheit und der Emphase der Revolution steht die Gefangenschaft im Unabänderlichen und die große Zersplitterung des Wissens entgegen. Was bleibt angesichts solcher Aussichten anderes als eine Art von fruchtbarer Epigonalität, die das Gegebene „unterlegt“ mit den kräftigeren Farben großer Schöpfungen und bestrebt ist, wie Homberger sagt, „die Welt als Idee zu sehen“?[35] 
 
 
Wer so denkt, schafft nicht die große Form. Die Versuche Hombergers, erfolgreich Dramen zu schreiben, scheitern; ebenso erging es Herman Grimm. So sind auch die favorisierten Formen des literarischen Schaffens neben der Biographie die  wiederbelebte Novelle und der Essay.
Die Form des Essays ist „nicht lehrhaft, sondern künstlerisch“[36], sagt Homberger. Die ihn hervorbringen, sind Schriftsteller, „welche zugleich den Büchern und dem Leben angehören, zwischen Wissenschaft und Kunst inmitten stehen“.[37] Mehr oder weniger charakterisiert diese Beschreibung alle zu jener Zeit in Florenz ansässigen deutschen Schriftsteller. Sie alle waren Mittler zwischen gegensätzlichen Welten, Deutschland und Italien, Vergangenheit, als Übermacht oder Referenz, Gegenwart und Zukunft; in ihr Schreiben drängten sich als dessen Bedingung romantisches Gedankengut und revolutionäre Bewegung, unter welcher politischen Perspektive auch immer.
 
Tatsächlich muß solches Epigonentum nicht als Schwundstufe vergangener glanzvoller Genialität betrachtet werden, wie Gert Mattenklott in seinem Essay „Epigonalität“ ausführt. Freilich, so Mattenklott, sei diese Haltung den Gebildeten oft suspekt gewesen:
 
„Epigonen kommen mit dem Gesetz in Konflikt, immer, auch wenn sie keinen Richter finden. Es ist das Gesetz des kontinuierlichen, nicht umkehrbaren Fortschritts.
 Vor diesem Gesetz, poetisch dem der Innovation, gewinnt das Epigonale anarchische Züge, behauptet es den Willen von Freiheit, auch einer Freiheit zur Wiederholung, wenn es das Rechte war - freilich nicht ohne Melancholie in einer gesellschaftlichen Konstellation, in der das Reflexive, das Zurückbeugen, ein solches Ärgernis ist.“[38]
 
Die Epigonen, von denen hier die Rede ist, haben sich in die Freiheit eines Italien begeben, das durch seine in vielen Bereichen zurückgebliebene Entwicklung Rettung versprach von den Zumutungen der Moderne und in dem die Nähe zu Kunst und Kultur der „Alten“ dem Schönen ewige Dauer zu verleihen schien; so protestierten sie auch „gegen die Vergeudung des Schönen zugunsten angeblicher Entwicklung“.[39] Das Risorgimento gab selbst dem romantischen deutschen Traum von der Nationwerdung mehr Nahrung als der Bismarckstaat; Italia als Kulturnation bot mehr als dieser den Intellektuellen ein Vater- bzw. Mutterland. Denn was sollten sie auch finden in ihrer Gegenwart, in der statt Genialität Ingenieurwesen, statt vernünftige Gelehrsamkeit technische Rationalität und statt universalistischer Humanismus wissenschaftsgestützte Produktionssteigerung im Zentrum der Aufmerksamkeit der Zeitgenossen stand. Die Gegenwart erschien hoffnungslos profan, und so blieb ihnen nur die Erinnerung an vorgeblich genialische Zeiten, sei es Dantes Florenz oder Goethes Weimar - durchaus im Sinne Herman Grimms, für den beide Städte eine Quelle jenes geistigen Reichtums waren, ohne den die Völker in der Zeit der äußeren Triumphe verarmen müßten.[40]
In diese Haltung mischte sich freilich, wie schon bei Homberger zu sehen war, ein Wissen um Vergeblichkeit. Dieses melancholische Epigonentum zeichnet die Schreibhaltung Herman Grimms und Hombergers, aber auch Hillebrands aus.
 
Dantes Florenz und seine Republikanischen Traditionen, Savonarola, Macchiavelli und zahlreiche größere und kleinere Heroen der italienischen Kultur- und Geistesgeschichte waren auch die Heroen des linken Flügels des Risorgimentos. Dall`Ongaros Dantevorlesung wurde zum Treffpunkt linksintellektueller Kreise der toskanischen Hauptstadt. Nicht zuletzt die von Mazzini und Garibaldi vertretene Vorstellung eines Dritten Roms ist die Reprise vergangener Größe in der Hoffnung, daß es nach dem Rom der Imperatoren und dem der Päpste ein Rom des Volkes geben werde. Da es nach der Staatsgründung Italiens größter Ehrgeiz war, möglichst schnell so zu werden, wie andere mitteleuropäische Staaten, hatte die Linke in den Folgejahren vielleicht kulturellen, aber wenig politischen Einfluß. Das mag auch daran liegen, daß sie versuchte, ihre „politische Poesie“ aus der Vergangenheit zu beziehen. Schon Marx stellte fest, daß die revolutionären Bewegungen das Maskentreiben und den Kostümball lieben.
 
„Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf,entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen. So maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789-1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und als römisches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wußte nichts besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung von 1793-1795 zu parodieren.“[41]
 
Was für die Französische Revolution noch anging, ist für ihn in den `modernen` Zeiten des 19. Jahrhunderts nur noch der Geisterball der Wiedergänger.
 
„Die soziale Revolution des neunzehnten Jahrhunderts kann ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie allen Aberglauben an die Vergangenheit abgestreift hat. Die früheren Revolutionen bedurften der weltgeschichtlichen Rückerinnerungen, um über ihren eigenen Inhalt zu betäuben. Die Revolution des neunzehnten Jahrhunderts muß die Toten ihre Toten begraben lassen, um bei ihrem eignen Inhalt anzukommen. Dort ging die Phrase über den Inhalt, hier geht der Inhalt über die Phrase hinaus.“[42] 
 
Eine epigonale Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart der besonderen Art wurde 1865 in Florenz zelebriert. In einer mehrtägigen Huldigung an Dante feierten sich das Risorgimento, der junge italienische Staat und die Stadt Florenz selbst.
In Ludmilla Assings Bericht wird deutlich, daß, verglichen mit den Festen, die sich die Deutschen nach der Einigung gaben, wirklich Kunst und Literatur, nicht Militär oder König im Vordergrund standen. Ihr Fazit des ersten Festtages lautet:
 
„Kein lärmender Enthusiasmus zeigte sich, der weder der Feier noch den Zeitverhältnissen angemessen wäre, aber ernster Antheil und Verehrung für den gewaltigen Dichter, der jedem patriotisch fühlenden Italiener theuer sein muß und von ganz Europa bewundert wird.“[43]
 
Assing beschreibt die Dante-Feier als heiteres und elegantes Fest, Girlanden- und Blumenschmuck milderte die Strenge der Florentiner Architektur. Der Eröffnungszug wurde von Schriftstellern und Journalisten angeführt, Bürger, Politiker, Arbeiterassoziationen marschierten gemeinsam im Namen Dantes.
Selbst die in Florenz lebenden Ausländer waren in den Festzügen vertreten und bildeten den Mittelpunkt einer speziellen Veranstaltung:
 
„Am folgenden Tag war ein großes Festmahl beim Grafen Alfred Serristori, welches den in Florenz anwesenden Fremden gegeben wurde. Unter den Italienern fehlten manche der Demokratie teuere Männer, die da, wo es Freiheit und Nationalität gilt, schmerzlich vermißt werden müssen; doch waren viele in der Literatur und Wissenschaft ausgezeichnete Persönlichkeiten da, wie Mamiani, Michele Amari, der Verfasser der Geschichte Siziliens, Dall` Ongaro, der liebenswürdige Dichter, Professor Villari, der Verfasser der Biographie Savonarola` s. Mamiani hielt eine Rede, in welcher er den Fremden für ihre Sympathie für Italien dankte; Dall` Ongaro sprach über Religionsfreiheit(...)Von Deutschen waren anwesend Dr. Philipp Schwarzenberg, der im Frankfurter Parlament der Linken angehörte, noch in Stuttgart treu aushielt und dafür aus dem Vaterlande (er ist ein Kurhesse) exiliert ist, Dr. Heinrich Brockhaus, Dr. Homberger(...)Dr. Schwarzenberg hielt eine Rede, die seine herzliche Anerkennung der italienischen Nationalität bewies.“[44]
 
Hier zeigt sich noch einmal der kosmopolitische Charakter des italienischen Risorgimento; andererseits macht Assing in ihrer Artikelserie über die Dante-Feiern auch deutlich, daß auf die Anwesenheit Mazzinis und Garibaldis kein Wert gelegt wurde, die Regierung betrachtet das Risorgimento als weitgehend abgeschlossen, die Revolution ist zu Ende. Was bleibt, ist der schöne, aber auch epigonale Kult um Dante. In diesem Kult können sich Linke wie Rechte, Ausländer und Einheimische, Wissenschaftler wie Politiker trefflich zusammenfinden, auch wenn den einen Dante als Garibaldi des Mittelalters und den anderen Dante als erster König Italiens galt.[45] Die Inszenierung der vergangenen kulturellen Größe Italiens wurde von dem jungen Staat ganz bewußt betrieben, da die nationale Identität ausgesprochen vage war und sich niemand so recht vorstellen konnte, was „italienisch“ eigentlich sei. Verglichen mit dem Deutschland der Gründerjahre ist die Fundierung der nationalen Identität auf kultureller Basis sicherlich ein Vorzug Italiens, läßt jedoch die Gegenwart ausgespart und zeitgenössische Italianità undefiniert. In der Florentiner Dantefeier oder zumindest in Ludmilla Assings Erzählung über sie läßt sich jedoch die kulturell produktive Funktion der Epigonalität nachvollziehen in der Lust an Reprise, Mimikry, Nachhall und Verdoppelung.[46]
Denn mit genau diesen Elementen schlossen die Wahlflorentiner und ihre einheimischen Freunde die Dante-Huldigung ab. Sie feierten ein eigenes Fest, das den gefeierten Dichter, die Stadt und ihre Künstler und Intellektuellen in einer einzigartigen epigonalen Synthese zusammenschloß.
 
„Am Abend vereinigte das gastliche Haus von Franz Pulszky und seiner liebenswürdigen Gattin in ihrem romantischen Palazzo Petrovitch alles, was von Kunst, Wissenschaft und Literatur und ausgezeichneten Fremden in Florenz vereinigt war. Aus den erleuchteten Sälen trat man in den duftigen Garten hinaus, der, auf der Höhe gelegen, die ganze illuminirte Stadt zu seinen Füßen hat(...)die beiden berühmten Schauspieler Rossi und Salvini declamirten um die Wette Dante-Gesänge, und es möchte schwer zu entscheiden sein, wem man den Preis zu ertheilen habe(...)Frau Fusinato, die Gattin des Dichters Fusinato, declamirte im Garten, und von bengalischem Feuer beleuchtet, erschien zwischen den Bäumen und Gesträuchen ein lebendes Bild, Dante, Beatrice und Gemma vorstellend.“[47]
 
Das Pathos der Revolution ist verflogen; was bleibt, ist der Versuch, die Kultur der Vergangenheit neu zu inszenieren. Die ästhetische Milderung der Spannung zwischen den großen Hoffnungen und der verkleinernden Realität deckt aber auch das epigonale Muster auf, das der geistigen und künstlerischen Produktion wie dem politischen Denken nach dessen Desillusionierung durch das Scheitern revolutionärer Ambitionen zugrunde liegt: das Empfinden der Minderwertigkeit der eigenen Zeit und die daraus folgende Berufung auf eine bessere, deren Größen zu Gewährsmännern einer Erneuerung werden könnten. Dabei sind die Strategien der Vergegenwärtigung durchaus vielfältig.
Herman Grimm etwa, der zusammen mit seiner Frau Gisela oft in Florenz weilte und u.a. in den Häusern Homberger, Perruzzi und Hillebrand verkehrte, war ein Meister in der Wiederbelebung des Abgelebten und entwickelte daraus ein ganzes Programm. 1887 veröffentlichte er seinen Essay „Die Maifeste in Florenz“, in dem er einmal mehr die Renaissancearchitektur und die neubelebten Maifeste rühmt;[48] in letzteren sieht er den gelungenen Versuch einer Revitalisierung des geistigen Erbes der Stadt und schließt mit einem Vergleich zwischen Florenz und Weimar. Denn Goethe, so Grimm ein Jahr später anläßlich der ersten ordentlichen Versammlung der Goethegesellschaft, sei ein „Unsterblicher“, der „auch heute noch lebendig und Leben verleihend unter uns steht“.[49] Er sei für Weimar, was Raphael und Michelangelo für Florenz sind; die lebendige Gegenwart dieser Heroen macht den „geistigen Wert“ von Weimar und Florenz aus; Weimar werde so für die Deutschen, was Florenz für den jungen italienischen Staat sei: eine Möglichkeit der „R ü c k k e h r  (Hervorh. die Verf.) unseres Volkes zu den echten Quellen seines geistigen Wohlstandes“[50], damit die Völker in der Zeit der äußeren Triumphe nicht verarmen mögen.
 
Nachdem es dem italienischen Staat durch den deutsch-französischen Krieg endlich ermöglicht wurde, Rom einzunehmen, ging der Traum vieler Risorgimento-Aktivisten in Erfüllung, die ewige Stadt nicht als caput mundi, sondern als Roma capitale zu sehen. Die profane Hauptstadt, die schließlich entstand, hatte jedoch wenig Ähnlichkeit mit dem von Mazzini erträumten Dritten Rom, das als gescheiterte Zielvorstellung, als gescheiterter Traum fortlebte und als grandioses Versagen wie ein Alp auf den Gehirnen der Lebenden lastete.
Nüchtern betrachtet war der Umzug nach Rom für den jungen italienischen Staat nicht unbedingt ein Glücksfall. Denn mit der Verlagerung des Regierungssitzes vom weltoffenen und gelehrten Florenz in das aristokratisch-hinterwäldlerische Rom handelten sich die Italiener eine Dauerfehde mit dem empörten Papst und die Dauerbeobachtung durch die ums Kulturerbe bangenden europäischen Feuilletons ein. Spätestens mit dem Wechsel der Hauptstadt, der allerdings mehr Symptom ist als Ursache, wurde auch deutlich, daß die Italiener zunehmend dem europäischen Trend folgten und Nation weniger durch Kulturleistungen als durch Ab-und Ausgrenzung definierten. Die kosmopolitische Weltoffenheit der italienischen Einigungsbewegung drohte im Taumel der italienischen nationalen Identitätsfindung unterzugehen. Die Deutsch-Florentiner, ehemalige Revolutionäre und Epigonen gleichermaßen, verlegten sich nun auf das Vermitteln zwischen Heimat und Wahlheimat.
Einen besonderen Stellenwert hatte dabei Karl Hillebrands Zeitschrift „Italia“, in der nicht nur beinahe sämtliche bereits genannten Deutsch-Florentiner zu Wort kamen, sondern auch viele hervorragende italienische Wissenschaftler und Politiker, u.a. der Historiker Michele Amari und der durch seine Savonarola-Biographie sowie seine Schriften zur süditalienischen Frage berühmt gewordene Pasquale Villari.
Der spätere Hillebrand sagte von sich, er sei kein „Demokrat“; er war national gesinnt und schätzte Bismarck. Doch er erkannte, daß sich die freiheitlich-emanzipatorischen Implikationen des Begriffs „Nation“ schnell verschlissen und besonders in Deutschland auf martialische Außenabgrenzung reduzierten; bereits 1874 warnte er die Deutschen vor einem „leidenschaftlich-engherzigen Nationalgeist“.[51] Hillebrands Vita steht prototypisch für einen Intellektuellen, dessen Leben von der Revolution, mehrfachem Exil und der geistigen Auseinandersetzung mit mehrfach gescheiterten Hoffnungen geprägt war. Dieser Standpunkt ermöglichte es ihm, einen deutschen Nationalismus mit europäischer Dimension zu vertreten. Sein Freund Heinrich Homberger merkt dazu an:
 
„Um diese Persönlichkeit, diesen Schriftsteller zu erzeugen, mußten deutsche Weltanschauung und ausländisches, französisches, englisches, italienisches Leben sich vereinigen(...)Hillebrands Originalität bestand darin, daß sich bei ihm Angeborenes und Erworbenes, Eigenes und Fremdes so völlig durchdrangen, ohne Rest und ohne Riß, keine künstliche Zusammensetzung, sondern eine künstlerische Bildung(...)“[52]
 
Diese „künstlerische Bildung“ entstand aus einem durchaus epigonalen Bezug auf ein gesamteuropäisches Kulturerbe. In seinen Essays behandelt er jedoch auch Fragen zeitgenössischer Kunstentwicklung. Sein Gesprächspartner dabei war ein anderes Mitglied der deutschen Kolonie in Florenz, der aus Marburg stammende Bildhauer Adolph von Hildebrand.[53] Dieser lebte seit 1872 in dem ehemaligen Kloster San Francesco di Paola, das er mit Fresken im renaissancistischen und prämodernen Stil dekorierte. In diesem Kunstkloster lebte er zunächst mit Hans von Marees in kongenialer Freundschaft, später mit seiner Gefährtin und stetig wachsender Töchterschar. Hildebrand, in seiner Bildhauerei vor allem einem neoklassizistischen Stilempfinden folgend, nimmt in seinen theoretischen Schriften, aber auch in seinem Versuch, in San Francesco so etwas wie eine Einheit von Leben und Werk zu konstruieren, durchaus avantgardistische Impulse auf. Dies machte sein Haus nicht nur für die Deutschen, sondern auch für die englischen und angloamerikanischen Schriftsteller und Künstler wie Henry James oder Ethel Smythe interessant.
Künstler wie Adolph von Hildebrand und in anderer Weise auch Arnold Böcklin, der sich die Villa Bellagio ähnlich eklektizistisch ausgestaltete wie Hildebrand sein Kloster, antworteten auf den Überdruß an der Gründerära mit einem von Antike und Renaissance ausgehenden, dann freilich in die Moderne überleitenden Ästhetizismus.[54] Das Italien jedoch, in dem sie Tag für Tag lebten, geriet dabei nicht in den Blick. So schön jedoch das Künstlerleben in den idealen Häusern, der idealen Geselligkeit und oberhalb der idealen Stadt auch war, je mehr es dem geträumten und gemalten „goldenen Zeitalter“ zu gleichen schien, desto mehr wuchs die Italienwahrnehmung wieder hinüber in hergebrachte Muster, wie sie sich schon in Goethes römischem Arkadien finden; in den auf Goethe folgenden 200 Jahren erlebte dieses Italienbild zahlreiche Reprisen, neuerdings indes in vulgarisierter Form, sei es in der berüchtigten Caprisonne oder den Wochenendidyllen der „Toskanafraktion“.
Dem gegenüber steht das bewußte Leben in beiden Kulturen, der deutschen und der italienischen, die historisch, gesellschaftlich und politisch interessierte Italienwahrnehmung der Deutsch-Florentiner der Risorgimentozeit, mag sie nun epigonal-konservativ wie die Hillebrands, Grimms oder später Hombergers gewesen sein, oder revolutionär wie die Assings und Pulszkys. Hillebrands Zeitschrift „Italia“ und Assings Artikel und Biographien haben eines gemeinsam: sie wollen den jungen italienischen Staat, seine kulturelle, politische und soziale Physiognomie der ebenso jungen deutschen Nation nahebringen und damit ein Gegengewicht schaffen zum Gebrauch des Landes als bloße Staffage oder Projektionsfläche ästhetischer und anderer Sehnsüchte. Mit ihren Schriften wie mit ihrem Leben stellten die Deutsch-Florentiner eine vorher und nachher unerreichte Nähe zwischen Deutschland und dem Italien der Italiener her, vielleicht ein Grund, weshalb sie bisher in der deutschen Forschung kaum, in der italienischen schon eher auf Interesse stießen.
 
 
[1]          Benedetto Croce: Geschichte Italiens 1871-1915. Berlin 1928, S.7.
[2]          Harry Hearder: Italy in the Age of the Risorgimento 1790-1870.  London, New York 1983, (Longman history of Italy, 6), S.254.
[3]          Vgl. Giuseppina Rossi: Salotti letterari in Toscana. I tempi, l’ambiente, i personaggi. Firenze 1992, S. 47-54. Siehe auch: Christina Ujma, Rotraut Fischer: Deutsch-Florentiner. Der Salon als Ort italienisch-deutschen Kulturaustausches im Florenz der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Europa – ein Salon? Beiträge zur Internationalität des literarischen Salons. Göttingen 1999, S. 127-146.
[4]          Zur Entwicklung des Gabinetto Vieusseux vgl. :  Il Vieusseux. Storia di un Gabinetto di lettura 1819-2000. Cronologia, Saggi, Testimonianze. Hrsg. v. Laura Desideri, Firenze 2001.  
[5]          Antonio Gramsci: Il Risorgimento. Torino 1966 (9), S. 155.
[6]          Fanny Lewald: Reisebriefe aus Deutschland, Italien und Frankreich (1877, 1878). Berlin 1880, S.123.
[7]          Harry Hearder: Italy (wie Anm. 2), S.296.
[8]          Fanny Lewald: Reisebriefe (wie Anm.6), S.81.
[9]          Fanny Lewald: Caroline Unger-Sabtier. In: Zwölf Bilder nach dem Leben. Erinnerungen von Fanny Lewald. Berlin 1888, S.83.
[10]        Heinrich Heine: Die Romantische Schule. In: (Heinrich Heine:) Sämtliche Schriften in 12 Bänden. Hrsg. von Klaus Briegleb, München, Wien 1976, Bd. 5, S.463.
[11]        Vgl. dazu ausführlich Rotraut Fischer, Christina Ujma: Von der Lahn an den Arno. Otto Hartwig (1830-1903), ein hessischer und Hallenser Bibliothekar in Italien. In: Jahrbuch der Brüder Grimm-Gesellschaft VII, Kassel 1997/2001, S.66ff.
[12]         Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien. Hrsg. von Werner Kaegi, Jacob Burckhardt-Gesamtausgabe, Bd.5, Stuttgart, Berlin, Leipzig 1930, S.53.
[13]         Heinrich Homberger: Karl Hillebrand. In: Heinrich Homberger: Ausgewählte Schriften. Essays und Fragmente. Hrsg. und eingeleitet von Otto Gildemeister, München 1928, S.98.
[14]         Herman Grimm: Leben Michelangelo`s. 5.Aufl., Hannover 1879, S.3 und 7.
[15]         Giuseppe Mazzini: Goethe and Byron (engl. Im Original): http://www.bartleby.com/32/701.html [1.3.06].
[16]         Nach Ludmilla Assing: Vorwort zu: „Die nationale Presse in Italien von 1828 - 1860“ und „Die Kunst der Rebellen“. Zwei Schriften von Piero Cironi. Hrsg. von Ludmilla Assing, Leipzig 1863, S. 17f.
[17]         Franz Pulszky: Meine Zeit, mein Leben. Bd.4: Während der Verbannung in Italien. Preßburg, Leipzig 1882, S.192. Zu Philipp Schwarzenberg, der aus dem hessischen Melsungen stammte und in Abwesenheit zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt wurde, und zum politischen Umfeld der deutschen Demokraten nach 1848 siehe auch: Christian Jansen: Einheit, Macht und Freiheit. Die Paulskirchenlinke und die deutsche Politik in der nachrevolutionären Epoche 1849-1867, S.222ff. Düsseldorf 2000 (Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien e.V., Bonn).
[18]         Ludmilla Assing an Feodor Wehl. In: Feodor Wehl: Zeit und Menschen. Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1863-1885. Altona 1889, S.79f.
[19]         Ada von Treskow an Hermann Pückler-Muskau am 30.10.1865. In: Liebesbriefe eines alten Kavaliers. Briefwechsel des Fürsten Pückler mit Ada von Treskow. Hrsg. von Werner Deetjen, Berlin 1938, S.252ff.
[20]         Ludmilla Assing: Piero Cironi. Ein Beitrag zur Geschichte der Revolution in Italien. Leipzig 1867, S.294f.
[21]         Ludmilla Assing: Bei Giuseppe Mazzini. In: Die Gartenlaube Nr 41, 1889, S.650ff.
[22]         Ludmilla Assing: Dichter und Agitator. In: Die Gartenlaube Nr. 19, 1868, S.297.
[23]         Ebd., S.300.
[24]         Wolfram Mauser: Karl Hillebrand. Leben, Werk, Wirkung. Innsbruck 1960 (Gesetz und Wandel. Innsbrucker historische Arbeiten 1), S.88.
[25]         Ebd., S.89.
[26]         (Ludmilla Assing, anonym:)Florentiner Chronik. In: Neue freie Presse. Nr.1861, vom 13.2.1870.
[27]        Christina Ujma: Freundschaft, Freiheit, Revolution. Das Florentiner Risorgimento und seine Geselligkeit in den Schriften von Ludmilla Assing und Ferenc Pulszky. In: Makkaroni und Geistesspeise. Almanach der Varnhagen- Gesellschaft 2, hrsg. von Nikolaus Gatter, Berlin 2002, S. 323-338.  
[28]         Franz Pulszky: Meine Zeit, mein Leben (wie Anm. 17), S.161.
[29]         Ludmilla Assing: Der Bäcker von Florenz. In: Die Gartenlaube Nr.33, 1869, S.131f.
[30]         Aus Heinrich Hombergers Nachlaß. Selbstgespräche. Hrsg. und eingeleitet von Otto Gildemeister, München 1928, Zit. nach der Einleitung, ebd., S.XII.
[31]         Ebd.
[32]         Immagini a confronto: Italia e Germania. Deutsche Italienbilder und italienische Deutschlandbilder. Hrsg. von Angelo Ara und Rudolf Lill, Bologna, Berlin 1991 (Annali dell`Istituto storico italo-germanico Trento, Contributi 4), S.43.
[33]         Aus Heinrich Hombergers Nachlaß (wie Anm. 30),S.174f.
[34]         Ebd., S.173.
[35]           Weiter heißt es bei Homberger: „Der echte Deutsche hat keinen stärkeren Drang als den der Interpretation; er will einen Kommentar zur Existenz; diese ist ihm nur um des Kommentars willen wertvoll; und darum fühlt er sich gedrängt, unterzulegen, wenn es mit dem Auslegen nicht gehen will.“  
Diese Selbstdiagnose führt ein Dilemma vor: Shakespeare nämlich „legt nicht unter“, sondern „hält sich an den Text, und wo der dunkel und traurig ist, läßt er es bei dem Dunkel und der Trauer bewenden“. Genau dieses aber ist den Nachgeborenen nicht mehr möglich; sie erkennen sich nur wieder im Kommentar, nicht in den Formen gestalteten `Lebens` selbst, denen sie mißtrauen, weil sie von den Vorgängern erborgt sind. Ebd., S.176.
[36]         Heinrich Homberger: Karl Hillebrand, (wie Anm. 13), S.81.
[37]         Ebd., S.79.
[38]         Gert Mattenklott: Epigonalität. In: Ders.: Blindgänger. Physiognomische Essays. Frankfurt/Main 1986, S.98.
[39]         Ebd., S.82.
[40]         Herman Grimm: Die Maifeste in Florenz. In: Deutsche Rundschau 52, 1887, S.144. Zu Herman Grimm und Florenz siehe auch: Rotraut Fischer, Christina Ujma: Herman Grimm und das neue Florenz. In: Jahrbuch der Brüder Grimm-Gesellschaft VI, 1996/2000, S.163-174. 
[41]         Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon. (Geschrieben Dezember 1851 bis März 1852). Vorrede zur 3. Auflage. In: (Karl Marx, Friedrich Engels): Werke. Band 8, Berlin 1972, S.115.
[42]         Ebd., S.117.
[43]         Ludmilla Assing: Die Dante-Feier in Florenz. In: Deutsche Allgemeine Zeitung Nr. 118, 21.5. 1865.
[44]         Assing: Die Dante-Feier in Florenz. In: Deutsche Allgemeine Zeitung Nr.122, 27.5.1865. 
[45]         Assing: Die Dante-Feier in Florenz. In: Deutsche Allgemeine Zeitung Nr. 119, 22.5.1865.
[46]         Siehe Gert Mattenklott: Epigonalität (wie Anm. 36), S.88.
[47]         Ebd.
[48]         Herman Grimm: Die Maifeste, (wie Anm. 40), S.139-144.
[49]         Herman Grimm: Goethe im Dienste unserer Zeit. Vortrag, gehalten in Weimar den 2.Mai 1886 bei der ersten ordentlichen Generalversammlung der Goethe-Gesellschaft. In: Deutsche Rundschau 47, 1886, S.437.
[50]         Herman Grimm: Die Maifeste (wie Anm. 40), S.144.
[51]         Hans-Martin Gauger: Karl Hillebrand als Sprach- und Stilkritiker. In: Karl Hillebrand. Eretico d` Europa. Atti del Seminario (1-2-novembre 1984). A cura di Laura Borghese, Firenze 1986, S.40.
[52]         Heinrich Homberger: Karl Hillebrand, (wie Anm. 13), S.84.
[53]         Dazu umfassend: Sigrid Esche-Braunfels: Adolf von Hildebrand (1847-1921). Berlin 1993.  
[54]         Arnold Böcklin – eine Retrospektive. Hrsg. B.W. Lindemann, Öffentliche Kunstsammlungen/Kunstmuseum Basel, Heidelberg 2001.

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