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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 3
Grete Salus: Ein Engel war nicht dort. Ein Leben wider den Schatten von Auschwitz. Mit 17 Abb.Leipzig: Forum Verlag Leipzig 2005, 168 S, ISBN 3-931801-52-7, 12,80 €
Grete Salus’ Buch erscheint hier zum drittenmal in Deutschland, nun gegenüber den beiden vorigen Ausgaben erweitert und in einer sorgfältig gestalteten Taschenbuchausgabe. Die erste Ausgabe erschien 1958 unter dem Titel Eine Frau erzählt als Heft 36 der “Schriftenreihe der Bundeszentrale für Heimatdienst”, Bonn, die zweite Ausgabe 1981 unter dem Titel Niemand, nichts – ein Jude. Theresienstadt, Auschwitz, Oederan im Verlag Darmstädter Blätter.

Grete Salus, geb. Gronner, wurde 1910 in Böhmisch-Trübau, heute Ceská Trebová, geboren. Nach ihrer Schulausbildung studierte sie an einer Tanzschule in Dresden. Mit ihrem Mann, dem Arzt Fritz Salus, den sie 1934 geheiratet hatte, zog sie nach Prag, wo sie Tanz unterrichtete. 1942 wurden beide nach Theresienstadt, 1944 nach Auschwitz deportiert. Fritz Salus wurde dort, wie Grete Salus nach der Befreiung erfuhr, kurz nach der Ankunft ermordet; sie selbst wurde mit 500 anderen Frauen nach Oederan in Sachsen verbracht, in ein Außenlager von Flossenbürg, wo die Frauen in der Rüstungsindustrie und bei Bauarbeiten Zwangsarbeit leisten mussten. Im April 1945 wurden sie evakuiert und kamen schließlich mit dem Zug wieder nach Theresienstadt, wo sie im Mai zusammen mit etwa 17.000 Überlebenden von der Roten Armee befreit wurden. Grete Salus’ Bericht über diese Zeit beginnt mit dem Kapitel “Auf dem Transport” (d h. von Theresienstadt nach Auschwitz) und schließt mit der Befreiung in Theresienstadt, von wo sie nach Prag geht.
Der Neuausgabe wurde noch ein Brief der Autorin von 1959 an ihre Tochter Nomi beigegeben, aus dem der weitere Lebensweg von Grete Salus hervorgeht: Leben in Prag nach der Befreiung, Beziehung zu dem Überlebenden Francis Lanzer, Geburt der Tochter, Ausreise nach Israel 1949, zunächst zu ihrem Bruder Alfred (Shlomo) Gronner, dem einzigen Überlebenden der Familie, in den Kibbuz Ein-Gev, in der Nähe der syrischen Grenze; ab 1951 arbeitete sie als Tanzlehrerin im Kinder- und Jugenddorf “Hadassim”. 1965 zog sie nach Nethanya. Am 2. Februar 1996 ist Grete Salus gestorben.
Die Autorin ist eine genaue Beobachterin: Sie beschreibt das Geschehen wie die Menschen – wie sie sich verändern und auch verändern müssen, um das, was sie erleben, zu überstehen:
“Eigentümlich, wie viele Häute der Mensch zum Schutze seiner selbst trägt. Die erste ist noch sehr empfindlich und weicht dem ersten Anhauch […] und so fällt eine nach der anderen, bis die letzte bleibt, die ihn dann wie ein fester Panzer umgibt. Dieser Panzer umschließt aber auch schon einen anderen Menschen […].” (S. 21)
“Wenn das Grauenhafte ganz am Anfang mit voller Wucht” auf die Menschen eingestürmt wäre, so Salus, wären sie alle unterlegen, so konnten einige sich retten. Aber der Preis war hoch: es fiel schwer, nach der Befreiung wieder “den alten Menschen aus sich herauszuholen” (ebd.). Bei “diesem Leben gab es nur zwei heftige Triebe: Hunger und Angst”, schreibt sie an einer Stelle (S. 84), wo es um die Zwangsarbeit in Oederan geht: “Der Druck wurde immer stärker, der Hunger immer quälender. Dazu kam noch die große Angst, liquidiert zu werden, wenn keine Arbeit vorhanden war.” (S. 68) Während der Evakuierung aus Oederan – vor den nahenden Alliierten – in offenen Kohlewagen denkt sie: “Vielleicht müssen wir doch nicht sterben, werden wieder zurück können in ein normales Leben, normale Kleider tragen. Wieder Mensch sein in so einer netten, kleinen Stadt.” (S. 92) Zur Ankunft der Frauen in Theresienstadt – die Befreiung steht kurz bevor – schreibt Grete Salus: “Wir waren doch fast Totgesagte, der erste größere Transport Theresienstädter Frauen, der nun geschlossen ins Lager zurückkam.” (S. 98; die Hoffnung, das noch viele weitere Transporte zurückkehren würden, erfüllte sich nicht.) Die Situation der Befreiten schildert sie so:
“Was die Welt nach dem Krieg zu sehen bekam, das waren nicht gerade Repräsentanten eines heroischen Schicksals. Das waren arme verstörte Menschen mit nur einem Wunsch: alle KZ-Merkmale abschütteln und endlich normale Menschen werden, unter normalen Lebensbedingungen.” (S. 107)
Salus schildert die ständige Unsicherheit – dass sich die Häftlinge auf nichts verlassen konnten, nie wussten, was ihnen im nächsten Augenblick geschah. In Auschwitz wird ihr klar: “Eines fühlte ich ganz deutlich. Du mußt auf alles gefaßt sein und die letzten Konsequenzen aus diesen Erscheinungen ziehen. […] Man konnte nie wissen, was sich hinter einer scheinbar eindeutigen Handlung versteckte.” (S. 40) Dies hatte sie seit der Verfolgung durch die deutschen Nationalsozialisten erfahren: In Prag wurde ein Ausreiseverbot für jüdische Ärzte erlassen – also waren sie wohl vor Deportationen geschützt? Aber dann gab es Transporte nur mit Ärzten. Kriegsauszeichnung und Invalidität galten in Theresienstadt als sicherer Schutz – aber dann gab es Transporte nur mit im Ersten Weltkrieg Ausgezeichneten und Invaliden. In Auschwitz wurden Kranke gepflegt, bekamen Essen – um dann in den Gaskammern ermordet zu werden (ebd.).
Grete Salus war nicht lange in Auschwitz; als sie und die anderen Frauen das Lager verließen, war nicht klar: Werden sie in ein Arbeitslager transportiert? Werden sie in die Gaskammer gebracht und ermordet?
“Endlich, nach Stunden, die uns wie eine Ewigkeit schienen, wurde unser Transport zum Einwaggonieren ausgerufen. Vorher wurden wir sogar verproviantiert. Jeder bekam ein Brot, Wurst und Margarine. Das war der Beweis, daß unser Leben vorläufig gerettet, wir aufgerückt waren vom namenlosen Etwas zum deutschen Arbeitssklaven.” (S. 61)
Grete Salus erlebt, wie sich die Menschen, die im Lager eine Funktion haben, verwandeln:
“Ein süßes, zartes Frauengesicht – verzerrt zu lustvollem Genießen an den Qualen Hilfloser, Ausgelieferter. Das ausgeglichene Gesicht einer Matrone – aufgerissen von tobender Gier nach noch mehr Schmerzzufügen. Ein ruhiges, edles Gesicht – steinhart, grausam, kalt wird es bei jedem Flehen gepeinigter, gehetzter Menschen. […] Ich habe Angst vor Menschen. Ich habe vor nichts solche Angst wie vor Menschen.” (S. 41)
Salus beschreibt eine Selektion in Auschwitz: In ihrem Gesicht drückt sich Schrecken aus, was einen SS-Mann veranlasst, sie besorgt, “mit suggestiver Herzlichkeit” zu fragen, ob sie krank sei (S. 29). “Er hatte mich so lieb und menschlich angesehen, als ob er mir in den Mund legen wollte: Ja, ich bin krank.” (S. 32) Wenn Grete Salus “Ja” gesagt hätte, wäre sie in der Gaskammer ermordet worden.
In Oederan gab es für 500 Häftlinge 30 Aufseherinnen; auch wenn Letztere, als die Niederlage Deutschlands absehbar war, behaupteten, “unter Zwang SS-Aufseherinnen geworden zu sein”: ihre Motive waren, wie Grete Salus schreibt, “die viel besseren Lebensbedingungen bei der SS” sowie die Möglichkeit, Macht über andere – die Häftlinge – zu haben (S. 72). Zur Oberaufseherin, vor der wiederum die Aufseherinnen zitterten, heißt es: “[…] wir haben erlebt, wieviel Vergnügen sie daran fand, Menschen zu quälen.” (S. 73) Es gab in Bezug aufs Personal solcher Lager positive Gegenbeispiele, etwa den Betriebsleiter eines Außenkommandos in den Sudeten, der dafür sorgte, daß die Nahrungsmittel nicht zum Teil vom Lagerpersonal abgefangen wurden und daher die Häftlinge nicht hungerten (ebd.); doch gab es nicht viele solcher Menschen. In Oederan steckten Arbeiter den Häftlingen gelegentlich etwas zu essen zu – allerdings die meisten von ihnen “erst unter dem Druck der Ereignisse” (S. 76), angesichts der heraufziehenden Niederlage: “Ich hätte all diese Arbeiter gern zu einer Zeit gesehen, da sie noch erfolgreich waren und der nationalsozialistische Himmel alle seine Segnungen über sie ausschüttete. Da wäre ihre heutige Haltung von uns als Heldentat gefeiert worden.” (S. 77)
Grundsätzlich gilt, dass das Arbeitsverhältnis ein gewisses Näherkommen zwischen Arbeitern und Häftlingen bewirkte – ein Phänomen, das auch in Bezug auf die SS zutreffen konnte: “Ein berüchtigter SS-Mann behandelte die Häftlinge womöglich direkt jovial, wenn sich ihm die Gesichter der Arbeitsgruppe eingeprägt hatten. Andere, die er nicht kannte, schlug er halb tot.” (S. 78) Um eine solche Nähe zu vermeiden, zögerte man, jüdische Häftlinge in den Arbeitsprozess einzureihen, und wechselte oft das Personal (ebd.). “Dieses sich Kennen rettete vielen Gefangenen das Leben, denn wahrscheinlich machte es doch einen Unterschied, ob man in ein bekanntes Gesicht hineinschoß oder in eines in der unbekannten Masse.” (Ebd.)
Grete Salus hat ein wichtiges Buch geschrieben, das dem Leser nahegeht, mit exakten Beschreibungen dessen, was ihr und zahllosen anderen widerfahren ist. In ihrem Bericht wird sehr klar deutlich, welcher Willkür die Frauen, die Gefangenen von Konzentrationslagern überhaupt, ausgesetzt waren. Und – man sollte es sich immer wieder sagen, um sich die Ungeheuerlichkeit der Shoah noch klarer zu machen: ohne jeden Grund: sie alle hatten nichts getan, was irgendeine Art von schlechter Behandlung gerechtfertigt hätte – und sie wurden diskriminiert, verfolgt, gequält, entwürdigt, mussten Zwangsarbeit verrichten, durch die viele starben, wurden ermordet.
Bei der Evakuierung aus Oederan blieben die Frauen tagelang ohne Nahrung; eine Aufseherin beklagt sich, dass ihre Kleidung in ihrem Koffer zerdrückt sei, sie schon einige Tage nicht richtig gebadet habe, dass sie nicht richtig satt sei:
“Das erzählte sie uns, die wir schon halb verhungert waren, erzählte es aus der Gewohnheit heraus, uns nicht als Lebewesen zu betrachten. Diese gewohnheitsmäßige Ableugnung unserer menschlichen Existenz zeigte, wie erschreckend dieser Abgrund war, der diese Menschen von allem Menschlichen trennte. Sie waren nicht besonders böse. Es waren primitive Menschen, die man sicherlich von klein auf angehalten hatte, den Armen zu geben. Aber wir waren nicht arm, wir waren nur ein Nichts – ein Nichts.” (S. 96)
Einige Textteile der Neuausgabe des Buchs stammen von Gunter und Anne Krause, Heike Liebsch und Ruth Nowak, welche dafür gesorgt haben, dass eine Neuausgabe des Buchs erschien. Es dient der Übersichtlichkeit des Buchs, dass sie ihm drei Abschnitte mit dem Titel “Lebensweg” hinzugefügt haben, die, an verschiedenen Stellen in den Text eingeschaltet, Grete Salus‘ Lebensstationen der Jahre 1910–1945, 1945–1965, ab 1965 zusammenfassen. Zu lang ist der ausführliche, insgesamt 25-seitige Schlussteil, in dem sie nicht nur den Briefwechsel mit Grete Salus sowie mit Leah Aron, welche das Buch ins Hebräische übersetzt hatte, wiedergeben, sondern auch in einem Epilog u. a. ihre persönliche Prägung und ihre Lebensläufe beschreiben und erläutern, was sie auf ihrer Spurensuche über sich selbst erfahren haben. Einige Seiten über das Zustandekommen der Neuausgabe und den Kontakt zur Autorin hätten genügt; hier hätte man dann auch sagen können, welchen Grund Umstellungen und leichte Kürzungen im Vergleich zur Erstausgabe haben. Dieser Kritikpunkt ändert aber nichts an der Bedeutung des Buchs und daran, dass den Herausgebern Dank gebührt, dass sie, mit dem Verlag, diese Neuausgabe ermöglicht haben.
Thomas Reichert
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