Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 3


 

Eine metaphorische Theorie der Globalisierung

Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals: Für eine philosophische Theorie der Globalisierung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2005, 415 S., 24,80 €

Hatten einst die Rezensenten über die »Monströsität« des »Sphären«-Projektes geächzt und daraufhin das Ende der »großen Erzählungen« verkündet, so ächzt nun der Autor im ersten Kapitel seines »Seitenflügels« über eben jene Verkündung als »Meta-Großerzählung«, die einem »intellektuellen Mythos« gleich käme. Den fünf gescheiterten Erzählungen der christlichen, der liberal-progressiven, der Hegelschen, der marxistischen und der faschistischen Machart folgt jetzt die sloterdijksche Narratio. Nach dem Reffen des zweieinhalbtausender Großsegels, wird nun das Rahsegel gesetzt.

Sloterdijk ist ein sprachlicher Jongleur. Ein Akrobat des metaphorischen Denkens, medial present und einzigartig. Er provoziert, pointiert und übertreibt zuweilen. So ist er auch ein neben das Seil Tänzelnder, ein Abrutscher. Gelegentlich zumindest, seit Erlangen weiß auch ich es. Und dennoch, perspektivistisch souverän, greift er auf und analysiert, analogisiert, was auch immer sich anbietet. Und das meint bei ihm alles, was in den letzten Jahren irgendeinen medialen Schlagwortwert hatte. Kenntnissreich werden hier Metaphern entblättert, die manchmal anmutig, oft beindruckend und gelegentlich an der Sache vorbei konstruiert sind. Von den Piraten wird noch zu schreiben sein.

Was im Volksmund als Globalisierung kursiert, wird bei Sloterdijk als das Ende eines dreiphasigen Prozesses verortet. Die Stadien lassen sich einerseits durch die jeweilig dominanten symbolischen und technischen Medien differenzieren und andererseits durch die jeweiligen Modi der Welterzeugung. Auf die »morphologische« oder auch »onto-morphologische Globalisierung« der Griechen folgt die »terrestrische Globalisierung« der Neuzeit. Beginnend mit Kolumbus und Magellan liegt der Abschluß dieser Phase irgenwann zwischen Bretton Woods und der portugisischen Nelkenrevolution. Die dritte Phase ist prozessural die »elektronische Globalisierung«, statisch aber auch gleichzeitig das »Zeitalter der Globalität«.

In der kosmologischen Betrachtungsweise ist der Himmel und die Erde, das Oben und das Unten noch vollkommen klar durch den Modus der Emanation voneinander geschieden. Der Kosmos bildet die alles umfassende Sphäre des Seienden, in der der Himmel die letzte umschließende Hülle ist und die Erde der Mittelpunkt des Universums. Die Kugel ist die »Geometrie der Geborgenheit« und die »Ästhetik der runden Dinge«, der erst später die Ästhetik des Hässlichen, des irdisch Unvollkommenen zu Leibe rückt. Daher waren die einstigen Ästheten immer auch zugleich Geometer. Die gedankliche Ausmessung dieses Himmels versteht Sloterdijk als erste Globalisierung. Mit der Weiterentwicklung der Schifffahrt und den ersten Erkundungsfahrten entlang der afrikanischen Küste, tritt die Globalisierung schließlich in ihre zweite und eigentliche Phase der »Inbesitznahme« der Welt ein. Das »Zeitalter der europäischen Expansion« wird bei Sloterdijk zum Sinnbild der richtig verstandenen Globalisierung. Die zunehmende Verdichtung der Raumpunkte auf den Karten und Globen führt im gleichen Maße auch zu deren Nivellierung. Ein Standort gilt soviel wie der andere, sie werden gleichbedeutend und das Innen gegenüber dem Außen verschwimmt. Die »mappamundo« ersetzt nun die »Poetik des natalen Raumes« als ortsbestimmendes Utensil. Die zweite Phase markiert bei Sloterdijk aber zudem auch das, was bei Hegel noch einen positiven Ausblick hatte. Nämlich das Ende der Geschichte, was uns hier aber auch gleichzeitig zum Ende der Philosophie führt. Denn »Philosphie« ist nach Sloterdijk die Datierung der Frage »wer wir [sind] und was wir zu tun haben [...] in der Geschichte«. Die Implikation des Endes der Philosophie war freilich vom Autor nicht intendiert. Denn die nächsten dreihundert Seiten der »philosophischen Theorie« wären dann schwerlich rechtfertigbar. In der dritten Phase ist schließlich die Verdichtung und Synchronisierung des Raumes aufgrund der in der atmosphärischen Hülle zirkulierenden »Flugzeuge und Funksignale« charakterisiert. Dieses »Satellitenenvironment« nivelliert die Ausdehnung des »Planeten Terra« die erst durch die zweite Phase aus der Auflehnung gegen die terrestrischen Grenzen entstanden war. Die Entfernungen, die vormals bei den Seekundlern noch für ein Gefühl des Außen verantwortlich sind, werden durch die mathematischen Beschreibungen elektronischer Systeme zu einem gegen Null gehenden Grenzwert. Der Modus der Welterzeugung wechselt von »Initiative« zu »Hemmung«. Die »Tatzeit des Unilateralismus«, also der europäischen Expansion, ist in erfolgversprechender Perspektive nach Sloterdijk seitdem vorbei.

Im Zeitalter der Globalität reduziert sich die individuelle Freiheit nach des Autors Ansicht darauf, auf welche Route der »Verflachung« und auf welche couleur de saison wir hineinfallen wollen. Mithin auf die Freiheit »zwischen den Produkten für den Markt eine Wahl zu treffen – oder selbst solche Produkte zu erzeugen«. »Massenfrivolität« diagnostiziert Sloterdijk als das »Agens des Konsumismus«, dessen implizites Mehrkonsumgebot zum »Rang einer Systemprämisse« aufgestiegen ist. Die ständigen Appelle zur Belebung der Binnennachfrage können so als die Ablösung des Verschwendungsverbots durch das »Frugalitätsverbot« gedeutet werden.

Dass die Metapher des dostojewskijschen Kristallpalastes, ganz zu Schweigen von der des proustschen Salons des Grandhotels, im Zeitalter der Globalität ein »überholtes Symbol« ist und nicht ohne Modifikation adoptiert werden kann, sieht auch der Autor. Die Exklusivität generiert sich nun über Diskriminierungen der Zugänge und Zugriffe. Daten, Informationen oder auch Vermögen nehmen die Plätze der einst abschirmenden Glasfassaden ein. Nur noch an äußeren Extrema bedient man sich noch der alten Methoden. Denn was im Süden der USA zwar nur massiv zu bewerkstellen ist, wird in Europa und Australien durch das eherne maritime Naß besorgt.

Sloterdijk bedient sich durchweg des philosphischen Gebrauchs von Metaphern und Bildern. Dies führt bei ihm allerdings auch zu »Suggestionen und Sinnverdrehungen«. So lernen wir zum Beispiel in seiner »Theorie des Piraten«: Die Piraterie sei die erste Unternehmensform des Atheismus, die in den Sicherheitslücken des 16. und 19. Jahrhunderts zum Wirtschaftszweig aufstieg. Übersehen wird dabei wohl, dass die Piraterie weder eine Erscheinung der Neuzeit, noch der europäisch-merkantilistischen Ökonomie war. Bereits im 14. Jhd. v. Chr. diente die Kaperfahrt einem einzigen Zweck: dem Beutemachen als Erwerbsquelle und dies sowohl im zyprischen Mittelmeeraum als auch im japanischen Meer bei den, zugegeben zeitlich späteren Wokou. Zudem lassen sich in der Odyssee markante Stellen angeben, in denen gerade die Götterfurcht der Seeräuber besungen wird. Ohne Zeus' Beistand und Belohnung wären solcherlei Fahrten völlig hoffnungslos gewesen.

Ähnlich verdreht verhält es sich, wenn der Erfolg des Unilateralismus an der vermeintlichen Fähigkeit der Europäer bestimmt wird, einen gewissen »Eigen-Raum[s]« an den entlegensten Orten zu wahren. Begründet wird dies mit dem Hinweis, dass hingegen »nach Europa importierte Insulaner« schnell ihre »Koordinaten« verloren haben. Die Gegenwart bestätigt: eine »philosophische Theorie« sollte sich eben auch mehr der Theorie widmen als den Metaphern.

Bei aller Globalisierung plädiert Sloterdijk am Ende für die »Ausdehnung-am-Ort«. Der Lokalismus ist das Fundament der demokratischen Ordnung. Aus der Bürgerschaft heraus werden die Anwärter für die öffentlichen Aufgaben rekrutiert und im Sinne eines »Lokalegoismus« bringen sie die Interessen in den Diskurs ein. Mehr als ein politisches Fundament, ist der Lokalismus in Form von Sprachen, Traditionen und Kultur aber der Grundstein der Sozialisation, mithin des »In-der-Weltseins« schlechthin. Allzu »Liberale« übersehen häufig diese Grenzen der Unhintergehbarkeit lokaler Räume. An den »Exegeten des spekulativen Kapitalismus« liegt es zu zeigen, dass sie nicht global operierende Sekten sind, die dem »Kapitalismus als Religion« frönen und dass die »demokratische Nation« auch weiterhin bestehen wird. Denn auf Dauer können sie ihre bisherige »ästhestische und moralische Akzeptabilität« nicht legitimieren. Sloterdijk‘s think local-These ist diskutierbar, die Lesenswertigkeit seines Buches nicht.

Sebastian Rinas

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