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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 3
Auch Marburgs Garant für experimentell-innovatives Theater „german
stage service“ leistet seinen Beitrag zur deutschen Dramaturgie der
FIFA-WM 2006: 90 Minuten spannende Unterhaltung zum Thema Fußball und
das auf höchstem Niveau.
Marc Becker (Jg. 1969) liefert als Autor und bekennender Werder Bremen Fan
mit seinem Stück eine ideale Vorlage und das Spiel gewinnt schließlich
verdient (!) das ganze Ensemble um Rolf Michenfelder. „Der Ball ist
die rollende und fliegende Zeit...“, heißt es schon am Anfang
und die Zuschauer erwartet das vierfach aus einer VIP- Lounge heraus kommentierte
Fußballspiel. Drei Damen in Abendgarderobe (herrlich ausgespielt von
Mosa Anne Essel, Meri Koivisto und Stefanie Tauber) und der Moderator im Günter
Netzer- Abend-Outfit, ein Herr Westermann, Westernhagen, Westerbauer oder
gar Westerwelle... wie auch immer (Rolf Michenfelder) rauchen die riesigen
VIP-Aschenbecher voll, bedienen alle Klischees und erklären dabei doch
die Welt.

Michenfelders Inszenierung spielt mit der Lust am Zuschauen und Besserwissen.
Acht grüne Stühle und eine harte Trainerbank stehen für die
vier Protagonisten bereit, um sich mit den Fernseh- oder Stadionzuschauern,
den stets besten Spielern am Rand des Feldes, zu identifizieren.
Fußballfieber und Stadionrausch als Allegorie auf das Leben. Da ist
Spielwitz gefragt und der wird auch geboten. „Ausgleich in der 55. Minute!“
Der Stadiongesang folgt nun prompt, aber leise flüsternd und akzentuiert
als À Capella- Darbietung: „Hurrah, hurrah, wir sind wieder da!“
Die einzelne Person ist hier nicht mehr sie selbst, sie löst sich vielmehr
in der Masse auf. „Wie eine Kopfschmerztablette im Wasserglas...“
Kritische Töne also. Aber dann schießt ein Stürmerstar namens
Heinzi Canoulli „unser“ Team sogar in Führung. „Wahnsinn!!“
Die Skeptikerin im Spiel muss sich nun zurückhalten, denn der Moderator
weiß: „Jetzt hätten natürlich alle gern unsere Ausstrahlung.“
Die Fanverbrüderungsszenen mit Schlachtenbummlerphrasen: „Ihr -
könnt – nach – Hause fahrn, ihr könnt - nach Hause fahrn!“
sind unglaublich komisch. Im Publikum werden Tränen gelacht und eben
auch von anwesenden aktiven Fußballspielern der alternativen linken
Bunten Liga Marburgs, die offenbar einen Vatertagsausflugsziel mit gehobenem
Anspruch gesucht hatten (und fanden). Woran liegt das?

Immer wieder gelingt es den Schauspielern, das Bekannte mit Brüchen
zu präsentieren. Dass Fußball ja zur Zeit nicht nur den Konsum
(von fair gehandelten Fußbällen bis zum Weltmeisterbrot) prägt,
sondern längst auch die Lage der Nation mitbestimmt, ist allgegenwärtig.
Völlig selbstverständlich wirkt daher die videoübertragene
TV-Ansprache eines Allerwelts-Kanzlers (Matti Fischer): „Liebe Menschen...!
Wir könnten theoretisch glücklich sein... Uns geht es wie es geht...
Aber, ihr spielt euer Leben nicht für Euch! Ihr spielt euer Leben für
alle da draußen!“ Nur eine Ton- und Bildstörung bringt ihn
zum Schweigen. Politik erscheint hier so langweilig wie Fußballberichterstattung.
Wer denkt nicht an den legendären Heribert Fassbender („Es steht
jetzt 1:1. Es hätte auch umgekehrt sein können“) wenn Michenfelder
sagt: „Das ist in der Tat eine Überraschung, die auch mich überrascht.“,
oder eine langweilige Spielsequenz so kommentiert „Fleischmann. Krautner.
Der wieder zu Bartels.“ Gekonnt wird damit ein Running Gag vorbereitet.
In der zweiten Spielhälfte sagt der Moderator nur noch „Fleischman.“
Und das Publikum lacht laut auf. Massenszenen spielt
german stage mit einer großen Bandbreite verschiedener chorischer Elemente,
die paßgenau kommen und das Publikum gleichermaßen in Atem halten
wie begeistern. Das Timing der Einsätze ist so exakt wie gut trainiertes
Kurzpassspiel.
Wiedererkennungseffekte der eigenen Lust an der (legitimierten) Beschimpfung
des Fernsehers oder sogar des leibhaftigen Schiedsrichters („Schiri,
wir wissen wo dein Auto steht!!“) lassen so manchen Zuschauer mit dem
Kopf schütteln wie bei dem Ausruf: „Jetzt hat der den Krautner,
die dumme Sau, schon wieder aufgestellt!“

Fußballbegeisterung oder Fußballskepsis hat gleichermaßen
etwas mit uns selbst zu tun.
Und trotzdem. Wer einmal im Stadion war und den Zauber von Bier im Plastikbecher
und überteuerter Bratwurst und die ganze tragische Wirkung dieses realen
Theaters - z. B. eines Abstiegsspiels im Müngersdorfer Stadions - miterlebt
hat... Der geht wieder hin. Und die anderen sollen halt wegbleiben. (Es wollen
ja sowieso 80% der Menschen in Deutschland ihr Leben mit jemand anderem tauschen,
sagt Marc Becker.)
Hingehen sollte man aber ins G-werk. (Aföllergelände)
„Wir im Finale“ - Die gelungene Produktion von Manuela Weichenrieder
ist für Fans und Skeptiker ein absolut sehenswertes Vergnügen.
18./19.29. und 25./26.27. Mai 20.00 Uhr.
Erika Schellenberger-Diederich
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