Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 3


 

"Das Ziel von "Regieren" kann nicht mehr sein, Ordnung herzustellen [...], sondern mit notwendiger Unordnung kompetenter umzugehen"

Gespräch mit dem Bielefelder Soziologen Helmut Willke

 

"Diese Leitidee verfolge ich nun seit gut dreißig Jahren, und ich habe nicht vor, nach so kurzer Zeit das Projekt schon zu beenden"

Marburger Forum: Herr Prof. Willke, nach der im Suhrkamp Verlag erschienenen Trias: "Atopia", "Dystopia" und "Heterotopia", die sich mit der "Krisis des Wissens" und der "Krisis der Ordnung moderner Gesellschaften" beschäftigen, legen Sie nun mit dem "Grundriss" eine Untersuchung der gesellschaftlichen Symbolsysteme vor ("Symbolische Systeme. Grundriss einer soziologischen Theorie", Velbrück Wissenschaft, 2005). Sie weisen nach, dass diese Systeme Mythen ihrer eigenen Steuerbarkeit transportieren, die sich im Kern nicht von den etwa von Ernst Cassirer untersuchten Mythen des archaischen Denkens unterscheiden. Über diesen hochwichtigen Punkt wird ausführlich zu reden sein. Beginnen wir aber mit einigen Fragen zu Ihrer Person. Sie haben mit Niklas Luhmann in Bielefeld zusammengearbeitet und entwickeln nun, nach seinem Tod, die Systemtheorie so weiter, dass ihr theoretisches Instrumentarium auch die jüngste gesellschaftliche Entwicklung erreicht, also alles das, was unter dem Terminus "Globalisierung" zusammengefasst wird. Schildern Sie doch bitte für unsere Leserinnen und Leser die Stationen Ihres Ausbildungsweges - wie sind Sie zur Soziologie gekommen?

Helmut Wilke: Über die Rechtswissenschaft. Ich habe ab 1968 in Tübingen Jurisprudenz studiert und bin dort ganz früh mit den rechtswissenschaftlichen und organisationswissenschaftlichen Arbeiten von Niklas Luhmann in Berührung gekommen. Für mich war das eine erfrischend andere Perspektive als die der klassischen Rechtwissenschaft. Gunther Teubner war damals schon Assistent an der juristischen Fakultät. Er öffnete mir die Augen für die Besonderheit und die Berechtigung des Luhmannschen Ansatzes, was gar nicht so einfach war, weil damals jeder junge kritische Student, der etwas auf sich hielt, natürlich für den "Progressiven" Habermas und gegen den "Konservativen" Luhmann war.

Die Beschäftigung mit Luhmann bewirkte zunächst, dass ich Rechtwissenschaft allein nicht mehr für ausreichend hielt und so etwa um 1970 Soziologie als zweites Studienfach wählte. In meiner juristischen Dissertation habe ich mich intensiv mit Luhmanns Grundrechtstheorie beschäftigt, aber bereits in meiner soziologischen Habilitationsschrift suchte ich die Auseinandersetzung mit Luhmanns Systemtheorie mit der Absicht, sie in Richtung einer Steuerungstheorie komplexer Sozialsysteme auszubauen. Diese Leitidee verfolge ich nun seit gut dreißig Jahren, und ich habe nicht vor, nach so kurzer Zeit das Projekt schon zu beenden.

Ich hatte dann das große Glück, 1982 bereits während meines Habilitationsverfahrens einen Ruf nach Bielefeld zu erhalten. Besser hätte es für mich nicht kommen können - und ziemlich plötzlich war ich Kollege des von mir bewunderten Meisterdenkers.

 

"Als Mensch war Luhmann eine ganz außergewöhnliche Mischung von Bescheidenheit, Indifferenz und Monomanie"

MF: Man kann also sicherlich sagen, dass die Begegnung mit Niklas Luhmann von großer Wichtigkeit für Sie war. Luhmann hinterlässt ein immenses Werk, dessen Bedeutung selbst in, etwa philosophischen, Fachkreisen immer noch nicht ausreichend erfasst wird. Könnten Sie versuchen, eine kleine Skizze des Menschen und Universitätslehrers Luhmann zu geben?

Helmut Willke: Schwierige Frage. Darüber könnte man mehrere Bücher schreiben. Als Mensch war Luhmann eine ganz außergewöhnliche Mischung von Bescheidenheit, Indifferenz und Monomanie. Ich habe mich nie als sein Schüler gefühlt, sondern als sein jüngerer Kollege. Daher ist mein Bild sicherlich anders als das einiger seiner wenigen Schüler. Er machte es anderen Menschen schwer, ihn als Mensch kennen zu lernen. Seine Lebensrolle war die des Autors. Er lebte primär in und mit seinen Büchern und Buchprojekten, alles andere war definitiv sekundär.

Als Universitätslehrer hatte es Luhmann in Bielefeld aus mehreren Gründen lange Zeit sehr schwer. Für die Studierenden war er "konservativ" und unverständlich, so dass über viele Jahre hinweg in seinen Veranstaltungen nur wenige Studierende saßen. Und den meisten Kollegen war er unheimlich und zu erfolgreich. Diese distanzierte Haltung änderte sich erst in den späten 1980er Jahren, als sein Weltruhm auch in Bielefeld zur Kenntnis genommen wurde.

Ich habe einige Seminare gemeinsam mit Luhmann veranstaltet und ich habe sehr viele Diplomprüfungen gemeinsam mit ihm durchlitten. Als Lehrer und Prüfer habe ich ihn für die Studierenden als zugänglich und human erlebt, begabt mit einem feinen Humor und einer nahezu unendlichen Geduld auch gegenüber den Unbegabtesten. Da ich selbst auch in Prüfungen deutlich ungeduldiger und auch beißender war - inzwischen hat sich das etwas gelegt - , habe ich gelegentlich von ihm ein merkliches Heben der Augenbrauen hinnehmen müssen.

 

"es geht mir darum, Luhmanns Werk und Denken für den praktischen Zweck der Systemsteuerung nutzbar zu machen"

MF: Welche soziologischen und philosophischen Bezugspunkte sind, neben der Systemtheorie, für Ihre Position von Bedeutung?

Helmut Willke: Meine "Position" ist vielleicht am kompaktesten damit charakterisiert, dass es mir darum geht, Luhmanns Werk und Denken für den praktischen Zweck der Systemsteuerung nutzbar zu machen. Die Ironie dabei ist natürlich, dass Systemsteuerung nicht möglich ist, jedenfalls nicht im üblichen Sinne. Also geht es mir darum, hoch elaborierte Konzeptionen für die Ermöglichung des Unmöglichen zu entwerfen. Zugleich beobachte ich, dass "Steuerung" tagtäglich passiert und die Basisintention aller Professionen darstellt. Lehrer, Ärzte, Therapeuten, Manager, Berater, Entwicklungshelfer, Politiker etc. machen nichts anders als den täglichen Versuch, in hochkomplexe Systeme steuernd einzugreifen, um zu verändern. Luhmann sagt: Das geht nicht. Ich sage: Das geht nicht mit den üblichen Trivialisierungen, aber es geht in einem angemessenen Modell der Steuerung komplexer Systeme, also in den beiden Formen der Selbststeuerung und der Kontextsteuerung.

Soziologische Bezugspunkte finde ich für diese Aufgabe außerhalb der Systemtheorie so gut wie keine. Die mainstream-Soziologie finde ich irrelevant und langweilig. Bezugspunkte finde ich dagegen in einigen Feldern der Familientherapie (Palo-Alto-Schule, Mailänder Ansatz), der Managementliteratur (Weick, Handy, Argyris/Schön, Quinn) und in einigen Bereichen der Politikwissenschaft (Etzioni, LaPorte, Strange). Aber all dies ist mehr Hintergrundsrauschen als konkreter Bezugsrahmen. Im Kern besteht die eigentliche Arbeit darin, mich von diesen Bezügen anregen zu lassen und sie dann ohne Reue zu vergessen.

Etwas anders steht es mit meinen philosophischen Bezugspunkten. Hier leiste ich mir den Luxus eines - mich selbst etwas überraschenden - Monotheismus: Ich habe nie etwas aufregenderes Philosophisches gelesen als Hegel. Hegel genügt mir. Ich mache mir einen Spaß daraus, Hegel gegen die üblichen Vorurteile zu verteidigen. Je mehr ich mich (wieder) mit Marx beschäftige - und das tue ich im Kontext meiner Forschungen zum globalen Finanzsystem - desto mehr bin ich von Hegel beeindruckt. Ich reklamiere ihn als genuin systemischen Denker, und ich werde dies auch in weiteren Arbeiten tun.

 

"es steht auf dem Spiel, ob eine sich entwickelnde Weltgesellschaft der unvermeidlichen Unordnung, Heteronomie, Diversität und Heterotopie gewachsen sein kann"

MF: Seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts ist die Welt in einen bislang beispiellosen Prozess der Umstrukturierung eingetreten, der alle Bereiche: der Politik, der Ökonomie, der Wissenserzeugung und Kunst und natürlich auch der privaten Lebensäußerungen umfasst. Welches sind für Sie die wichtigsten Merkmale der Globalisierung?

Helmut Willke: Da ich dazu mehrere Bücher geschrieben habe, kann ich mich hier kurz fassen. Es geht mir weniger um die Merkmale der Globalisierung als um die Frage, wie eine systemische Perspektive dabei helfen kann, die konstituierenden Paradoxien der Globalisierung zu begreifen, um Folgerungen für die Rekonstruktion valider Modelle von globaler Governanz ziehen zu können. Auf der einen Seite geht es um eine fundamentale Revision von Demokratie als Herrschaftsform ("from government to governance"), auf der anderen Seite steht auf dem Spiel, ob eine sich entwickelnde Weltgesellschaft der unvermeidlichen Unordnung, Heteronomie, Diversität und Heterotopie gewachsen sein kann.

MF: Die Kommunikationsmedien und Symbolsysteme der Nachmoderne sind, Sie sagten es schon, nicht direkt steuerbar - d.h. wir müssen uns gerade in einer Welt, deren lokale Probleme immer stärker von vornherein in einer planetaren Relation stehen, vom Mythos des Gesamtüberblicks und der ihm entsprechenden Idee einer "Regierbarkeit" der Welt verabschieden?

Helmut Willke: Diese Frage hängt mit der vorigen zusammen. Einen Gesamtüberblick gibt es schon lange nicht mehr. Aber der ist für Regierbarkeit auch nicht erforderlich. Horizontale Subsidiarität und Polyzentrizität komplexer Systeme verteilen die Last der Systemsteuerung auf viele Schultern (Funktionen und Ebenen). Regierbarkeit ist nicht ein Zustand, sondern eine Relation zwischen Ansprüchen und Ressourcen des Regierens. Um einen sehr komplexen Sachverhalt forciert vereinfacht auszudrücken: Die Ansprüche an das klassische Regieren müssen deutlich zurück gefahren werden, während zugleich neue Ressourcen des Regierens, vor allem Expertise und professionelles Wissen, wichtiger werden, um die Kernprobleme kollektiver Entscheidungsfindung auch nur annähernd lösbar zu machen.

Besonders interessant - und auch ermutigend - ist dabei, dass laterale Weltsysteme wie etwa das globale Finanzsystem, das Weltwirtschaftssystem, das globale Gesundheitssystem oder auch das globale Entwicklungs- und Hilfesystem, intelligente Formen der Selbststeuerung, also Formen von globaler Governanz entwickeln, welche die notwendige Dezentralisierung des Regierens (im Sinne von Governanz) unterfüttern und damit die Regierungsfähigkeit des Ganzen stärken: Allerdings eben nicht im Sinne einer kohärenten "Weltregierung", sondern im Sinne einer polyzentrischen Kompetenz, mit hoher Ungewissheit, mit hohen Graden von Unordnung und Heterogenität umzugehen. Anders formuliert: Das Ziel von "Regieren" kann nicht mehr sein, Ordnung herzustellen oder gar die herrschende Hyperordnung zu bewahren, sondern mit notwendiger Unordnung kompetenter umzugehen.

MF: Globalisierung, darauf weisen Sie und andere Autoren immer wieder hin, ist nicht gleich Universalisierung. Entsprechend führen Sie in "Heterotopia" aus: "In der Perspektive einer Dezentrierung der Wissensordnungen fällt auf, dass eine Homogenisierung der Wissenseliten nicht einmal mehr in Ländern wie den USA, Frankreich oder Großbritannien gelingt" (S. 276 f). Aber parallel zu diesen Prozessen finden gegenläufige statt: "Als hätte ein gigantischer evolutionärer Druck die Angleichung befohlen, treten die tradierten Unterschiede von Nationalität, Lokalität, Kultur, Sprache oder Religion weitgehend in den Hintergrund und machen einer globalen Homogenität der Professionen Platz" (a.a.O., S. 258). Gilt, was Sie hier für Professionen analysieren, nicht auch für andere Bereiche, etwa der Mode, der Musik, des Films, insgesamt der Medien, aber auch für die Familienstrukturen?

Helmut Willke: Nein. Professionen spielen eine ganz besondere Rolle. Sie sind die Nuklei der Wissensgesellschaft. Sie treiben als "communities of practice" die Wissensbasierung und Homogenisierung professioneller Arbeit. Sie etablieren den "best practice", der heute über globale Kommunikationsmedien gewissermaßen in Echtzeit und ortlos verfügbar wird. Entwicklungsingenieure, Analysten, Berater, Forscher, Lebensmittelchemiker, Veterinäre, Investmentbanker, Therapeuten, Ärzte etc. etc. arbeiten weltweit nach überraschend ähnlichen Kriterien. Darüber hinaus verstärken die entsprechenden global verteilten Organisationen und Institutionen professioneller Wissensarbeit die Entwicklung weltweit gültiger Subkulturen - etwa Forschungsinstitute, Unternehmen, Banken, Beratungsunternehmen, Investmentfonds, Kliniken etc.

Dem gegenüber gibt es viele Felder und Bereiche von Gesellschaft, die gerade aufgrund ihrer Diversität attraktiv sind und deshalb die Unterschiedlichkeit auch pflegen - etwa Mode, Musik, Literatur, Lebensstile, Freizeitverhalten etc. In allen diesen Feldern geht es weniger um Qualitäten des Wissens als um Qualitäten des Erlebens. Homogenität wäre hier widersinnig. Zwar gibt es hier weltweite Trends, aber jede Mode und jede Tourismus-Destination muss sich als singulär inszenieren, um als Besonderes wahrgenommen zu werden.

Familienstrukturen sind ein interessanter Fall. Hier sehe ich beide Momente gleichzeitig am Werk. Ich sehe eine generelle Homogenisierung im Zuge der Modernisierung, also einen säkularen Trend zur Kleinfamilie, zur Normalität von Scheidung und zum Rückgang der Kinderzahl. Zugleich aber differenzieren und diversifizieren sich mögliche Formen von Familie bis hin zum fröhlichen Single einerseits, zur Wiederentdeckung der Großfamilie andererseits.

 

"Nicht nur die Lenkbarkeit des Ganzen ist reine Illusion, vielmehr ist bereits die bloße Lesbarkeit des Ganzen unmöglich"

MF: Sprechen wir weiter von den Mythen der Moderne. Das animistische Denken geht nach Cassirer von einer "direkte[n] Beeinflussbarkeit aller Elemente durch alle anderen in einer einheitlichen Welt" aus (Symbolische Systeme, S. 181). "In den meisten Alltagstheorien und noch in vielen elaborierten Modellen von Erziehen, Therapieren, Beraten, Regieren oder Managen ist dieser Animismus ungeschwächt und die Mythen des alten Denkens sind ungebrochen" (ebda.). Gilt dieser Schluss nicht a fortiori von den "großen Erzählungen" der Moderne überhaupt, also etwa von den Utopien einer "befreiten Gesellschaft" (Kritische Theorie, Bloch etc.), letztlich aber von allen theoretischen oder auch religiösen Vorstellungen, die von der Einheitlichkeit und Gesetzmäßigkeit, also auch der Lenkbarkeit eines Ganzen ausgehen?

Helmut Willke: Nicht nur die Lenkbarkeit des Ganzen ist reine Illusion, vielmehr ist bereits die bloße Lesbarkeit des Ganzen unmöglich. Wer für das Ganze zu sprechen behauptet, ist gefährlich. Daher geht es heute eher darum, den Fundamentalisten jeglicher Couleur, von Marktfundamentalisten über Wertefundamentalisten bis zu religiösen Fundamentalisten die Zumutung von Diversität und Differenz entgegen zu setzen. Eine "befreite" Gesellschaft ist in erster Linie eine Gesellschaft, die vom Zwang zur Einheitlichkeit und Homogenität befreit ist und statt dessen Entfaltungsmöglichkeiten für Differenzierung bietet.

MF: Der Maßstab kritischen Denkens kann also nicht mehr die Idee eines "wahren Ganzen" sein. Worauf kann sich dann aber eine Kritik an heutigen Gesellschaftsprozessen stützen, die doch offenbar so notwendig ist wie je - angesichts dessen, dass "neue Mythen zu den Menschen sprechen, nicht nur die Mythen der Massenmedien, sondern nachhaltiger und untergründiger noch die Mythen der großen Symbolsysteme, die Mythen der Macht, des Geldes, der Moral, des Wissens, der Liebe oder des Rechts. Und vieles weist daraufhin, dass nun im Gegenzug das eigene und selbstbestimmte Sprechen der Menschen verstummt" (S. 182)?

Helmut Willke: In meiner Atopia-Trilogie habe ich genau auf diese Frage eine Antwort versucht. Ich meine, dass eine Erschütterung der Mythen der Moderne erforderlich ist, um Freiraum für unkonventionelles Denken zu schaffen. So sehe ich die Gewalt von Territorialität, wie sie der Nationalstaat pflegt, als eine der tragenden Mythen der Moderne an. Dieser Mythos kann durch Prozesse der Globalisierung und Entterritorialisierung, durch die Forcierung von Ortlosigkeit in seiner Zwanghaftigkeit gebrochen werden. Auch der die Moderne prägende Mythos eines immer besseren und vollständigeren Wissens erscheint mir unheilvoll, weil er die Bedeutung von Nicht-Wissen und Zweifel negiert. In einer konstruktivistischen Perspektive sind Kompetenzen im Umgang mit Nichtwissen ebenso wichtig wie Kompetenzen der Generierung und Nutzung von Wissen.

Und schließlich geht es mir darum, den vielleicht perplexesten Mythos der Moderne, den Mythos der Hyperordnung, zu destruieren. Die Moderne verteufelt Unordnung, aber Unordnung ist der Nährboden für Autonomie und Freiheit. Statt weiter Ordnung zu produzieren (etwa über weitere Verrechtlichung, Regulierung, Standardisierung etc.), ginge es eher darum, die Orte und Formen möglicher Unordnung und organisierter Anarchie zu bestimmen, so dass eine neue Balance von Ordnung und Unordnung machbar erscheint.

 

"In soziologischer Sicht [...] ist Moral eine Kategorie der Vormoderne"

MF: Sie nennen in dem oben zitierten Satz die Mythen der Macht und des Geldes gleichrangig neben denen der Moral, des Wissens, der Liebe und des Rechts. Die universelle Moral der Menschenrechte, mit ihrem Anspruch, verbindliche Regeln für das Leben aller Menschen entwerfen zu können, wäre also nur ein Mythos? Ist folglich das " Abendland" "Geschichte", ist in einer "fundamental inhomogenen neue[n] Welt globaler Systeme [...] die Idee einer übergreifenden Moral nicht haltbar" (Heterotopia, Kap. 5, Globale Moral: Die Heterodoxie der Glaubensordnungen, S. 319) - obgleich, s.o., die tradierten Unterschiede zwischen den Nationen, Kulturen, Sprachen oder Religionen von den Symbolsystemen in den Hintergrund gedrängt werden?

Helmut Willke: In soziologischer Sicht, also auf soziale Systeme bezogen, ist Moral eine Kategorie der Vormoderne. (Sie hat aber nach wie vor eine Bedeutung für die Person). Die Moderne, und insbesondere moderne Gesellschaften, haben in blutigen Bürgerkriegen gelernt, dass eine universelle Moral unbegründbar ist und dass Widersprüche zwischen verschiedenen Moralen nicht rational auflösbar sind. Sie haben an die Stelle von Moral und Ethik die geniale Idee einer "prozeduralen Vernunft" gesetzt und sie als positiviertes Rechtssystem institutionalisiert. Luhmann hat diese historische Leistung als "Legitimation durch Verfahren" gefeiert und er ist dafür gnadenlos geprügelt worden. Umso mehr ist daran fest zu halten, dass es überhaupt keine nicht-repressive Alternative zur Legitimation durch Verfahren und zu einer prozeduralen Rationalität gibt.

MF: Die Idee einer universellen Moral rekurriert auf einen Einheitsbegriff, der nicht mehr anwendbar ist. Damit fällt aber auch der alte Sinn-Begriff. Erläutern Sie bitte den für ein sich am alten Einheitsbegriff orientierendes Denken äußerst beunruhigenden Satz: "Differenzierung und Unordnung bieten der Konstruktion von Sinn eine Matrix von Verweisungen, die sich von keinem Architekten mehr zur Einheit zwingen lässt" (Symbolische Systeme, S. 230).

Helmut Willke: Sinn begreife ich zwar mit Luhmann als differenzlose Kategorie, aber Sinn kommt erst über Beobachtung, also Unterscheidungen, also Differenzen in Existenz. Sinn ergibt sich als vollzogene Selektivität im Kontext von Verweisungszusammenhängen, wobei erstaunlicherweise die negierten Optionen in Gedächtnissen (unterschiedlicher Art) erhalten bleiben oder, noch erstaunlicher, als Vorwärtsverweisungen in mögliche Zukünfte präsent sind.

Damit ist auch gesagt, dass eine Proliferation von Verweisungszusammenhängen die Möglichkeiten der Produktion von Sinn vervielfältigen. Funktionale Differenzierung und Spezialisierung, eine Vertiefung der Wissensbasierung und eine Verbreiterung der Basis für valide Systementwürfe, neue Möglichkeiten der Rekonstruktion von Vergangenheiten und der Projektion gegenwärtiger und zukünftiger Zukünfte von Systemen machen meiner Ansicht nach jede Hoffnung auf eine dann noch mögliche Einheit von Sinn zunichte. Für wen sollte eine solche Einheit auch interessant sein außer für einen maßlos eifersüchtigen Gott? Hegel hat in seiner Phänomenologie des Geistes den Vorrang der Differenz gegenüber der Einheit hinreichend begründet. Daran möchte ich auch heute noch festhalten.

 

"Die Kunst besteht darin, Differenzen zu streuen wie Samenkörner, um Diversität zu ernten"

MF: Wenn "die Realität der Massenmedien als eine Verlängerung des mythischen Denkens in die Moderne zu verstehen" ist (S. 264), ja die "umfassende Gesamtheit des massenmedial Präsenten [...] die Gesellschaft [ist] (ebda.), weil diese Medien eine bestimmte Art von Hintergrundwissen (Luhmann) bereitstellen, mit dem jede Kommunikation operiert - ist dann die Möglichkeit einer Gegenwehr gegen die Vereinnahmung durch die weltweiten Standards der Unterhaltungs- und Informationsmedien überhaupt noch denkbar?

Helmut Willke: Gegenwehr ist nicht nur denkbar, sondern notwendig und auch möglich. Allerdings nicht als blinder Protest, der seine Gegenseite nur stärkt, sondern als intelligente Subversion. Die Kunst besteht darin, Differenzen zu streuen wie Samenkörner, um Diversität zu ernten. Man kann die "global players", insbesondere die global agierenden Massenmedien nicht von außen beeindrucken. Dafür sind sie umso anfälliger für interne Differenzen. Der Hybris von "big is the answer" steht "small is beautiful" entgegen, der Allmacht der Marken die Idee des "no logo". Der Verführung von "mergers & acquisitions" stehen die immensen Kosten von organisations-kultureller Inkompatibilität ("cultural diversity") gegenüber, den Phantasien globaler Dominanz die frappierenden Erfolge der "start-ups" und "new comers".

Fällt Ihnen etwas auf? Warum sind alle diese Fachbegriffe in den vorigen Sätzen englisch? Es gibt vermutlich viele Gründe dafür. Aber ein Grund, den ich besonders ärgerlich finde, liegt für mich darin, dass die deutsche Soziologie sich zu wenig in die Reflexion und Gestaltung einer global operierenden Wissensgesellschaft einmischt und Entwürfe und Phantasie lieber anderen überlässt.

MF: Auch die Systeme der Wissenschaft und Politik orientieren sich, wie Sie ausführen, nach wie vor am "animistischen Ideal einer "Allmacht der Gedanken" " (S. 268), denn die "überwältigende Erfahrung, dass Worte gar nichts bewirken und dass diese Wirkungslosigkeit als Bedeutungslosigkeit nicht erträglich ist" (S. 269), wird wiederum von den Medien ausgezeichnet kaschiert. Werden wir, die Menschen, also immer nur Funktionen eigenlogisch operierender Systeme sein, die sich zudem, weil eine solche Täuschung und Selbsttäuschung für den reibungslosen Ablauf der Kommunikation unumgänglich ist, einbilden müssen, sie seien verantwortlich und frei handelnde Wesen, oder gibt es vielleicht , vertiefen wir die Frage noch einmal, Möglichkeiten der Steuerung, die nicht illusionär sind, sondern sich gerade einer besseren Einsicht in das Funktionieren autopoietischer Systeme verdanken?

Helmut Willke: Tatsächlich ist es für Menschen als Individuen nahezu ausgeschlossen, sich gesellschaftlich Gehör zu verschaffen - das können nur noch wenige Auserwählte für die berühmten Warholschen zwanzig Minuten. Das wäre vielleicht noch zu verkraften, weil dann eben die Mechanismen des kollektiven Handelns und Entscheidens greifen und sich die Meisten damit abfinden, dass man z.B. nur alle vier Jahre zur Wahl gehen kann.

Viel gravierender finde ich, dass die eklatante Bedeutungslosigkeit der Person durch eine ebenso vielfältige wie unvermeidbare Einbindung in Organisationen zementiert wird. In allen nur denkbaren Lebenslagen, ob Kindergarten oder Universität, ob Firma oder Krankenhaus, ob Fitnessstudio oder Kirche, ob Partei oder Verein etc. geben wir Menschen unsere persönlichen Motive und Interessen gewissermaßen an der Garderobe ab und schlüpfen in die Haut von "organizational persons". Wir sind von Organisationen aller Art in einem Maße abhängig, dass gar nicht mehr auffällt, wie radikal sie Optionen steuern, indem sie Ziele, Mittel, Anreize, Restriktionen, Prioritäten und vieles mehr setzen, die solche der Organisationen sind, nicht aber diejenigen von Personen.

Je enger die systemischen Logiken den Menschen einkreisen, desto wichtiger wird die Illusion von Autonomie und Entscheidungsfreiheit. Denn die Illusion hat auch einen performativen Aspekt: Kontrafaktisch zu den realen Verhältnissen legitimiert sie eine Subversion, die sich durchaus intelligent verkleiden kann. Karl Weick fasst dies in die aufschlussreiche Empfehlung, dass es darauf ankomme, gute Geschichten zu erzählen. Mit diesem unkonventionellen Vorschlag verweist er darauf, dass es für die Mitglieder von Organisationen darauf ankommt, in ihrer eigenen Logik die Abläufe und Ereignisse in der Organisation zu verstehen und daraus einen sinnvollen Zusammenhang herzustellen. Dies wird umso schwerer fallen, je stärker sich die Logik der Organisation als dominant durchsetzt. Dennoch können Personen die Übermacht der Organisationen gerade dadurch konterkarieren, dass sie hartnäckig auf ihren eigenen Geschichten bestehen und damit die "großen Erzählungen" der Organisationen unterlaufen. Vor allem entsteht Sinn für Personen erst im Nachhinein als Interpretation von vergangenen Ereignissen. In seiner unnachahmlichen Diktion drückt dies Karl Weick so aus: "How can I know what we did until I see what we produced?"

Mit dieser subversiven Zeitlogik können Personen Organisationen in Verlegenheit bringen und zu Entscheidungen kommen, die für Aufregung und Verwirrung in der Organisation sorgen. Und darauf kommt es an. Denn wenn man noch eine Hauptrolle von Personen für und in Organisationen definieren möchte, dann ist es die Rolle von unberechenbaren Spielern und absichtsvollen Verstörern, gewissermaßen die Rolle von reinen Toren. Nur eine nachhaltige Verwirrung der Organisation zwingt sie dazu, Alternativen wahrzunehmen, die typischerweise außerhalb ihres Beobachtungsspektrums liegen, also komplexere Entscheidungsgrundlagen zu schaffen und über diesen Umweg zu angemesseneren Entscheidungen zu kommen.

Erfahrungen im Umgang mit hoher Komplexität und Einsichten in die Operationsformen autopoietischer Systeme können sehr wohl dazu verhelfen, die Rolle von Verstörern effektiver zu gestalten und damit Wirkungen in Organisationen zu erzielen. Die Forschungen von Dietrich Dörner geben hierzu auch einige empirische und experimentelle Anhaltspunkte. Allerdings sollte dies nicht so verstanden werden, als wäre irgend eine Art von linearer, direkter Steuerung möglich - das was sich "tatkräftige" Manager und forsche Jungprofessionelle in ihrer Naivität so vorstellen.

Vielmehr ist Systemsteuerung nur über Umwege möglich: als moderierende, katalytische oder kontextuelle Intervention, die nicht per se wirkt, sondern in die Eigenlogik des Systems übertragen werden muss, um dort wirkungsvoll sein zu können. Dies heißt, dass Interventionen in komplexe Organisationen nicht zielsicher, nicht präzise und nicht ohne nicht-intendierte Nebenwirkungen sein können. Legt man all dies zugrunde, dann gibt es schon noch eine Rolle für die Person. Aber es ist eine, wie Dirk Baecker dies ausdrückt, "post-heroische" Rolle - und das ist auch gut so. Die Heroen sind zu teuer und sie machen zu viel kaputt.

 

"Auch für globale Kontexte sind Gerechtigkeit oder Freiheit schöne Ideale, zumal jeder etwas anderes darunter verstehen kann"

MF: Noch einmal zusammenfassend gefragt: Werden die alten Ideen und Ideale der Aufklärung, ja der Philosophie überhaupt, von Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung   untergehen, oder können sie in einer globalisierten Welt reformuliert werden?

Helmut Willke: Nein, diese Ideen und Ideale sind keineswegs untergegangen, im Gegenteil, sie erhalten durch neue Herausforderungen neue Schubkraft. Als Leitideen eines "guten Lebens" und als idealtypische Selbstbeschreibungen des Menschen bezeichnen sie die Träume einer personal gedachten, aufgeklärten und säkularen Menschheit. Ohne Träume wären die Menschen nur Maschinen oder schon tot.

Aber es wäre geradezu albern, von diesen Träumen auf die Wirklichkeit einer globalen Wissensgesellschaft zu schließen. Dort regiert die organisierte Hypokrisis einer institutionellen Logik, die sich des Menschen zwar noch als relevante Umwelt bedienen muss, längst aber dabei ist, sich in immer mehr Aspekten von dieser Abhängigkeit frei zu machen.

Ich bin nicht sicher, ob eine Reformulierung dieser Ideale für die Bedingungen einer globalisierten Welt etwas nützt. Auch für globale Kontexte sind Gerechtigkeit oder Freiheit schöne Ideale, zumal jeder etwas anderes darunter verstehen kann. Wichtiger scheint mir zu sein, die einzige verlässliche institutionelle Absicherung von Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung, nämlich eine funktionierende Demokratie, für die Bedingungen einer globalen Wissensgesellschaft zu reformulieren. Dies ist die Thematik von globaler Governanz und hier sehe ich eine gigantische Aufgabe vor uns, zu der gerade auch eine systemtheoretisch fundierte Steuerungstheorie beitragen kann. Im Kern müssen alle Bausteine der Architektur von Demokratie für die Bedingungen globaler Governanz neu gefasst, erweitert und elaboriert werden, um damit eine Umstellung von "government" auf "governance", von Regierung auf Systemsteuerung zu fundieren.

MF: Die Persönlichkeit der Menschen, die sich in einer globalisierten Welt zurechtfinden, wird sich von derjenigen früherer Zeiten grundlegend unterscheiden. Bereits heute kann man davon sprechen, dass Menschen "im Kontext unterschiedlicher Symbolsysteme [...] unterschiedliche Subjekte sind" (S. 233). Mit anderen Worten, die Identität der Person, sonst Angelpunkt jedes Begriffs von Moralität und Recht, löst sich auf? Entstehen damit nicht aber auch völlig neue Möglichkeiten für die Kreierung von Werten, die ohne Bezug auf Invarianz auskämen?

Helmut Willke: Dass sich die Einheit des Subjekts auflöst, ist nicht erst eine Folge einer (partiell) globalisierten Welt. Der Primat funktionaler Differenzierung gibt modernen Gesellschaften die Möglichkeit, die Menschen in langwierigen historischen Prozessen der Inklusion zu entsprechend differenzierten Mitgliedern zu sozialisieren. Der Mensch ist damit von vornherein etwas Mehrfaches: Er/sie ist vorrangig Mitglied ganz unterschiedlicher Funktionssysteme (und ihrer Organisationen), also Mitglied einer Familie, einer (national organisierten) Gesellschaft, als Konsument/Produzent Mitglieder der Ökonomie, als Schülerin/Lehrerin Mitglieder der Schule etc. - und er/sie ist irgendwie auch noch ganzer Mensch, aber es ist ziemlich unklar, woher diese Ganzheit kommen soll. Man kann sie auf der Basis der Körpers konstruieren oder auf der Basis einer göttlichen Seele oder auf der Basis eines psychisch/mentalen Systems, das es irgendwie schafft, der Person ihre eigene Einheit plausibel zu machen.

Ernst Cassirer zeigt für mich überzeugend, dass es die archaischen Mythen sind, die eine Einheit des Universums, eine Einheit der Welt, der Natur und des Menschen postulieren. Entsprechend sind es die Mythen der Moderne, die eine Einheit der Gesellschaft, des Rechts, der Wahrheit oder des Menschen behaupten. Es sind notwendige Fiktionen, von denen wir nicht einmal wissen, wie viel Nutzen und Schaden sie stiften. Da jedenfalls in einer säkularen Perspektive, und in einer konstruktivistischen erst recht, jede Einheit auf eine dahinter liegende Differenz befragt werden kann - wie kommt die Einheit Gottes mit der Differenz zum Teufel zurecht? - ist jede Einheit eine Kreation der Imagination. Dagegen wäre wenig einzuwenden, gäbe es nicht eine massive historische Erfahrung, dass die Imagination von Einheit allzu leicht zum Zwang order gar zum Terror der Einheit verkommt.

An diesem Punkt sehe ich durchaus die Chance für neue "Werte" (ich spreche lieber von Beobachtungskriterien), die nicht auf Einheit sondern auf Differenz gründen. Alles was nun schon seit einigen Jahren, und nicht nur in der Systemtheorie, unter den Leitbegriffen von Varietät, Föderalität, Dezentrierung, Diversität, Polyzentrismus, Heterotopie etc. läuft, scheint mir davon geprägt zu sein, Differenzen ernster zu nehmen als Einheit. Ich halte dies für eine erfreuliche Entwicklung. Denn für die "terribles simplificateurs", einige Soziologen eingeschlossen, macht es das Geschäft schwieriger.

 

"die beginnende Befreiung der lateralen Weltsysteme von der Zwanghaftigkeit der Nationalstaaten eröffnet völlig neue Möglichkeiten einer globalen Wissensgesellschaft

MF: Zum Abschluss: Wie reagieren Sie persönlich-emotional auf die Entstehung von Weltsystemen, die sich im Grunde schon jetzt auch nicht mehr durch das Präfix Post- auf die Moderne beziehen lassen - stellt sich vielleicht auch so etwas wie Trauer ein, weil die großen Modelle der Aufklärung endgültig zerfallen sind, oder überwiegen Neugier und Interesse an den neuen evolutionären Möglichkeiten der Gesellschaft?

Helmut Willke: Es gibt für mich beide Gefühle, und noch einige andere dazu. Es hängt einfach von der Blickrichtung ab. Eine liberalisierte Weltwirtschaftsordnung, die nüchtern, kompetitiv, rechenhaft und dem "share-holder-value" verpflichtet operiert, bringt schon auch Verluste mit sich, die schwer zu akzeptieren sind. Ein Weltfinanzsystem, das auf das eingesetzte Kapital einen abstrus hohen "return on investment" fordert, macht so nebenbei vieles kaputt, was mit Lebensqualität, Muße, Gelassenheit oder Reflexion zu tun hat. Hätten die Fürsten und Erzbischöfe der Vormoderne so kleinkariert kalkuliert, dann hätte nie ein Michelangelo die Sixtinische Kapelle ausgemalt und Mozart hätte seinen Lebensunterhalt womöglich mit Nachhilfeunterricht oder Straßenkehren verdienen müssen, die Barockschlösser wären nie gebaut und die grandiosen Verschwendungen der Kunst wären unmöglich gewesen.

Zugleich gilt zweifellos, dass die beginnende Befreiung der lateralen Weltsysteme von der Zwanghaftigkeit der Nationalstaaten völlig neue Möglichkeiten einer globalen Wissensgesellschaft eröffnet. Das brauche ich hier nicht auszuführen, da ich dazu einiges geschrieben habe. Hervor heben möchte ich aber, dass es für mich im Wissenschaftsbetrieb weniger um Befürchtungen und Hoffnungen geht als um Verantwortlichkeit als Korrelat für das Privileg, sich den Luxus wissenschaftlicher Reflexion leisten zu können. Luhmann hat hartnäckig an seinem Ideal soziologischer Aufklärung fest gehalten und dies mit einer fulminanten Produktivität an aufklärenden Texten unterfüttert. Da für mich, anders als für Luhmann, Wissenschaft bei weitem nicht das Wichtigste im Leben ist, wäre ich mit Blick auf meine Bücher schon dann zufrieden, wenn die Problematik der Steuerung hochkomplexer Systeme als relevantes Thema einer im Entstehen begriffenen Weltgesellschaft wahrgenommen würde.

Das Gespräch führte Max Lorenzen

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