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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 4
Besprochen werden:
1. Thomas Gil: Paradoxien des Handelns. Berlin: Arno Spitz 2002, kartoniert, 86 Seiten, € 10,00, ISBN 3-8305-0302-4
2.Volker Gerhardt (Hg.): „Man merkt leicht, dass auch kluge Leute bisweilen faseln“. Kant zum Vergnügen. Stuttgart: Reclam 2003, kartoniert, 155 Seiten, € 4,00, ISBN 3-15-018281-6
3. Wilhelm Vossenkuhl: Philosophie für die Westentasche. München: Pieper 2004, gebunden, 127 Seiten, € 9,90, ISBN 349204655X
Bevor es für viele in den Urlaub geht, seien drei philosophische Büchlein empfohlen, die sich aufgrund ihrer äußeren Gestalt (sie passen in jede Jackentasche), ihrer Struktur (viele kurze Kapitel bzw. Abschnitte) und ihres Inhalts (unterhaltsam, verständlich geschrieben) hervorragend als Reiselektüre eignen. Am Ballermann paradoxe Verhaltensweisen studieren, am Lagerfeuer mit dem ein oder anderen witzigen Kant-Zitat imponieren oder beim Warten auf den Anschlusszug mit Vossenkuhl über Zeit nachdenken, das alles wird möglich mit diesen drei Texten, die nachfolgend vorgestellt werden sollen.
Denn erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt. Thomas Gil, Professor für Philosophie an der Technischen Universität Berlin, will es genauer wissen: Weshalb passiert es uns als Handelnden immer wieder, dass die beste Absicht in ungeplanten, gar schlechten Folgen endet? Handlungen, bei denen Intention und Konsequenz in einem eigentümlich inkonsistenten Verhältnis zueinander stehen, nennt man „Paradoxien“. Zur besseren Orientierung wird das komplexe Phänomen der Handlungsparadoxien in vier Unterbereiche aufgeteilt. Besprochen werden (1) Paradoxien des Glücks, (2) Paradoxien der Freiheit, (3) Paradoxien der Gleichheit und der Gerechtigkeit und (4) Paradoxien der Rationalität.
(1) Paradoxien des Glücks. Vorfreude ist die schönste Freude und häufig bleibt es auch dabei. Das gilt nicht nur für so manche Urlaubsreise, das scheint ein generelles Phänomen zu sein, so Gil.
Dabei gibt es aktive und passive Momente des Glücksempfindens und verschiedene Qualitäten des Glücks: Zufriedenheit, das objektive Glück (Lotterieglück) und das subjektive Glück (Glückseligkeit). Das Glücksempfinden hängt von Erwartungen ab und ist relativ, weshalb es häufig paradoxe Beurteilungen der eigenen Lage gibt und weshalb es auch nicht möglich ist, Glück zu quantifizieren bzw. es mit objektiven Sachverhalten in Deckung zu bringen (also nach dem Motto: mehr Geld = mehr Glück bzw. Glückseligkeit). Das Glück anderer zu beurteilen, ist aus der Beobachterperspektive ebenfalls nicht möglich, so dass es in diesem Bereich viele Fehleinschätzungen (vermeintliche Paradoxien) gibt, die sich auch auf das eigene Glücksempfinden auswirken. Es gibt äußere und innere Quellen des Glücks, die aber nicht mechanisch-deterministisch Glücksempfinden hervorrufen; der Mensch muss also lernen, das aus den Quellen sprudelnde Glück produktiv und kreativ zu verinnerlichen und zur Glückseligkeit reifen zu lassen.
(2) Paradoxien der Freiheit. Absolute Freiheit führt zu Entscheidungsunfähigkeit und damit zu Unfreiheit. Echte Freiheit gibt es nur unter bestimmten Bedingungen. Eine (paradoxe) Möglichkeit, ein Mehr an Freiheit zu erlangen, ist die freiwillige Selbstbindung. Hier nennt Gil das Beispiel des Odysseus. Dieser lässt sich von seiner Mannschaft an einen Mast seines Schiffes fesseln, um dem Gesang der Sirenen zuhören zu können, ohne ihm anheim zu fallen. Ein „mehr“ an Freiheit führte, das erkennt der kluge Odysseus, ins Verderben, zur Vernichtung des Subjekts, dessen freie Handlungssubjektivität gerade durch die vom Subjekt gewollte Selbstbindung gerettet wird. In der Praxis geschieht dies häufig durch Selbstbindung in der Gegenwart mit Wirkung in die Zukunft, um sicherzustellen, dass man auch in Zukunft handlungsfähig ist. Dazu gehört die Einsicht, sich nicht gleich am ersten der vierzehn Ballermann-Tage so zu verausgaben, dass die restlichen dreizehn Tage im Hotelzimmer verbracht werden müssen. Drum merke: Ein absolut freier Wille wäre launisch, zufällig, unberechenbar, zusammenhanglos - ein Wille in kausalem Vakuum. Freiheit ist daher nicht die Frage nach dem freien Willen, sondern ein Begreifen der paradoxen Freiheitserfahrung als Differenz von Freiheit und Unfreiheit im Rahmen universeller Bedingtheit.
(3) Paradoxien der Gerechtigkeit und Gleichheit. Was für eine Gerechtigkeit ist das, die eine Spur von Gewalt hinterlässt (Gil nennt das Beispiel des Michael Kohlhaas)? Eine paradoxe Gerechtigkeit, eine Gerechtigkeit, die aus lauter Ungerechtigkeiten besteht, ein Gerechtigkeit, die von perversen Effekten konterkariert wird. „Perverse Effekte“ sind Auswirkungen, die keiner wünscht, die aber trotzdem auftreten können, also Kompositionseffekte (Fehlschluss vom Einzelnen auf die Gemeinschaft: individuelles Interesse ist ungleich Gruppeninteresse) und Kontrafinalitätseffekte. Gil nennt zahlreiche Beispiele: das Gefangenendilemma und das Trittbrettfahrerproblem bei öffentlichen Gütern (Paradoxon der Komposition); die Privatisierung der nigerianischen Eisenbahngesellschaft und die Terrorbekämpfung durch die USA (Paradoxon der Kontrafinalität). Es gibt aber noch ein drittes Phänomen: das Paradoxon der Suboptimalität (Beispiel: falscher Arbeitseifer) und ein viertes: das Paradoxon der sozialen Veränderung, das dann zum Tragen kommt, wenn zu schnell und unüberlegt Reformen durchgeführt werden. Die vier Typen von Paradoxien können politische Handlungsprogramme konterkarieren. Das Problem der Egalitaristen liegt nach Gil darin, Gleichheit als Ziel und nicht als Nebenprodukt von Gerechtigkeit anzusehen und dabei zu verkennen, dass die Forderungen der Gerechtigkeit absoluter Art sind und nicht relationaler.
(4) Paradoxien der Rationalität. Grundsätzlich sollte menschliches Handeln rational sein. Rationale Prinzipientreue, die es mit Normbindung übertreibt, führt aber in einigen Fällen zu weniger Lebensqualität als bei gezieltem Einsatz von Irrationalem erreichbar wäre. Irrationales Verhalten zu identifizieren ist dabei nicht leicht, da vordergründig Irrationales subtil rational sein kann. Gils Beispiel: Überarbeitung ist irrational, doch dahinter könnte der rationale Gedanke stehen, anerkannt zu werden. Dies sollte aber nicht dazu führen, dass man sich jede Auszeit verweigert und auf den Urlaub verzichtet. Und Anerkennung erntet man überdies auch für interessante Reiseerfahrungen.
Dass Volker Gerhardt, Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, einigen Humor hat, bewies er schon im Mai 2002, als er US-Präsident Georg W. Bush in einem Zeitungsartikel „Dumpfbacke aus Texas“ nannte. Dass er aber selbst seinen – so scheint’s zumindest – „Lieblingsphilosophen“ Immanuel Kant zum Gegenstand des Vergnügens macht – auch noch mit dessen eigenen Worten –, erbringt wirklich den Nachweis, dass Philosophen nicht immer als staubtrockene Gelehrte in Erscheinung treten müssen und dass Philosophie (selbst die kantische!) ein gehöriges Maß an Unterhaltungswert hat.
Dabei geht es Gerhardt nicht nur um den Spaß am lustigen Zitat. Der Autor verfolgt ein durchaus „ernstes“ Anliegen, nämlich zu zeigen, dass Kant es verstanden hat, der Philosophie „den Charakter des Menschlichen zu bewahren“ (S. 7), was für die Einsicht in das kantische Denken zentral ist, denn: „Selbst in den größten Abstraktionen der Transzendentalphilosophie bleibt die leitende Frage nach dem Selbstverständnis des Menschen lebendig.“ (S. 7). Das führt dazu, dass Kant zum Vergnügen „keiner literarischen Verfremdung [bedarf]“ (S. 7).
Selbstverständlich lässt Gerhardt den großen Königsberger ausführlich über das Verhältnis der Geschlechter und über die Rolle der Frau nachdenken. Die kantischen Gender-Studies führen u. a. zu Bemerkungen wie: „Die Tugend des Frauenzimmers ist eine schöne Tugend. Die des männlichen Geschlechts soll eine edle Tugend sein. Sie werden das Böse vermeiden, nicht weil es ungerecht sondern weil es häßlich ist, und tugendhafte Handlungen bedeuten bei ihnen solche, die sittlich schön sein. Nichts von Sollen, nichts von Müssen, nichts von Schuldigkeit. Das Frauenzimmer ist aller Befehle und alles mürrischen Zwangs unleidlich. Sie tun etwas nur darum, weil es ihnen so beliebt, und die Kunst besteht darin, zu machen, daß ihnen nur dasjenige beliebe was gut ist. Ich glaube schwerlich, daß das schöne Geschlecht der Grundsätze fähig sei [...]“ (S. 21, zit. aus: Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen). Ein Schelm, der hier den Care-Ansatz der „weiblichen Moral“ nach Carol Gilligan angelegt sehen will!
Das umfangreichste Kapitel widmet Gerhardt der „Nationenkunde“ in Kants Schrift Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen. Man kann die Fußball-WM noch einmal Revue passieren lassen, und sich dabei der kantischen Einschätzungen bedienen, oder sich von seinen Erkenntnissen die Mentalität der Menschen im Urlaubsland erläutern lassen. Und dies in glasklaren Worten: „Der Engländer ist im Anfange einer jeden Bekanntschaft kaltsinnig, und gegen einen Fremden gleichgültig. Er hat wenig Neigung zu kleinen Gefälligkeiten; dagegen wird er, so bald er ein Freund ist, zu großen Dienstleistungen auferlegt.“ (S. 52 f.), „Der Holländer ist von einer ordentlichen und emsigen Gemütsart, und, indem er lediglich auf das Nützliche sieht, so hat er wenig Gefühl vor dasjenige, was im feineren Verstande schön oder erhaben ist. Ein großer Mann bedeutet bei ihm ebenso viel als ein reicher Mann, unter dem Freunde versteht er seinen Korrespondenten, und ein Besuch ist ihm sehr langweilig, der ihm nichts einbringt.“ (S. 54), „Der Franzose hat ein herrschendes Gefühl vor das moralische Schöne. Er ist artig, höflich und gefällig. [...] Der Gegenstand, auf welchen sich die Verdienste und Nationalfähigkeiten dieses Volkes am meisten beziehen, ist das Frauenzimmer. Nicht, als wenn es hier mehr als anderwärts geliebt oder geschätzet würde, sondern weil es die beste Veranlassung gibt, die beliebteste Talente des Witzes, der Artigkeit und der guten Manieren in ihrem Lichte zu zeigen.“ (S. 50 f.), „Der Spanier ist ernsthaft, verschwiegen und wahrhaft. [...] Er hat eine stolze Seele und mehr Gefühl vor große als vor schöne Handlungen. Da in seiner Mischung wenig von den gütigen und sanften Wohlwollen anzutreffen ist, so ist er öfter hart und auch wohl grausam.“ (S. 49). Doch für den Einkaufsbummel gibt Kant Entwarnung: „Es gibt wenig redlichere Kaufleute in der Welt als die spanischen.“ (S. 49). Schließlich merke man sich: Ob Osten oder Westen, zuhause ist’s am besten, denn: „Der Deutsche hat ein gemischtes Gefühl aus dem eines Engländers und dem eines Franzosen, scheint aber dem ersteren am nächsten zu kommen, und die größere Ähnlichkeit mit dem letzteren ist nur gekünstelt und nachgeahmt. Er hat eine glückliche Mischung in dem Gefühle so wohl des Erhabenen und des Schönen; und wenn er in dem ersteren es nicht einem Engländer, im zweiten aber dem Franzosen nicht gleich tut, so übertrifft er sie beide, insofern er sie verbindet.“ (S. 53).
Nicht unbedingt zeitgemäß scheint hingegen folgende Charakterisierung der Perser: „Sie sind gute Dichter, höflich [sic!] und von ziemlich feinem Geschmacke [sic!]. Sie sind nicht so strenge Befolger des Islam [sic!] und erlauben ihrer zur Lustigkeit [sic!] aufgelegten Gemütsart eine ziemlich milde Auslegung des Koran [sic!].“ (S. 56). Aber vielleicht sollte man einfach nicht in Kants Generalfehler der Generalisierung verfallen. Wir denken ja auch nicht alle wie Merkel oder Köhler.
Ob nun Kants Beitrag zur Geschlechterforschung nebst Einlassungen zur Ehe („In dem ehelichen Leben soll das vereinigte Paar gleichsam eine einzige moralische Person ausmachen, welche durch den Verstand des Mannes und den Geschmack der Frauen belebt und regiert wird.“, S. 44) oder seine Charakterstudien europäischer und außereuropäischer Völker, „vergnüglich“ ist ein bisweilen schwer verdauliches Prädikat für das, was er ja durchaus ernst meinte, insbesondere dann, wenn es so klingt: „[Sie] haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege. [...] nicht ein einziger [ist] jemals gefunden worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft, oder irgend einer anderen rühmlichen Eigenschaft etwas Großes vorgestellt [hat].“ (S. 57 f., Immanuel Kant über die „Negers von Afrika“). Si tacuisses...! Doch so bleibt Kant auch in seiner rassistischen Hetze lehrreich: Klugheit schützt nicht vor Dummheiten. Und: Vielleicht hilft ja doch das Reisen und das Kennenlernen fremder Kulturen durch persönliche Begegnungen am besten gegen derartige Vorurteile. Das wäre dann auch eine Erklärung für die Ignoranz des Philosophen, der Königsberg zeitlebens nicht verlassen hat. Urlaubsreise – für Kant ein Fremdwort.
Schließlich wird Kant selbst durch den Kakao gezogen. Das ist nur fair, denn wer austeilt, muss auch einstecken können. So kann man im letzten Kapitel noch mal nachlesen, was man schon ahnte: „Er war kein großer Verehrer des weiblichen Geschlechts, behauptete auch, daß sie nirgends, als in ihrem Hause, durch häusliche Tugenden, Achtung verdienten.“ (S. 142, Christoph Friedrich Heilsberg). Heilsberg kommt zu dem Schluss: „Loben mag ich meinen Freund nicht, er war aber ein ausserordentlicher über alles Lob erhabener Mann.“ (S. 143). Und sollten Sie eine Grillparty organisieren, nehmen Sie sich bitte folgendes zu Herzen: „Kant verfiel gegen das Ende seines Lebens in die sonderbare Gewohnheit laut zu sprechen, ob er gleich das, was er sagte, nur zu denken wähnte. So sagte er einst vor seinen Gästen, deren er immer einige um sich hatte und die diesen Tag vielleicht nicht aufheiternd genug für ihn gestimmt sein mochten, so als ob er sie nicht bemerkte: ,Gott! Was hab’ ich heut für eine abscheulich langweilige Gesellschaft!’“ (S. 148) Der Übermittler des Zitats zieht es vor, anonym zu bleiben.
Wilhelm Vossenkuhl, Professor für Philosophie in München, bekannt aus den BR-alpha-Sendungen Denker des Abendlandes und Philosophie, gibt uns mit seiner Philosophie für die Westentasche zahlreiche Anregungen mit auf den (Reise-)Weg. Das Büchlein besticht durch einfache Formulierungen und ist in seiner frischen, unakademischen Art eine ideale systematische Einführung in das philosophische Denken für Einsteiger, eine Einführung, die Lust macht auf mehr – für die Zeit, in der die Tage wieder kürzer werden.
Es geht in der Abhandlung um die philosophischen Kerngebiete Freiheit, Identität, Sprache, Erkenntnis, Wahrheit, Bildhaftigkeit, Wirklichkeit, Zeit, Kulturpluralismus, Werte und Ethik. Vossenkuhl skizziert das Problem jeweils anhand von kleinen Anekdoten, in denen sein Protagonist „Oskar“ in Situationen gerät, die sich als besonders knifflig erweisen und so als wohlbekannte Alltags-Dilemmata zum Nachdenken über den einen oder anderen philosophischen Grundbegriff anregen sollen.
Die Auflösung der Probleme erfolgt mit systematischem Ansatz, der Zugriff auf die Ideengeschichte geschieht dabei implizit, ohne im einzelnen näher auf die Quellen zu verweisen (zitiert werden aus der Historie explizit nur Aristoteles, Kant und Wittgenstein), was oberflächlich erscheint, aber im Sinne einer für die erste Berührung mit philosophischem Denken konzipierte Abhandlung berechtigt ist.
Für die Leserin bzw. den Leser im fortgeschrittenen Stadium der Auseinandersetzung mit der Philosophie sind einige Ansätze des Autors interessant, die als Folgerungen immer wieder angedeutet werden, etwa die nachdenklichen Worte zur Sterbebegleitung und die Hervorhebung der Hospiz-Bewegung als moralisch vorbildlich sowie die Einlassungen zum Toleranz- und zum Würde-Begriff. Von der Westentaschen-Philosophie Vossenkuhls hat also am Ende jeder etwas. Und – zurück aus dem Urlaub – kann man dann auch wieder zu den dicken „1000-Fußnoten-Wälzern“ greifen.
Josef Bordat
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