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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 4
Rainer Maria Rilke: Briefe an Gräfin Mirbach-Geldern-Egmont. 1918-1924. Herausgegeben und kommentiert von Hildegard Heidelmann. Würzburg, Königshausen & Neumann 2005, 253 Seiten, ISBN 3-8260-3025-7, 38,00 €
Aus Rainer Maria Rilkes Korrespondenz der zweiten Lebenshälfte ist bereits vieles überliefert. Auch der Name aus dem hier besprochenen Briefband [1] kommt einem bekannt vor: »Gräfin M.« – oder heute – viel weniger mysteriös, doch wesentlich umständlicher als noch in frühen Briefausgaben: Maria (Mariette) Theresia Felicitas Mirbach-Geldern-Egmont. [2] Keine ganz unwichtige Briefpartnerin für den Dichter, so scheint es, nimmt man die imposante Würzburger Dissertation Hildegard Heidelmanns, mit den darin enthaltenen Briefen, erst einmal zur Hand. Aber gab es das bei Rilke überhaupt: unwichtige Briefpartnerinnen? Ein deutliches Indiz für die Qualität der Briefaussage könnte immerhin sein, dass elf der 41 hier erstmals vollzählig und vollständig vorgelegten Briefe des Dichters (Der Verbleib der Gegenbriefe ist unklar) zuvor schon in anderen Ausgaben teilweise oder sogar ganz publiziert wurden. [3] Aber sollte es tatsächlich möglich sein, über solche oder ähnliche Zahlenspiele die Güte des vorliegenden Bandes zu ermitteln? Sicher nicht.

Um von vorn herein anders vorzugehen, sei die Frage gestellt: Was erwarten wir eigentlich von einer lesenswerten Rilke-Briefausgabe? Eine mögliche Antwort: Neuigkeiten. Eine andere: Bestätigung des schon Bekannten. Rilkes Briefe an Gräfin Mirbach-Geldern-Egmont bieten beides. Damit dies erfüllt sein konnte, bedurfte es im Vorfeld allerdings des Glückes der Tüchtigen. Schließlich darf davon ausgegangen werden, dass zunächst Überzeugungskraft gefragt war, bevor Johannes Prinz von Hohenlohe-Jagstberg, ein Enkel der Gräfin Mirbach-Geldern, dazu gebracht werden konnte, seine auf Schloss Niederstetten im Fränkischen gehortete Schatulle, mit den darin sorgsam aufgehobenen, kostbaren Dichter-Briefen, exklusiv für die Herausgeberin zu öffnen. Der dem Briefband im Anhang beigegebene Vergleich von Originaldokumenten und Vorabdrucken, den die Editorin bis an die Grenze der Akribie vornimmt, zeigt allein schon, dass sich am Ende jegliche Mühe um das Material lohnte. Interessant ist schließlich immer – auch für den noch so bewanderten Rilke-Leser – wo bislang Auslassungszeichen standen, plötzlich Neues zu entdecken. Etwa jene offen bewundernde und seltene Schilderung der Freundin Lou Andreas-Salomé die Rilke im Brief an die Gräfin vom 10. März 1921 anbringt: »Lou Andreas Salomé (um rasch einiges zu notieren) – Tochter eines russischen Generals von Salomé – Flügeladjutanten des Kaisers Nikolai I verließ Russland schon als ganz junges Mädchen um ihrer philosophischen Studien willen; der Schein einer frühen Bekannt-, ja Berühmtheit fiel über sie durch ihre merkwürdige Beziehung zu Nietzsche und ein bald darauf ediertes Buch (einen Roman), das noch heute viel gelesen wird und eindringliche Wirkung unter jungen Menschen hat. Doch wußte Lou sich diesem Auffälliggewordensein bald zu entziehen, sie heirathete einen der bedeutendsten Orientalisten, F. Andreas (Professor an der Universität Göttingen) und lebt dort ihren vielfältigen Arbeiten. Mehrere ihrer Romane und Novellen hat man gerne gelesen –, ihre bedeutendsten Arbeiten aber sind unveröffentlicht, darunter die auf psychoanalytische Untersuchungen bezüglichen, – von denen nur ab und zu etwas in den Fachblättern dieser Wissenschaft zu lesen war. Seit etwa zwölf Jahren hat Lou mit Prof. Freud in Wien gearbeitet – und, wie sie für meine Erfahrung die einzige Frau ist, die eine geistige Existenz mit einer nirgends entstellten weiblichen und fraulichen (vielleicht auf Grund ihrer russischen Natur) zu verbinden vermochte, – so scheint sie mir auch unter allen Forschern und Ausübern der Psychoanalyse diejenige Kraft zu sein, die diese Wissenschaft in die weitesten und gültigsten Zusammenhänge einsetzt, und, von einem Ganzen aus, erlebt und verantwortet« (S. 78). Mit 12 Seiten (im Original) ist der Brief, aus dem dieses Zitat stammt, der zweitlängste des Konvoluts. [4] Zugleich ist die Textstelle ein Beweis dafür, dass die Briefe trotz zahlreicher Vorabdrucke ihrer Rosinenstücke offensichtlich noch nicht ganz beraubt waren. Und auch die »nachbarschaftlich« geprägten (vgl. S. 11), bisher weitgehend unveröffentlicht gebliebenen, kürzeren Briefe oder Billets Rilkes an die Gräfin aus der gemeinsamen Münchner Zeit, enthalten nicht nur Gruß- und Einladungsfloskeln, sondern hin und wieder so bemerkenswerte Passagen wie diese: »Gott weiß, wie es zugeht: ich bring es nicht zustande, am Telephon ganz wahr zu sein, der dumme Apparat verbiegt mich irgendwie, wie ich wahrscheinlich auch schriftlich lügen würde, müsste ich mich einer Schreibmaschine bedienen« (S. 39). Den »verbogenen« Rilke am anderen Ende des Hörers mag man sich noch vorstellen können, aber Rilke beim Tippen seiner Werke? Undenkbar. Des Dichters Technikskepsis ist bekannt; obwohl Typoskripte, z.B. der Duineser Elegien, existieren, – dann allerdings als Ergebnisse eines Diktats. [5]
Freilich enthalten die Briefe keine inhaltlichen Offenbarungen, die die Rilke-Forschung aufschrecken lassen müssten. Des Dichters Suche nach einem stillen, für sein Schaffen geeigneten Domizil z.B., das ständige »›Wohin‹ mit einem Gestrüpp von Fragezeichen« (S. 65), kennt man – wie anderes auch – bereits aus den üblichen Zusammenhängen. Aber wieso nicht Rilkes späte Münchner Jahre und sein Schweizerlebnis anhand der Briefe an die Gräfin Mirbach-Geldern erneut nachvollziehen. Die abweichende Nuance in seiner Schilderung kann schließlich auch einen starken Eindruck hinterlassen. Und außerdem gibt es dann noch jene Stellen, die man bei Rilke nicht oft genug lesen kann: »Die Vorhandenheit eines solchen Gedichts [hier: Duineser Elegien bzw. Sonette an Orpheus] steht eigenthümlich hinaus über die Flachheit und Nebensächlichkeit des täglichen Lebens und doch ist aus ihm dieses Größere, Gültigere abgewonnen und abgeleitet worden, man weiß selbst kaum wie; denn kaum ist es gethan, gehört man selbst schon wieder ins allgemeine blindere Schicksal, zu denen, die vergessen, oder wissen als wüssten sie nicht, und die durch ein geläufiges Ungefähr- oder Ungenau-sein dazu beitragen, die Fehlersummen des Lebens zu vermehren. So ist jede große künstlerische Leistung, bis in ihr letztes mögliches Gelingen hinein, zugleich Auszeichnung und Demüthigung für den, der dazu fähig war« (S. 96).
Ob Neuigkeiten oder schon Bekanntes, der Briefband ist zweifellos ein Vorzeigestück literaturwissenschaftlicher Quellen-Forschung. Als Beleg sei hier letztlich dann doch noch auf Quantitatives verwiesen, das an Qualität jedoch nichts vermissen lässt: den umfangreichen Anhang. Er allein umfasst etwa 150 der insgesamt 253 Seiten des Buches! Und zählt man das ausführliche Vorwort (ca. 25 Seiten) noch hinzu, weiß man spätestens: Dies ist kein Buch der allzu schnellen Information, sondern eine ernst zu nehmende Forschungsarbeit. In jedem Fall ein Werk, das so umfassend und mit Sorgfalt behandelt wurde, dass es seinem Kritiker kaum Angriffsfläche bietet. [6]
Rilkes Briefe an Gräfin Mirbach-Geldern-Egmont enthalten neben allen offensichtlichen Erkenntnissen aber zumindest noch eine weitere, die sich beinahe ständig beim Lesen zwischen den Zeilen einstellt: Der Dichter war ein Meister im Knüpfen von Beziehungen und seine Briefe – wie allein der erste im vorliegenden Band – könnten längst als lehrbuchhaft z.B. für das gehobene Management gelten, würden sie nur erst einmal von der entsprechenden Klientel gelesen. Rilke dachte in Netzwerken. Genau! Der gute alte Dichter war ein »Networker«. Und was für einer. »Vitamin B« wäre für die Verbindungen, die er jederzeit und allerorten hatte, vielleicht haben musste, ein allzu harmloser Begriff. In Rilkes Vita ließe sich beinahe blind hineingreifen und heraus käme z.B. auf Landesebene: Rilke und Russland, oder etwas dörflicher akzentuiert: Rainer Maria Rilke und seine Künstlerfreunde in Worpswede – ohne Geflecht ging es bei Rilke nicht. [7] Er jedenfalls verstand es problemlos, auch in München seine Kreise zu ziehen. Deutlich wird das spätestens als in Brief Nr. 34 erstmals der Name Erwein von Aretin fällt. [8] Eine Schlüsselfigur. Freund sowohl Rilkes als auch der Gräfin. Und weil man sich unter Freunden auf dem Laufenden hält, weiß Aretin an Rilke am 30. Mai 1921 von der Gräfin Mirbach-Geldern zu berichten: »Sie wissen wohl, dass ihr Leben gegenwärtig von viel Hässlichkeit bedrängt ist, die die Trennung von ihrem Mann mit sich bringt. Ich weiß nicht, ob es ihr lieb ist, dass diese so bekannt ist, wie sie es in Wirklichkeit ist und bitte Sie ihr gegenüber, nicht mehr zu wissen, als was sie Ihnen schreibt«. [9] Der Dichter ist zu diesem Zeitpunkt längst in der Schweiz, doch das Münchner Netzwerk funktioniert – wie zu lesen ist – noch immer tadellos.
Wieso am Ende also nicht über die Zusammenstellung eines Auswahlbandes mit dem Titel Briefe an die Münchner Freunde nachdenken, schließlich wurden des Dichters Schweizer Gefährten bereits vor einigen Jahren in einem solchen Band vereint und verewigt. [10] Und wieso nicht an dieser Stelle Hildegard Heidelmann zugleich als Editorin vorschlagen? Immerhin hat sie sich spätestens durch die vorliegende Arbeit der Rilke Forschung im positiven Sinne verdächtig gemacht.
Arne Grafe
Anmerkungen
[1] Im Folgenden zitiert als RMR/MGE.
[2] Den vollen Namen »Marie Therese
Mirbach-Geldern« benutzt erstmals Horst Nalewski in seiner
im Insel Verlag erschienenen, zweibändigen Briefausgabe
von 1991 (vgl. RMR/MGE, S. 11).
[3] Vgl. die Liste im Anhang des Briefwechsels, S.
98 f. Die Herausgeberin selbst veröffentlichte zuletzt
Rilkes Brief an die Gräfin Mirbach-Geldern-Egmont vom 15.
Mai 1919 (»Es ist fürchterlich, daß man weder hier noch
dort zustimmen kann«. In: BlRG 25/2004, S. 190
ff.).
[4] Vgl. die Liste im Anhang des Briefwechsels, S.
98 f.
[5] Vgl. Marga Wertheimer: Arbeitsstunden mit
Rainer Maria Rilke. Zürich; New York: Verlag Oprecht
1940, S. 10.
[6] Einzig an einer Stelle wäre die Kommentierung
um eine Empfindlichkeit zu ergänzen. Im Brief vom 3.
August 1919 (Nr. 20) bringt Rilke im Zusammenhang mit der
Unvereinbarkeit von »›schönem‹ Winter« und »›schönem‹
Sommer« in der Schweiz (S. 53) den Vergleich an, dies sei
»für den gewöhnlichen Reisenden von jeher die ›Erfüllung‹
gewesen […], wie etwa für den gewissen unverbesserlichen
polnischen Juden: Knoblauch mit Schlagsahne.« (S. 54;
Auslassung von A.G.). Die Herausgeberin verweist in ihren
Anmerkungen zurecht auf den Brief Rilkes an Katharina
Kippenberg vom selben Tag, in dem der Dichter über die
Ästhetik des für ihn »Konträren« und Unvereinbaren fast
identisch formuliert: »[…] auf noch geringerer Ebene
ergibt sie den Wunsch jenes polnischen Juden, der durchaus
Knoblauch und Schlagsahne, die Pole seines
Genuß-Diameters, in einem Gericht wollte vereinigt
kosten.« (Rainer Maria Rilke/Katharina Kippenberg:
Briefwechsel. Hg. von Bettina von Bomhard.
Wiesbaden: Insel 1954, S. 357). Dennoch hätte hier das
mindestens stereotype Diktum Rilkes, über den bloßen
Textstellenvergleich hinaus, als solches deutlicher von
Herausgeberseite markiert und darüber hinaus kritisch in
Bezug auf persönliche oder kulturhistorische Beweggründe
Rilkes eingeordnet werden müssen.
[7] Unter dem Titel Rilke und Russland gab
Konstantin Asadowski 1986 Briefe, Erinnerungen und
Gedichte (so der Untertitel) zu Rilkes Russland-Erlebnis
heraus; Rainer Maria Rilke und seine Künstlerfreunde in
Worpswede ist der Titel des von Richard Pettit zur
gleichnamigen Ausstellung verfasste Katalog (Worpswede
2001).
[8] Die Korrespondenz Rilkes mit Aretin erschien im
selben Jahr wie der hier besprochene Briefwechsel unter
dem Titel Der Dichter und sein Astronom. Der
Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Erwein von
Aretin. Hg. von Karl Ottmar von Aretin und Martina
King. Frankfurt am Main: Insel Verlag 2005. [RMR/Aretin].
[9] RMR/Aretin, Nr. 41, S. 106.
[10] Gemeint sind die Briefe an Schweizer
Freunde, ausgewählt und hg. von Rätus Luck (Frankfurt
am Main: Suhrkamp Verlag 1990); erweiterte und
kommentierte Ausgabe, hg. von Rätus Luck unter Mitarbeit
von Hugo Sarbach (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag
1994).
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