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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 4
Heinrich Heine
Zum Lazarus
2
Es hatte mein Haupt die schwarze Frau
Zärtlich ans Herz geschlossen;
Ach! meine Haare wurden grau,
Wo ihre Tränen geflossen.
Sie küsste mich lahm, sie küsste mich krank,
Sie küsste mir blind die Augen;
Das Mark aus meinem Rückgrat trank
Ihr Mund mit wildem Saugen.
Mein Leib ist jetzt ein Leichnam, worin
Der Geist ist eingekerkert –
Manchmal wird ihm unwirsch zu Sinn,
Er tobt und rast und berserkert.
Ohnmächtige Flüche! Dein schlimmster Fluch
Wird keine Fliege töten.
Ertrage die Schickung, und versuch
Gelinde zu flennen, zu beten.
Lazarus
3
Wie langsam kriechet sie dahin,
Die Zeit, die schauderhafte Schnecke!
Ich aber, ganz bewegungslos
Blieb ich hier auf demselben Flecke.
In meine dunkle Zelle drängt
Kein Sonnenstrahl, kein Hoffnungsschimmer,
Ich weiß, nur mit der Kirchhofsgruft
Vertausch ich dies fatale Zimmer.
Vielleicht bin ich gestorben längst:
Es sind vielleicht nur Spukgestalten
Die Phantasien, die des Nachts
Im Hirn den bunten Umzug halten.
Es mögen wohl Gespenster sein,
Altheidnisch göttlichen Gelichters;
Sie wählen gern zum Tummelplatz
Den Schädel eines toten Dichters. –
Die schaurig süßen Orgia,
Das nächtlich tolle Geistertreiben,
Sucht des Poeten Leichenhand
Manchmal am Morgen aufzuschreiben.
„Die Poesien“, schreibt Heinrich Heine im März 1854 an seinen Verleger Campe, „sind etwas ganz neues und geben keine alten Stimmungen in alter Manier; aber zu ihrer Würdigung sind nur die ganz naiven Naturen und die ganz großen Kritiker berufen.“ ´Die Poesien´, damit ist auch der Zyklus ´Zum Lazarus´ gemeint.
Was die zeitgenössischen Kritiker angeht, die sich zur ´Würdigung berufen´ fühlten, sie gehörten keiner der von Heine genannten Gruppen an. So erfahren z.B. die Leser der ´Blätter für literarische Unterhaltung´ in der Dezember-Ausgabe 1854 von der „Entrüstung, die man über solche Laszivitäten und Zynismen empfindet“. Und weiter: „Man wird von einer Art nationaler Beschämung angewandelt bei dem Gedanken, daß dieser bedeutende, aber unreine Geist noch jetzt vielen als der eigentliche Repräsentant der modern-deutschen Dichtkunst gilt, wie er ja auch dies zu sein selbst sich offen rühmt.“ Schließlich die Drohung: „Wenigstens werden künftige Zeiten einen schonungslosen Säuberungsprozeß mit seinen Schriften und Poesien vornehmen müssen, um sich den kleinen Schatz von Liedern, Balladen und Capriccios zu sichern, die ihm auf diese Ehrenstellung ein Recht geben.“
Alles Geschichte? 1972 und 1982 lehnt der Konvent der Universität Düsseldorf (Heines Geburtsstadt) die seit 1965 diskutierte Umbenennung der Hochschule in ´Heinrich-Heine-Universität´ ab. 1988 stimmt dann der Senat der Universität mit Zweidrittel-Mehrheit einer solchen Umbenennung zu.
Die späten Dichtungen Heines sind natürlich längst anerkannt, ja gelten nun, in seltsamer Umkehr, als letzte Steigerung eines großen Werks. Aber ist das unser Verdienst - oder ist uns, die wir weder "naive Naturen" noch "große Kritiker" sind, eine solche Umwertung einfach nur in den Schoß gefallen?
Manfred Jobst