Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 4


 

Mensch und Abstraktion. Kunst in Marburg 2006. Eine Ausstellung des Marburger Kunstvereins (30. Juni bis 17. August 2006)

Was dieses Mal sofort ins Auge fällt: abstrakte und gegenstandsbezogene Kunst halten sich in der Ausstellung zumindest die Waage, wenn nicht sogar die letztere überwiegt. Eigentlich ist das eine kleine Revolution, die sich sicherlich auch dem Erfolg der "Leipziger Schule" verdankt. Aber woher stammt dieser Erfolg? Tatsache ist, dass das Interesse der Maler sich erneut den Menschen und ihren Umfeldern zuwendet. Die Abstraktion jedoch ist nicht vergessen. Sie bleibt, so scheint es, untergründig in den neuen Bildern präsent. Den Gestalten und Gesichtern, die wir nun betrachten, eignet kaum etwas Persönlich-Individuelles, eher etwas merkwürdig ungreifbar Anonymes. Die heutige nachmoderne Gesellschaft spiegelt sich in den Sujets der Werke, und sie verlangt offenbar nach einer neuen Verknüpfung von Abstraktheit und Gegenständlichkeit.

Die Fotografien von Sibylle Markl aus der Serie "l'eau de vie" zeigen raffiniert aufgenommene Wassergläser, in deren geschliffenen Partien sich kräftige Farben reflektieren. Jeder dieser Körper enthält sein "Lebenswasser", dessen energetische Aufladung sich in den Rot- , Grün- , Blau- und auch Schwarz-Tönen zeigt - aber die gläsernen Leiber bleiben ebenso kalt wie unlebendig.

Rainer Lathers "Grünholz (nicht ganz)" porträtiert eine blonde Frau, die sich vor domestizierten Urwaldpflanzen im unmittelbaren Bildvordergrund in eigentümlich verkrampfter Haltung vom Betrachter abwendet und in gläserner Erstarrung wie in einem hypnotischen Moment verharrt.

Von Helmut Audicks Menschen sind wir durch etwas Durchsichtiges aber Hartes getrennt; aber mögen sie sich auch einander zuwenden, wie zwei der beiden auf "ZUDRITT", so bleibt auch ihnen der direkte Kontakt verwehrt.

Anna Kwiatkowskis "Diebstahl", Schwarzweißfotografie, zeigt ein Kind mit leeren Augenhöhlen. Nach einem kleinen Schock-Moment stellt sich, sicherlich auch als Reaktion, ein Eindruck des leicht Peinlichen her: der angestrebte Effekt scheint zu plakativ.

Auf drei Bildern von Christine Reinckens sehen wir ein Kind ("Narbe"), zwei Frauen, die sich den Rücken zuwenden ("Rücken an Rücken"), sowie einen Akt ("Milch und Honig"). Gerade die intensiven Rottöne der Gesichter des Kindes und der einander entfremdeten Frauen - die linke trägt Kopfhörer in den Ohren - sind zugleich plastisch und kalt. Der Körper der nur mit einem blauen Slip Bekleideten wirkt durchaus erotisch: die junge Frau liegt gelöst, ja hingegeben auf dem Bett; aber von dem abgewendeten Kopf geht etwas Melancholisches aus. Es hebt jedoch die erotische Grundatmosphäre nicht auf, sondern scheint in sie eingebunden. Eben dadurch, dass Reinckens hier den üblichen Kontrast zwar nicht vermeidet, aber ihn auflöst, sodass er in der Sinnlichkeit des Körpers nurmehr mitschwingt, gelingt ihr ein Akt, dessen Schönheit tatsächlich aus dem reflektierten Nachhall derjenigen Körperhaltungen, die in den Aktstudien früherer Epochen kreiert wurden, entsteht.

Es gibt noch viele andere interessante Arbeiten, die hier nicht alle vorgestellt werden können. Erwähnt werden sollen aber zumindest noch die Installation von Barbara Isabella Bauer-Heusler, die farblich so ungemein anziehenden Bilder Louisa Bilands, Renate Brühls Serie "Epizentrum B", Esther Dorit Fritsches "Thea in Magenta", Günther Hermanns Farbradierungen, Eva Langeovás "Pränatal I", Luise Raband-Dulas Aquatinta-Arbeiten, sowie diejenigen der Künstlergruppe Radenhausen (u. a. die großartigen "Seelenhäuser" von Antonia Mösko), die übrigens den diesjährigen Ubbelohde-Preis erhalten hat.

Wegen der Vielfalt der gezeigten Exponate, die aber eben nichts Beliebiges hat, bereitet ein Gang durch die Ausstellung ein sinnlich-intellektuelles Vergnügen. Manchen Bildern mag eine gewisse Steigerung oder ästhetische Radikalität fehlen - und hierin läge dann ihr provinzielles Element: aber seltsamerweise führt diese Beobachtung zu keiner harschen Kritik; vielmehr akzeptiert man gerne, was hier geboten wird und fühlt sich in ihm gleichsam zuhause. Es ist schön, dass es eine so interessante, qualitativ hochstehende Marburger Kunstszene gibt.

Max Lorenzen

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