![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 4
Ortrud Gutjahr / David Graf von Kalckreuth: „Überstehn ist alles“. Wolf Graf von Kalckreuth im Bild seines Vaters Leopold und in Rilkes Requiem. Zwei Essays. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, 79 S. , ISBN 3-8260-3266-7, 10 €
„Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles“ – diese Schußverse aus Rilkes „Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth“ aus dem November 1908 haben den Charakter einer Sentenz gewonnen, unabhängig von dem Werk, das sie abschließen. Der junge Dichter – er war Rilke nicht persönlich bekannt – hatte sich am 9.10 1906 als Einjährig-Freiwilliger ganz am Anfang seiner Dienstzeit das Leben genommen.
Mit dem vorliegenden Bändchen erfahren wir mehr über sein Leben und seine Gedichte. Dabei geht der Verfasser, ein Großneffe, also nahe verwandt, wie er selbst sagt, seines Zeichens Psychoanalytiker, von den Bildern aus, die Wolfs Vater vom Sohn gemalt hat: dem Pastellbild des Fünfjährigen, dem Ölbild „Wolf auf dem Pony“ von 1895, der Szene „Kindertheater (Wolf Kalckreuth als Caesar)“ von 1900, dem Ölbild „Wolf kauernd“ aus demselben Jahr und schließlich aus dem Jahr 1906 – dem Todesjahr des Sohnes – „Wolf mit Reitpeitsche im Atelier“ (Öl).
„Wolf kauernd“ ist ein in sich widersprüchliches Bild: der 13jährige ist hochbegabt, aber er wirkt hier fast behindert. Und diesen Widerspruch arbeitet der Verfasser heraus: Wolfs Bruder Johannes hat überliefert: „Er war körperlich ungeschickt, hatte wohl von der englischen Krankheit, die man zu spät bemerkt hatte, schwächliche Beinchen zurückbehalten. Er wurde deshalb von einem Orthopäden zum anderen geschleppt, bekam Einlagen und Schienen…“ (7), und über den 17jährigen heißt es in einer ärztlichen Diagnose: „Schulterblätter und Rippen schief, Rückgrad ausgebogen. Die Rippen drückten auf die Organe, behinderten das Herz…“ (ebd.) Und in diesem Körper lebte ein lebhafter, weit über seine Jahre hinaus entwickelter Geist. Schon als Schüler übertrug er Gedichte von Verlaine und Baudelaire ins Deutsche, schrieb eigene Verse. „Dieser hochbegabte junge Mann aus einem Elternhaus, dessen gesellschaftlicher Status ihm beste Lebenschancen eröffnete, hat sich mit 19 Jahren das Leben genommen. Also muß er unter einer schwerwiegenden Störung seiner körperlich-seelischen Entwicklung und seiner Beziehungsfähigkeit gelitten haben…“ (7/8).
Vordergründig stellt sich zunächst die Frage, warum seine Militärzeit durch eine Sondergenehmigung erzwungen wurde, obwohl ihn der Militärarzt für untauglich befunden hatte. Am Morgen nach seinem Dienstantritt fand man ihn erschossen auf – aufgeschlagen die Verse aus den „Fleurs du Mal“ von Baudelaire: „Tod! Greiser Kapitän! Zeit ist zum Ankerlichten! / Dies Land sind müde wir. O Tod, in See hinein!“ (so in seiner eigenen Übertragung). War es für einen jungen Mann seiner Zeit und seines Standes so unabdingbar, Reserveoffizier zu werden? Hatte ein Wunsch seines Vaters den Ausschlag gegeben? Er hatte gerade sein Abitur bestanden, einen Sommer auf dem Lande verlebt und mit dem Vater eine Reise durch holländische Städte gemacht: die neun „Holländischen Sonette“ schrieb er nach der Rückkehr an einem einzigen Tag nieder… Und nun dies!
Der Verfasser sucht Aufschluß in der Betrachtung „Der Sohn im Blick des Vaters und Malers“. Von dem farbenfrohen Pastell des kleinen – schon sinnend dargestellten – Buben bis hin zum letzten Bild, das ihn kurz vor seinem Tod darstellt, so schmal, als wolle er sich selbst völlig zurücknehmen, nur im Blick ein wenig vom Selbstbewußtsein des jungen Dichters. Und um dessen Verhältnis zur Mutter geht es im nächsten Abschnitt. Es gibt Zeugnisse von der engen Bindung zwischen Mutter und Sohn, den sie idealisierte, mit dem sie die Liebe zu den großen Dichtern teilte, für den sie wohl auch übergroße Erwartungen hegte. Der Verfasser geht dabei auch auf die verschiedenen Familientraditionen ein – die Familie der Mutter, einer geborenen Yorck von Wartenburg, verkörperte noch den Stand des grundbesitzenden Adels, während die Kalckreuths schon in der zweiten Generation die Künstlerlaufbahn als Maler gewählt hatten.
Wolf stand zwischen Vater und Mutter, beiden konnte er wohl nicht gerecht werden. Sein Bruder Johannes charakterisierte ihn so: „Wolf war das sensibelste und phantasievollste Kind unter den fünf Geschwistern. Seine Seele hüpfte wie ein zahmer Vogel in dem von Mutterhand gezauberten Käfig, der seine Welt bedeutete…“ (12).
Wie Wolf sich selber sah, geht aus manchen seiner Gedichte hervor. Da heißt es:
„Zu schwach für die Arbeit, zu feig zum Genuß!
Ich wollte, ich könnte endlich zum
Schluß
Eingehn in den stillen Hafen…
Ich hatte den Funken zu höherem Flug,
Jedoch zur Tat nicht Stärke genug…
Nun laßt mich ruhig schlafen!“ (20)
Es scheint auch der überhöhte Anspruch an sich gewesen zu sein, der zum bitteren Ende führte.
Im zweiten Essay widmet sich Ortrud Gutjahr Rilkes „Requiem. Für Wolf Graf von Kalckreuth“. Das große Gedicht, entstanden im November 1908 unmittelbar nach dem Paula Modersohn-Becker gewidmeten „Requiem für eine Freundin“, hebt mit der Frage an: „Sah ich dich wirklich nie?“. Tatsächlich ist Rilke dem jungen Dichter nur in dessen posthum veröffentlichten Beaudelaire-Übertragungen: „Blumen des Bösen“, Insel-Verlag 1907 und dem Band „Gedichte“ Insel-Verlag 1908 begegnet, zudem traf er 1908 in Paris mit dessen bestem Freund Victor Emil von Gebsattel zusammen, der ihm, wie überliefert ist, nicht nur ein Bild Wolf Kalckreuths schenkte, sondern gewiß auch von ihm gesprochen hat.
In ihrer Interpretation des „Requiem“ geht die Verfasserin zunächst auf die Geschichte seiner Entstehung ein und bringt sodann den Text als ganzes. Besonders aufschlußreich ist ihre Einbeziehung der „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ in den Zusammenhang mit den Aussagen des Gedichtes. Ein weiterer Schwerpunkt ergibt sich daraus, dass Rilke mit großer Zurückhaltung die Mutter des Verstorbenen einbezogen hat – vermittelt durch Anton Kippenberg, den gemeinsamen Verleger. Leider ist der Briefwechsel zwischen Rilke und der Gräfin von Kalckreuth auf ihren Wunsch vernichtet worden.
Das „Requiem“ steht in einer ehrwürdigen Tradition, der des „Totengesprächs“. „In Rilkes ‚Requiem’ geht nun aber nicht der lebende… Dichter ins Totenreich, sondern er holt den Verstorbenen durch seine sprachliche Vorstellungskraft ins Leben zurück, um mit ihm über den Tod und die Kunst in Austausch zu treten. Durch diese Struktur eines imaginären Dialogs kann Rilke der ursprünglichen Bedeutung eines Requiems als Totenmesse und sakraler Gedächtnisfeier gerecht werden“. (56)
Vor allem aber sind es Rilkes Gedanken zur Poetologie, die dies Denkmal für den an sich Verzweifelnden zu einem Schlüsseltext über Dichtung machen. Ein Abschnitt sei hier zitiert:
„.. O alter Fluch der Dichter,
die sich beklagen, wo sie sagen sollten,
die immer urteiln über ihr Gefühl
statt es zu bilden, die noch immer meinen,
was traurig ist in ihnen oder froh,
das wüßten sie und dürftens im
Gedicht
bedauern oder rühmen. Wie die Kranken
gebrauchen sie die Sprache voller Wehleid,
um zu beschreiben, wo es ihnen wehtut,
statt hart sich in die Worte zu verwandeln,
wie sich der Steinmetz einer Kathedrale
verbissen umsetzt in des Steines Gleichmut.“(54/55)
Ortrud Gutjahr endet ihre Ausführungen mit der Einsicht: „.. so konnte doch erst durch Rilkes „Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth“ der Name des jung verstorbenen Dichters auch für die ‚Künftigen’ erhalten bleiben“. (76)
Renate Scharffenberg
Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen