Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 4


 

Buch des Monats Juli 2006

Alexander Ulfig: Große Denker. Herausgegeben von Abraham Melzer, Melzer Verlag, Neu Isenburg 2006, Lizenzausgabe für Parkland Verlag, Köln 2006, ISBN 3-89340-078-8, 425 Seiten, 9,95 €

Der Band stellt nicht nur Philosophen, sondern, wie der Autor im Vorwort hervorhebt, Denker vor, die "nicht nur fundamentale theoretische Erkenntnisse [liefern], sondern [...] auch Möglichkeiten der praktischen Lebensgestaltung [schildern] (S. 5). Das Nachschlagewerk richte sich "in erster Linie nicht an Fachleute, sondern an das breite Publikum" (ebda.) und könne als eine Einführung in die Gedankenwelt großer Denker gelesen werden. Besonderen Wert legt Ulfig "auf Klarheit und Verständlichkeit der Darstellung" (ebda.) und macht diese Kriterien sogar zum Maßstab seiner Auswahl: "Meine Vorliebe gilt daher Denkern, die sich darum bemüht haben oder bemühen, ihre Gedanken in einer klaren und verständlichen Sprache darzustellen. Diese Vorliebe spielte eine wichtige Rolle bei der Auswahl der Autoren. Sie erleichterte mir die Qual der Wahl" (S. 6).

Es ist bereits bemerkenswert - und heute äußerst ungewöhnlich - , dass sich ein einzelner Autor an die Aufgabe macht, einen lexikalischen Band "Große Denker" zu verfassen. Normalerweise haben dergleichen Bücher schon wegen der Vielzahl der Mitarbeiter keinerlei individuellen Zuschnitt. Ulfig jedoch scheut sich nicht, zwei sonst weit auseinander fallende Dinge zu verbinden, nämlich Individualität und alphabetisch-lexikalische Ausrichtung. Der erste Gesichtspunkt kommt auch in der folgenden Äußerung zum Tragen: "Ferner haben Denker, die eine gewisse Systematik und Wissenschaftlichkeit in ihr Werk einbringen und den Anspruch auf Nachprüfbarkeit und Begründbarkeit ihrer Gedanken stellen, mehr Gewicht bekommen als solche, die dies nicht tun" (S. 6). Das mag man bedauern - und wird nun, neugierig geworden, natürlich nach Namen fahnden, von denen man vermutet, dass sie, bzw. ihre Bücher, die Kriterien von "Systematik und Wissenschaftlichkeit" nicht erfüllen.

Man wird also etwa E. M. Cioran vergeblich suchen; allerdings entzog sich der rumänische, in Frankreich lebende Philosoph jedem systematischen Anspruch, den er für scheinhaft hielt. Sein Werk beinhaltet eine immer erneut vorgetragene Kritik an der wissenschaftlichen Rationalität - für Cioran gibt es weder "Sinn", noch "Fortschritt" in der Welt. Was ihm das Leben erträglich macht, sind die aufgegipfelten Momente einer nihilistischen Mystik. In ihnen wird vielleicht ein existenzielles Verstehen des Nicht-Verstehbaren möglich. Sind Ulfig solche radikalen, ja bedrohlichen Weltentwürfe nicht geheuer?

Aber Albert Camus, neben Sartre die wichtigste Gestalt des französischen Existentialismus, findet Aufnahme in den "Großen Denkern". Warum? Vielleicht, weil sein Begriff des "Absurden" es dennoch ermöglicht, von menschlicher "Würde" und "Freiheit" zu sprechen: das Absurde, die Sinnlosigkeit, soll ausgehalten werden, und dieses Aushalten "bedeutet Freiheit; der Mensch ist davon befreit, sein Leben nach einem bestimmten Sinn auszurichten und kann dadurch in höherem Maße über sich selbst verfügen und seine Lebensintensität in der Gegenwart steigern. Das negative Gefühl der Absurdität kann damit in ein positives Gefühl des Glücks umgewandelt werden" (S. 67 f).

Zählen wir noch einige Namen auf, die in dem vorliegenden Band nicht vertreten sind: Der italienische Renaissancephilosoph Marsilio Ficino etwa fehlt, aber auch Novalis und Friedrich Schlegel sucht man vergeblich. Nicolai Hartmann, ein heute etwas in den Hintergrund getretener Philosoph der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wird berücksichtigt, Eduard von Hartmann, der im Jahrhundert davor seine wichtige "Philosophie des Unbewussten" verfasste, nicht. Aus dem 20. Jahrhundert fehlen weiterhin etwa Whitehead, Plessner und Klages und leider auch Walter Benjamin, sowie aus der zweiten Hälfte Günther Anders, Hans Blumenberg und Paul Ricœur, außerdem Rawls, Odo Marquardt, Baudrillard, Sloterdijk und Luhmann. Natürlich sind das Mankos, andererseits begreift man: die "Großen Denker" enthalten vieles, aber Vollständigkeit kann und will der Band nicht anstreben.

Ausgezeichnet ist nun aber, dass man auf viele Namen stößt, die man in einer Geschichte der Philosophie oder einem Lexikon philosophischer Autoren vergeblich suchen würde; erwähnt seien: Luther, Einstein, Carl Gustav Jung, dann aber auch John Maynard Keynes, Claude Lévi-Strauss, George Herbert Mead oder Jean Piaget. Man blättert gern in Ulfigs "Denkern", stößt häufig auf Wissenswertes und nicht selten auf eindringliche, prägnante, aber immer nachvollziehbare Formulierungen, in denen Kernpunkte der jeweiligen Theorien aufscheinen (auch vorkommende Redundanzen - Beispiel: "Die Letzteren [die Einzeldinge] haben an den Ersteren [den Ideen] teil. Sie existieren nur, sofern sie an ihnen teilhaben" (S. 322) - stören kaum; offenbar entwickelt sich in dem Streben nach Kürze und Prägnanz gern ein gegenteiliger Hang zu Wiederholungen). So fällt manchmal ein Schlaglicht auf verwickelte Zusammenhänge, und man bekommt Lust, noch weiter in dieser Ahnengalerie des Denkens herumzugehen und das zeitlich und inhaltlich Disparateste miteinander in Beziehung zu setzen. Plötzlich spürt man, dass diese Galerie jemandem gehört. Denn nicht nur die Auswahl, auch der Stil der Artikel hat etwas zugleich Sachlich-Allgemeines und Individuelles - hinter den nüchternen Beschreibungen steckt doch ein Mensch, der eine besondere Vorstellung von und ein sehr ernsthaftes Verhältnis zur Philosophie hat. Gerade in dieser seltsamen Verbindung, die selten genug ist, von angestrebter Allgemeingültigkeit und persönlicher Neigung entsteht die Idee eines kulturellen Raumes, in dem sich die im Buch versammelten Gestalten bewegen. Ulfig gelingt es, in einer Zeit, die längst für jedes Gebiet den Anspruch auf Universalgeschichte aufgegeben hat, die Vorstellung eines inneren Zusammenhangs des Denkens wiederzuerwecken.

Das Buch ist in der Tat sehr geeignet, einem breiteren Publikum theoretische und philosophische Inhalte zu vermitteln; aber auch, wer sich schon auf diesem Gebiet - mehr oder weniger - auskennt, wird es durchaus mit Gewinn in die Hand nehmen.

Peter Rhonfeld

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