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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 5
Mit Eva, so behauptet der Titel eines populären Buchs über den Wandel von Liebes- und Ehesitten (von Siegfried Fischer-Fabian), mit Eva fing die Liebe an. Nun, ganz so weit werden wir heute nicht zurückgehen müssen, um unseren Streifzug zu beginnen. Wir starten in der griechischen Antike.
In den alten griechischen Mythen begegnet Eros, der Gott der Liebe, als einer der ältesten Götter, was auf seine Macht und Bedeutung hinweist. Gemäß den mythologischen Vorstellungen bleibt Eros ewig ein Kind. Sein Wesen wird als unvorsichtig und launisch beschrieben. Zugleich gilt er als allmächtig und unwiderstehlich. Mit seinen Pfeilen verwundet er die Menschen und bezwingt sie mit der Macht der Liebe. Unter den Blumen ist ihm die Rose geweiht. Diese Verbindung zwischen Eros, Liebe und Rose läßt sich durch die gesamte abendländische Kulturgeschichte verfolgen. Und noch heute gilt die Rose als Symbol der Liebe.
Eine Charakterisierung des Eros aus der Antike besagt: „Eros ist der schönste unter den unsterblichen Göttern, der die Glieder löst und allen Göttern wie Menschen das Herz in der Brust bezwingt und die Stimme des Verstandes besiegt“. Was das konkret bedeutet, hat insbesondere der Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) herausgearbeitet, der Eros und Liebe wiederholt zum Thema seiner Dialoge gemacht hat. Eros, so erfahren wir von Platon, ist eine Art Wahnsinn (Mania) göttlichen Ursprungs, der nicht nur Begierde nach körperlichem Liebesgenuß erweckt, sondern auch eine heilende, eine therapeutische Wirkung hat, erholt man sich doch in der Nähe der geliebten Person vom Schmerz und wird man froh gestimmt. Andererseits führt Eros dazu, daß sich die Leiden verschlimmern, wenn der geliebte Mensch fern ist. Das kann einen gar so rasend machen, daß man weder bei Nacht Schlaf noch am Tag irgendwo anders als in der Nähe des Geliebten Ruhe findet. Deshalb sucht man sich so viel wie möglich bei ihm aufzuhalten und schätzt ihn höher als die engsten Verwandten und Freunde. Ja, es kann gar vorkommen – hat Eros so richtig Besitz von einem ergriffen –, daß man Besitz und Einkommen vernachlässigt und im Gegensatz zu früher Sitte und Anstand gering achtet.
Das alles heißt für Platon: In einer so beschaffenen Liebe streift die wahrhaft liebende Seele den krankhaften Wahnsinn, der mit Eros nichts zu tun hat. Aber sie wird der Gefahr Herr, ihm tatsächlich anheimzufallen. Denn Liebe ist für Platon nicht gleich Wahnsinn schlechthin, sondern besonnener Wahnsinn. Und zwar bedarf die Liebe nach Platonischer Sicht der Dinge der Besonnenheit, weil man ansonsten ganz der Begierde verfallen würde. Diese Besonnenheit zeigt sich vor allem in zweierlei. Zum einen gibt es Liebende, die sich des Sinnengenusses im sexuellen Sinn enthalten. Zum zweiten kann sich Eros mit fürsorglicher Liebe verbinden: Während Eros allein das Gute für mich, den Begehrenden, will, erstrebt die fürsorgliche Liebe das Gute für den anderen Menschen um des anderen willen. Diese Art der Liebe ist die Grundlage von Freundschaft.
Der französische Philosoph Michel Foucault hat herausgearbeitet, wie diese Zweiseitigkeit von Liebe und Erotik – daß sie nämlich Wahnsinn und Besonnenheit sind – in der Kultur der Antike zum Ausdruck kam. Einerseits bestand in der antiken Welt eine grundsätzliche Toleranz gegenüber schlechterdings allen Formen menschlichen Sexualverhaltens. Das ist die Mania-Komponente des Eros. Andererseits wurde das Sexualverhalten durch soziale und hygienisch-medizinische Vorschriften reguliert. Darin offenbart sich das Besonnenheits-Moment. Ein Lebensbereich, in dem diese Regeln besonders wirksam waren, stellt die griechische Ehe dar. Denn in ihr galt: Die Frau soll ihr Verhalten im Hinblick auf die Geburt rechtmäßiger Erben regulieren. Für den Mann hingegen galt diese Einschränkung nicht; ihm blieb außerehelicher Verkehr (auch mit Knaben und Hetären) erlaubt. Allerdings durfte sein Verhalten den Bestand des Haushalts nicht gefährden und den seiner Frau gegenüber zu wahrenden Respekt nicht verletzen.
Diese Deutung des Eros durchzog die alte Welt bis in spätantike Zeiten. Eine Veränderung erfährt die Sachlage mit dem Aufkommen und der Verbreitung des Christentums. Ein entscheidender Wegbereiter der sich anbahnenden Veränderung ist der Kirchenlehrer und Philosoph Augustinus (354-430). Bis zum elften/zwölften Jahrhundert war das mittelalterliche Denken weithin von ihm und seinem Liebesbegriff geprägt. Augustinus nun verengt den antiken Liebesbegriff, der, wie wir gesehen haben, durch Eros geprägt ist, auf Nächstenliebe, auf Caritas also. Caritas ist für ihn eine Ableitung aus der Liebe zu Gott und meint im wesentlichen ein rein geistiges Verlangen ohne sinnliche Komponenten. Daher ist die Caritas keine sinnliche Liebe. Sie ist selbstlos und äußert sich im Beistand für den Nächsten und im Almosengeben.
Der Mangel dieses verengten Liebesbegriffs dürfte offensichtlich sein. Er besteht darin, daß der Liebe zwischen den Geschlechtern kein angemessener Platz zugewiesen wird. Daher rührt es, daß sich im elften Jahrhundert die Sinnlichkeit wieder zu Wort meldet und sich zu legitimieren versucht. So tritt als Gegenbild zur asketischen Strenge der christlich-augustinischen Caritas wieder die profane Liebe auf den Plan: die höfische Liebe ist geboren. Hinter ihrem Emporkommen steht aber nicht nur eine Reaktion gegen einen verengten Liebesbegriff; dazu kommt ein kultursoziologischer Aspekt: nämlich eine Reaktion gegen die Sittenanarchie des Feudalherrentums. Damit ist folgendes gemeint: Im elften und zwölften Jahrhundert war die Ehe für den Lehnsherrn eine gute Gelegenheit, reich zu werden und Landbesitz, den die Ehefrau als Mitgift in die Ehe mitbrachte oder zu erben hoffte, zu erwerben. Wenn dieses „Geschäft“ nicht wie erwartet ausfiel, wurde die Frau kurzerhand verstoßen. Als Grund schob man in der Regel vor, man lebe mit der Frau in einem inzestuösen Verhältnis. Dazu genügte es schon, ohne allzu viele Beweise eine Verwandtschaft vierten Grades festzustellen, um die Ehe annullieren zu lassen. Die Kirche konnte dem wenig entgegensetzen, denn schließlich lehnte sie ja selbst vehement den Inzest ab. Solchen Verhältnissen und Mißbräuchen, die Anlaß zu endlosen Auseinandersetzungen waren, setzte die höfische Liebe eine Treue entgegen, die unabhängig von der legalen Ehe war und allein auf der Liebe aufbaute.
Neben der Wendung gegen den verengten Augustinischen Liebesbegriff spielen bei der Entstehung der höfischen Liebe zwei weitere Faktoren eine entscheidende Rolle. Erstens: Durch die Kreuzzüge – der erste fand von 1096-1099 statt – kam das Abendland in Kontakt mit dem Islam. Trotz seiner Fremdartigkeit war er viel fortgeschrittener und zivilisierter als alles, was die abendländischen Ritter kannten und sich hätten vorstellen können. Daher brachten sie neue Ideen und Eindrücke mit nach Hause, die sie für die Veränderungen empfänglich machte, die in Europa begonnen hatten.
Zweitens: Das Ideal der höfischen Liebe hat seinen Ursprung im Südwesten Frankreichs. Und das wiederum hat damit zu tun, daß die maurischen Liebeslieder aus dem moslemisch beeinflußten Spanien über die Pyrenäen in den Südwesten Frankreichs gelangten. Ihre Grundtendenz zielt auf die dichterische Anbetung der unerreichbaren Geliebten gemäß der Einstellung: „Die Einheit der Seelen ist tausendmal schöner als jene des Körpers“ (Ibn Hazm, 994 – 1064). Das führte in der Folgezeit dazu, daß Liebe und Erotik weniger als etwas Sinnliches begriffen, sondern vielmehr zu etwas Geistigem, Spirituellem, ja geradezu Mystischem und Geheimnisvollem gesteigert wurden.
Um was genau handelt es sich nun bei diesem Ideal der höfischen Liebe?
Zunächst ist wichtig zu betonen: Die höfische Liebe begann in der Literatur, das heißt, sie war zunächst eine Erfindung der Troubadoure (was wörtlich „Erfinder von Versen“ bedeutet), wie die Minnesänger aus der Provence, wo diese Art Dichtung entstand, sich nannten. Die höfische Liebe war also zuerst nichts weiter als eine literarische Fiktion; aber sie ging sehr bald in die Welt der Realität über. Man hat es hier also mit dem interessanten Phänomen zu tun, daß die Literatur kein Reflex der Realität ist, sondern daß im Fall der höfischen Liebe das Leben die Kunst imitiert.
Nehmen wir die höfische Liebe etwas eingehender in Augenschein, dann wird deutlich: sie ist eine Liebe außerhalb der Ehe, denn die Liebe in der Ehe bedeutet nach Ansicht der Troubadoure nichts als die Vereinigung der Leiber. Eros, wahre Liebe hingegen bedeutet ein Aufstreben der Seele zu einer Art geistigen Vereinigung, die jenseits jeder Liebe liegt, die in einem primär sinnlich ausgerichteten Leben möglich ist. Daher setzt diese Liebe Keuschheit voraus. In der deutschen Minnelyrik jener Zeit heißt diese Liebe „hohe Minne“. Ihr ging es nicht um sinnliche Befriedigung, sondern um ein empfindsam gesteigertes Fühlen und ein Verlangen, das sehnsüchtig ausharrt. Der „niederen Minne“ hingegen war es um sinnliche Befriedigung zu tun. Die „hohe“ vergeistigte demgegenüber das Sinnliche und verehrte in der geliebten Dame ein unerreichbares Ideal. Modern gesprochen: Die Erotik im elften und zwölften Jahrhundert, auf die die höfische Liebe abzielt, ist sublimierte Sexualität.
„Höfische Liebe“ meint also eine Art von idealisierter Beziehung zwischen einer hochgeborenen Dame und einem romantischen Kavalier. Die angebetete Dame war für gewöhnlich mit einem mächtigen Feudalherrn verheiratet. Das, was den Liebhaber bedrückte, war indessen weniger ihr Ehemann, sondern in erster Linie ihr adeliger Rang, war der Klassenunterschied. Der Liebhaber bemühte sich, ihrer wert zu werden, und – wenn er Glück hatte – gelang es ihm, ihre Liebe zu gewinnen. Um ihres guten Rufs willen mußte ihre Liebe aber verborgen bleiben. Dadurch wurde sie zu einem Geheimnis.
Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang: Die Troubadoure sangen nie von vollzogener Liebe. Von daher hat man es bei der Minnelyrik im Grunde mit einer Verherrlichung der unglücklichen Liebe zu tun, einer Verherrlichung der ewig unbefriedigten Liebe.
Dieses Ideal der höfischen Liebe hatte eine eminent soziale und sozialisierende Funktion: Es führte nämlich zur Ausbildung bestimmter ritterlicher Tugenden: Beständigkeit, Beharrlichkeit, Treue, Zucht (im Sinne von Selbstbeherrschung) und Ehre. Um diese Tugenden gruppierten sich die sogenannten „Gesetze der Liebe“, die sich zu Beginn des zwölften Jahrhunderts ausbildeten und wie ein Ritual festgelegt waren. Diese Gesetze der Liebe verlangen: Maß, Ziel, Heldentum, langes Warten, Keuschheit und Geheimhaltung. Hielt man sie ein, so gewährten sie gelegentlich Gnade, dann nämlich, wenn die Dame den Liebenden erhörte. Und diese Tugenden führen zu einer Freude, die Zeichen und Garantie für die wahre, hohe Minne ist.
So hatte das Ideal der höfischen Liebe einerseits – auf der Seite des Liebhabers – die Ausbildung bestimmter Tugenden und die Verfeinerung des inneren Menschen zur Folge. Je höher das Ziel war, so kann man vielleicht sagen, um so tugendhafter mußte man werden – um so stärker dürfte allerdings auch die innere Spannung gewesen sein. Das Erotische wurde aufgrund dieses Ideals von allem Sinnlichen gereinigt und fast spirituell bzw. mystisch erlebt.
Auf der anderen Seite war innerhalb eines Zeitraums von weniger als einem halben Jahrhundert die zuvor kaum beachtete Frau in die verehrte Dame verwandelt worden. Ausdruck dieser Verwandlung war eine im zwölften Jahrhundert stattfindende dramatische Veränderung des Schachspiels. Das Schachspiel kommt aus Indien und wurde ursprünglich mit vier Königen gespielt, die das Spiel beherrschten. Im zwölften Jahrhundert bilden sich nun die noch heute gültigen Regeln heraus. Jetzt erhält die Dame das Übergewicht über alle anderen Figuren; und es gibt auf jeder Seite nur noch einen König, dessen Aktionsradius zudem auf ein Minimum reduziert ist: er kann sich immer nur um ein Feld weiterbewegen (Ausnahme: Rochade).
Daß dieses Ideal der höfischen Liebe auf die Dauer jedoch keinen Bestand haben konnte, liegt in der Struktur dieses Ideals selbst. Hierbei sind mehrere Aspekte ausschlaggebend:
Erstens: Partnerwahl und Eheschließung waren in jenen Jahrhunderten nur selten oder nie Sache der unmittelbar Betroffenen. Entscheidend war in erster Linie das Familieninteresse, das durch die Väter vertreten wurde und das auf Vergrößerung des Vermögens und Landbesitzes sowie auf Bündnispolitik ausgerichtet war. Dadurch wurde die Ehe bloßes Mittel zum Zweck. Liebe spielte dabei in den seltensten Fällen eine Rolle. Folglich mußte sich Eros sein Betätigungsfeld anderswo suchen. Und er fand es in der höfischen Liebe.
Zweitens stand die höfische Liebe in einem gespannten Verhältnis zu kirchlichen Vorstellungen, denn gemäß diesen Vorstellungen galt die Ehe als ein heiliger Bund, den Mann und Frau im Angesicht Gottes geschlossen haben. Die höfische Liebe jedoch war ihrer Tendenz nach ehebrecherisch, denn der Liebhaber betete ja eine verheiratete Frau an.
Drittens: Die höfische Liebe verherrlichte die Leidenschaft, und eben die war in der mittelalterlichen Ehe in der Regel nicht zu finden. Ja, die Vertreter des Ideals der höfischen Liebe gingen gar so weit zu behaupten, Liebe und Ehe seien nicht miteinander vereinbar. Daher rührt es, daß im dreizehnten Jahrhundert die Ehe mehr und mehr verachtet wird; und zwar in dem Maße, in dem die Leidenschaft verherrlicht wird. Das führt zu einer grundlegenden Veränderung hinsichtlich der Einstellung zum Ehebruch: Der Ehebrecher wird zunehmend zu einer äußerst interessanten Persönlichkeit. Exemplarisch kann hierfür die Geschichte von Tristan und Isolde stehen: Der Sympathieträger ist nicht der betrogene König Marke, sondern unbestrittener Star der Geschichte ist der Ehebrecher Tristan.
Dazu kommt viertens: Das Ideal der höfischen Liebe verlangte mehr, als Menschen für gewöhnlich leisten können. Denn es fordert unbedingten Gehorsam auch gegenüber extravaganten, absurden, ja erniedrigenden Zumutungen, die die Dame von ihrem Kavalier einforderte. Besonders anschaulich hat das Ulrich von Lichtenstein (ca. 1198-1276) in seinem 1255 vollendeten Werk Frauendienst beschrieben.
Daher läßt sich in der Folgezeit ein eigenartiges Auseinanderdriften zweier Tendenzen feststellen.
Einerseits ist zu beobachten: Das Entstehen der höfischen Liebe fällt zeitlich zusammen mit einer plötzlichen Marienverehrung. Der Marienkult wurde mit den Kreuzzügen aus Byzanz nach Europa gebracht. Zunächst zog Maria die Verehrung Bernhard von Clairvaux’ (1090-1153) auf sich, der den Zisterzienserorden reformierte. Die Mönche dieses Ordens waren der Jungfrau Maria geweiht. Sie trugen Weiß zu Ehren ihrer Reinheit, und sie bauten in ihren Kirchen besondere Kapellen für sie.
Im dreizehnten Jahrhundert nun kommt es zu einer Identifizierung von Maria mit der geliebten und angebeteten Dame. Aus der Jungfrau Maria wurde Notre Dame, Unsere Dame: eine dem Weltlichen weit entrückte und erhabene Frauenfigur.
Im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert ändert sich dieses Marienbild erneut. Unter dem Einfluß der Franziskaner mutiert sie zu einer warmherzigen, mitfühlenden und gütigen Frau für die Armen und Leidenden dieser Erde. Nun erscheint sie als eine Frau, die die meisten Männer gerne gehabt hätten, die sie aber weder zu Hause in der Gestalt ihrer Ehefrau hatten, noch in Gestalt der angebeteten Dame je besitzen würden. Im Grunde genommen handelt es sich bei diesem Kult der Marienverehrung um einen Prozeß der Sublimierung und Projektion: Die sowohl von der Ehefrau als auch von der Dame unerfüllt gelassenen Wünsche werden projiziert auf ein Idealbild von Frau. Und die Erotik wird sublimiert zur Verehrung eines geradezu mythischen Wesens.
Andererseits läßt sich im gleichen Zeitraum ein sprunghafter Anstieg der Prostitution feststellen. Natürlich hat es Prostitution von jeher gegeben, aber seit dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert florierte das ‚horizontale Gewerbe’ in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß. Der weltlichen Macht ist es im Mittelalter nie gelungen, der Prostitution wirklich etwas entgegenzusetzen. Und die Kirche war nicht nur nicht in der Lage, die Prostitution zu verbannen – tatsächlich wollte sie das auch gar nicht. Autoren wie etwa Augustinus (in De ordine) im frühen oder Thomas von Aquin (Opuscula XVI) im hohen Mittelalter sahen Prostitution verglichen mit Homosexualität oder Zoophilie (Verkehr mit Tieren) als das bei weitem geringere Übel an.
Statt also die Prostitution beseitigen zu wollen, stellte die Kirche mancherorts die Prostituierten sogar unter ihren Schutz. In England und Italien war es eine Zeitlang üblich, daß Priester Prostituierte zu deren Schutz auf der Straße begleiteten, wenn diese auf der Suche nach Freiern waren. Und in Avignon gab es im 15. Jahrhundert gar ein Kirchenbordell. Einen Teil ihrer Zeit verbrachten die dort lebenden Prostituierten mit Gebeten und religiösen Übungen; in der restlichen Zeit bedienten sie ihre Kunden. Papst Julius II. (geb. 1443, Papst von 1503-1513) war davon so beeindruckt, daß er in Rom selbst eine gleiche Einrichtung schuf.
Vollends im Zeitalter der Renaissance, besonders seit dem fünfzehnten Jahrhundert in Italien, nimmt man merklich Abstand von höfischen Einflüssen und betrachtet den Mythos von der unerreichbaren Frau zunehmend abschätzig. Eine der Folgeerscheinungen war: Die Frauen der hohen Gesellschaft erhielten eine Erziehung, die derjenigen der Männer gleich war. Zudem genossen sie hinsichtlich Erotik und Sexualität völlige moralische Gleichberechtigung (allerdings keine politische). Eine weitere Folgeerscheinung bestand darin, daß die Kurtisanen im sozialen Leben eine beachtliche Rolle zu spielen begannen. Dazu kam als dritte, daß eines der beliebtesten Mittel für den Ausdruck der Persönlichkeit Sex bzw. das Reden darüber wurde. Entsprechend ist die Literatur des fünfzehnten Jahrhunderts voll von sogenannten „offenen“, also sehr freizügigen Sonetten und Liedern. (Exemplarisch wäre hier etwa hinzuweisen auf Pietro Aretino [1492 – 1556] und Oswald von Wolkenstein [ca. 1377 – 1445].) Zudem läßt sich eine um sich greifende bisexuelle Orientierung des insbesondere italienischen Mannes beobachten. Darüber hinaus war Zoophilie weit verbreitet. Und: Heterosexueller Analverkehr wurde die Standardmethode der Empfängnisverhütung.
Kurz und gut: Die überkommenen Sittlichkeitsstandards waren weitgehend außer Kraft gesetzt und vor- und außerehelicher sowie ehebrecherischer Geschlechtsverkehr an der Tagesordnung. Daher wundert es nicht, wenn beispielsweise Luther (1483-1546) in seiner Abhandlung vom ehelichen Leben die Herrschaft des Triebs und den Anspruch des Menschen auf sinnliche Lust betont sowie daß eine literarische Figur das Licht der Welt erblickt, die in der Folgezeit zum Sinnbild aller Triebbesessenen wird, die der Erotik und der Sexualität um jeden Preis nachjagen: Don Juan (in Tirso de Molinas Theaterstück El Burlador de Sevilla / Der Verführer von Sevilla, 1630). Don Juan ist die Verkörperung der Renaissancevorstellung des Verführers und liebebegierigen Manns ohne jede Moral schlechthin. So viele Frauen wie eben möglich möchte er verführen und zu seiner Geliebten machen. Im Grunde aber ist er zu wahrer Liebe unfähig. Er liebt, so kann man vielleicht sagen, um der Liebe willen. Er sucht Liebe, aber nicht den geliebten Menschen. Daher kann ihm keine Frau die vollkommene Erfüllung seiner Sehnsucht gewähren. Folglich hetzt er rastlos von einer zur nächsten.
Jedoch: Verglichen mit einer anderen – historischen – Person ist Don Juan eine vergleichsweise harmlose Figur. Ich meine den Marquis de Sade (1740-1814). Mit de Sade befinden wir uns in der Epoche, die man als „Rokoko“ bezeichnet. Das Rokoko ist als das „Zeitalter der erlaubten Unzucht“ charakterisiert worden. Die Hauptbeschäftigung an den Königshöfen – insbesondere am französischen – war „faire l’amour“: Liebe machen, und zwar nach der Devise: „Erlaubt ist, was gefällt“. Kein Wunder also, daß in dieser Zeit außerehelicher Verkehr und uneheliche Geburten sprunghaft anstiegen. Darstellungen von Erotik und Erotik-Ratgeber erlebten einen bis dahin kaum gekannten Boom und wurden zu einem einträglichen Geschäft. Überall in Europa – nicht nur in Frankreich – machte sich eine allgemeine Auflösung von Sitte und Ordnung überdeutlich bemerkbar.
Der, wenn man so will, „Cheftheoretiker“ der Zügellosigkeit war der bereits erwähnte Marquis de Sade. Unter „Liebe“ verstand er zunächst einmal nichts anderes als „Sexualität“ – des näheren eine mit dem Zufügen von Schmerz gekoppelte Sexualität. Ich zitiere de Sade: „Der einzigartige und höchste Genuß der Liebe liegt in der Gewißheit, Schmerz zu bereiten“. Und noch einmal O-Ton de Sade: „Grausamkeit und Genuß sind zwei identische Empfindungen“.
De Sades Kernthese besagt: Die Tugend wird immer vom Unglück verfolgt, und daher gedeiht das Laster zwangsläufig. Das liegt in den „Absichten der Natur“. So gesehen ist es besser, es mit den Lasterhaften, Zügellosen und Bösewichtern zu halten, als mit den Tugendhaften zugrunde zu gehen. Daher sind die Männer und Frauen, die de Sade in seinen Büchern schildert, von perversen Trieben gesteuerte Figuren, die an jeder nur erdenklichen Abart sexuellen Verhaltens Gefallen finden und die unter „Liebe“ die Verbindung von sexueller Lust mit dem Zufügen von Schlägen, Grausamkeiten und Erniedrigungen aller Art verstehen. De Sade kam es darauf an, Lust, aber auch körperliche und psychische Qualen, bis zum Exzeß zu steigern. Damit verkehrt sich bei ihm Liebe letzten Endes zur Machtergreifung in vollem Ausmaß: der andere soll einem mit Leib und Seele gehören.
Man macht es sich zu einfach, wenn man de Sades Figuren einfach als Ausgeburten einer krankhaften Phantasie abtut. Denn was de Sade schildert, ist zu einem Gutteil Reflex tatsächlich ausgeübter Praktiken. Ich gebe nur ein Beispiel: Liebe und Erotik wird an den Königshöfen als probates Mittel im Kampf um die Macht eingesetzt. Ob dabei Menschen physisch und/oder psychisch zu Schaden oder gar ums Leben kommen, spielt so gut wie keine Rolle. Eindringlich geschildert hat das beispielsweise Choderlos de Laclos in seinem Briefroman Gefährliche Liebschaften (1782).
Oder, um ein anderes Beispiel anzuführen: Die Steigerung der Lust in jeder Form wurde zu einem äußerst einträglichen Geschäftszweig ausgebaut. Am beliebtesten waren jene Häuser, in denen die Flagellation, das Auspeitschen, ausgeübt wurde. Besondere Berühmtheit erlangte in London das Flagellationsinstitut einer gewissen Miß Colette – nicht zuletzt deswegen, weil zu ihren Besuchern der englische König George IV. (1762-1830) zählte.
Neben diesen derben bis sadistischen Varianten von Liebe und Erotik beginnen sich im Zeitalter des Rokoko zwei andere Tendenzen abzuzeichnen, die beide von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) angestoßen wurden. Auf der einen Seite wurde die „ménage à trois“, die Ehe zu dritt, zu einem Experiment, dem großes Interesse entgegengebracht wurde. Auf der anderen entsteht jenes Phänomen, das als „romantische Liebe“ und als „Liebesehe“ bezeichnet wird. „Romantische Liebe“ – das heißt: Man liebte sich wirklich und empfand wirklich tiefe Liebe füreinander. Aber die Partner liebten sich nicht nur, sondern versuchten zu ergründen, was ihre Liebe, ja, was Liebe überhaupt bedeutet. Die Antwort, die man seinerzeit fand, besagte: In der Liebe sucht und findet man sich selbst im anderen. Die Liebenden bewahren in der Liebe nicht nur ihre Individualität; nein, mehr noch: sie gewinnen sie sogar vollends erst durch die Liebe. Die Liebe des Partners besitzt also eine formende Kraft, die zum Erfassen der eigenen Individualität führt. So betrachtet leitet Liebe zur Selbsterkenntnis hin – auf dem Weg über die erotische Zweisamkeit und Intimität mit dem geliebten Menschen.
Einschneidende Veränderungen für Liebe und Erotik brachte in der Folgezeit der Wiener Kongreß von 1815 mit sich. Das Geschlechtsleben, so wurde nun, besonders unter dem Einfluß Metternichs, gefordert, sollte fortan nur noch so vor sich gehen, wie es von der katholischen Kirche für gut geheißen wurde. Konkret bedeutet das: Liebe und Erotik waren nur zulässig als Mittel zum Zweck der ehelichen Zeugung von Nachkommen. Alles, was darüber hinausging, war verpönt und wurde als Sünde gebrandmarkt. In den deutschen Landen führte das zu der Epoche, die als „Biedermeier“ bezeichnet wird. Und in Großbritannien begann das „Viktorianische Zeitalter“. Leitziel war die „bürgerliche Wohlanständigkeit“. Die Ehe galt als Grundlage der Familie und die Familie als Grundlage der menschlichen Gemeinschaft. Und das geordnete Familienleben könnte, so wurde seinerzeit propagiert, die Ordnung im Staat gewährleisten. Liebe und Erotik wurden damit kanalisiert und in die Bahnen von Ehe und Familie gelenkt.
Das, was in den Augen von Sittlichkeitsaposteln als unanständig oder unsittlich bezeichnet wurde, konnte infolgedessen nur noch im Verborgenen blühen. Also ging das Laster in den Untergrund. Prostitution und Homosexualität starben keineswegs aus. Im Gegenteil: sie wucherten mehr denn je. Die Zahl der Prostituierten im Jahre 1860 in Paris wurde bis auf 120.000 geschätzt. London hatte um die gleiche Zeit etwa 50.000.
Neben der Möglichkeit, Triebbefriedigung bei Prostituierten zu finden, suchte sich der nicht befriedigte Drang nach Liebe und Erotik Ersatz in der überladenen Ausstattung der Bürgerhäuser einerseits und in der Gefräßigkeit und Völlerei der Spießbürger andererseits. Daher ist seit der „Gründerzeit“ eine deutliche Zunahme von Schwerleibigkeit festzustellen – bei Männern und Frauen übrigens gleichermaßen. Männer und Frauen kompensierten die unterdrückte Sexualität also gleicherweise: die einen durch „Völlerei“, die anderen durch „Genäschigkeit“ (Naschsucht).
Aber auf Dauer ließ sich Eros nicht unterdrücken und gab sich nicht länger mit Kompensation zufrieden: er versuchte sich wieder direkt zu befriedigen. Seinen Ausdruck fand das seit dem Jahrzehnt vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zum einen in einem enormen Umsichgreifen der Homosexualität in Europa. Zum zweiten brach sich die unterdrückte Erotik Bahn in den zunehmenden Bordellbesuchen. Die Bordelle um die Jahrhundertwende waren üppig eingerichtet und mit allen nur erdenklichen Annehmlichkeiten ausgestattet, um den sexuell frustrierten Spießbürger auf seine Kosten kommen zu lassen. Das besonders Pikante hierbei war, daß nicht nur hauptberufliche Prostituierte ihre Kunden bedienten, sondern daß auch Ehefrauen, die der Langeweile des bürgerlichen Ehelebens zu entfliehen versuchten, stundenweise in den Bordellen ihre Dienste anboten. Dadurch konnte es gelegentlich zu dem einen oder anderen unerwarteten Zusammentreffen kommen. (Eindrucksvoll gestaltet hat diesen Sachverhalt Luis Bunuel in seinem Film „Belle de Jour“ von 1967 mit Catherine Deneuve und Michel Piccoli.)
In eine Krise anderer Art wurde Eros durch den ersten Weltkrieg gestürzt. Dadurch, daß die Männer an der Front waren und – wenn überhaupt – allenfalls für ein paar Tage nach Hause kamen, kam es zur Entfremdung der Partner. Erschwerend trat hinzu: Die Soldaten befriedigten ihren Eros in eigens eingerichteten Feldbordellen, was die Frauen dazu veranlaßte, ihrerseits Liebschaften einzugehen. Aus all dem resultierte eine ernsthafte Krise der Ehe in den 1920er Jahren. Zwar wurde auch damals und in der darauffolgenden Zeit nach wie vor die Ehe als Standardmodell für die Bedürfnisse nach Liebe und Erotik beschworen. Gleichwohl versuchte Eros sich von den ihm auferlegten Zwängen zu befreien. Dabei half ihm der Kinsey-Report der Jahre 1948 und 1953, der das Ergebnis erbrachte, ca. 86% aller erwachsenen Amerikanerinnen und Amerikaner praktizieren Liebe in Formen, denen sie öffentlich ablehnend gegenüberstanden. Oder, anders gesagt: 4/5 aller Amerikanerinnen und Amerikaner verstoßen permanent gegen ihr eigenes Sittengesetz. Die danach feststellbaren Lockerungen der Ansichten über Liebe und Erotik führten in der westlichen Welt dazu, daß sich Eros mehr und mehr von den Zwängen der Prüderie und den Einengungen überholter Vorstellungen löste und beiden Geschlechtern das Recht auf uneingeschränkte Triebbefriedigung zugestanden wurde. Der Weg wurde frei für die sogenannte „sexuelle Revolution“ der 1960er Jahre, die in den USA ihren Anfang nahm und rasch auch Europa überrollte. Im Zuge dieser sexuellen Revolution kam es zu einer Loslösung von überkommener Sexualmoral und entsprechenden Verhaltensweisen.
Mit Blick auf die Gegenwart kann man wohl festhalten: Liebe und Erotik sind heute vielfach ihres romantischen Flairs entkleidet. Für viele Menschen bedeuten sie nichts weiter als eine Sexualbeziehung, bei der beide Partner auf ihre Kosten kommen. Das vereinfacht wohl einiges im Umgang der Geschlechter miteinander. Die vielleicht wichtigste Änderung dürfte diejenige sein, daß der Mann nicht mehr um die Frau zu werben braucht. Heute ergreifen Frauen ebenso selbstverständlich die Initiative, wie es jahrhundertelang der Mann getan hatte. Begünstigt wurde das natürlich auch durch die Entwicklung der „Pille“, die erstmals hundertprozentigen Schutz bot und der Frau die Kontrolle über Empfängnis und Empfängnisverhütung in die Hand gab.
Auch wenn es gegenwärtig so aussieht, als hätten sich Liebe und Erotik von allen Zwängen befreit, so sollte doch nicht verkannt werden, daß immer wieder neue auf den Plan treten. Einer ist wohl mit der Standardisierung der Schönheit gegeben, wie sie Männern und Frauen gleichermaßen von den Medien vorgeführt wird. Diese Standard-Schönheit nimmt in zweifacher Weise Einfluß auf Liebe und Erotik. Erstens definiert sie im voraus den Gegenstand der Leidenschaft – und genau damit entpersönlicht sie ihn. Und zweitens disqualifiziert sie eine Beziehung, wenn die Partnerin oder der Partner von dem vorgegebenen Standard abweicht.
Ich möchte das zum Abschluß mit einem Beispiel belegen. Wissenschaftler der Arizona State University erforschten (1983) die Wirkung, die das Betrachten von Nacktfotos in Zeitschriften wie Playboy, Penthouse, Playgirl und dergleichen hat. Das Ergebnis war: Männer wie Frauen fanden im Anschluß an die Betrachtung dieser Fotos ihre eigenen Partner weitaus weniger attraktiv – weil sie sie jetzt nämlich an vorgegebenen Standards von dem messen, was als „schön“ und „erotisch“ gilt.
Damit schließe ich meine Ausführungen und hoffe, dieser Streifzug durch die Jahrhunderte hat ein wenig Licht darauf geworfen, warum es um Liebe und Erotik heute so steht, wie es um sie steht.
Ausgewählte Literatur
De Rougemont, Denis: Die Liebe und das Abendland.
Köln, Berlin 1966.
Döpfner, M. O. C. / Garms, Thomas: Erotik in der
Musik. Frankfurt, Berlin 1986.
Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und
Wahrheit 1. Frankfurt/Main 1977.
Ders.: Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit
2. Frankfurt/Main 1986.
Ders.: Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit
3. Frankfurt/Main 1996.
Kuhn, Helmut: Liebe. Geschichte eines Begriffs.
München 1975.
Lo Duca, J. M.: Die Geschichte der Erotik.
Wiesbaden 1977.
Métral, Marie-Odile: Die Ehe. Analyse einer
Institution. Frankfurt/Main 1981.
Platon: Phaidros. Sämtliche Werke, übersetzt von
Friedrich Schleiermacher. Hamburg 1958, Bd. IV.
Ders.: Symposion. Sämtliche Werke, Bd. II.
Tannahill, Reay: Kulturgeschichte der Erotik. Wien,
Hamburg 1982.
Weltgeschichte der Erotik, Bd. I: Vom Paradies bis
Pompeji. Von Paul Frischauer. München 1995.
Weltgeschichte der Erotik, Bd. II: Von Rom bis zum
Rokoko. Von Paul Frischauer. München 1995.
Weltgeschichte der Erotik, Bd. III: Von Paris bis zur
Pille. Von Paul Frischauer. München 1995.
Weltgeschichte der Erotik, Bd. IV: Von Marilyn bis
Madonna. Von Gottfried Lischke und Angelika Tramitz.
München 1995.