Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 5


 

Buch des Monats September 2006

Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Übersetzung: Inés Koebel. Gelesen von Udo Samel. Produktion: Rundfunk Berlin-Brandenburg, Der Audio Verlag, Berlin 2006, 4 CDs, Laufzeit 313 Minuten, ISBN 3-89813-509-8, 24,95 €

Die Aufzeichnungen Pessoas zum "Buch der Unruhe", fertig redigierte und unvollständige Passagen, manchmal bloße Bruchstücke, bilden einen nicht unerheblichen Teil des Nachlasses, der sich in der mittlerweile berühmten Truhe, in der er seine Manuskripte verwahrte, befand. 1985 erschien eine erste Übersetzung von Georg Rudolf Lind im Ammann Verlag (der seither die Herausgabe der deutschen Werke Pessoas betreut). Linds Übersetzung, auch der Gedichte des portugiesischen Autos, war eine Pionierleistung. Dennoch machten es die editorischen Fortschritte der Lissabonner Werkausgabe erforderlich, mit einer vervollständigten Übersetzung des "Buches der Unruhe" damit zu beginnen, den deutschen Leserinnen und Lesern eine neue und korrigierte Fassung der Schriften und Dichtungen Pessoas zur Verfügung zu stellen. Lind selbst verstarb bereits 1990. Im Jahr 2003 erschien, von Inés Koebel übersetzt, eine "über die Hälfte des vorherigen Textumfangs erweiterte[...] Neuausgabe des Buches der Unruhe" ("Das Drama im Menschen", Nachwort von Egon Ammann, S. 573), die 2006, zum 25-jährigen Bestehen des Ammann Verlages, nun auch in einer preiswerten Jubiläumsausgabe vorliegt (und seit kurzem ebenfalls als Fischer Taschenbuch).

Der erweiterte Textbestand umfasst 451, mit zusätzlichen Texten, Fragmenten und Briefen 556 Seiten - von denen man nicht eine missen möchte: Zwar kreisen Pessoas Gedanken immer erneut um dasselbe, die Begründung und Analyse einer dichterisch-träumerischen, gleichsam im Nichts schwebenden Existenz, aber gerade in der variierenden Wiederholung der Themenkreise ergeben sich verschiedene Schichten des Werkes, die in komplexer und sich ständig vertiefender Weise aufeinander hindeuten. Für eine Lesung eine Auswahl aus den Abschnitten zu treffen, die alle diese Schichten und ihre sichtbar-unsichtbaren Verbindungen gleichermaßen berücksichtigte, scheint ein von vornherein aussichtsloses Unterfangen. Die von Egon Ammann erstellte Hörbuchfassung wählt legitimerweise einen anderen Weg. Sie setzt Akzente, deutet aber weniger Berücksichtigtes dennoch an. Man findet also viele Passagen, die das Verhältnis des "Autors" dieser Sammlung, des Bernardo Soares, zu seiner Umgebung und der Welt überhaupt beinhalten, sowie eindringliche Schilderungen der Nichtigkeit alles Existierenden, aber eher weniger der häufigen geradezu mythischen Landschaftsdarstellungen, die wiederum ein Spiegel der Seele des reflektierenden Ichs und des "Kern[s] aller Dinge" (Jubiläumsausgabe, S. 433) sind. Trotzdem entsteht beim Hören der 4 CDs ein Eindruck des - immerhin selber - fragmentarischen Werks, wenn man will so etwas wie eine Reminiszenz und Hommage an die gekürzte erste deutsche Übersetzung von Georg Rudolf Lind.

Nun jedoch zur Lesung selbst. Was Udo Samel hier bietet, ist große Kunst, die sich in der Klarheit der Diktion ebenso zeigt, wie in der ruhigen Zurückhaltung der stimmlichen Präsenz des Schauspielers. Denn Samel liest, eindringlich genug!, einen Text - er versucht nicht etwa, den "Hilfsbuchhalter Bernardo Soares" zum Leben zu erwecken. Ein solcher Versuch beinhaltete zwangsläufig etwas Dilettantisches, denn er höbe den spezifisch in sich reflektierten Raum, den eine Lesung konstituiert, auf. Peter Rhonfeld hat in seiner Rezension der "Taugenichts"- und "Hyperion"-Aufnahme von Rainer Unglaub (Heft 2006-4) darauf hingewiesen, dass und "warum nicht nur Lyrik, sondern auch Prosa gelesen werden muss": Beim Hören verdichte sich die Realität der Sprache, des Kunstwerks, "zu eindringlichster Präsenz". Im Klang schwinge "das Unhörbare, die eigentliche Essenz von Dichtung, auf spezifische Weise mit", anders, nämlich tiefer und stärker, als es bei der bloßen stillen Lektüre der Fall sei. Im Vorlesen, das eben nicht schauspielere, entstehe eine Welt, "deren innere Ruhe: bei aller Spannung, sich dem verdankt, dass der Sprecher niemals die Distanz zu sich selber verliert". Diese Welt nennt Rhonfeld einen "magisch-kontemplativen Raum" - einen Schwebezustand, versuche ich seinen Gedanken fortzusetzen, der durch das sich ausgleichende Ineinander eines Gegensätzlichen konstituiert wird. In der Beziehung von Ruhe und Distanz zur Spannung des Gesagten, seiner konkreten Bildhaftigkeit, in solcher reflektierten Ritualisierung des Vortrags wird eine Unterströmung des Stimmklangs vernehmbar, die, scheinbar paradox, zugleich aus einer und mehreren Stimmen besteht. Um eben einen solchen pluralen Klang geht es Pessoa: "Die höchste Traumphase ist erreicht, wenn wir ein Bild mit zahlreichen Gestalten geschaffen haben, deren Leben wir alle zugleich leben, wenn wir all diese Seelen zusammen und wechselseitig sind" (S. 481).

Natürlich, das verstehen wir jetzt, soll die Stimme eines Sprechers "all diese Seelen" nicht etwa, nacheinander, darstellen, sondern "zusammen und wechselseitig" sein; und das wird ihr umso besser gelingen, je mehr sie sie selber ist: nicht die des lesenden Menschen, aber, in Distanz zu sich selber, die eines "Sprechers". Samels Vortrag realisiert auf beinahe unglaubliche Weise, was Pessoa beschreibt. Seine Sprache ist, auch bei noch fast symbolistisch klingenden Absätzen, niemals maniriert, wenn man so sagen darf, von sparsamer Gestik und will, bei allem eloquent geäußerten Leiden des fiktiven Autors an sich selber und der Welt, niemals tragisch wirken. Auch verfällt sie an keiner Stelle in einen einfachen Erzählton. Schließlich schildert Pessoa gerade keine romaneske Realität - er löst sie vielmehr auf. Seine Methode, dem "Geheimnis" (vgl. etwa S. 489 f u.a.) näherzukommen, besteht eben darin, jede einseitige Aussage wiederum zu negieren ("Farben nehmen und auf der Palette mischen, ohne eine Leinwand zum Bemalen vor uns. Stein bestellen und, ohne Bildhauer zu sein, mit dem Meißel ohne Meißel behauen. Aus allem eine Absurdität machen [...]", S. 393).

Die höchste Absurdität besteht vielleicht darin, das "Buch der Unruhe" in gelassener Ruhe wiederzugeben. Samel hetzt niemals, er nimmt sich Zeit, einzelne Wortbetonungen herauszuarbeiten und lässt solchermaßen, nach und nach und wie von allein, die komplexe, sich jedem Identifizierungsversuch entziehende Welt Pessoas entstehen. Es ist heute wohl üblich, die Endungen von Worten, besonders solchen auf -en, nicht zu pointiert zu sprechen (so hört man häufig, aber nicht immer, "Gedankn", "Faktn"oder "entdeckn"), sowie -g als -ch ("traurich"), insofern soll das hier nicht kritisiert, aber doch zumindest vermerkt werden. - Noch eine kleine Bemerkung zur Textauswahl: Eine kurze Begründung im Begleitheft, nach welchem Maßstab diese Zusammenstellung erfolgte, wäre interessant gewesen; und eine Auflistung der gelesenen, im Buch nummerierten Passagen hätte das Wiederfinden erheblich erleichtert. Ein letzter Punkt: Wer hört, ohne den Text vor Augen zu haben, wird einige wenige Stellen nicht verstehen ("Ein vorsichtiges [...] ist geboten...", S. 307), weil jeder Hinweis auf solche Lücken im portugiesischen Original oder nicht lesbare Worte fehlt.

Aber das sind fast, nein wirklich Belanglosigkeiten, verglichen mit der hohen Bedeutung der Produktion des Rundfunks Berlin-Brandenburg und des Audio Verlages, die das erste Mal dieses Hauptwerk der Moderne als Hörbuch zugänglich macht. Udo Samels Lesung gibt uns einen tiefen Einblick in Pessoas Schaffen: Er ist solcherart, dass die weitergehende Beschäftigung auch mit dessen Dichtungen zum wirklichen Bedürfnis wird. Der Ammann Verlag bringt sie in der Neuübersetzung von Inés Koebel heraus, und die bislang erschienenen Bände sollen im Marburger Forum ausführlich vorgestellt werden.

Max Lorenzen

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