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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 5
Inszenierung - Peter Radestock | Ausstattung - Andreas Rank | Musikalische Einstudierung - Maria Tosenko | Dramaturgie - Annelene Scherbaum
Besetzung:
Puntila, Gutsbesitzer - Thomas Streibig | Eva Puntila, seine Tochter - Joanna Maria Praml | Matti, sein Chauffeur - Stefan Gille | Der Ober - Fred Graeve a.G. | Der Richter - David Gerlach | Der Attaché - Jochen Nötzelmann a.G. | Der Viehdoktor - David Gerlach | Die Schmuggleremma - Christine Reinhardt | Das Apothekerfräulein - Ulrike Knobloch | Das Kuhmädchen - Franziska Endres | Die Telefonistin - Uta Eisold | Ein dicker Mann - Peter Meyer | Ein Arbeiter - Christian Holdt | Der Rothaarige - Ullrich Wittemann | Der Kümmerliche - Stefan Piskorz | Der rote Surkkala - Jürgen Helmut Keuchel | Laina, die Köchin - Ulrike Knobloch | Fina, das Stubenmädchen - Franziska Endres | Der Advokat - Fred Graeve a.G. | Der Probst - Peter Meyer | Die Pröbstin - Christine Reinhardt
Wenn er betrunken ist, dann krakelt der Gutsbesitzer Puntila, ist direkt, ist peinlich, aber vor allem eine Gutnatur. Hingegen im nüchternen Zustand erweist sich Puntila als nichts anderes, denn als kaltherziger Egoist, der bereit ist, alles und jedes seinen Zielen zu unterwerfen, der beleidigt und demütigt; kurz, eine „Ausgeburt des Kapitalismus“, die dem Betrunkenen selber nicht nur unangenehm ist, sondern derer er sich regelrecht schämt. Puntila säuft, weil er die Situation als solche und vor allem sich selber als unerträglich empfindet.
Der betrunkene Puntila (Thomas Streibig)
Thomas Streibig verkörperte den in sozialer Schizophrenie verfangenen Puntila so überzeugend, daß das Publikum ihn am Ende des Stückes mit minutenlangem Stakkatobeifall bedachte. Auch schon während des Stückes setzte bereits immer wieder Beifall ein.
Als Puntilas Nemesis – Matti der Knecht – erntete Stefan Gille nicht minder viel Applaus. Die ironische Distanz, in der er sich bewegte, stellte den perfekten Kontrapunkt zu Thomas Strebigs Auftritten dar.
Matti und Eva (Stefan Gille und Johanna-Maria Praml)
Ebenso ging Johanna-Maria Praml in der Rolle der Gutsbesitzerstochter Eva auf, ja steigerte ihr Spiel im Verlauf des Stückes – war in dem einen Augenblick naiv – plärrendes Gör, dann Möchtegern – Femme fatale, dann wieder Geschöpf ihrer Klasse, erst angepaßt, dann wieder aufbegehrend gegen jedweden Zwang; ein Wesen, das aber letztendlich nur eine dumpfe Ahnung davon hat, wie essentiell ihre Entscheidungen nicht nur für ihr Leben, sondern für die Gesellschaft an sich sind, dabei aber unfähig ist zu erkennen, daß sie sich entscheiden muß, entweder ein Mensch mit Herz zu werden – und als Frau der Chauffeurs Matti auf allen pervertierenden Reichtum zu verzichten – oder als gesellschaftliches Monster zu leben – an der Seite eines einfältigen und entsprechend aufgeblähten Attachés, perfekt verkörpert durch Jochen Nötzelmann.
Die auf der Bühne Agierenden ergänzten sich überhaupt kunstfertig und schufen so ein fließendes Spiel, unterstützt und kommentiert durch musikalische Einlagen. Diese lieferten – trotz nur leidlicher Akustik – durchaus ihren Beitrag zum Gelingen der Premiere. Die 2 ½ Stunden kritische Aufmerksamkeit, die das Stück jedenfalls von seinen Zuschauern forderte, vergingen anregend und durchaus amüsant.

Der Chor kommentiert
Das Bühnenbild - in weiß gehalten - und die Kostümbildnerei, die zu Mattfarbigem, bestenfalls Schwarzem für die Akteure griff, fügte sich eindeutig der Brechtschen Forderung, den Zuschauer nicht durch opulente Ausstattungsdetails von der Aussage des Stückes abzulenken.
Warum zunächst jedoch ein Netz vor den Bühnenraum gelassen wurde, bleibt im wahrsten Sinne des Wortes etwas schleierhaft; man könnte lediglich mutmaßen, daß dies den Schleier der Maia darstellen sollte, den Brecht zu lüften beabsichtigt:
Arm und Reich können nicht zusammenkommen – und – der human handelnde Mensch muß dieser Welt als hoffnungslos Betrunkener erscheinen und wird daher unweigerlich scheitern.
Zwei „ernüchternde“ Feststellungen. Um sie herauszuformen, scheute sich der für die Inszenierung verantwortliche Peter Radestock auch nicht, vor allem das Ende des Stückes dramatisch umzugestalten.
Über das Ziel hinausgeschossen? Nein, hier wurden klar und unerbittlich die Konsequenzen einer modernen Interpretation gezogen. Die uneingeschränkte Aufmerksamkeit durch das Marburger Publikum war Herrn Puntila und seinem Knecht Matti somit gewiß – und keinesfalls nur wegen des veränderten Schlusses.
Tanja von Werner
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