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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 5
In den vorangegangenen Untersuchungen ist bereits mehrfach darauf hingewiesen worden, daß sich die Soziologie seit ihren Anfängen in einem besonderen Maße dem Studium von Prozessen der gesellschaftlichen Modernisierung verpflichtet fühlt. Diese enge Beziehung zwischen Soziologie und moderner Gesellschaft geht sogar so weit, daß wiederholt die Behauptung aufgestellt worden ist, diese Disziplin sei ohnedies nur als eine Theorie der Moderne gerechtfertigt und würde deshalb auch ihre Existenzberechtigung verlieren, sollte das moderne Zeitalter eines Tages definitiv zu Ende gehen und mit ihm jene gesellschaftlichen Basisinstitutionen sich auflösen, deren Erforschung sich die Soziologie seit ihren Anfängen in einem besonderen Maße gewidmet hat. Dies schließt natürlich nicht die Möglichkeit einer erfolgreichen Anwendung von soziologischen Erkenntnissen innerhalb der historischen Forschung aus, von der die moderne Sozialgeschichtsschreibung ja bereits seit mehreren Jahrzehnten in auffälliger Weise profitiert. Gesagt wird damit vielmehr nur, daß zumindest für das Fach Soziologie historische Forschungen letztendlich nur in dem Maße von Belang seien, wie sie zu einem besseren Verständnis unserer eigenen Zeit beizutragen in der Lage sind.
Eine solche Art der Verhältnisbestimmung von Geschichte und Soziologie beinhaltet allerdings nach wie vor das Problem, in welcher Weise sich die gegenwärtige Gesellschaft von den vergangenen Formen des menschlichen Zusammenlebens historisch abgrenzen läßt. Diese für die Begründung der Soziologie als eigenständige akademische Disziplin zentrale Frage ist von den Klassikern dieses Faches vor gut hundert Jahren in dem Sinne beantwortet worden, daß sie jeweils eine grundlegende theoretische Unterscheidung angaben, vermittels der das epochal Neue der modernen Gesellschaft zum Ausdruck gebracht werden sollte. Bei Ferdinand Tönnies war es die Gegenüberstellung von "Gemeinschaft" und "Gesellschaft", welche diese Funktion einer epochalen Beschreibung der Eigenart der modernen Form der Marktvergesellschaftung übernahm. Emile Durkheim unterschied dagegen zwischen der "mechanischen Solidarität" und der "organischen Solidarität", um jene Form der moralischen Integration zu kennzeichnen, die für die moderne gesellschaftliche Arbeitsteilung charakteristisch sei. Georg Simmel wiederum stellte im Anschluß an Herbert Spencers Entwicklungslehre einer noch undifferenzierten Form der sozialen Homogenität eine differenzierte Form der gesellschaftlichen Einheit gegenüber. Er wollte hiermit zum Ausdruck bringen, daß der Prozeß der sozialen Differenzierung nicht nur zu einer fortschreitenden Individualisierung führt, sondern auch zu einer neuen Form der gesellschaftlichen Einheit, in der sich zugleich die heterogene und dezentrische Struktur der modernen Gesellschaft widerspiegelt. Und Max Weber sprach von der Eigenart des "okzidentalen Rationalismus", den er in allen Basisinstitutionen der Moderne verkörpert sah und den er vom "Traditionalismus" vormoderner Gesellschaften abzugrenzen bemüht war.[1]
Obgleich die gerade erwähnten soziologischen Klassiker alles andere als einen naiven Fortschrittsoptimismus vertraten, sondern im Gegenteil sogar ein ausgesprochen kulturpessimistisches Weltbild teilten, ist ihnen jedoch der Gedanke noch fremd gewesen, daß mit den sich bereits am Horizont abzeichnenden Widersprüchen und Konflikten des modernen Zeitalters eines Tages auch die Existenz ihres eigenen Faches bedroht sein könnte. Sie gingen vielmehr davon aus, daß die von ihnen geprägten soziologischen Kategorien und Theorien in einer hervorragenden Weise dazu geeignet seien, die anomischen Züge und grundlegenden Entwicklungstendenzen der modernen Gesellschaft zu analysieren. Die gesellschaftliche Modernisierung betrachteten sie dabei als einen irreversiblen Prozeß, der allenfalls noch eine fragwürdige sozialistische Alternative zuließ, nicht aber immanente Formen des sozialen Wandels, welche eines Tages auf evolutionäre Weise die Basisinstitutionen der Moderne radikal in Frage stellen könnten. Seit einigen Jahren häufen sich jedoch die Stimmen, die eine solche Entwicklung ernsthaft für möglich halten und das Ausmaß der sich dabei für das Fach Soziologie abzeichnenden Konsequenzen zu bestimmen versuchen. Nachdem aufgrund des Scheiterns des "realen Sozialismus" die sozialistische Systemalternative vorläufig in den Hintergrund getreten ist, lassen sich derzeit drei verschiedene Positionen hinsichtlich der epochalen Bewertung des gegenwärtig stattfindenden sozialen Wandels feststellen, die zugleich eine fachsoziologische Antwort auf das mutmaßliche Schicksal der Moderne zu geben versuchen:
(a) Die erste Position, die hierzulande von Modernisierungsforschern wie Wolfgang Zapf vertreten wird, geht davon aus, daß sich alle sozialen und politischen Veränderungen, die in den letzten Jahrzehnten festzustellen sind, mit dem Begriff der "weitergehenden Modernisierung" beschreiben lassen. Auch der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und die derzeitigen Transformationsprobleme in den osteuropäischen Staaten werden dieser Auffassung zufolge als Bestätigung des eigenen Modernitätsverständnisses verstanden und dabei als ein historisch eindrucksvolles Beispiel für eine "nachholende Modernisierung" angesehen, nicht aber als grundsätzliche Infragestellung der Moderne schlechthin.
(b) Die zweite Position wird von den Theoretikern der "Postmoderne" vertreten. Diese unterstellen im Prinzip einen radikalen Kontinuitätsbruch zwischen dem "modernen" und dem "postmodernen Zeitalter", wobei allerdings ungelöste Datierungsprobleme und widersprüchliche Begriffsbestimmungen bis heute eine genaue Abgrenzung zwischen der "Moderne" und der "Postmoderne" erschweren, wenn nicht gar verunmöglichen. Zudem fällt auf, daß es im Rahmen dieser vor allem im Bereich der Philosophie, Kunst, Literatur- und Kulturkritik geführten Diskussion bisher noch immer nicht gelungen ist, eindeutige sozialstrukturelle Entsprechungen für die dabei unterstellte "postmoderne Wende" anzugeben. Insofern muß davon ausgegangen werden, daß eine wirklich überzeugende "Soziologie der Postmoderne" noch weitgehend ein Desiderat beziehungsweise ein uneingelöstes Versprechen darstellt.
(c) Einen vermittelnden Standpunkt zwischen den beiden zuerst genannten Positionen nehmen schließlich jene Autoren ein, welche heute die Heraufkunft einer "zweiten" beziehungsweise "anderen Moderne" meinen diagnostizieren zu können. Diese zweite Moderne ist ihrer Auffassung zufolge zwar in einer evolutionären Weise aus dem Schoß jener von den soziologischen Klassikern analysierten modernen Gesellschaft erwachsen. Gleichwohl sei sie aber von der industriegesellschaftlich geprägten Moderne dermaßen verschieden, daß wir angeblich völlig neue Begriffe und Methoden benötigen, um sie überhaupt empirisch erfassen zu können. Diese von zeitgenössischen Soziologen wie Ulrich Beck und zum Teil auch von Anthony Giddens vertretene Position beansprucht ferner, eine soziologische Antwort auf die von den Theoretikern der Postmoderne gestellte und bisher noch ungelöste Frage bezüglich der Eigenart unserer eigenen "Jetztzeit" geben zu können.
Im folgenden soll noch einmal auf einige zentrale Thesen und empirische Befunde eingegangen werden, die in diesem Diskusionszusammenhang immer wieder als Beleg für einen gegenwärtig stattfindenden Epochenwandel herangezogen werden, dem dabei ähnliche historische Ausmaße zugesprochen werden wie dem von den Klassikern der Soziologie beschriebenen Übergang von der traditionalen zur modernen Gesellschaft. Die innerhalb der Diskussion über die reflexive Modernisierung, die Individualisierung und die Globalisierung von den Theoretikern der "zweiten Moderne" vertretene Position soll dabei stichpunktartig charakterisiert werden, um die Vorzüge und Schwächen ihrer jeweiligen Argumente deutlich zu machen. Dabei soll zugleich eine Antwort auf die Frage gegeben werden, ob wir uns heute tatsächlich auf dem Weg hin zu einer "anderen Moderne" befinden oder ob es nicht viel eher ratsam erscheint, die in diesem Zusammenhang diskutierten Phänomene des gegenwärtig zu beobachtenden sozialen Wandels innerhalb des überlieferten soziologischen Verständnisses von Moderne zu betrachten.
Von allen zeitgenössischen Soziologen hat Ulrich Beck in den letzten Jahren am nachhaltigsten ein neues Verständnis von Moderne eingeklagt. Beck wendet sich damit gegen eine unreflektierte Gleichsetzung von Industriegesellschaft und Moderne, die seiner Meinung nach bis heute das soziologische Modernitätsverständnis prägt. Zwar verkündeten bereits in den siebziger Jahren einige prominente Soziologen wie zum Beispiel Daniel Bell die Heraufkunft eines "postindustriellen" Zeitalters. Diese Gegenwartsbeschreibung bezog sich dabei jedoch im wesentlichen auf den Bedeutungszuwachs des Dienstleistungssektors innerhalb moderner Gesellschaften und war keinesfalls als radikale Infragestellung von Grundprinzipien der Moderne schlechthin gedacht.[2]
Becks eigener Versuch, ein historisches Stadium der Vergesellschaftung jenseits des Industriezeitalters zu denken, geht in dieser Hinsicht wesentlich weiter. Zur Kennzeichnung der damit verbundenen epochalen Zäsur hat er die grundbegriffliche Unterscheidung zwischen "einfacher" und "reflexiver Modernisierung" in die zeitgenössische soziologische Diskussion eingeführt. Der sogenannten einfachen Modernisierung liegt ihm zufolge ein lineares Entwicklungsmodell zugrunde, das sozialen Wandel im wesentlichen als Prozeß einer funktionalen Ausdifferenzierung von gesellschaftlichen Basisinstitutionen beschreibt. Die dadurch ermöglichte Leistungssteigerung der einzelnen Teilsysteme führe so schließlich zu einer fortschreitenden Rationalisierung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die unter anderem in der enormen Anpassungsfähigkeit der modernen Gesellschaft gegenüber unvorhergesehenen Problemen und Gefahren zum Ausdruck komme. Dieser technokratische Traum einer Beherrschbarkeit und Steuerbarkeit der gesellschaftlichen Entwicklung sei aber spätestens mit dem Kernreaktorunfall von Tschernobyl an sein jähes Ende gekommen. Der Eintritt dieser Katastrophe zeige nämlich in drastischer Weise, welches Ausmaß inzwischen die durch die moderne Wissenschaft und Technik bedingten Zivilisationsrisiken und Gefahren angenommen haben.[3]
Die Möglichkeit einer Existenzgefährdung der Menschheit durch unkontrollierbar gewordene Folgen menschlichen Handelns ist denn auch der Grund, warum Beck die gegenwärtige Gesellschaft als Risikogesellschaft bezeichnet hat. Es handelt sich ihm zufolge hierbei um eine Bündelung von Risiken, die aus dem Schoß der alten Industriegesellschaft erwachsen sind und sich dadurch auszeichnen, daß ihnen gegenüber die Anwendung des Prinzips der ökonomischen Rationalität und die damit verbundene Möglichkeit eines privaten Versicherungsschutzes versage. Kennzeichen der Risikogesellschaft sei denn auch nicht mehr die Vorherrschaft der "Zweckrationalität", sondern die dramatische Zunahme von ungeplanten und unkontrollierbar gewordenen Nebenfolgen der industriellen Produktionsweise. Die reflexive Modernisierung bezeichnet Beck zufolge deshalb auch nicht den Prozeß einer bewußten Steuerung des sozialen Wandels durch die einzelnen gesellschaftlichen Institutionen, sondern deren "reflexartiges" Reagieren auf die unbeabsichtigten Nebenfolgen des Industriezeitalters. In genau diesem Sinne stellt die Risikogesellschaft für Beck deshalb zugleich eine andere Moderne dar. Es handelt sich hierbei um eine Moderne im "Zeitalter der Nebenfolgen", wobei der in diesem Begriff mitgedachte Rückbezug auf die ältere industriegesellschaftliche Moderne keine Steigerung des Wissens, sondern eine Zunahme des Nicht-Wissens über die Konsequenzen der Modernisierung zum Ausdruck bringen soll. Denn mit der allgemeinen Verunsicherung über die potentiellen Folgen riskanter wissenschaftlich-technologischer Innovationen seien nun auch die überlieferten wissenschaftlichen Rationalitätskriterien radikal in Frage gestellt worden, da auch sie keine eindeutigen Aussagen über die zukünftige Entwicklung mehr ermöglichten. Insofern könne in einem Zeitalter der unkontrollierbar gewordenen Risiken und Gefahren letztendlich jeder den Anspruch stellen, ein "Experte" zu sein und ein Recht auf Einmischung in jene Entscheidungsprozesse geltend machen, die vormals den Führungsetagen von Industriekonzernen und staatlichen Behörden vorbehalten waren.[4]
Obwohl die empirischen Beispiele, die Becks Beschreibung der Risikogesellschaft zugrunde liegen, beeindruckend sind, hängt die Plausibilität seiner Annahme, daß es sich hierbei um eine Zäsur epochalen Ausmaßes handelt, letztendlich von dem heuristischen Wert der von ihm vorgeschlagenen Unterscheidung zwischen "einfacher" und "reflexiver Modernisierung" ab. Gerade hinsichtlich Becks Beschreibung dieser beiden unterschiedlichen Arten von Modernisierung können aber einige schwerwiegende Einwände geltend gemacht werden. Becks Verständnis von "einfacher Modernisierung" leidet nämlich darunter, daß er mit diesem Begriff zum einen ein historisches Stadium der Vergesellschaftung kennzeichnen möchte, das bei genauerem Hinsehen so nie existiert hat. Es leidet ferner darunter, daß er mit diesem Begriff zugleich eine gegnerische theoretische Position zu charakterisieren versucht, die in der heutigen sozialwissenschaftlichen Modernisierungsforschung so gut wie nicht mehr vertreten wird. Letztere ist nämlich keineswegs so stark auf eindimensionale Entwicklungsmodelle festgelegt, wie Beck dies unterstellt. Insofern ist die Vorstellung von "Linearität" der gesellschaftlichen Entwicklung, wie sie Beck den Vertretern der "einfachen Modernisierung" vorwirft, irreführend. Modernisierungstheoretiker wie Wolfgang Zapf unterstellen nämlich weder eine eindeutige Gerichtetheit des gegenwärtig stattfindenden sozialen Wandels noch sprechen sie ihm den Charakter einer gesamtgesellschaftlichen Rationalitätssteigerung zu. Vielmehr gehen sie davon aus, daß es derzeit verschiedene Pfade der Modernisierung neben dem herkömmlichen "westlichen Modell" gibt. Und der "Sinn" von solcherart Modernisierung besteht in ihren Augen ausschließlich darin, daß moderne Gesellschaften ihrer Ansicht nach besser in der Lage sind, neu auftretende Probleme zu lösen als traditionelle beziehungsweise unterentwickelt gebliebene Gesellschaften.[5]
Auch die Gegenüberstellung von "Zweckrationalität" und "unbeabsichtigten Nebenfolgen" scheint bei genauerem Hinsehen nicht dazu geeignet zu sein, einen epochalen Unterschied zwischen "einfacher" und "reflexiver Modernisierung" zu begründen. Bereits Marx hatte darauf hingewiesen, daß sich ein hohes Maß an innerbetrieblicher Rationalisierung durchaus gut mit dem "Irrationalismus" des kapitalistischen Gesamtsystems verträgt. Und auch Max Weber ging keinesfalls so weit, daß er in allen gesellschaftlichen Bereichen eine Vorherrschaft von zweckrationalen Handlungsorientierungen gegeben sah. "Rationalität" war für ihn vielmehr ein vieldeutiger Begriff, der eine "Welt von Gegensätzen" umfaßt. Und auch der Gedanke der unbeabsichtigten Nebenfolgen war einem Denker wie Max Weber, den Beck als typischen Repräsentanten der industriellen Moderne betrachtet, durchaus nicht fremd. Wies doch bereits Max Weber wiederholt auf jene Paradoxien der Rationalisierung hin, die in der Gegenwart die eigentliche Grundlage aller Rationalität zu gefährden drohen.[6]
Ähnliche Einwände lassen sich auch gegenüber Becks Umgang mit der modernen sozialwissenschaftlichen System- und Evolutionstheorie geltend machen. So behauptet zum Beispiel die von Niklas Luhmann vertretene Variante der Theorie sozialer Systeme nämlich keinesfalls, daß Modernisierung mit fortschreitender gesamtgesellschaftlicher Rationalisierung identisch sei. Vielmehr geht sie davon aus, daß es in einer funktional differenzierten Gesellschaft kein Rationalitätskontinuum zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Teilsystemen mehr gibt und daß unter diesen Voraussetzungen so etwas wie eine "gesamtgesellschaftliche Rationalität" zu einer Utopie geworden sei.[7] Ferner lassen sich gerade mit neueren evolutionstheoretischen Modellen sowohl radikale Kontinuitätsbrüche in Modernisierungsprozessen als auch die Zunahme von unbeabsichtigten Folgen der gesellschaftlichen Entwicklung adäquat rekonstruieren. Das von Beck als Kennzeichen der "einfachen Modernisierung" erwähnte Theorem der funktionalen Differenzierung bezieht sich ja seinerseits auf einen radikalen Kontinuitätsbruch innerhalb der gesellschaftlichen Entwicklung: nämlich auf den Übergang von einer vormals auf sozialer Schichtung beruhenden hin zu einer zentral an Funktionen orientierten Differenzierungsform, die in der neueren sozialwissenschaftlichen Evolutionstheorie dabei als eigentliches Kennzeichen der Moderne angesehen wird. Solche evolutionstheoretische Modelle schließen insofern die Vorstellung eines evolutionären Wandels mit unbeabsichtigten Folgen revolutionären Ausmaßes keinesfalls aus, was auch am Beispiel von scheinbar so harmlosen Erfindungen wie der Schrift und dem Buchdruck leicht gezeigt werden könnte.[8] Auch Beck begreift den Übergang von der Industriegesellschaft zur Risikogesellschaft ja als einen evolutionären Prozeß, um ihn von den politischen Revolutionen älteren Typs abzugrenzen. Gerade moderne systemtheoretische und evolutionstheoretische Ansätze machen aber deutlich, daß jener Vorgang, den Beck als "reflexive Modernisierung" bezeichnet und der von ihm als Indiz für eine historisch neue Qualität der Vergesellschaftung angesehen wird, eine grundlegende Eigenart von Prozessen der Systemdifferenzierung und der dadurch bedingten Art der soziokulturellen Evolution darstellt. Insofern lassen sich auf dieser theoretischen Grundlage auch nicht die Konturen einer "anderen Moderne" beschreiben, sondern allenfalls allgemeine Kennzeichnen von Modernität schlechthin angeben.
Im folgenden soll auf ein weiteres zentrales Argument eingegangen werden, das Beck als Begründung für einen in seinen Augen seit der Mitte des 20. Jahrhunderts stattfindenden Epochenwandel angibt: nämlich die These, daß die in diesem Zeitraum zu beobachtende Auflösung der ständischen Grundlagen der Industriegesellschaft allmählich zu einer historisch neuen Form der Individualisierung der Lebensführung geführt habe. Diese sogenannte Individualisierungsthese wird übrigens nicht nur von Ulrich Beck vertreten, sondern seit zwei Jahrzehnten in der neueren bundesrepublikanischen Sozialstrukturforschung intensiv diskutiert.[9] Beck hat ihr jedoch eine Form gegeben, mit der er sie als weiteren Beleg für einen epochalen Wandel auf dem Weg hin zu einer "anderen" Moderne geltend zu machen versucht. Ihm zufolge ist die klassische Industriegesellschaft nämlich noch gar keine radikal moderne Gesellschaft gewesen, da neben dem Arbeitsmarkt auch traditionelle klassenkulturelle und geschlechtsspezifische Unterschiede ihre Sozialstruktur gekennzeichnet haben. So sei neben der vornehmlich männlich geprägten Lohnarbeit auch die unbezahlte Hausarbeit der Frauen ursprünglich ein zentraler Bestandteil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und des Systems der sozialen Sicherung gewesen. Und die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Milieu konnte noch verhindern, daß Arbeitsmarktrisiken als rein individuelle Schicksalsschläge empfunden wurden. Dies ändert sich Beck zufolge erst in dem Maße, wie diese traditionellen Klassenlagen und familiären Sicherungssysteme durch eine zunehmende Individualisierung des Arbeitsmarkt- und Existenzrisikos allmählich aufgelöst werden und an ihre Stelle ein wohlfahrtsstaatliches System der Neuverteilung und Angleichung von Lebenschancen tritt. Individualisierung bedeutet in diesem Zusammenhang zweierlei: erstens die Behauptung eines Bedeutungsverlustes der sozialen Großgruppen wie Klasse, Stand und Schicht hinsichtlich der Prägung der einzelnen Berufsschicksale und der damit verbundenen Lebensstile; und zweitens die tendenzielle Angleichung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Geschlechter im Gefolge des zunehmenden Einbezugs der Frauen in den Arbeitsmarkt und die dadurch bedingte Suche nach neuen Formen des familiären beziehungsweise außerfamiliären Zusammenlebens. Nicht mehr Klasse und Geschlecht, sondern die jeweils individuelle Biographie werde so zur "letzten Reproduktionseinheit des Sozialen", in der sich ein historisch völlig neues Mischungsverhältnis zwischen Zeiten der Arbeit, Arbeitslosigkeit, Aus- und Weiterbildung sowie des Zusammenlebens in und außerhalb von Familie, Ehe und Partnerschaft jenseits der traditionellen sozialen Bindungen widerspiegele.[10]
Mit dieser sogenannten Individualisierungsthese ist keinesfalls ausgesagt, daß es überhaupt keine Formen der sozialen Standardisierung von Lebensläufen und Lebensstilen durch Gruppenzugehörigkeiten mehr gibt. Und auch in dogmengeschichtlicher Hinsicht ist sie nicht dermaßen neu, daß von ihr aus auf einen radikalen Bruch mit den uns überlieferten soziologischen Kategorien und Theorien geschlossen werden müßte. Klassikern wie Georg Simmel, Emile Durkheim und Max Weber waren nämlich Individualisierungsprozesse im Gefolge der Auflösung von traditionellen Gruppenzugehörigkeiten durchaus bekannt, die sie als eigentliches Kennzeichen des modernen Lebens betrachteten.[11] Neu an dieser aktuellen Diskussion ist allenfalls deren Konjuktur innerhalb der gegenwärtigen empirischen Sozialstrukturforschung und die damit verbundene Suche nach theoretischen Modellen zur Beschreibung von spezifisch zeitgenössischen Phänomenen der sozialen Differenzierung. Die damit verbundene Kritik an der herkömmlichen Klassentheorie und Schichtungsforschung stützt sich dabei unter anderem auf die Behauptung, daß sozialwissenschaftliche Kategorien und Meßverfahren, die sich auf Großgruppen wie Klassen und Schichten beziehen, nur dann einen Sinn ergeben würden, wenn in der Realität tatsächlich spezifische "sozialmoralische Milieus" anzutreffen seien, deren eigenes Selbstverständnis durch solche Klassen- und Schichtzugehörigkeiten geprägt ist. Klassen- und Schichtungsmodelle, die sich dagegen nach wie vor auf Phänomene der vertikalen sozialen Ungleichheit im Sinne von eklatanten Einkommens- und Vermögensunterschieden beziehen, denen keine empirisch wahrnehmbaren Entsprechungen auf der Ebene der subjektiven Einstellungen und der praktischen Lebensführung zugeordnet werden können, liefen dagegen Gefahr, etwas methodisch zu konservieren, was es im Grunde genommen gar nicht mehr gebe: nämlich die Existenz von gesellschaftlichen Großgruppen, bei denen ihre "objektive" Lage und ihre "subjektiven" Selbst- beziehungsweise Fremdwahrnehmungen noch in einem eindeutigen Entsprechungsverhältnis stehen, so daß von einer gegebenen sozialen Lage auf die jeweiligen subjektiven Einstellungen der entsprechenden Gruppe geschlossen werden kann und umgekehrt.[12]
Man ist deshalb in der neueren Sozialstrukturforschung in Anlehnung an die moderne Wahl- und Konsumentenforschung zunehmend dazu übergegangen, soziale Ungleichheiten nicht mehr ausgehend von "objektiven Soziallagen", sondern nach Maßgabe von Unterschieden in den subjektiven Wertorientierungen und persönlichen Lebensstilen zu klassifizieren. Mit Hilfe von Ähnlichkeitsmessungen und entsprechenden Typenbildungen können im Rahmen eines solchen Verfahrens dabei verschiedene "soziale Milieus" voneinander abgegrenzt werden, die auf unterschiedliche subkulturelle Einheiten innerhalb der Gesellschaft verweisen und deren konkrete Beschreibung von dem Raffinement der dabei jeweils zugrunde gelegten Untersuchungsmethode abhängig ist. Die in diesem Zusammenhang empirisch festgestellte Differenzierung, Pluralisierung und Individualisierung der einzelnen Lebenslagen innerhalb der bundesrepublikanischen Gesellschaft verdankt sich also nicht zuletzt auch einem Paradigmenwechsel innerhalb der neueren Sozialstrukturforschung.[13] Gleichwohl soll nicht behauptet werden, daß es sich bei solchen Milieuschilderungen um ein methodologisches Artefakt handelt, da sich entsprechende kulturelle Unterschiede in den Wertorientierungen und Lebensstilen der bundesdeutschen Bevölkerung ja durchaus empirisch feststellen lassen. Entscheidend ist hier vielmehr der von seiten der Kritiker dieser neueren Forschungsrichtung wiederholt vorgebrachte Einwand, daß es solche Milieuunterschiede im Grunde genommen immer schon gegeben habe. Allerdings seien diese erst in den letzten Jahren von der empirischen Sozialstrukturforschung "entdeckt" und seither in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt worden. Auch der Begriff des sozialen Milieus und das Konzept des Lebensstils sind ja nicht neu, sondern innerhalb der Soziologie bereits seit über hundert Jahren gebräuchlich.[14] Ferner kann als Einwand geltend gemacht werden, daß diese mit viel methodischem Raffinement vorgenommenen Milieubeschreibungen eine Eigenschaft mit den traditionellen Klassen- und Schichtungstheorien teilen, von denen sie sich ursprünglich polemisch abgegrenzt hatten: Auch die jeweils vorgenommenen Milieuunterscheidungen müssen nämlich nicht unbedingt mit der subjektiven Selbstwahrnehmung der durch solche Klassifikationen betroffenen Personen identisch sein, worauf zum Beispiel Gerhard Schulze in seinem bekannten Buch über die "Erlebnisgesellschaft" ausdrücklich hingewiesen hat.[15] Und drittens läuft diese neuere Richtung innerhalb der Sozialstrukturforschung Gefahr, durch ihre Konzentration auf vornehmlich kulturell geprägte Unterschiede in den Wertorientierungen und Lebensweisen die "alten" sozialen Unterschiede allzu sehr zu vernachlässigen, die ja nach wie vor weiterbestehen beziehungsweise in den letzten Jahren in bestimmten Bereichen sogar noch erheblich zugenommen haben.
Die mit Hilfe dieser neuen theoretischen Modelle und empirischen Erhebungsmethoden festgestellten Formen der sozialen Differenzierung, Pluralisierung und Individualisierung von Lebenslagen sollten deshalb nicht vorschnell als Indiz für einen Epochenwandel interpretiert werden, sondern mit jenen harten Fakten konfrontiert werden, welche die traditionelle Ungleichheits- und Armutsforschung durchaus nach wie vor festzustellen in der Lage ist. Denn nur so kann garantiert werden, daß sich der in diesem Zusammenhang bereits mehrfach verkündete Abschied von der Klassengesellschaft nicht als Ergebnis einer rein semantischen beziehungsweise methodologischen Operation erweist, die notwendigerweise auch zu einem problematischen zeitdiagnostischen Befund führen muß. Vielleicht stellt sich dann dabei ja heraus, daß in den letzten Jahrzehnten in einigen westlichen Industriegesellschaften tatsächlich eine arbeitsmarktbedingte Individualisierung von Lebensläufen und sozialen Risiken stattgefunden hat, die aber paradoxerweise die Bedeutung von solch zugeschriebenen Statusmerkmalen wie Alter, Generation, Geschlecht, Wohnort, Herkunftsmilieu und Nationalität nicht unbedingt abgeschwächt, sondern eher noch erhöht hat.[16]
Die bisherigen Ausführungen hatten sich auf zwei thematische Schwerpunkte innerhalb neuerer soziologischer Gegenwartsbeschreibungen konzentriert, die einen Vergleich zwischen parallelen Entwicklungen in verschiedenen Gesellschaften zwar geradezu herausfordern, faktisch jedoch weitgehend im Rahmen der empirischen Beobachtung von Entwicklungstrends innerhalb der bundesrepublikanischen Gesellschaft der achtziger und frühen neunziger Jahre entstanden sind. Der dritte Themenkomplex gegenwärtiger soziologischer Zeitdiagnosen, auf den abschließend kurz eingegangen werden soll, stellt diese Fixierung auf spezifisch nationale Erscheinungsformen des sozialen Wandels grundsätzlich in Frage. Denn die zunächst in der angelsächsischen Welt geführte und inzwischen auch innerhalb der bundesrepublikanischen Soziologie rezipierte Globalisierungsdebatte bezieht sich dabei nicht nur auf die Frage, welche ökonomische Standortvorteile beziehungsweise -nachteile den einzelnen Ländern dieser Welt innerhalb eines internationalen Systems der Arbeitsteilung zugesprochen werden können. Zur Diskussion steht vielmehr die grundsätzliche Frage, welchen Unterschied es innerhalb unseres Verständnisses von Moderne macht, wenn wir unser Augenmerk nicht mehr primär auf die Binnenperspektive einzelner nationalstaatlich verfaßter Gesellschaften richten, sondern auf das Phänomen der Entstehung einer "Weltgesellschaft" sowie auf die damit verbundenen transnationalen Strukturen und Prozesse. Für die Identität des Faches Soziologie ist in diesem Zusammenhang die Frage entscheidend, ob es in seinem herkömmlichen Selbstverständnis tatsächlich dermaßen stark auf das Modell des Nationalstaates festgelegt ist, wie dies innerhalb dieser Debatte unterstellt wird, und ob aufgrund der derzeit stattfindenden Globalisierungsprozesse überhaupt ein radikaler Paradigmenwechsel innerhalb dieses Faches in Richtung auf die Entwicklung einer "Welt-Soziologie" angesagt ist oder aber nicht.[17]
Was den ersten Teil dieser Frage betrifft, muß entschieden der Ansicht widersprochen werden, daß Grundbegriffe der Soziologie wie Status und Rolle, soziale Struktur und soziales System, Klasse und Schicht, Interaktion und Kommunikation, Differenzierung und Individualisierung sowie Krise und sozialer Wandel in ihrem Bedeutungsgehalt auf einen nationalstaatlichen Bezugsrahmen festgelegt sind. Sie wurden von den Gründern der Soziologie ja vielmehr dermaßen abstrakt definiert, daß sie sich auf völlig unterschiedliche soziale Formationen und verschiedene historische Epochen der Vergesellschaftung anwenden lassen. Überdies gibt es eine Reihe von Beispielen, die darauf hinweisen, daß sich gerade prominente makrosoziologische Ansätze auch bisher bereits durch eine globale Entwicklungsperspektive ausgezeichnet haben. Verwiesen sei hier nur auf Max Webers universalgeschichtliche Untersuchungen über die Entwicklung des okzidentalen Rationalismus und die Zivilisationstheorie von Norbert Elias; ferner auf den Versuch von Talcott Parsons, das System moderner Gesellschaften als dynamischen Prozeß einer Anpassung der einzelnen Staaten an ständig wechselnde Innovationszentren zu rekonstruieren.[18] Was man der zeitgenössischen Soziologie allenfalls vorwerfen kann, ist der Umstand, daß sie sich in ihrer bisherigen empirischen Forschungspraxis weitgehend auf den historisch vorgegebenen Bezugsrahmen von staatlich verfaßten Gesellschaften konzentriert hat, der durch das heutige Ausmaß der Globalisierung zunehmend in Frage gestellt wird.
In dieser Hinsicht sind Korrekturvorschläge durchaus angebracht und sogar erwünscht. Deren mögliche Reichweite hängt jedoch davon ab, was jeweils unter Globalisierung verstanden wird. Entsprechend unterschiedlich fallen dann auch die mit diesem Begriff verbundenen Datierungs- und Periodisierungsprobleme aus. Manche Autoren sind offenbar der Ansicht, daß dieses Phänomen noch sehr jungen Datums ist und zeitlich mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums zusammenfällt. In diesem Fall bezeichnet der Begriff Globalisierung den Übergang von einer bipolaren zu einer multipolaren Weltordnung, aber auch die erhoffte globale Akzeptanz einer freiheitlichen Zivilgesellschaft und die nun endlich ungehemmte weltweite Ausdehnung der Kapital-, Arbeits- und Gütermärkte. Wird dagegen nur die rein ökonomische Dimension der Globalisierung betrachtet, so kann man mit Immanuel Wallerstein jedoch darauf hinweisen, daß es bereits seit dem 16. Jahrhundert eine kapitalistisch geprägte Weltwirtschaft gibt.[19] Ähnliches gilt bei der Berücksichtigung rein politischer Kriterien für die Entstehung des modernen Staatensystems, mit dem sich die Theorie der internationalen Beziehungen seit vielen Jahren befaßt. Zur Vermeidung solch einseitiger Kriterien ist man in der neueren sozialwissenschaftlichen Globalisierungsforschung deshalb dazu übergegangen, multidimensionale Entwicklungsmodelle auszuarbeiten. Diese berücksichtigen dabei in zunehmendem Maße neben dem ökonomischen Austausch und den politischen Beziehungen zwischen den einzelnen Staaten und Regionen auch die weltanschaulichen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Kulturkreisen, den Transfer von wissenschaftlichen Entdeckungen und Technologien, die globalen Auswirkungen des Tourismus und der Umweltverschmutzung, die zunehmenden Verdichtungen innerhalb des weltweit gespannten Informations- und Kommunikationsnetzes sowie die damit verbundene Entstehung einer globalen Kulturindustrie.[20]
Unter diesen Voraussetzungen wird Globalisierung aber letztendlich mit dem Prozeß der Modernisierung selbst identisch und beinhaltet dabei eine jener "Konsequenzen der Moderne", von denen der britische Soziologe Anthony Giddens gesagt hat, daß sie in diesem Modernisierungsprozeß bereits von Anfang an angelegt waren und auch heute noch nicht zu einem definitiven Abschluß gekommen sind.[21] Giddens spricht deshalb auch lieber von einer "Hochmoderne" beziehungsweise einer "radikalisierten Moderne", um die gegenwärtige Situation zu charakterisieren. Ihm zufolge hat jedoch die weltweite Infragestellung von überlieferten Traditionen inzwischen ein Ausmaß angenommen, das uns dazu zwingt, das Verhältnis zwischen Tradition und Moderne völlig neu zu bestimmen. Die permanente Erschütterung von bisher fraglos gültigen Überlieferungen bedeute nämlich nicht, daß die Traditionen im weiteren Prozeß der Globalisierung als solche verschwinden. Vielmehr sprechen verschiedene Gründe dafür, daß die Bedeutung von lokalen und regionalen Kulturen als Folge des Globalisierungsprozesses in Zukunft sogar noch weltweit zunehmen wird, um einen Ersatz für jene Identifikationsmöglichkeiten zu bieten, die mit dem sich abzeichnenden Bedeutungsverlust der Nationalstaaten sonst heimatlos zu werden drohen. Entscheidend für Giddens ist dabei allein die Frage, ob die überlieferten beziehungsweise neu erfundenen Traditionen einer diskursiven Rechtfertigung standhalten oder aber nicht. Tun sie es nicht und entziehen sie sich damit den Geltungskriterien einer globalen Öffentlichkeit, so stellen sie den möglichen Ausgangspunkt für neue fundamentalistische Bewegungen dar, deren weltweite Ausbreitung Giddens nicht nur für wahrscheinlich hält, sondern auch in den fortgeschrittensten Ländern dieser "radikalisierten Moderne" bereits auf der Tagesordnung stehen sieht.[22]
Giddens hat mit dem Begriff der "raumzeitlichen Abstandvergrößerung" dabei bewußt den Prozeß der Globalisierung in das Zentrum der zeitgenössischen modernisierungstheoretischen Diskussion gestellt, ohne der Versuchung zu unterliegen, eine Erscheinungsform der Moderne gegen eine andere auszuspielen. Die zunehmende Überschreitung der räumlichen Grenzen, die unaufhörliche Beschleunigung des sozialen Wandels sowie das Reflexivwerden von Modernisierungsprozessen sind ihm zufolge vielmehr die eigentlichen Gründe für jene Dynamik der Moderne, mit deren Konsequenzen wir es heute weltweit zu tun haben. Wenn deshalb eine Schlußfolgerung aus den hier vorgetragenen Überlegungen gezogen werden soll, dann kann sie nur lauten, daß innerhalb des modernen Zeitalters der soziale Wandel zwar tatsächlich zu einem Dauerthema geworden ist, wir aber dennoch einen übergreifenden modernitätstheoretischen Bezugsrahmen benötigen, um nicht nur den Wandel als solchen, sondern auch das Bleibende im Wandel zu kennzeichnen. Denn nur so ist die Soziologie in der Lage, die ständig stattfindenden Veränderungsprozesse in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen auf regionaler, nationaler und globaler Ebene in Ruhe zu analysieren, ohne dabei Gefahr zu laufen, unter dem Eindruck ihrer eigenen zeitdiagnostischen Befunde alle fünf Jahre einen neuen "Epochenwandel" verkünden zu müssen. Letztere Vorgehensweise mag zwar dazu beitragen, daß die Forschungsergebnisse dieses Faches das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit finden, das gerade eine akademische Disziplin wie die Soziologie, die auf den öffentlichen Diskurs angewiesen ist, aus guten Gründen nicht ignorieren sollte. Dies darf allerdings nicht um den Preis einer reinen Verschlagwortung von komplizierten sozialen Sachverhalten geschehen. Denn eine solche Art der "Reduktion von Komplexität" stellt allenfalls eine legitime Vorgehensweise der Massenmedien dar. Sie bildet aber wohl kaum den für eine akademische Disziplin geeigneten Öffentlichkeitsbezug, da ein sich ständig überbietender Innovationsanspruch wohl nicht nur dieses Fach selbst, sondern auf Dauer auch sein Publikum überfordern und ermüden würde.
Anmerkungen:
[1] Vgl. Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft.
Abhandlung des Communismus und des Socialismus als
empirischer Culturformen, Leipzig 1887; Georg Simmel, Über
sociale Differenzierung. Sociologische und psychologische
Untersuchungen (1890), in: Gesamtausgabe, Bd. 2, Frankfurt
am Main 1989, S. 109 ff.; Emile Durkheim, De la division
du travail social, Paris 1893; Max Weber, Gesammelte
Aufsätze zur Religionssoziologie, 3 Bde., Tübingen
1920-21.
[2] Vgl. Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial
Society. A Venture in Social Forecasting, New York 1973.
[3] Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in
eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986, Vorwort.
[4] Ulrich Beck, Die Erfindung des Politischen. Zu einer
Theorie reflexiver Modernisierung, Giddens u. Scott Lash,
Frankfurt am Main 1996, S. 19 ff.Frankfurt am Main 1993,
bes. S. 57 ff.; ders., Das Zeitalter der Nebenfolgen und
die Politisierung der Moderne, in: Reflexive
Modernisierung. Eine Kontroverse, hrsg. v. Ulrich Beck,
Anthony Giddens u. Scott Lash, Frankfurt am Main 1996, S.
19 ff.
[5] Wolfgang Zapf, Modernisierung, Wohlfahrtsentwicklung
und Transformation. Soziologische Aufsätze 1987 bis 1994,
Berlin 1994, S. 136 ff. u. 187 ff.
[6] Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. I, S.
61 ff., 202 ff., 524 u. 536 ff.
[7] Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft,
Frankfurt am Main 1997, S. 171 ff.
[8] Vgl. Jack Goody, Ian Watt u. Kathleen Gough,
Entstehung und Folgen der Schriftkultur, Frankfurt am Main
1986; Michael Giesecke, Der Buchdruck in der frühen
Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung
neuer Informations- und Kommunikationstechnologien,
Frankfurt am Main 1994.
[9] Vgl. Risikogesellschaft, S. 113 ff.; Jürgen Friedrichs
(Hrsg.), Die Individualisierungs-These, Opladen 1998.
[10] Risikogesellschaft, S. 205 ff.
[11] Vgl. Flavia Kippele, Was heißt
Individualisierung? Die Antworten soziologischer
Klassiker, Opladen 1998.
[12] Risikogesellschaft, S. 139 ff.
[13] Vgl. Stefan Hradil, Alte Begriffe und neue
Strukturen. Die Milieu-, Subkultur- und
Lebensstilforschung der 80er Jahre, in: ders. (Hrsg.),
Zwischen Bewußtsein und Sein. Die Vermittlung "objektiver"
Lebensbedingungen und "subjektiver" Lebensweisen, Opladen
1992, S. 15 ff.; Peter A. Berger, Soziale Ungleichheit und
soziale Milieus. Die neuere Sozialstrukturforschung
"zwischen Bewußtsein und Sein", in: Berliner Journal für
Soziologie 4 (1994), S. 249 ff.
[14] Vgl. Stefan Hradil, Sozialstrukturanalyse in einer
fortgeschrittenen Gesellschaft, Opladen 1987, S. 158 ff.;
Hans-Peter Müller, Lebensstile. Ein neues Paradigma der
Differenzierungs- und Ungleichheitsforschung, in: Kölner
Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 41
(1989), S. 53 ff.
[15] Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft.
Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt am Main / New
York 1992, S. 409 ff.
[16] Vgl. Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands.
Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer
Zwischenbilanz zur Vereinigung, 2. neubearb. u. erw. Aufl.
Opladen 1996; ders., Kein Abschied von Klasse und Schicht.
Ideologische Gefahren der deutschen Sozialstrukturanalyse,
in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und
Sozialpsychologie 48 (1996), S. 319 ff.
[17] Vgl. Wilbert E. Moore, Global Sociology: The World as
a Singular System, in: American Journal of Sociology 71
(1966), S. 475 ff.; Ulrich Beck, Die Eröffnung des
Welthorizontes: Zur Soziologie der Globalisierung, in:
Soziale Welt 48 (1997), S. 3 ff.; ders., Was ist
Globalisierung?, Frankfurt am Main 1997.
[18] Vgl. Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur
Religionssoziologie; Norbert Elias, Über den Prozeß der
Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische
Untersuchungen, 2. Aufl. Bern 1969; Talcott Parsons, Das
System moderner Gesellschaften, München 1972.
[19] Vgl. Immanuel Wallerstein, Aufstieg und künftiger
Niedergang des kapitalistischen Weltsystems. Zur
Grundlegung vergleichender Analyse, in: Kapitalistische
Weltökonomie. Kontroversen über ihren Ursprung und ihre
Entwicklungsdynamik, hrsg. v. Dieter Senghaas, Frankfurt
am Main 1979, S. 31 ff.; ders., Das moderne Weltsystem.
Kapitalistische Landwirtschaft und die Entstehung der
europäischen Weltwirtschaft im 16. Jahrhundert, Frankfurt
am Main 1986.
[20] Vgl. hierzu die einzelnen Beiträge in: Ulrich Beck
(Hrsg.), Politik der Globalisierung, Frankfurt am Main
1998; ferner in: ders. (Hrsg.), Perspektiven der
Weltgesellschaft, Frankfurt am Main 1998.
[21] Anthony Giddens, Konsequenzen der Moderne, Frankfurt
am Main 1995.
[22] Ders., Leben in einer posttraditionalen Gesellschaft,
in: Reflexive Modernisierung, S. 113 ff.
Nachdruck des sechsten Kapitels von: "Transformationen der Moderne" (S. 159 - 178), erschienen im Philo-Verlag, Berlin/Wien