Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 6


 

"Insgesamt halte ich das gesamtgesellschaftliche Klima, das überwiegend durch ökonomische Zwänge und Ängste geprägt wird, für kontraproduktiv im Hinblick auf philosophische Fragestellungen"

Gespräch mit Alexander Chucholowski

 

"... ich konnte das Ansehen, das die Philosophie in Frankreich genießt, auskosten"

Marburger Forum: Beginnen wir mit einigen persönlichen Fragen. Sie sind Lehrer an der Marburger Martin Luther-Schule - stammen Sie aus Marburg, wenn nicht, wo wurden Sie geboren? Wo haben Sie studiert? Kurz, welches waren die bisherigen wichtigsten Stationen Ihres Lebensweges?

Chucholowski: Geboren wurde ich in Dortmund und dort habe ich auch mein Abitur abgelegt. Nach meinem Zivildienst habe ich dann mein Philosophiestudium in Giessen aufgenommen, bei Odo Marquard. Dies hatte zunächst persönliche Gründe. Allerdings erwies es sich sehr schnell, dass man dort nicht grundständig Philosophie studieren konnte. So beschloss ich nach meinem Grundstudium, in Strasbourg bei Jean-Luc Nancy und Philippe Lacoue-Labarthe weiter zu studieren, zunächst für 1 Jahr. Was mir allerdings dort widerfuhr, bewog mich, weitere 3 Jahre zu bleiben. Zunächst fing alles schwierig an, da die Philosophie dort eine akademische und wissenschaftliche Tradition hat, die bei uns so nicht bekannt ist. Philosophiegeschichte ist nur die eine Seite, das Philosophieren die andere. Das Studium verdiente seinem Namen. Es gab jede Menge Klausuren und Prüfungen und durch einige fiel ich zunächst durch und musste sie wiederholen. Dafür konnte ich das Ansehen, das die Philosophie in Frankreich genießt, auskosten. Nach der Licence machte ich noch die Maîtrise und das DEA. Auch das CAPES stand auf dem Programm und lenkte mich in Richtung des Lehrerberufs, dem ich zuvor eher abgeneigt war. Aus persönlichen Gründen kehrte ich aber wieder nach Hessen, genauer nach Marburg zurück. Nach einiger Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Gießen und Marburg entschloss ich mich dazu, das Staatsexamen in Französisch nachzuholen, um mein Referendariat an der MLS machen zu können. Dieses Referendariat schloss ich erfolgreich ab und unterrichtete zunächst in Greifswald, dann in Fulda, um dann wieder an die MLS zurückzukommen. Seit gut 2 Jahren bin ich auch selbst in der Referendarsausbildung als Ausbildungsbeauftragter für Philosophie und Ethik tätig.

MF: Welche Fächer unterrichten Sie?

Ch.: Ich unterrichte die Fächer Philosophie, Ethik und Französisch, leider jedoch nicht in dieser Reihenfolge. Obwohl ich Ethik gerne unterrichte, würde ich es doch vorziehen, Philosophie zu unterrichten, da Ethik nach wie vor „Ersatzfach“ ist. In einem laizistischen Staat wie Frankreich wäre dies undenkbar. Dort wird Philosophie nur in der Abiturklasse unterrichtet und gilt als Königsdisziplin.

MF: Wie sind Sie zur Philosophie gekommen, und welche philosophischen Autoren oder Richtungen, auch welche universitären Lehrer, waren für Sie von besonderer Bedeutung?

Ch.: Mein Schlüsselerlebnis waren die Confessions von Rousseau, die ich als Schüler las. Also ein sehr persönlicher Zugang, der mich nachhaltig geprägt hat. So war ich bereits viele Male in Les Charmettes. Ich vermute, dass dort auch meine Affinität zur französischen Philosophie und Sprache ihren Ursprung nahm. Nach den französischen Aufklärern war es insbesondere die französische Phänomenologie, die mich faszinierte. Was bei uns unter dem Titel des Poststrukturalismus oder der Postmoderne lange unter den Vorurteilen Habermas’ litt und wohl eher darauf zurückzuführen war, dass die Autoren nicht im Original gelesen wurden, war in Frankreich eine lebendige, innovative Philosophie, originäres Philosophieren, ein lebendiger, leibhaftiger Dialog. Dies zeigt sich u.a. daran, dass es ganz selbstverständlich philosophische Zeitschriften am Kiosk gibt, die nach kurzer Zeit vergriffen sind wie das Magazine Littéraire und das Philosophie Magazine.

Durch Nancy und Lacoue-Labarthe waren Philosophen wie Alain Badiou, Sarah Kofmann, Derrida, Vattimo u.a. ständige Gäste in Strasbourg. Allerdings waren zunächst Jean Frère, Spezialist der Antike, mit dem ich noch heute freundschaftlich verbunden bin, und Francis Guibal, der mich in Lévinas’ Philosophie initiierte, meine akademischen Lehrer. Lévinas war eine wegbestimmende Bekanntschaft und ich freue mich, dass ich Gelegenheit hatte, eines seiner Bücher übersetzen zu dürfen. Später lernte ich auch Paul Ricoeur persönlich kennen,  der mich bat, einige seiner Vorträge in Deutschland zu übersetzen. Erst spät vertiefte ich mein Studium der Schriften Derridas, die sicherlich zu den philosophischen Werken gehören, die die nachhaltigste philosophische Wirkung haben werden.

 

"Es gibt immer eine Anzahl philosophisch interessierter Schüler, die man nicht eigens zu motivieren braucht"

MF: Kommen wir zur "Philosophie-Olympiade". Woher stammt dieser Begriff?

Ch.: Die Philosophie-Olympiade war eine Idee der Fakultät für Philosophie der Universität Sofia und wurde 1993 geboren. Seitdem findet sie jedes Jahr in einem anderen Teilnehmerland statt und vereinigt philosophierende Schüler aller Nationen. Jedes Land hat das Recht, 1-2 ausgewählte Schüler daran teilnehmen zu lassen. Bislang war dies überwiegend nur Schülern aus NRW vorbehalten, die an dem dortigen Landeswettbewerb Philosophischer Essay teilnahmen. Nunmehr wurde der Wettbewerb bundesweit ausgeschrieben, so dass auch Schüler aus Hessen daran teilnehmen können. Zur Vorbereitung unserer Schüler haben Herr Dr. Rose, einer meiner ehemaligen Referendare und ich beschlossen, auf Kreisebene einen eigenen Essaywettbewerb zu veranstalten, der nunmehr jedes Jahr stattfinden soll.

MF: In gewisser Hinsicht haben also Sie dafür gesorgt, dass dieser Wettbewerb die Grenzen eines Bundeslandes überschritten hat?

Ch.: Ich bin mir nicht ganz sicher. Gewiss ist, dass ich vor gut einem Jahr Kontakt zu einem der Verantwortlichen des Landeswettbewerbs NRW, Herrn Dr. Rolf, aufnahm und ihn fragte, ob nicht auch unsere Schüler daran teilnehmen können. Daraufhin wurde der Landeswettbewerb zum Bundeswettbewerb. Vermutlich hatte bis dahin kein anderes Bundesland Interesse angemeldet. Möglich wäre aber auch, dass Frau Dr. Nordhofen als Landesvorsitzende des Fachverbandes Philosophie dies erwirkt hat. Allerdings ist unser Kreiswettbewerb Philosophischer Essay in Hessen wohl bislang einmalig. Im Idealfall könnte daraus mit der Zeit ein eigenständiger Landeswettbewerb Hessen entstehen, aber dies setzt die Förderung des Faches Philosophie voraus und im Augenblick sieht es eher danach aus, als würde Philosophie zugunsten der Ethik zurückgefahren. 

MF: Wie motiviert man Schülerinnen und Schüler, an dieser Olympiade teilzunehmen?

Ch.: Es gibt immer eine Anzahl philosophisch interessierter Schüler, die man nicht eigens zu motivieren braucht. Es genügt, sie auf diese Möglichkeit hinzuweisen. Natürlich sollte der Kreiswettbewerb „Denkzettel“ die Motivation unterstützen und ich denke, das ist auch gelungen. Ein guter Philosophie- und Ethikunterricht, der nicht nur philosophiegeschichtliche Kenntnisse vermittelt, sondern das philosophische Fragen und Denken fördert, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle.

MF: Eine Frage für unsere Leserinnen und Leser, die über die Situation des Philosophieunterrichts an Gymnasien nicht informiert sind - auf welcher Jahrgangsstufe beginnt dieser Unterricht, beschäftigt man sich hauptsächlich mit ethischen Fragen?

Ch.: Der Ethikunterricht beschäftigt sich primär mit ethischen Fragen und beginnt bereits in der Klasse 5, bzw. eigentlich laut Gesetz ab dem Jahrgang, ab dem auch Religion unterrichtet wird. Jeder Schüler soll die Möglichkeit haben, zwischen diesen beiden zu wählen. Der Philosophieunterricht findet meist nur in der Oberstufe statt, befindet sich aber auf dem Rückzug, da die Schulen verpflichtet sind, zunächst den Ethikunterricht zu gewährleisten, da dies ja ein Pflichtfach ist. Danach bleiben meist keine Lehrerstunden übrig, um auch Philosophie anzubieten. So wird Philosophie in Marburg nur noch am Philippinum angeboten.

MF: Ist es besonders schwierig, in Zeiten, da junge Menschen eher weniger lesen und sich dafür anderen Medien zuwenden, das Verständnis für philosophische Fragen zu wecken?

Ch.: Sicherlich muss man da zwischen einer Minderheit bildungsnaher und einer Mehrheit bildungsferner Familien unterscheiden. Letzteren fällt es aufgrund der Präsenz anderer Medien noch schwerer, sich dem Buch zuzuwenden. Die Lektüre eines Buches, insbesondere eines philosophischen Buches, verlangt enorme Kompetenzen, die ihnen nur die Schule vermitteln könnte. Aus diesem Grunde befürworte ich ein Ganztagsschulsystem, weil die Eltern meistens überfordert sind, diese Kompetenzen zu vermitteln, Anregungen zu geben und die Jugendlichen deshalb auf Medien zurückgreifen, die teils andere Kompetenzen verlangen, die man selbst erwerben kann, bzw. scheinbar keinerlei besondere Kompetenzen verlangen. Aber an den Grundfragen sind meines Erachtens alle Jugendlichen interessiert. Die Schwierigkeit besteht darin, bei den Schülern den Spaß an philosophischen Fragen zu wecken und gleichzeitig die Aktualität dieser Fragen deutlich zu machen, ohne sie mit der Lektüre philosophischer Texte zu entmutigen und das eigene Denken abzuwürgen. Vielmehr soll die Lektüre philosophischer Texte nur Hilfestellung beim eigenen Denken sein.

 

"Philosophische Fragen sind immer persönliche Fragen, die jeder sich selbst stellen und nur für sich beantworten kann"

MF: Welches ist oder sollte Ihrer Ansicht nach die besondere Funktion des Philosophieunterrichts an Schulen sein?

Ch.: Die Philosophie stellt seit jeher die Frage nach dem letzten Worum-willen, d.h. sie fragt, wozu wir letztlich etwas tun, lesen, forschen, arbeiten... Sie hat damit eine kritische Funktion und soll die Jugendlichen zu urteilsfähigen, d.h. mündigen Menschen bilden. Dabei ist sie per se fächerverbindend, da sie anderen Disziplinen Fragen stellt, die diese sich selbst nur bedingt stellen, z.B. die Frage wissenschaftlicher Verantwortung, die eben keine wissenschaftliche, sondern eine philosophische Frage ist. Andererseits bietet der Philosophieunterricht auch einen Freiraum, sich mit Fragen auf eine Art auseinanderzusetzen, wie dies in anderen Fächern nicht möglich ist. Philosophische Fragen sind immer persönliche Fragen, die jeder sich selbst stellen und nur für sich beantworten kann. Was bedeutet Freundschaft für mich? Worin besteht der Sinn des Lebens? Wie werde ich glücklich? Gibt es Situationen, in denen ich lügen darf? In diesem Sinne sind philosophische Fragen alltäglich, auch für Schüler, ohne dass es ein richtig oder falsch gibt. Der Philosophie-, bzw. Ethikunterricht bietet die Chance, gemeinsam über diese Fragen nachzudenken und nach Antworten zu suchen.

MF: Was ist - etwa, aber nicht nur, an der schulischen Situation - dem, dass junge Menschen Interesse an philosophischen Fragen entwickeln, besonders abträglich?

Ch.: Im schulischen Bereich sind dies umfangreiche Stofflehrpläne, philosophiegeschichtlich orientierte Curricula, die abgearbeitet werden müssen, Randstunden, in denen die Schüler bereits vom sonstigen Unterricht erschöpft sind und natürlich Noten. Wie wollen sie einen Jugendlichen in seinem eigenständigen Denken durch eine schlechte Note motivieren? Auch die Verpflichtung zu einer Teilnahme am Ethikunterricht ist sicherlich ein Hemmschuh, denn man kann niemanden zum Nachdenken zwingen. Auch die sogenannte „Wertevermittlung“ oder „Werteerziehung“, die immer mehr in Mode kommt, halte ich für unphilosophisch. Ein Wertebewusstsein kann nur in der Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen entstehen, es kann nicht gelehrt werden. Aber das wissen wir seit Platons Protagoras. Gleichzeitig steht dieses Bestreben im krassen Widerspruch zu den Werten, die unsere Gesellschaft, allen voran deren politische und ökonomische Eliten propagieren, nämlich Egoismus, Geld, Macht, Konkurrenz, Nepotismus etc. Alles klassisch kapitalistische „Tugenden“, die schlecht zu den philosophischen passen.

Insgesamt halte ich das gesamtgesellschaftliche Klima, das überwiegend durch ökonomische Zwänge und Ängste geprägt wird, für kontraproduktiv im Hinblick auf philosophische Fragestellungen. Zum einen weil philosophische Fragestellungen eine Radikalität entwickeln können, die dieser Gesellschaftsordnung zuwider laufen, andererseits weil diese Fragen durch ökonomische in den Hintergrund gedrängt werden, eben um ihr kritisches Potential zu entschärfen. Niemand hat wirklich ein Interesse an mündigen Bürgern, die stärker Einfluss nehmen auf politische und ökonomische Prozesse, die selbstbewusst ihre Rechte einfordern. Die begründete Angst der Eliten vor einer partizipativen Demokratie macht dies deutlich. Man hat es – absichtlich oder unabsichtlich - versäumt, die Menschen so zu bilden, dass sie dieser Aufgabe gewachsen wären. Statt dessen wird der ökonomische Druck erhöht und auch in der Schule. Vergleichsarbeiten, Zentralprüfungen, große Klassen, all’ diese Maßnahmen dienen nicht der Bildung mündiger Bürger, sondern erhöhen den Konkurrenzdruck. Leider entfernen wir uns trotz PISA zunehmend von einem Bildungsideal. Statt dessen werden Kompetenzen und Standards gefordert, an denen die Schüler gemessen werden und von denen man annimmt, dass sie den Schülern auf dem späteren Arbeitsmarkt einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Die führt zu dem, was Erhard Eppler kürzlich die Ökonomisierung des Bewusstseins genannt hat. Alles läuft auf eine Übernahme des Wettbewerbsmodells der Ökonomie hinaus. Da ist für Infragestellung, für die Frage, was das Worum-willen der Ökonomie, der Politik ist, kein Raum mehr. Dann bleibt letztlich nur noch, den Jugendlichen noch schnell ein paar Werte überzustülpen, damit der „soziale Friede“ gewahrt bleibt.

MF: Zurück zur philosophischen Olympiade. Welches war das zu bearbeitende Thema, wer hat es gestellt, wie sind die Resultate ausgefallen?

Ch.: In diesem Jahr fand die IPO in Cosenza, Kalabrien statt. Dort standen zwei Themen zur Auswahl. Zunächst ein Wittgenstein-Zitat aus den Philosophischen Betrachtungen, nämlich dass der Gebrauch die Bedeutung der Worte bestimmt und ein Zitat von Kitaro Nishida über den Zusammenhang von Erkenntnis und Liebe. Die Gewinner kamen aus der Türkei, Polen und Finnland. Die deutschen Teilnehmer erhielten eine Auszeichnung. Die Themen werden von einem Organisationskomitee  ausgearbeitet, das 12 Themen wählt, die anschließend einem Entscheidungsgremium unterbreitet werden, dem Verantwortliche der UNESCO, der IPO sowie der FISP (Féderation Internationale des Sociétés de Philosophie) angehören. Den Vorsitz führt der Präsident der FISP.

Der IPO gehen jeweils nationale Wettbewerbe voraus, die zur Teilnahme an der IPO qualifizieren. Wie bereits erwähnt, nahmen bis vor einem Jahr nur Schüler aus NRW am Landeswettbewerb Philosophischer Essay teil und qualifizierten sich so für die IPO.

MF: Eine vielleicht nicht ganz leicht zu beantwortende Frage - unterscheiden sich Schülerinnen und Schüler mit philosophischen Neigungen oder Interessen von anderen, oder glauben Sie, dass prinzipiell jeder, bei entsprechender Förderung, die Wichtigkeit solcher Themen und Gegenstände für sich entdecken kann?

Ch.: Ich denke, dass Schüler, die bereits ihre philosophischen Neigungen entdeckt haben, gefördert wurden. Natürlich sind diese Neigungen unterschiedlich ausgeprägt. Doch bei entsprechender Förderung und entsprechendem Angebot können alle Kinder diese Fragen für sich entdecken. Dafür sprechen nicht zuletzt Erfahrungen mit „Philosophieren mit Kindern“ im angelsächsischen Bereich, wie sie Matthew Lipman und andere gemacht haben. Für eine intensivere Auseinandersetzung mit der philosophischen Tradition bedarf es jedoch einer besonderen Neigung, einer besonderen Anstrengung.

 

"... weil Lebensfreude, Bildung und Philosophie [in Frankreich] noch einen Stellenwert haben, den sie bei uns in dem Maße nicht besitzen"

MF: Welche philosophischen - oder soziologischen, politischen ... - Bücher sind Ihnen gegenwärtig besonders wichtig?

Ch.: Zur Zeit beschäftige ich mich intensiv mit einigen Schriften Derridas zur Verzeihung, der Frage, ob das Unverzeihliche verzeihbar ist, die Shoah z.B., generell Verbrechen gegen die Menschlichkeit und welche ethischen Konsequenzen dies hat. Allerdings gibt es eine weitere aktuelle Diskussion, die mich zunehmend beschäftigt. Es ist die Frage nach den Grenzen der Toleranz. Die Essays von Enzensberger und Broder, die gerade sehr en vogue sind, stehen letztlich auf dem Standpunkt, dass Toleranz Reziprozität, Symmetrie verlangt und im Falle, dass diese nicht gegeben ist, Intoleranz legitimieren. Ich stehe dem Begriff an sich kritisch gegenüber, kommt er doch aus einer aufklärerischen Tradition, die der Gleicheit aller Menschen verpflichtet ist und damit tendenziell dazu neigt, Andersheit aufzuheben. Er kann und darf eine absolute, radikale Andersheit nicht tolerieren, ebenso wenig wie die „islamistische“ Ideologie dies kann, jedoch aufgrund eines anderen „Menschenbegriffs“. Dies führt zu bedenklichen Exzessen wie z.B. dazu, dass Kritiker dieser Ideologie im Westen um ihr Leben fürchten müssen wie der französische Philosoph Robert Redeker, der seit der Veröffentlichung eines kritischen Artikels gezwungen ist, abzutauchen und alle zwei Nächte seinen Standort wechselt. Tatsächlich vermute ich, dass die Intoleranz dem Begriff der Toleranz selbst eingeschrieben ist und nicht dazu geeignet ist, unser Verhältnis zur „islamistischen“ Ideologie zu begreifen.

MF: Neben der Philosophie, womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Freizeit gerne? Welche Musik, welche Maler und belletristischen Autoren gefallen Ihnen besonders gut - und fahren Sie im Urlaub zurück nach Frankreich oder auch in andere Länder?

Ch.: Ich muss leider zugeben, dass ich meine Urlaube fast zur Gänze in Frankreich verbringe, da ich mich dort auf besondere Weise zuhause fühle, nicht zuletzt, weil Lebensfreude, Bildung und Philosophie dort noch einen Stellenwert haben, den sie bei uns in dem Maße nicht besitzen. Allerdings beginnt sich dies auch dort unter dem Einfluss der Globalisierung zu ändern.

Ansonsten beschäftige ich mich in meiner Freizeit gerne mit meinen Kindern, mit Philosophie, aber das wollten Sie sicherlich nicht wissen. Neben französischen Chansons höre ich vor allem Kammermusik des Barock und geistliche Musik des 17. Jahrhunderts. Einer meiner Lieblingskomponisten ist Sainte Colombe, der mit seinen Viola-Suiten durch den phantastischen Film Tous les matins du monde von Alain Corneau bekannt wurde. Da sind wir schon bei einer weiteren Vorliebe: dem französischen Film. Um dieser Vorliebe in extenso zu frönen habe ich mir den Luxus des französischen Fernsehens gegönnt, dank moderner Satellitentechnik.

Literarisch haben es mir die sogenannten französischen Realisten und der Symbolismus angetan, und natürlich Thomas Bernhard und vielleicht noch ein paar andere wie Eco, Borges und Tabucchi.

Das Gespräch führte Max Lorenzen

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