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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 6
Ludger Lütkehaus: Natalität. Philosophie der Geburt. Zug: Die Graue Edition, 2006, 126 S., ISBN: 3-906336-47-6, 21,00 €.
Mit der in seinem Dialog Phaidon ausgegebenen Devise: Philosophieren heiße Sterbenlernen, gab Platon der abendländischen Philosophie für die nächsten zweieinhalb Jahrtausende die Denkrichtung vor: Philosophie hat vorab Todesphilosophie, hat Einübung in den – guten – Tod zu sein. Nun jedoch, zu Beginn des dritten Jahrtausends und in Anbetracht der Machtergreifung der Biowissenschaften, scheint der Philosophie, so die Ausgangsthese, die Ludger Lütkehaus im vorliegenden Buch vertritt, ein Paradigmenwechsel abverlangt: von der Mortalität und Todesphilosophie zur „Natalität“ und „Philosophie der Geburt“, von der Sterblichkeit zur „Gebürtlichkeit“, wie Hannah Arendt es formulierte, von der Thanatologie zur Natologie. Für Lütkehaus stellt uns die Verbindung der philosophisch relevanten Fragen der Bio-, Gen- und Medizintechnologie mit einer Philosophie der Natalität nicht nur vor eine neue Aufgabe, nein, sie vielmehr hält er für das Gebot der Stunde: sie hat, wie er unter Rückgriff auf eine Hegelsche Wendung sagt, gute Aussichten, ‚ihre Zeit in Gedanken erfaßt’ zu sein (S. 11).

Als Philosophien des Anfangs und des Endes stehen Natologie und Thanatologie der Sache nach zwar immer schon in einem komplementären Verhältnis zueinander. Gleichwohl hat sich die Philosophie in ihrer bisherigen Geschichte weit mehr mit dem Tod als mit der Geburt beschäftigt, so daß Hans Saner mit gutem Grund von einer „Geburtsvergessenheit“ und Peter Sloterdijk von einer „Geburtsblindheit“ der abendländischen Philosophie sprechen können. Nun verkennt Lütkehaus keineswegs, daß es in den vergangenen zweieinhalb Jahrtausenden auch Gegenstimmen gegen die Dominanz der Todesphilosophie und Antizipationen einer Philosophie der Geburt gegeben hat. Diese selbst jedoch ist systematisch erst noch zu entwickeln. Die Umrisse und Probleme einer solchen Philosophie der Geburt zu skizzieren – das ist das Projekt des Werks, das Lütkehaus zum Geburtstag Hannah Arendts, der sich am 14. Oktober 2006 zum hundertsten Mal jährte, vorlegt (was ihm, soviel sei vorweg schon gesagt, überzeugend gelingt).
Allein schon mit dieser Reverenz ist zu verstehen gegeben, daß Hannah Arendt, die die Begriffe der „Natalität“ und der „Gebürtlichkeit“ prägte, im Mittelpunkt der Überlegungen stehen wird. Dennoch gibt es bereits vor ihr markante Zeugnisse für eine existentielle Auseinandersetzung mit der Geburt. Paradigmatisch mag hier Sokrates angeführt werden, der Philosophie entschieden als Geburtshilfe begriff, nämlich als Hilfe bei der Geburt der Erkenntnis. Paradoxerweise ist eben dieser Sokrates zugleich „die Stifterfigur der Einübung in den Tod“, ist er der „Todesphilosoph“ (S. 19). Und eben als solcher erlangt er, wie Lütkehaus die Sachlage beurteilt, in der Folgezeit eine bei weitem größere Bedeutung denn als Geburtshelfer. Das mag wohl damit zusammenhängen, daß Sokrates durch seine Anamnesis-Lehre selbst das Geburtsmodell relativiert, wird doch damit der Maieut „zum Assistenten eines bloßen Sekundärprozesses“ (S. 22).
Erst bei Hannah Arendt läßt sich laut Lütkehaus wahrhaft von einer „Geburtsphilosophie“ sprechen. Diese ist weit mehr als ein Leitmotiv ihres Denkens, sie ist vielmehr dessen Kern. Und das heißt, wie Lütkehaus herausstellt, sie ist die ontologische und existenzphilosophische Grundlegung ihrer politischen Philosophie. Klarer als zuvor wird das nach der Publikation des Arendtschen Denktagebuchs, das 2002 in zwei Bänden erschienen ist.
Gleichwohl: Die Geburtsphilosophie ist bei Hanna Arendt nicht mit einem Schlag da, sondern entsteht allmählich während eines mehrere Jahrzehnte umspannenden Zeitraums. Lütkehaus zeichnet diesen Entstehungsprozeß Schritt für Schritt nach: von der Dissertation des Jahres 1928 über den Liebesbegriff bei Augustin, in deren Erstfassung sich bereits „die Konturen einer Natalitäts- als Initialitätsphilosophie“ abzeichnen (S. 29), über den Essay von 1946 Was ist Existenzphilosophie?, weiter über das große Denktagebuch, das sie im Juni 1950 beginnt, über ihr erstes Opus magnum Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft von 1955, die Vita activa des Jahres 1958 bis zum Opus postumum.
In ihnen allen versteht Hannah Arendt die Menschen als Anfängliche und selber Anfangende: Der Sinn des Menschen ist, wie Lütkehaus die Arendtsche Philosophie der Natalität zusammenfaßt, der Anfang, wie der Sinn des Anfangs der Mensch als „Jemand“ und nicht „Niemand“ ist (S. 47). Folglich liegt „die Aureole des Anfangs“ nun auf allem: die Menschen sind jetzt nicht mehr die Sterblichen, sondern die Geborenen. Damit verschiebt sich die Perspektive vom „abendländischen Sonnenuntergang zum Sonnenaufgang einer buchstäblich ‚Neuen Welt’“ (S. 62).
So weit, so gut – könnte man meinen: Feiern wir also die Philosophie der Geburt! Doch Vorsicht! Diese Feier wird von Wehmut durchstimmt werden. Denn für jede Geburt gilt: die Menschen werden, wenngleich nicht gegen ihren Willen, so doch ohne ihre Einwilligung geboren. Jede Geburt ist eine unerbetene Gabe, ihr haftet geradezu Zwangscharakter an – folgerichtig sprach Kant von einem „Diktat der Geburt“. Wären die Menschen vor ihrer Geburt gefragt worden, ob sie in diese Welt hineingeboren werden möchten, dann hätte man wohl, wie Lütkehaus vermutet, mit etlichen „Seinsdienstverweigerern“ zu rechnen (S. 68).
Die Liste derjenigen Positionen, die einer Feier der Gebürtlichkeit eher skeptisch gegenüberstehen, ist lang: karmische Wiedergeburtslehren finden sich auf ihr ebenso wie so klangvolle Namen wie etwa Kierkegaard, Heidegger, Sartre und Kant. Letzterer begriff das „Diktat der Geburt“ in seiner Metaphysik der Sitten als „Skandal der Freiheit“ und forderte mit Schärfe von den Erzeugern, ihre unmündigen Kinder so früh wie möglich zur Mündigkeit zu erziehen und die mündig gewordenen in ihre Freiheit als „Weltbürger“ zu entlassen – eine Konsequenz, die auch Hannah Arendt zieht (S. 76).
Vor diesem Hintergrund wendet sich Lütkehaus gegen die „abendländische Konversionsontologie“, derzufolge ‚sein’ und ‚gut’ austauschbare Begriffe sind. Wie schon in seiner monumentalen Studie Nichts. Abschied vom Sein. Ende der Angst formuliert Lütkehaus hier erneut prinzipielle ontologische und existentielle Bedenken gegen die mit dieser Ontologie einhergehenden Leitmetaphern vom „Geschenk des Lebens“ und dem „Licht der Welt“, die auf das Fazit hinauslaufen, solche Geburtsmetaphern harmonierten nur begrenzt mit der Beschaffenheit „des leidbehafteten, unter Schmerzen geborenen, mit Schmerzen zum Tode eilenden Lebens“ (S. 87). Unter Bezug auf diesbezüglich einschlägige Autoren wie Schopenhauer und Cioran sowie auf literarische Figuren vom Schlage eines Faust, Hamlet und Hiob arbeitet Lütkehaus heraus, aus der Perspektive einer Philosophie der Geburt betrachtet trete an die Stelle der alten Theodizee-Frage die Biodizee-Frage nach der Rechtfertigung des leidbehafteten gebürtigen Lebens. Die wohl weitestgehende Verneinung in der Philosophie der Geburt überhaupt jedoch stammt von dem Waldgott Silen, der, wie Aristoteles am Anfang seiner Eudemischen Ethik berichtet, dem König Midas auf die Frage, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei, antwortet: ‚Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein, das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben’.
Ist man Lütkehaus’ Ausführungen bis hierher gefolgt, wird man wohl spätestens hier stutzig werden. Sein Ausgangspunkt war ja die im Anschluß an Hannah Arendt zu entwerfende Philosophie der Geburt. Die weitere Argumentationslinie im Fortgang zeigt jedoch deutlich an, daß sich der Autor bei aller Hochachtung, ja Bewunderung für das Denken Hannah Arendts und ihre Philosophie der Natalität, doch eher von den Gegenstimmen bestimmen läßt – was Lütkehaus übrigens freimütig einräumt (S. 15). Das aber läßt Raum für die skeptische Frage, ob der angeblich anstehende Paradigmenwechsel von der Mortalität zur Natalität zu Beginn des dritten Jahrtausends tatsächlich eingeläutet ist. Denn ist es nicht nach wie vor die leidbehaftete Existenz, ist es nicht nach wie vor die Sterblichkeit, die uns – auch am Beginn des dritten Jahrtausends – immer noch mehr bedrängt als jede „Gebürtlichkeit“, ja gar als das „Diktat der Geburt“? Und hängt das am Ende nicht ganz entscheidend damit zusammen, daß, wie George Steiner in seinem Essay Warum Denken traurig macht (Frankfurt/Main 2006, S. 57) betont, noch das inspirierteste Denken machtlos ist gegenüber dem Tod?
Friedhelm Decher
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