Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 6


 

Samt und Stahl. Kaiser Wilhelm II. im Urteil seiner Zeitgenossen. Mit Fotografien aus dem Archiv des Hauses Hohenzollern. Herausgegeben und eingeleitet von Martin Kohlrausch, Landtverlag, Berlin 2006,  ISBN 3-938844-05-1, 24,90 €

Dieses Buch richtet sich gleichermaßen an den Fachhhistoriker und den historisch interessierten, "gebildeten Laien". Und aus dessen Sicht möchte ich auf diesen lesenswerten Sammelband hinweisen.  

Er enthält - neben dem anonymen Nachruf aus dem Jahr 1941 aus der Frankfurter Zeitung - 19 Quellentexte, die zwischen 1888 (Wilhelms Erzieher Georg Hinzpeter) und 1940 (Jean-Paul Sartre) publiziert bzw. geschrieben wurden. Der Herausgeber möchte damit zu einem differenzierteren Bild des letzten deutschen Kaisers beitragen.

Denn das Bild, das eben dieser "gebildete Laie" von Wilhelm II. hat, ist geprägt von satirischen Übertreibungen wie in "Der Untertan" von Heinrich Mann, Gedichten von Frank Wedekind, alleinigem Rückgriff auf kaiserkritische Publikationen, z. B. die Erinnerungen Bismarcks oder das Urteil der Illustrierten "Stern" 2001 "ein totaler Versager" (S. 9). Auch der Abdruck der Rede Wilhelm II. anlässlich der Fertigstellung der Berliner Siegesallee von 1901, in der der Kaiser sein 'Kunstverständnis' darlegt, in Lese- oder Arbeitsbüchern für die Oberstufe (so in dem verbreiteten Oberstufen-Band 'Blickpunkt Deutsch' aus dem Schöningh-Verlag)  trägt nicht gerade zu einem abgewogenen Bild bei.

So herrscht der Eindruck vor, dass das Deutsche Reich von einem geistig sehr beschränkten, sich selbst überschätzenden Kaiser beherrscht wurde, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat und maßgeblich für die Katastrophe des 1. Weltkriegs und die darauf folgenden Katastrophen verantwortlich ist.

Im Zusammenhang mit seiner Dissertation (Martin Kohlrausch, Der Monarch im Skandal. Die Logik der Massenmedien und die Transformation der wilhelminischen Monarchie. Akademie-Verlag. Berlin 2005) hat nun Martin Kohlrausch die vorliegenden Texte zusammengestellt. Schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis überrascht: Dass der Erzieher Wilhelms, Georg Hinzpeter, sich positiv über seinen Zögling äußert, als er Kaiser geworden ist, ist nicht weiter verwunderlich; dass aber auch Winston Churchill und Jean-Paul Sartre sich in Publikationen mit ihm auseinander setzten, und zwar nach seiner Abdankung und keineswegs ablehnend, hätte man so nicht erwartet.

In seinem Vorwort begründet Martin Kohlrausch seine Auswahl: Zum einem müssen die Artikel zu Lebzeiten Wilhelms, d. h. aus unmittelbarer, persönlicher Anschauung der Person oder wenigstens der Epoche geschrieben sein, zum anderen handelt es sich um entlegene Publikationen, die hier dem interessierten Leser erschlossen werden.

Allerdings verlangt die Lektüre einige Geschichtskenntnisse; und so wäre es für eine weitere Auflage wünschenswert, wenn der Herausgeber einen knappen Überblick über die wichtigsten, in den Aufsätzen erwähnten politischen Ereignisse gäbe: Nicht jedem sind die Einzelheiten der Marokko-Krisen oder der Daily-Telegraph-Affäre noch geläufig. Bis dahin jedenfalls muss der Leser zur Not auf ein gutes Lexikon zurückgreifen.

Gänzlich allein lässt der Herausgeber den Leser mit den geschichtlichen Zusammenhängen aber nicht: Das 20-seitige Vorwort erläutert zunächst die Bedeutung dieser Aufsätze insgesamt im Rahmen der Entwicklung des Kaiserbilds. Martin Kohlrausch betont, dass Wilhelm II. zunächst vor der schwierigen Aufgabe stand, die Einheit des Reiches zu stabilisieren. Wir vergessen gern, dass das Deutsche Reich beim Regierungsantritt des Kaiser erst seit 17 Jahren bestand (nota bene also so lange wie die Wiedervereinigung heute), und die einzelnen Teile waren ebenso wenig zusammengewachsen wie heute Ost- und Westdeutschland.

Die Erwartungen, die von allen Seiten - und nicht zuletzt vom Kaiser an sich selbst - gestellt wurden, waren hoch: "Wilhelm II: sollte ein Sozial- und Volkskaiser sein und nebenbei die fragile Reichseinheit festigen." (S. 17) Dazu wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Deutschen Reiches die Öffentlichkeit genutzt.

Diese mediale Inszenierung begleitet die gesamte lange Regierungszeit - man sollte sich verdeutlichen, dass die Regierungszeit Wilhelm II: mit 30 Jahren fast so lang dauerte wie die Regierungszeit der Kanzler Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder zusammen. Die öffentliche Präsentation des Kaisers förderte jedenfalls den entsprechenden Tages-Journalismus, der diesen Kaiser mehr oder weniger freundlich präsentierte. In diese Zeit fällt - und das herauszuarbeiten ist das Anliegen des Herausgebers - die "neue Macht der Öffentlichkeit" (S. 14). Der Kaiser war zu einem 'Medienkaiser' geworden mit allen bekannten Problemen.

Aber dieser Wandel der öffentlichen Wahrnehmung erfasste auch die anspruchsvolle Kommentierung dieser Regierungszeit, ja "gerade die sich als kritisch verstehenden Intellektuellen [machten] ihre Reflexionen gern am Kaiser fest" (S. 10). Deutlich wird damit, dass eher das Objekt dieser medialen Inszenierung oder die "Signalperson" als der Mensch von Interesse war, um die eigenen Anschauungen zu spiegeln. Wie sehr sich in dreißig Jahren das öffentliche Bild des Kaisers wandelt, zeigt sich an einer Kleinigkeit: Unter den Abbildungen finden sich zwei Fotos (einander gegenübergestellt): der Kaiser mit seinem ältesten Sohn (um 1889) und mit seinem ältesten Enkel (um 1912) (S. 292 f), die Kinder sind jeweils etwa sechs Jahre alt, der Kaiser trägt jeweils Uniform. Während der kleine Kronprinz mit Stiefeln, Uniform und einem Offiziersdegen in strammer Haltung vor dem Vater steht, trägt der kleine Enkel einen leichten, einfarbigen Sommeranzug und schmiegt sich liebevoll an den Großvater - das Jahrhundert des Kindes ist unübersehbar.

Ich möchte nun nicht jede einzelne Quelle ausbreiten, sondern nur auf einzelne  hinweisen, die aus meiner Sicht ein besonderes Licht auf Wilhelm II. werfen.

Jeder Aufsatz wiederum wird vom Herausgeber kurz (ca. zwei Seiten) eingeleitet, die Autoren werden vorgestellt und der Aufsatz selbst in den zeithistorischen Kontext knapp eingefügt.

Spannend ist, wie der Erzieher Hinzpeter die Ziele der kaiserlichen Erziehung entsprechend den Wünschen der Eltern (Friedrich III. und Victoria) beschreibt: "... im Gegensatz zur Tradition dem Interesse für das bürgerliche Leben den Vorrang vor dem militärischen in dem heranwachsenden Prinzen zu verschaffen" (S. 48). Ausführlich wird dargelegt, wie erfolgreich diese Erziehung war und den zukünftigen Kaiser in alle Bereiche des bürgerlichen Lebens einführte. - Dass dazu der Besuch einer öffentlichen Schule in Kassel, also weit ab vom Hof, gehörte (etwas, was in England erst knapp 100 Jahre später möglich wurde), sei am Rande erwähnt.

Die weiteren Aufsätze setzen sich dann - wie zu erwarten - mit den Stärken und Schwächen je nach Position auseinander. Hervorgehoben wird Wilhelms "Modernität": Sein Interesse für Technik, für Journalismus, der Kampf gegen die Etikette und die verkrusteten Strukturen; ebenso wird seine Spontaneität und sein mangelndes Gespür für die historische Situation, seine spontanen freien Reden, die mehr schadeten als halfen, als höchst problematisch und gefährlich für die Zukunft des Reiches benannt. Auffallend ist, wie oft Wilhelm an Friedrich II. gemessen wird.

Rudolf Borchardt zieht 1908 diesen Vergleich heran, um Wilhelms "ästhetische Liebhabereien" denen Friedrich II. gegenüberzustellen, der "mit Ausdrücken des Ekels von Goethes "Götz".... mit roher Verachtung von Shakespeare sprechen, Winckelmann außer Landes treiben und Lessing ruinieren helfen durfte" (S. 178) und ihnen damit die rechte Größenordnung zuweist: "Der Kaiser steht außer der ästhetischen Bewegung." Offenbar nimmt man Friedrich II. seine Kunstauffassung nicht so übel wie Wilhelm II.

Mit der Abdankung des Kaisers ändert sich notwendigerweise der Schwerpunkt: Es geht jetzt mehr darum, welchen Anteil der Kaiser am 1. Weltkrieg hatte. Dabei ist der Aufsatz Egon Friedells (aus seiner "Kulturgeschichte der Neuzeit") besonders anrührend, der dem Kaiser gerecht zu werden versucht: als "Repräsentant" des Weltbilds der meisten Deutschen, als "homme du fin de siècle", nämlich Impressionist und Décadent" (S. 321). Ob aber das jemand hören wollte?

Skurril sind die Berichte der Besucher in Doorn,  - als solche sollte man sie auch wahrnehmen: Da sitzt ein Entmachteter, der sich damit nicht abfinden kann und Ersatzbeschäftigung sucht, und niemand wagt es wohl, ihn auf den Boden der Tatsachen zu holen, sicherlich auch im eigenen Interesse.

Zum Abschluss sei hier das Urteil Winston Churchills (1937) zitiert:" Er war eine pittoreske Repräsentationsfigur im Mittelpunkt der Weltbühne, von der verlangt wurde, daß sie eine Rolle spiele, welche weit über die Befähigung der meisten Menschen hinausgeht. ... Es ist ein erschreckender Gedanke, daß vor dem Wort oder Nicken eines so beschränkten Menschen dreißig Jahre lang all die Kräfte in aufmerksamem Dienst und eifrigem Gehorsam erstarben, die, wann immer sie losgelassen wurden, die Welt in Schutt und Asche legen konnten. Es war nicht seine Schuld, es war sein Schicksal" (S. 343).

Abschließend möchte ich betonen, dass zu jeder Einschätzung sich auch die gegensätzliche findet. Sich dabei dann das eigene Urteil zu bilden, bleibt dem Leser überlassen.

Regina Neumann

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