Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 6


 

Christa Wolf: Der Worte Adernetz – Essays und Reden. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, 120 S., ISBN 3-518-12475-7, 9,00 €

 

»[W]as wissen die jungen Leute heute von den Namen und Schicksalen dieser Menschen?« Gemeint sind zwar nur die Menschen in Christa Wolfs Vorwort zu den Tagebüchern von Kurt Stern, aber mir scheint, diese Frage ließe sich auf alle Personen in ihrem neuen Essayband ausweiten. Was weiß ich, der sich noch zu eben diesen jungen Leuten Zählende, zum Beispiel über Nelly Sachs, Hans Mayer oder Anna Seghers? Gewiss, das eine oder andere Gedicht ist mir bekannt. Auch las ich gelegentlich in Mayer’s Thomas Mann und Das siebte Kreuz durfte ich sogar bevor ich zwanzig war, zu meiner Lektüre zählen. Als Personen jedoch blieben sie mir bisher verborgen. Im Großen und Ganzen sprudelt also nicht viel Nennenswertes aus mir heraus und gänzlich versiegt die Quelle bei Menschen wie Elisabeth Langgässer, Inge Müller oder Hermann Sinsheimer.

In Christa Wolf’s neuestem Essayband sind siebzehn Texte aus den Jahren 1990 bis 2006 versammelt, meist Dankes- oder Gedenkreden, deren Mehrheit jedoch bereits im 12. Band; Essays, Gespräche, Reden, Briefe 1987-2000, der dreizehnbändigen Werkausgabe des Luchterhand Literaturverlages abgedruckt worden ist. Nur drei Essays sind bisher unveröffentlicht. Neben den soeben genannten, sind auch Heinrich Böll, Volker Braun, Günter Gaus, Irmtraud Morgner, Brigitte Reimann, Maxie Wander und Konrad Wolf mit einen Essay geehrt worden. Siebzehn Essays, die von einem Themenkomplex getragen werden: »Barberei«, »Was ist human?« sowie dem Misstrauen gegenüber »unseren Werkzeugen, die jener Kultur gedient, die sie mitgeformt haben, welche Ausschwitz hervorgebracht hat.«

Immer wieder spürt Wolf in den Reden den literarischen Spuren nach, findet Verbindungen zwischen den Werken und den verschiedenen, je eigenen Leben. Gibt ungewollt, Laien wie mir, Blicke auf weite Felder frei. Ruft in Erinnerung, was andere vielleicht schon vergessen haben. So werden Parallelen in den Leben der Seghers und der Langgässer sichtbar. »Anna Seghers: Deutsche, Jüdin, Kommunistin, Schriftstellerin, Frau, Mutter«; Elisabeth Langgässer: Deutsche, zum Katholizismus konvertierte Halbjüdin, Schriftstellerin, Frau, Mutter. Beide sind ähnlichen Jahrgangs und entstammen derselben Gegend. Die eine aus Mainz die andere aus Alzey, unweit von Westhofen. Ihre Landschaftsbeschreibungen, der seghersische »Originaleindruck« in Worte gefasst und auf Papier gedruckt, ähneln sich auf erstaunliche Weise. Nur während in der Nachkriegszeit Anna Seghers von der Hoffnung auf den zweiten Deutschen Staat durchdrungen ist, bleibt der Langgässer in dieser Trostlosigkeit nur der blinde Glaube, der »von keiner Hoffnung und keinem Versprechen gestärkt« ist. Deutlich zutage tritt diese Differenz bei der Sainte-Chapelle Passage. Bei aller Kurisosotät der Parallele, dass diese Pariser Kapelle bei beiden Autorinnen unabhängig voneinander die Kulisse für entscheidende Szenen ist, so hätte sie doch nicht gegensätzlicher gefasst werden können. Bei Seghers verbindet sich das Einsetzen der Rose mit der Hoffnung auf eine Gesellschaft, die einen Tod wie den der Mutter unmöglich macht. »Glasfenster, vor denen die Kugeln weichen.« Bei Elisabeth Langgässer wird die Rose zur »rosa mystica«, die den nötigen Glauben an Gott symbolisiert. »Ja,« so sagt der Pfarrer, der die beiden deutschen Offiziere in der Sainte-Chapelle begleitet, »wenn nichts weiter als die Erfahrung und die Vernunft voraussagen wollten, dann wäre Gottes Anspruch verloren, denn der Satan ist Herr dieser Welt.« Während die Seghers mit ihrer Familie jedoch 1933 Deutschland in Richtung Schweiz verließ, blieb die Langgässer ungeachtet der Bedrohungen in Berlin. Die »äußere« Emigration trifft hier zum ersten Mal auf die »innere« Emigration, ganz so, wie sie das letzte Mal 1947 auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongreß in den Kammerspielen in der SBZ treffen wird. Die Reichsrassegesetze entreißen der Langgässer schließlich 1943 ihre Tochter Cordelia. Erst nach Theresienstadt und anschließend nach Auschwitz deportiert, überlebt sie das, was Anna Seghers Mutter nicht überlebte und zu dessen Charackterisierung sie, die Seghers, nur das Wort »teuflisch« übrig hatte. Das Nichtverständnis jener Deutschen, »die den Hexensabbat mitgetanzt und Herrn Urian aufgewartet haben«, wie sich Thomas Mann auszudrücken pflegte, schlägt auch der Langgässer ins Gesicht. Nach Christa Wolfs Meinung hat ihre Tochter alles nötige dazu in ihrem Buch Gebranntes Kind sucht das Feuer gesagt: »Ich finde es unglaublich, daß immer wieder gefragt wird: ›Wie konnte ihre Mutter nur?‹ Man versucht, die eigene Schuld auf andere Leute abzuschieben. Man fragt sich nicht: ›Wie konnten wir so ein System schaffen und zulassen, daß eine Mutter in einen so fürchterlichen Konflikt geriet.‹ Meine Mutter war ein Opfer.«

Doch die Reden bringen dem Leser nicht nur die Protagonisten, sie bringen ihm auch Christa Wolf näher. Durch wen fühlte sie sich berührt? Welche Worte und Sätzen fanden in ihrem Inneren Gehör? Wer inspirierte sie zu dichterischer Gedankenschärfe? Heinrich Böll zum Beispiel, der »linke Demokrat, « dessen Worte wie »redlich«, »rechtschaffen« oder »unbestechlich« zu Unrecht antiquiert seien, galt ihr als »Orientierungshilfe«, als »provozierende Instanz in Gewissensfragen«. Sehr habe sie über den Verlust dieses Menschen getrauert, dessen geistige Welt eine starke Anziehungskraft auf sie ausübte.

Die Vielschichtigkeit der behandelten Personen und deren Verbindungen untereinander und im Hinblick auf die Autorin selbst, lässt sich hier nicht erschöpfend darstellen. Aber »[v]ielleicht kann dieses wenig spektakuläre Buch, das die menschliche Anteilnahme des Lesers anspricht, mithelfen, das Interesse an ihnen [den genannten Personen] wachzuhalten oder zu wecken«; und vielleicht kann diese Rezension mithelfen, denn das möchte sie, das Interesse am Lesen dieses Buches zu fördern.

Sebastian Rinas (Reykjavik)

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