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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 6
In alten Texten werden Irrtümer oft geadelt. Alte Texte, sofern es gelungen ist, sie kanonisch werden zu lassen und von jedermann wiederholungsfähig zu halten, alte Texte, sofern sie in uns wachbereit schlummern, bestimmen uns, nicht wir sie.
«Vater, unser...» sagt es in uns. Werden Geschwister gefragt «Wo ist Euer Vater?», so werden sie jedoch nicht antworten «Vater unser ist...», sondern sie werden sagen: «Unser Vater ist...» Nicht einmal jemand, der damit beschäftigt ist das Deutsche zu erlernen, wird die Wortfolge «Vater unser» verwenden. Denn niemand redet so. Die Wortfolge des Gebetes „Vater unser“ wurde im Deutschen der griechischen und lateinischen Abfolge der Wörter unter Verletzung der deutschen Wortstellung nachgebildet. Der Irrtum hat also Methode, und alte Texte adeln gern Irrtümer.
Das Entdecken von alten Irrtümern, die über uns eine Macht ausüben, ist Aufklärung. Aufklärung lebt von der Erprobung des Verdachtes. Ist der Verdacht einmal geweckt, dass alte, kanonisch gewordene Texte Irrtümer enthalten, dann kommt Aufklärung in Gang.
Seit 1949 gilt in einem Teil Mitteleuropas der Satz «Die Würde des Menschen ist unantastbar.» Vielleicht wird man einmal sagen, dass in Deutschland nichts Schöneres, nichts Erhabeneres hervorgebracht wurde als dieser Satz. Noch fünf Jahre zuvor, 1944, wäre in unserem Land dieser Satz als Staatsgefährdung verstanden und seine Befürworter gejagt worden. 1944 galt faktisch, dass die Würde des deutschen oder des arischen Menschen schutzwürdig sei, sofern er die Führung des deutschen Reiches bejaht.
Der Satz von der Unantastbarkeit der Menschenwürde wird das Dunkel, die Schuld und das Leid nicht löschen, was jenes Dutzendjährige Reich über Europa brachte. Dennoch strahlt er in erhabener Schlichtheit hinein in die Misserfolgsgeschichte namens Deutschland. Andere Länder der älteren europäischen Gemeinschaft, Irland und Griechenland ausgenommen, haben ihn nicht in ihrer Verfassung. Es gibt andersartige Wertbindungen und Wertaufträge. Die geltende französische Verfassung von 1958 bekennt sich in Artikel 2 zu Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und zu einer Regierung durch das Volk und für das Volk. (Im letzten Kapitel soll später unter anderem verdeutlicht werden, dass die große Französische Revolution die Menschenwürde gleichsam dadurch gerettet hat, dass sie ihren Namen aussparte.)
Wir hatten jenen Satz nötig. Der erste Satz unserer Verfassung wirkt, wie wenn Friedrich Schillers Bemerkung, die Kunst habe die verlorene Würde gerettet und aufbewahrt, nunmehr Gesetzeskraft erlangte. Die Kunst, die frei ist, frei von und zu allem, vermag nicht und niemanden zu binden und wurde dennoch hier Gesetz. Gesetze als Form des Rechtes im Unterschied zur Moral binden, sind durchsetzungsfähig, in ihrer Anwendung erzwingbar. « Die Würde des Menschen ist unantastbar»: Eine ungeschriebene Zeile Schillers, Goethes, Hölderlins, Novalis', Brentanos, Eichendorffs, Heines, hier wurde sie Recht und Gesetz. Zwei Zeilen aus Goethes Schlusschor seines Faust, jetzt waren sie nicht mehr zynisch nur auf Auschwitz beziehbar:
Das Unbeschreibliche
Hier ist es getan
Und noch etwas zählt zu den Vorteilen der Menschwürde mit Gesetzesrang: Sie krönt, was sich in der Antike, im Christentum und der Moderne der Renaissance seit langem auf europäischem Niveau angebahnt hatte. Sie krönt des Menschen Würde, sie gibt ihnen, Würde mit Würde begegnend, die Würde des Gesetzes.
Deutschland, 1844 von Heine zu einem Wintermärchen erklärt, dessen Verblödungsidylle endlich aufhören sollte, Deutschland wurde zu einem Minder-Wertchen. Es erfand eigens eine Kultur, wie man politisch Minderwertchen ist, das erhöhte seine Exportchancen. Doch an einer Stelle, da war es weder Wintermärchen noch Minderwertchen, da war es Wertgeber: Grundgesetz Art. 1.1. Wertgeber vermag allerdings nur derjenige zu sein, dessen Wertformeln von anderen übernommen werden. Erfolg: Am 12. April 1989 verabschiedet das Europäische Parlament eine Erklärung der Grundrechte und Grundfreiheiten, deren Artikel 1 identisch ist mit dem deutschen Grundgesetz Art. 1.1 von 1949. «Die Würde des Menschen ist unantastbar.» Wertgeber Deutschland!
- Wegen «Die Würde des Menschen ist unantastbar» kann man
sich mit unserem Staat identifizieren.
- Müsste dann aber nicht gelten: Ich bin gleich der
deutsche Staat?
- Wie?
- Identifikation ist identisch werden oder identisch sein
mit etwas. Wer sich mit einer Institution identifiziert,
wird oder ist mit ihr gleich. Nichts bleibt von ihm übrig.
Er ist mit Haut und Haar die Institution geworden.
- Das stimmt eigentlich. Müsste es icht heißen: «sich
einer Institution zugehörig fühlen, zugehörig wissen»
statt «sich mit einer Institution identifizieren»?
- Eigentlich ja.
- Woher kommt die Rede „sich mit etwas identifizieren“?
- Wenn man es genau nimmt, so setzt sie die Sprache fort,
die in Deutschland von 1933-1945 gepflegt wurde, die
«Lingua Tertii Imperii», die von Viktor Klemperer
durchschaute Sprache des Dritten Reiches.
- Schließt der den Deutschen nachgesagte Sinn für Ordnung
Einordnung ein?
- Vermutlich.
- Und schließt der Wunsch sich in etwas einzuordnen noch
einen anderen Wunsch ein?
- Welcher sollte dies sein?
- Sich unterzuordnen?
- Und wer bereit ist sich unterzuordnen, ist der nicht
auch bereit noch weiterzugehen?
- Wie weit?
- Sich zu unterwerfen?
- Das ist nicht auszuschließen.
«Die Würde des Menschen ist unantastbar.» Der Satz wäre ebenmäßiger, fiele er um mindestens eine Silbe kürzer aus: „Die Würde des Menschen ist ewig/absolut.“ Das viersilbige Adjektiv „unantastbar“ mischt Legalität in den lyrischen Sound. Die Synthese aus Lyrik und Lex gelang. Rhythmus, eines der vermutlich elementarsten Phänomene, die uns mit der und zur Welt verbinden, kommt in unserem obersten Rechtssatz zur Entfaltung, um einzumünden in die gewährende, mahnende, drohende Sprache des Gesetzes.
Gehen wir nun zu einem Test über. Ein Test, den jeder mit seinen Freunden und Bekannten ohne Mühe durchführen kann. Man liest den Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ vor oder zitiert sie und bittet die Einzelnen zu sagen, welche Wörter ihnen hierbei wichtig sind. Es ist zu vermuten, dass fast 100 Prozent antworten: „Würde“ und „unantastbar“. Jetzt fragt man: „Gibt es etwas, beispielsweise ein bestimmtes Wort, das euch problematisch erscheint an diesem Satz aus sechs Wörtern?“ Vermutlich wird Kopfschütteln die Antwort sein. Der dritte Teil des Testes kann darin bestehen, dass man um Erläuterungen des Satzes oder einzelner Begriffe bittet.
- Unantastbar heißt: Sie darf nicht verletzt
werden.
- Sehe ich auch so.
- Und Würde? Was heißt Würde?
- Jeder besitzt sie.
- Und woran erkenne ich sie?
- Niemand braucht sie zu erkennen. Sie ist gegeben.
- Und wenn sich jemand würdelos benimmt, zum Beispiel sich
besäuft und rassistische Parolen schreit, Mitbürger
anderer Hautfarbe überfällt, verprügelt, tötet?
- Auch der behält seine Würde.
- Wie bitte? Muss es dann nicht zwei Würden geben, eine,
die er selbst wegwirft und eine zweite, die sich nicht
wegwerfen lässt?
- Eben.
- Doch was hat er dann noch von seiner zweiten Würde? Und
was haben die anderen von ihr? Denn offenbar hindert ihn
jene zweite Würde, die er nicht ablegen kann, nicht daran,
sich auf die unwürdigste Weise zu verhalten.
- Halt! Darf man überhaupt einen Plural zu „Würde“ bilden?
Wird mit „Würden“ nicht bereits „die“ Würde preisgegeben
und verkauft?
Spätestens an dieser Stelle wird sichtbar: Etwas stimmt hier nicht. Liegt es an der Würde? Liegt es an unserer Art über sie zu reden?
Konsultiert man Kommentare zum Grundgesetz, konsultiert man Artikel, Aufsätze, Bücher, so ergibt sich etwa folgendes: Einerseits erscheint die vormals als gegeben betrachtete Menschenwürde nicht mehr so sicher. Man beginnt zu grübeln über die «Würde.» Einerseits hält man an ihr fest, andererseits fällt einem nicht mehr ein als zu sagen: Würde ist Würde. Würde ist Würde, was sonst? Einerseits fällt man zum Beispiel auch das Urteil, dass bereits ein mikrologischer Zellhaufen (die befruchtete menschliche Eizelle) Würde besitzt, andererseits erlaubt man mit der Abtreibung die Zerstörung von Embryonen. Wieder scheint die Würde gespalten zu werden. Im Fall des würdelosen Verhaltens wird dem Menschen bleibende Würde zugesprochen und von seinem Verhalten abgespalten. Im Fall des befruchteten und wachsenden Organismus wird dem geringer organisierten Zellhaufen Würde zugebilligt und von dem weiter gewachsenen Embryo abgespalten. Unser Würdeverständnis führt somit auf Widersprüche. Das Beharren auf Widersprüchen ist Absurdität. Ist unser Verständnis von Menschenwürde somit eine Absurdität?
Wenn Berufung auf «Würde», die Wertbindung an Würde, der Wertauftrag sie «zu achten und schützen» nicht mehr recht gesichert erscheinen, dann ist zu klären, ob im Gesetz eine Schwachstelle vorliegt und wie man mit ihr umgeht.
Das soll später an diesem Ort erfolgen.
Unser Gesetzessatz weist noch eine andere Schwachstelle auf. Sie fiel in dem zweiten Teil unseres Testes nicht auf: «Gibt es etwas, beispielsweise ein bestimmtes Wort, das euch problematisch erscheint an diesem Satz aus sechs Wörtern?»
- «Würde» erscheint problematisch genug.
- Warum aber heißt es «Würde des Menschen»?
- Weil alle Menschen Würde haben.
- Wenn alle Menschen Würde haben, warum steht das nicht im
Gesetz?
- Die Kommentare sprechen doch von der «Würde jedes
Menschen.»
- Die Kommentare sind nicht das Gesetz. Sie sind an das
Gesetz gebunden, aber das Gesetz nicht an sie.
Im Unterschied zu unserem Grundgesetz, das von der Würde des Menschen spricht, legten sich 1948 die Vereinten Nationen auf die Formel fest: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.» Unter 20, häufig repetitiven Formulierungen von Menschenwürdepassagen internationaler Menschenrechtsdokumente enthalten zehn Stellen ein «alle Menschen» oder ein «jeder Mensch.» Gleichfalls zehn Stellen sprechen dagegen von einer Würde «des Menschen» , «des Kindes» oder von einer «dem Menschen innewohnenden» Würde.
Doch wozu diese Hinweise, da es um Menschenwürde und nicht um die Spaltung von Haaren geht? Wozu unterscheiden zwischen «DER Mensch» und «ALLE Menschen» oder «JEDER Mensch»? Besagen die Formulierungen nicht dasselbe? «Der Mensch ist sterblich» ist doch wohl gleichbedeutend mit «Alle Menschen sind sterblich.»
Für gewisse Kontexte sei zugestanden, dass «alle Menschen» für «der Mensch» und dass «der Mensch» für «alle Menschen» stehen können. Es ist hier eine Frage des Geschmacks und der Abwechslung, ob man bemerkt «Der Mensch ist von Natur aus gut» oder «Alle Menschen sind von Natur aus gut.»
- Das Bier ist vergiftet.
- Welches Bier?
- Der Mensch ist kriminell.
- Welcher Mensch?
- Alles Bier ist vergiftet.
- Alles?
- Warum fragst du jetzt nicht: Welches Bier?
- Diese Frage ist überflüssig.
- Gilt dies auch, wenn ich sage: Alle Menschen sind
kriminell?
- So ist es.
- Also gibt es doch einen Unterschied zwischen ALLe
Menschen und DER Mensch?
- Offenbar.
- Wenn der Gesetzgeber schreibt «Die Würde aller
Menschen ist unantastbar», ist es dann überflüssig zu
fragen «Wessen Menschen»?
- Überflüssig.
- Wenn der Gesetzgeber jedoch schreibt «Die Würde
des Menschen ist unantastbar», ist es dann möglich
zu fragen: «Wessen Menschen?»
- Es ist möglich.
- Und wenn auf die Frage «Wessen Menschen?» geantwortet
würde «Der Personen, die mit einem gültigen Pass und einem
Arbeitsvertrag in unserem Land leben»: Wäre diese Antwort
denkbar?
- Sie wäre denkbar.
- Kann es dann also der Fall sein, dass «Die Würde des
Menschen ist unantastbar» gar nicht ausschließlich, gar
nicht unbedingt, gar nicht unter allen Umständen meint:
«Die Würde aller Menschen ist unantastbar»?
- Dies kann der Fall sein.
- Läuft die Formulierung des erhabenen Satzes von 1949
«Die Würde DES Menschen ist unantastbar» somit in Gefahr
etwas zu sagen, was sie gar nicht meint oder meinen will?
- Ja.
- Wenn eine Formulierung etwas sagt, was sie weder meint
noch meinen will, ist sie dann irrtümlich?
- Sie ist irrtümlich.
- Was aber liegt vor, wenn eine irrtümliche Formulierung
verbindlich, kanonisch, wertgebend wurde?
- Dann adelt sie einen Irrtum.
In alten Texten werden Irrtümer oft geadelt. Alte Texte, sofern es gelungen ist, sie kanonisch werden und von jedermann wiederholungsfähig zu halten, alte Texte, sofern sie in uns wachbereit schlummern, bestimmen uns, nicht wir sie.
Das Entdecken von alten Irrtümern, die über uns eine Macht ausüben, ist Aufklärung. Aufklärung lebt von der Erprobung des Verdachtes. Ist der Verdacht einmal geweckt, dass alte, kanonisch gewordene Texte Irrtümer enthalten, dann kommt Aufklärung in Gang.
(Bernhard H. F. Taureck: Die Menschenwürde im Zeitalter ihrer Abschaffung. Eine Streitschrift, merus verlag, Hamburg 2006, ISBN 3-939519-14-6, S. 13 - 20. Wir bedanken uns beim merus verlag, Dr. Alexander Heck, für die Abdruckgenehmigung.)
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