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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 6
Inszenierung – Manfred Gorr | Ausstattung – Frank Chamier
| Dramaturgie – Annelene Scherbaum
Darsteller:
Josef - Thomas Streibig | Maria - Christine Reinhardt
Außergewöhnliche Stücke bedürfen eines außergewöhnlichen Rahmens – dieser wurde am 2. Dezember auch am Fuße der Marburger Oberstadt, Am Plan 4-5, genauer gesagt bei „Betten Briel Schlafkultur“ geboten. Zwischen den zu Vorführung und Verkauf arrangierten Betten, Kissen und Accessoires agierten 70 Minuten lang Christine Reinreinhardt als Putzfrau Maria und Thomas Streibig als Wachmann Josef in einem allein für zwei Akteure konzipierten Stück – leidenschaftlich und hingabevoll an Erzählung und Metier – und das ist das allerwichtigste für einen bemerkenswerten Abend.

Dieser begann für die Zuschauer, die auf Stühlen, Hockern und Bänken Platz genommen hatten – 35 an der Zahl, mehr fasst die für das Schauspiel vorgesehene Etage nicht – bereits vor der eigentlichen Handlung, nämlich durch eine akustische Einstimmung mittels Weihnachtsmusik, vermischt mit den für Kaufhäusern so typisch beschwichtigenden Weihnachtswerbesprüchen. Diese schufen jedoch ein so perfektes Gesamtbild, daß die Zuschauer den eigentlichen Beginn gar nicht gewahr wurden, als sich nämlich die Hauptdarstellerin Christine Reinhard auf die „Bühne“ begab und das Spiel eröffnete; sie erschien vielmehr als eine weitere Zuschauerin, die spät aber doch noch erschienen war.

Diese physische Nähe zwischen Darstellern und Zuschauern – immerhin bewegten und saßen beide Parteien in nicht einmal zwei Meter Entfernung zueinander – stellte von Beginn an eine besondere innere Beziehung her; denn das Stück „Joseph und Maria“ soll betroffen machen – trotz all der ihm innewohnenden Komik. „Joseph und Maria“, das ist vor allem ein Theaterstück, das kritisch unsere moderne Gesellschaft im Weihnachtsrausch seziert; denn was verbirgt sich tatsächlich hinter all dem fröhlichen gütigen Geschenkeaustausch zum 24. Dezember? Ist es wirklich Nächstenliebe – oder nicht doch Verzweiflung, ein Betteln um Aufmerksamkeit und Zuneigung und vor allem Selbsttäuschung? Ist der 24. nicht vielmehr der Moment, an dem es spätestens zu erkennen gilt: So kann und darf es nicht mehr weitergehen?
Genau an diesem Punkt sind sowohl die Putzfrau als auch der Wachmann angelangt: Maria, die, eine unglückliche Ehe hinter sich, nunmehr von der Familie ihres Sohnes abgelehnt wird und nicht einmal mehr zu Weihnachten willkommener Gast ist, aber um der Eigenillusion willen für sämtliche Familienmitglieder Weihnachtsgeschenke erstanden hat, Joseph, der sich in seiner Einsamkeit der Politik verschreibt; als Sozialist kämpft er für das Ideal der Menschlichkeit, versteigt sich dabei aber in sinnentleerte Parolen.

Durch Zufall begegnen Maria und Joseph einander: Da beide keine Familie ihr eigen nennen, ziehen die beiden Rentner vor, an diesem „besinnlichsten aller Familienfeste“ zu arbeiten, um so ihre Enttäuschung zu vergessen. Die Interaktion, die sich zwischen den beiden entfaltet, beginnt zuerst im Monolog: Maria erzählt von ihrem Leben als Varieétänzerin, Joseph von seiner unglücklichen Kindheit. Man redet aneinander vorbei und dann doch wieder nicht. Unendlich froh, ein menschliches Wesen gefunden zu haben, dem es nicht besser geht, versuchen beide in kürzester Zeit all den emotionalen Ballast los zu werden, der ihnen seit Jahren das Leben erschwert: Alkoholismus, schlagende und geschlagene Zieheltern, Brutalitäten und Verdächtigungen des Ehemannes – keinen der beiden beneidet man um seinen Lebensweg, der jedoch trotzdem nichts außergewöhnliches darstellt; nein, der Zuschauer fühlt sich direkt angesprochen – von Marias Kummer über eine im Alter verblaßte Schönheit, den Träumen, die ihr wie auch Joseph trotz alledem erhalten geblieben sind.

Und so beantwortet sich die unglückliche Frage Marias – „Was bleibt, wenn nichts mehr geblieben ist...?“ – schließlich: Liebe. Sie ist das einzige, was hinter den Kulissen einer zu Wachstum, Werbung, Konsum, Leistung und Verdrängung hin orientierten Welt tatsächlich noch Substanz hat.
Durch die Gegenwart des anderen blühen zwei alte Menschen, die schon jede Hoffnung haben fahren lassen, wieder auf, in später junger Liebe – brillant dargestellt und ein unbedingtes Muß für all diejenigen, die ein Spiel mögen, das reich an Pointen und Stimmung zugleich ist, dabei aber vor allem provokativ und kritisch, also eine Tragikomödie im hervorragendsten Sinne.
Tanja v. Werner
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