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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 6
Abschied vom Mozart-Jahr
Bilder von Michael Blümel zu Eduard Mörikes Novelle:
´Mozart auf der Reise nach Prag´.
Michael Blümel - mit seinen ´aufgekratzten Blicken´ auf Mörike-Gedichte
- kennen unsere Leser. Am Ende des Mozart-Jahres laden wir ein zu solchen Blicken
auf Mörikes Novelle: ´Mozart auf der Reise nach Prag´.
Die Bilder, verspielt und bedrohlich, eröffnen ein intensives Gespräch
mit dem Text in seiner Vielschichtigkeit, was die Themen und Motive, was die
Erzählkunst angeht; sie lassen zugleich etwas spürbar werden von Mörikes
besonderer Beziehung zu Mozart und dessen Musik.
Wir bedanken uns bei Michael Blümel für die Erlaubnis, die Bilder
ins Forum zu stellen.
Reise
nach Prag
Man war eine sanft ansteigende Höhe zwischen fruchtbaren Feldern, welche
hie und da die ausgedehnte Waldung unterbrachen, gemachsam hinauf und jetzt
am Waldsaum angekommen.
„Durch wie viel Wälder“, sagte Mozart, „sind wir nicht
heute, gestern und ehegestern schon passiert! – Ich dachte nichts dabei,
geschweige dass mir eingefallen wäre, den Fuß hinein zu setzen. Wir
steigen einmal aus da, Herzenskind, und holen von den blauen Glocken, die dort
so hübsch im Schatten stehn. Deine Tiere, Schwager, mögen ein bisschen
verschnaufen.“
Indem sie sich beide erhoben, kam ein kleines Unheil an den Tag, welches dem
Meister einen Zank zuzog. Durch seine Achtlosigkeit war ein Flakon mit kostbarem
Riechwasser aufgegangen und hatte seinen Inhalt unvermerkt in die Kleider und
Polster ergossen. „Ich hätt´ es denken können“,
klagte sie, „es duftete schon lang so stark! O weh, ein volles Fläschen
echte Rosée d`Aurore rein ausgeleert! Ich sparte sie wie Gold.“
– Ei, Närrchen“, gab er ihr zum Trost zurück, „begreife
doch, auf solche Weise ganz allein war uns dein Götter-Riechschnaps etwas
nütze. Erst saß man in einem Backofen und all dein Gefächel
half nichts, bald aber schien der ganze Wagen gleichsam ausgekühlt; du
schriebst es den paar Tropfen zu, die ich mir auf den Jabot goss; wir waren
neu belebt und das Gespräch floss munter fort, statt dass wir sonst die
Köpfe hängen lassen wie die Hämmel auf des Fleischers Karren;
und diese Wohltat wird uns auf dem ganzen Weg begleiten. Jetzt aber lass uns
doch einmal zwei Wienerische Nos´n recht express hier in die grüne
Wildnis stecken!“
Sie stiegen Arm in Arm über den Graben an der Straße und sofort tiefer
in die Tannendunkelheit hinein, die, sehr bald bis zur Finsternis verdichtet,
nur hin und wieder von einem Streifen Sonne auf sammetnem Moosboden grell durchbrochen
ward. Die erquickliche Frische, im plötzlichen Wechsel gegen die außerhalb
herrschende Glut, hätte dem sorglosen Mann ohne die Vorsicht der Begleiterin
gefährlich werden können. Mit Mühe drang sie ihm das in Bereitschaft
gehaltene Kleidungsstück auf. – „Gott, welche Herrlichkeit!“,
rief er, an den hohen Stämmen hinaufblickend, aus: „man ist als wie
in einer Kirche! Mir deucht, ich war niemals in einem Wald, und besinne mich
jetzt erst, was es doch heißt, ein ganzes Volk von Bäumen beieinander!
Keine Menschenhand hat sie gepflanzt, sind alle selbst gekommen, und stehen
so, nur eben weil es lustig ist beisammen zu wohnen und wirtschaften. Siehst
du, mit jungen Jahren fuhr ich doch in halb Europa hin und her, habe die Alpen
gesehn und das Meer, das Größeste und Schönste, was erschaffen
ist: jetzt steht von ungefähr der Gimpel in einem ordinären Tannenwald
an der böhmischen Grenze, verwundert und verzückt, dass solches Wesen
irgend existiert, nicht etwa nur so una finzione di poeti ist, wie die Nymphen,
Faune und dergleichen mehr, auch kein Komödienwald, nein aus dem Erdboden
herausgewachsen, von Feuchtigkeit und Wärmelicht der Sonne großgezogen!
Hier ist zu Haus der Hirsch, mit seinem wundersamen zackigen Gestäude auf
der Stirn, das possierliche Eichhorn, der Auerhahn, der Häher.“ –
Er bückte sich, brach einen Pilz und pries die prächtige hochrote
Farbe des Schirms, die zarten weißlichen Lamellen an dessen unterer Seite,
auch steckte er verschiedene Tannenzapfen ein.
Von
der Mitte zweier großen, noch reichlich blühenden Blumenparterre
ging unser Meister nach den buschigen Teilen der Anlagen zu, berührte ein
paar schöne dunkle Piniengruppen, und lenkte seine Schritte auf vielfach
gewundenen Pfaden, indem er sich allmählich den lichteren Partien wieder
näherte, dem lebhaften Rauschen eines Springbrunnens nach, den er sofort
erreichte.
Das ansehnlich weite, ovale Basin war rings von einer sorgfältig gehaltenen
Orangerie in Kübeln, abwechselnd mit Lorbeeren und Oleandern umstellt;
ein weicher Sandweg, gegen den sich eine schmale Gitterlaube öffnete, lief
rund umher. Die Laube bot das angenehmste Ruheplätzchen dar; ein kleiner
Tisch stand vor der Bank und Mozart ließ sich vorn am Eingang nieder.
Das Ohr behaglich dem Geplätscher des Wassers hingegeben das Aug auf einen
Pomeranzenbaum von mittlerer Größe geheftet, der außerhalb
der Reihe, einzeln, ganz dicht an seiner Seite auf dem Boden stand und voll
der schönsten Früchte hing, ward unser Freund durch diese Anschauung
des Südens alsbald auf eine liebliche Erinnerung aus seiner Knabenzeit
geführt. Nachdenklich lächelnd reicht er hinüber nach der nächsten
Frucht, als wie um ihre herrliche Ründe, ihre saftige Kühle in hohler
Hand zu fühlen. Ganz im Zusammenhang mit jener Jugendszene aber, die wieder
vor ihm aufgetaucht, stand eine längst verwischte, musikalische Reminiszenz,
auf deren unbestimmter Spur er sich ein Weilchen träumerisch erging. Jetzt
glänzen seine Blicke, sie irren da und dort umher, er ist von einem Gedanken
ergriffen, den er sogleich eifrig verfolgt. Zerstreut hat er zum zweitenmal
die Pomeranze angefasst, sie geht vom Zweige los und bleibt ihm in der Hand..
Er sieht und sieht es nicht; ja so weit geht die künstlerische Geistabwesenheit,
dass er, die duftige Frucht beständig unter der Nase hin und her wirbelnd
und bald den Anfang, bald die Mitte einer Weise unhörbar zwischen bewegend,
zuletzt instinktmäßig ein emailliertes Etui aus der Seitentasche
des Rocks hervorbringt, ein kleines Messer mit silbernem Heft daraus nimmt und
die gelbe kugelige Masse von oben nach unten langsam durchschneidet. Es mochte
ihn dabei entfernt ein dunkles Durstgefühl geleitet haben, jedoch begnügten
sich die angeregten Sinne mit Einatmung des köstlichen Geruchs. Er starrt
minutenlang die beiden innern Flächen an, fügt sie sachte wieder zusammen,
ganz sachte, trennt und vereinigt sie wieder.
Da hört er Tritte in der Nähe, er erschrickt, und das Bewusstsein,
wo er ist, was er getan, stellt sich urplötzlich bei ihm ein. Schon im
Begriff, die Pomeranze zu verbergen, hält er doch gleich damit inne, sei
es aus Stolz, sei´s weil es zu spät dazu war. Ein großer breitschulteriger
Mann in Livree, der Gärtner des Hauses, stand vor ihm. Derselbe hatte wohl
die letzte verdächtige Bewegung noch gesehen und schwieg betroffen einige
Sekunden. Mozart, gleichfalls sprachlos, auf seinem Sitz wie angenagelt, schaute
ihm halb lachend, unter sichtbarem Erröten, doch gewissermaßen keck
und groß mit seinen blauen Augen ins Gesicht; dann setzte er – für
einen Dritten wäre es höchst komisch anzusehn gewesen – die
scheinbar unverletzte Pomeranze mit einer Art von trotzig couragiertem Nachdruck
auf die Mitte des Tisches.

Von entgegengesetzten Seiten her näherten sich einander zwei zierliche,
sehr leicht gebaute Barken, beide, wie es schien, auf einer Lustfahrt begriffen.
Die eine, etwas größer, war mit einem Halbverdeck versehen, und nebst
den Ruderbänken mit einem dünnen Mast und einem Segel ausgerüstet,
auch prächtig bemalt, der Schnabel vergoldet. Fünf Jünglinge
von ideali-schem Aussehen, kaum bekleidet, Arme, Brust und Beine dem Anschein
nach nackt, waren teils an dem Ruder beschäftigt, teils ergötzten
sie sich mit einer gleichen Anzahl artiger Mäd-chen, ihren Geliebten. Eine
darunter, welche mitten auf dem Verdecke saß und Blumenkränze wand,
zeichnete sich durch Wuchs und Schönheit, so wie durch ihren Putz vor allen
Übrigen aus. Diese dienten ihr willig, spannten gegen die Sonne ein Tuch
über sie und reichten ihr die Blumen aus dem Korb. Eine Flötenspielerin
saß ihr zu Füßen, die den Gesang der anderen mit ihren hellen
Tönen unterstützte. Auch jener vorzüglichen Schönen fehlte
es nicht an einem eigenen Beschützer; doch verhielten sich beide ziemlich
gleichgültig gegeneinander und der Liebhaber däuchte mir fast etwas
roh.
Inzwischen war das andere, einfachere Fahrzeug näher gekommen. Hier sah
man bloß männliche Jugend. Wie jene Jünglinge Hochrot trugen,
so war die Farbe der letztern Seegrün. Sie stutzten beim Anblick der lieblichen
Kinder, winkten Grüße herüber und gaben ihr Verlangen nach näherer
Bekanntschaft zu erkennen. Die Munterste hierauf nahm eine Rose vom Busen und
hielt sie schelmisch in Höhe, gleichsam fragend, ob solche Gaben bei ihnen
wohl angebracht wären, worauf von drüben allerseits mit unzweideutigen
Gebärden geantwortet wurde. Die Roten sahen verächtlich und finster
darein, konnten aber nichts machen, als mehrere Mädchen einig wurden, den
armen Teufeln wenigstens doch etwas für den Hunger und Durst zuzuwerfen.
Es stand ein Korb voll Orangen am Boden; wahrscheinlich waren es nur gelbe Bälle,
den Früchten nachgemacht. Und jetzt begann ein entzückendes Schauspiel,
unter Mitwirkung der Musik, die auf dem Uferdamm aufgestellt war.