Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 1


 

Bernhard H. F. Taureck: Zwischen den Bildern. Metaphernkritische Essays über Liberalismus und Revolution. Merus Verlag, Hamburg 2006, 178 Seiten, ISBN 3939519022, 14,90 €

Der Braunschweiger Philosoph Bernhard H. F. Taureck schreibt seine philosophische Bildanalyse, seine Ikonologie, mit diesem Buch fort. Dabei ist Zwischen den Bildern. Metaphernkritische Essays über Liberalismus und Revolution eine Sammlung mehr oder weniger eigenständiger Beiträge zum Thema. Der Versuch, durch Bezugnahme und Querverweise von einem Aufsatz auf den anderen eine gewisse Stringenz in der Argumentation zu erreichen, gelingt dabei nur teilweise. Einiges, was vorbereitend eingeführt wird (Heidegger/Derrida), wird zum Verständnis des weiteren Gedankengangs und der Schlussfolgerungen nicht unbedingt benötigt, anderes wiederum hätte mehr begriffsklärende Vorleistung erfordert, denn es versteht sich nicht von selbst, dass die Metapher Dreh- und Angelpunkt der politischen Philosophie sein soll und damit zur Erklärung des zentralen Revolutionsbegriffs ebenso wie zur Kritik am Liberalismus herangezogen werden kann und man im Rückgriff auf eine Theorie der Metapher auch Verbindungslinien zwischen beidem zu ziehen vermag: „Hier wird erstmalig der Versuch unternommen, die Französische Revolution und den Liberalismus als intrinsisch mit Metaphern verbundene politische Vorgänge zu identifizieren [...]“ (S. 5). Wer das erste Mal auf Taureck stößt, wird insoweit irritiert sein und zu seinem Verständnis des Gebrauchs von Bildern zuvor sein grundlegendes Werk, auf das er regelmäßig verweist, zur Hand nehmen müssen: Metaphern und Gleichnisse in der Philosophie. Versuch einer kritischen Ikonologie der Philosophie (2004). Wer nicht bereit ist, sich auf diese sehr eigene Sicht auf Bilder und Bildbezüge einzulassen, dem fällt es schwer, darin ein „mögliches neues Fenster der Forschung“ (S. 89, Anm. 58) zu erkennen.

Doch es lohnt, sich die Perspektive des Verfassers zu eigen zu machen und den Blick zu schärfen für die typische Metaphorik der politischen Philosophie, auch wenn dies zu einer gewissen Eingleisigkeit in der Deutung von (Ideen-)Geschichte führen kann. Aber in der Tat werden einige Bilder als solche bisweilen gar nicht wahrgenommen, zu sehr sind die Begriffe als Bezeichnungen historischer und politischer Umstände in Fleisch und Blut übergegangen („Revolution“). Und ob „Gesellschaftsvertrag“, „invisible hand“ (Smith) oder „volonté générale“ (Rousseau) – man muss sich die Bildhaftigkeit der Begriffe immer wieder klarstellen, um nicht der politisch initialisierten Suggestion einer Faktizität der mit ihnen nur vage angedeuteten Umstände auf den Leim zu gehen. Andererseits muss man anerkennen, dass sie nachweisliche oder mehrheitlich erwünschte Sachverhalte knapp zu beschreiben versuchen, metaphorisch zwar, aber doch nicht ganz von der Realität getrennt. Man meint, Ähnlichkeiten zu erkennen und nimmt die Metapher als Modell einer Wirklichkeit an, die sprachlich nur schwer zu erfassen ist. Damit verbunden ist eine bestimmte Wirkung auf die Rezeption: Verkürzung, Vereinfachung, Verniedlichung. Die Metaphern sind nicht nur poetischer Schmuck, sondern transportieren Bedeutungen und stiften damit jenen Sinn, der die Gesellschaft als „Glaubensgemeinschaft“ zusammenhält: Wir (sollen) glauben, dass die unsichtbare Hand im freien Markt für Gerechtigkeit sorgt und dass sich in den Sozialreformgesetzen der Gemeinwille manifestiert. Diese Intention kritisiert Taureck, weil er den Sachverhalten hinter den Metaphern bzw. „zwischen den Bildern“ nicht traut, was er in seiner materiellen Kritik an der neoliberalen Tendenz in der aktuellen Entwicklung in Politik und Gesellschaft begründet.

 

Zu den Aufsätzen im einzelnen

Taureck beginnt mit Machiavelli und einem kaum auszumerzenden Missverständnis: Es ging dem italienischen Staatsdenker „nicht um Gewalt und Betrug, sondern um Regeln für deren ebenso wirksamen wie sparsamen Einsatz“ (S. 12). Diktatoren wie Napoleon, Mussolini und Hitler waren fasziniert von Machiavellis Thesen, haben sich jedoch mehr auf Gewalt und Betrug als Prinzipien ihrer Politik gestützt. Mit Metaphorik hat Machiavellis „Il principe“ insoweit etwas zu tun, als die Verstellung der wahren Absicht und der Sprachgebrauch zur Verkleidung der Gedanken als eine List des Regenten dargestellt wird, die eine Nähe zum gezielten Gebrauch von Metaphern aufweist. Taurecks Fazit: „Das Spiel von Sein und Schein könnte sich als der wichtigste Beitrag Machiavellis für eine moderne Politik erweisen.“ (S. 19). Hier wird deutlich, dass Machiavelli als Vordenker einer nur noch metaphorischen Referenz auf Politik gelten kann.

Der zweite Essay bleibt dagegen etwas unverständlich. Der Verfasser versucht, in Woody Allens Film Match Point eine generelle Liberalismuskritik hineinzudeuten, die sich daran festmacht, dass die Gier des Protagonisten en passant Menschen um die Existenz bringt. Die „Seele des Liberalismus“ (S. 22) bestehe darin, dass das Glück des Einen nicht ohne das Unglück des Anderen zu erreichen ist. Nur liegt dem seinerseits eine verkürzte und verschleiernde Darstellung des Kerns der Marktwirtschaft zugrunde, da Smith’s „invisible hand“ nicht nur das Ausgleichspotential des Marktes angesichts des Egoismus’ der Marktteilnehmer bedeutet, sondern dieser wohlverstandene Egoismus (das Eigeninteresse), geradezu als konstitutiv für den Liberalismus vorausgesetzt wird, weil es als anthropologische Konstante vorausgesetzt werden muss. Der „self interest“ – und gerade darin besteht die geniale Umdeutung Smith’s, ist primär kein vom Markt auszugleichender Mangel, sondern dessen Notwendigkeit. Dabei gibt es für den Moralphilosophen Smith freilich Grenzen dessen, worauf sich der Egoismus richten und welche Züge er annehmen darf. Taureck suggeriert, dass die Gier eine von Smith intendierte unvermeidliche Folge des Liberalismus sei („Wir leben aus der Gier, von der Gier und für die Gier.“, S. 25). Das ist etwas zu schnell geschlossen und blendet zudem Elemente aus, die sich nicht im System des Marktes verorten lassen, im Leben des Menschen aber dennoch eine gewichtige Rolle spielen. Die Analyse bleibt dabei freilich grundsätzlich korrekt, bloß werden die Ursachen einseitig im System identifiziert, was zu kurz greift. Für eine moralphilosophische Analyse ist aber in dem vier Seiten langen Beitrag leider kein Raum.

Sodann geht es um die Metaphorik, die sich um den Revolutionsbegriff rankt, der, wie Taureck hervorhebt, selbst eine Metapher ist („Umdrehung der Himmelskörper“, basierend auf Kopernikus’ Schrift De revolutionibus orbium caelestium, S. 30). In diesem Aufsatz erfahren die Leserin und der Leser zudem einiges über Revolutionen: 1. Versteht man Revolution als gesellschaftliche Umwälzung ohne notwendigerweise emanzipatorischen Duktus, vermehrt sich die Zahl der Revolutionen in der europäischen Geschichte beträchtlich, beispielsweise kann dann auch die Umwandlung von der Römischen Republik in das Römische Kaiserreich (130 bis 30 v. Chr.) als eine Revolution aufgefasst werden (S. 27). 2. Die de-emanzipatorische Entwicklung in Deutschland nach 1933 ist nicht nur in der Selbstsicht eine Revolution gewesen, sondern auch hinsichtlich der Aufnahme der römischen „pater patriae“-Metapher und ihrer Umdeutung zum Bild des „Führers“. 3. Revolutionen – sowohl die de-emanzipatorischen als auch die emanzipatorischen – leben von der Metaphorik; das Beispiel der Französischen Revolution ist eingängig (Aufnahme der Fortschrittsmetapher, S. 31; Robespierres „Einschmuggelung der Wahrheit“, S. 33; Umkehrung der Herdenmetapher, S. 36). Viel Lehrreiches also, das den Revolutionsbegriff neu fassen lässt, freilich um den Preis der Rücknahme ideologisch-idealistischer Vorurteile.

Hat er oder hat er nicht? Der Frage, „ob Heidegger mit seiner ,Kehre’ den Horizont des Nationalsozialismus verließ oder nicht“ (S. 41) will Taureck im vierten Beitrag beantworten und tut dies mit einem verhältnismäßig deutlichen „Nein“. Taureck vermisst die reinigende Selbstreflexion und die damit verbundene emanzipatorische Überwindung des De-emanzipatorischen am Nationalsozialismus, das Heidegger einstmals zu faszinieren schien, passte es doch nur zu gut zu Heideggers „Umdeutung des bisherigen Humanismus“ (S. 45). Zwar räumt Taureck ein, dass der Schluss von Einzelelementen des NS-Denkens, wie sie zweifellos bei Heidegger auch nach 1945 vertreten werden (wenn er etwa im Anschluss an Meister Eckhart von „Größe der Wenigen“ spricht oder die ehemals hochstilisierte Kampfmetapher Heraklits gebraucht) auf eine grundsätzliche Sympathie mit dem NS-System über 1945 hinaus, voreilig sei (S. 54 f.), doch hätte Heidegger die Grenzen klarer markieren müssen, um der „Horizontverschmelzung“ (eine Metapher Gadamers) zu entgehen. Heidegger verpasst mit seiner „Kehre“ eine Chance zu echter Erneuerung, wie Taureck schließlich feststellt: „Die Metapher der Kehre hätte mehr noch als für jene Seinskehre für eine freie Abkehr von der frei gewählten Fixierung auf de-emanzipatorische Revolution stehen können.“ (S. 55).

Die wohlbekannte Metapher des Gespenstes wird im folgenden Essay aufgegriffen. Hier geht es um die in Derridas Hantologie unterstellte Wechselbeziehung von Revolution und Liberalismus, die „einander gespenstisch begleiten mit der Folge, dass beide einander fürchten“ (S. 57). Derrida versucht in seiner Auseinandersetzung mit Marx dessen „auffällige Verwendung fantomspezifischer Ausdrücke“ (S. 59) als Aufforderung zu deren aufklärenden Austreibung zu deuten, kommt jedoch zu dem Schluss, dass sich das Gespenstartige nicht ontologisch austreiben ließe, sondern als Bestandteile der Konzepte diesen immer schon vorausgehe. Wir müssen also mit den Gespenstern leben. Was genau ist aber ein „Gespenst“? Taureck sieht hier zwei Bedeutungen: 1. ein Fantasiegebilde, das nicht wirklich da ist (S. 61), 2. eine Metapher für eine zugeschriebene Eigenschaft, die so nicht wirklich da ist (S. 62). Für das Verhältnis von Revolution und Liberalismus heißt das wiederum, dass sie sich jeweils als Gespenst wahrnehmen und zwar in beiden Modi, was paradoxerweise dazu führt, dass das Andere einerseits als das Unwirkliche und andererseits als das Wirkliche betrachtet wird, „dem man metaphorisch etwas Unwirkliches zuspricht“ (S. 63). Es geht darum, und hier rechtfertigt Taureck den ansonsten wenig ertragreichen Exkurs zu Derrida, dass „der Neoliberalismus nicht effektiv zwischen einem Revolutionsgespenst und einer gespenstischen Revolution zu unterscheiden vermag“ (S. 64).

Hochinteressant wird es jedoch erst nach den Ausflügen in die Tiefen der Philosophie (Heidegger und Derrida), denn Taurecks Thesen zu Liberalismus und Revolution sind beachtlich und eine Analyse der marktwirtschaftlichen Demokratien sowie seine Überlegungen zu den Möglichkeiten einer kulturellen Demokratie im 21. Jahrhundert, die als Essay schon im Marburger Forum veröffentlicht wurden (Hybridbildung und Revolution. Chancen einer kulturellen Demokratie im 21. Jahrhundert; Heft 2, 2006), gipfeln in einem sehr sympathischen Vorschlag eines neuen Gesellschaftsvertrags zur Daseinssicherung aller Bürger, der auch auf des Verfassers intensiver Auseinandersetzung mit dem Begriff der Menschenwürde basiert (Die Menschenwürde im Zeitalter ihrer Abschaffung. Eine Streitschrift, 2006; Buchauszug im Marburger Forum, Heft 6, 2006; Rezension des Buchs ebd., Heft 1, 2007).

Taureck versucht in knappen Aussagen das Wesen des Liberalismus’, der Revolution und des Verhältnisses von Liberalismus und Revolution zu erfassen. Seine Thesen nehmen zum einen anerkannte philosophiehistorische Fakten auf, zum anderen gehen sie weit über den Forschungsstand hinaus und kolportieren nicht zuletzt wieder den eigenen ikonologischen Ansatz. Die Metaphern des Liberalismus sind nach Taureck das „Eigentum“ und die harmonisierende „unsichtbare Hand“. Würden diese Interpretamente als Metaphern anerkannt, müsste das „Metaphorischwerden der Politik“ insgesamt eingeräumt werden (S. 73) und in der Folge jede Macht- zur „Leih“-Beziehung werden. Besitz statt Eigentum, daraus bezieht Taureck die Essenz einer neuen Ökonomie, die von einer Politik protegiert wird, die nicht zu der Kunst verkommt, „die Leute davon abzuhalten sich in das einzumischen, was sie angeht“ (S. 75).

Es folgt die Darstellung der „[d]rei vitale[n] Bedrohungen marktwirtschaftlicher Demokratien“ (S. 77): 1. die Begrenztheit des nötigen Wachstums (S. 84), 2. die Zerstörung der Umwelt (S. 85) und 3. der Terrorismus (S. 87). Taureck fordert angesichts dieses Szenarios eine „Selbstrelativierung des Mega-Liberalismus“ (S. 88) aus der Kraft der Metapher, wobei er einräumt, dass die politische Verständigung über Metaphern als eine wichtige Innovationsleistung der Demokratie in Zeiten der Globalisierung „nicht mehr als ein erster Akt einer utopischen Praxis des Politischen“ sein kann (S. 90). Wichtig scheint mir dennoch der Bezug zur veränderten Metaphorik in der Ökonomie, weg von der Eigentums-, hin zur Besitzmetapher, der nicht mehr die Macht, sondern die Verantwortung korrespondiert. Taureck fasst das mit Marx in folgendem Schlusssatz zusammen: „Selbst eine ganze Gemeinschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht die Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als bones patres familias [gute Familienväter] den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“ (S. 90).

An diese Überlegungen schließen sich Gedanken zu einer „kulturellen Demokratie im 21. Jahrhundert“ an (S. 91), die in einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff wurzeln. Taureck unterscheidet eine Beschreibungs- und eine Begründungsebene von Kultur (S. 91 ff.); des weiteren wird grundsätzlich die Autonomie von der Pseudoautonomie der Kultur unterschieden (S. 97 ff.), also die Frage behandelt, ob Kultur, wie vom traditionellen Humanismus gefordert, wirklich autonom sein kann, im Sinne eines Ortes, der „frei vom Zugriff gesellschaftlicher und politischer Macht“ ist (S. 102) oder ob es immer Abhängigkeiten gibt, denen Kultur unterliegt, was sie pseudoautonom erscheinen lässt. Schließlich spricht sich Taureck für eine Hybridbildung aus, auf der Basis einer „Interessenkongruenz zwischen Herrschenden und Beherrschten und zwischen Kultur und Gesellschaft“ (S. 104), die mit der „Philosophie des ,kritischen common sense’“ (ebd.) als Vermittlungsinstanz zu einer „kulturellen Demokratie“ führt, die der Verfasser als Lösung des Autonomieproblems ausmalt: „Das Kulturgeschehen hätte in diesem Fall keinen Grund mehr autonom gegenüber politischen Kräften der Gesellschaft zu sein, und ebenso hätten diese keinen Grund mehr eine pseudoautonome Kultur zu installieren.“ (ebd.).

Eine Randbemerkung sei erlaubt, zu dem Exkurs über den „Clash of civilizations“ und die Forderung nach christlichen Werten in der Auseinandersetzung mit dem Islam (S. 95 f.): Wenn Taureck konstatiert: „Was jene Befürworter christlicher Werte fordern, bezieht sich, mit anderen Worten, nicht auf genuin christliche Werte, sondern von der Aufklärung erkämpfte Rechte, die von den Kirchen seit einiger Zeit als die ihren deklariert werden, so als hätten sie zu keiner Zeit etwas anderes verkündigt als Toleranz, Achtung und Anerkennung anderer Kulturen und Religionen.“ (S. 96), dann hört sich das gut an und trifft direkt den Nerv der Kirchenkritik, insoweit er den Appropriationsvorwurf aufgreift, der im Diskurs um die tatsächliche oder angebliche Christlichkeit der Menschenrechte immer wieder zu hören ist, allein: So einfach lässt sich das Thema „christliche Werte“ nicht behandeln, denn 1. muss zwischen Kirchengeschichte und Anspruch der christlichen Lehre unterschieden werden (hier sei zugegeben, dass jene dieser nicht immer entsprach, was diese aber nicht entwertet) und 2. muss dann gesehen werden, dass das Christentum an der Herausbildung des Schlüsselbegriffs im Menschenrechtsdiskurs, der Würde, maßgeblich beteiligt war. Die christliche Philosophie der mittelalterlichen Scholastik verleiht dem Menschen eine unveräußerliche dignitas humana, die direkt aus der Geschöpflichkeit und Gottebenbildlichkeit des Menschen erwächst, d. h., als Abbild Gottes ist dem Menschen personale, subjektive Würde verliehen. Dass dem in der Praxis nicht in jedem Fall entsprochen wurde, ist ebenso wenig gegen den Geist der christlichen dignitas humana zu wenden, wie es gegen die Declaration of Independence spricht, dass deren Verfasser, Thomas Jefferson, selber angeblich mehrere Sklaven beschäftigte. Macht das den schönen ersten Satz der Unabhängigkeitserklärung wertlos? Gilt dann etwa nicht, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness? Solche Einsichten kann kein Mensch durch Fehlverhalten unwirksam machen, ebenso wenig wie die Kirche christliche Werte unwirksam machen konnte bzw. kann, sei ihre Politik über Jahrhunderte auch noch so wenig an ihnen orientiert gewesen.

Zurück zu Taurecks Gesellschaftsbild. Vor dem Hintergrund der kulturellen Demokratie scheint auch die utopisch anmutende Forderung nach einer „Daseinssicherung für alle“ (S. 119), wie sie im nachfolgenden Aufsatz erhoben wird, im Bereich des Möglichen. Der neue Gesellschaftsvertrag solle die Existenz und damit die Würde des Menschen sichern, denn die Daseinssicherung „ermöglicht [...] eine soziale Praxis von Achten und Geachtetwerden menschlicher Existenz als solcher, losgelöst von ihren Betätigungen“ (S. 127).

Nach diesem sehr eingänglichen Plädoyer folgt wieder ein intellektueller Ausflug, diesmal  in die Politische Theologie, ein Exkurs, der wieder etwas mehr Abstraktionsvermögen von der Leserin und dem Leser einfordert. Ausgehend von der „Beinahe-Opferung Isaaks“ (S. 132) durch seinen Vater Abraham, entfaltet der Verfasser sein Verständnis von politischer Theologie, das – wie sollte es anders sein – von der Metaphorik geprägt ist, genauer, von der Offenlegung des Bildhaften. Die alttestamentliche Erzählung muss offenkundig metaphorisch gelesen werden. Mehr noch: Sie kann als „Meta-Erzählung für die derigidierende Arbeit mit religiösen Bildern gelesen werden“. Diese ikonologische Deregidierung muss, so fordert Taureck, von der religiösen auf die politische Sphäre übertragen werden. Sodann bestimmt er das Wesen der „politischen Theologie“ genauer, die er nicht als (befreiungs)theologische Kritik an den politischen Verhältnissen in den Blick nimmt, sondern ausschließlich als theokratische Vernebelung der reinen Rechtsordnung im demokratischen Staat, die er für „neutral“ hält (S. 134). Gott wird als Garant von Recht und Staat zu einer Rückversicherung des Systems, das eine Ordnung bildet, die sich selbst nicht umfassen kann. Diese Überlegung wird dabei entweder an den Anfang gesetzt („Gottesherrschaft a priori“, S. 137), wie in der Konzeption der islamischen Theokratie, oder – wie in den westlichen Demokratien – a posteriori zu begründen versucht („Theologia politica a posterioria“, S. 138), mit dem Ziel, eine Ordnungsordnung zu schaffen, die die staatliche Ordnung übersteigt und dadurch sichert. Diese umfassende Über-Ordnung bleibt unsichtbar und findet heute in einer gleichfalls im Verborgenen wirkenden „invisible hand“ der Finanzmärkte ihre Entsprechung (S. 149). Wenn schon die politische Theologie zunehmend Einfluss auf die Gesellschaft nehme, so Taureck schließlich, „gleichgültig ob sie zur Zeit eine Art Renaissance erlebt oder lediglich eine gewisse Modeerscheinung darstellt“ (S. 162), dann müsse vermieden werden, dass daraus erwächst: „ein oberflächlicher Pessimismus“ (hier kommt der Fatalismus der islamischen Theokratie in den Sinn), „die Selbsttäuschung einer über ihre Verhältnisse lebenden Gesellschaft“ (Trost-Konsumismus ist nicht nur keine Lösung, sondern eine Gefahr), die „Selbstentmündigung der Gesellschaft“ (Religion darf das Volk nicht betäuben) und „eine legale Erosion der Demokratie“ (keine Rettung, die zur Tötung wird) (S. 163 f.).

Sein abschließendes Fazit zur „Metaphorisierung von Politik und Verwirklichung einer Metaphorik“ verbindet er mit einem Ausblick auf die Zukunft. Die Frage nach dem Fluchtpunkt der politischen Metaphorik wird damit beantwortet, dass zwei gegenläufige Trends auszumachen sind: 1. das Metaphorischwerden des vormals Wirklichen, genauer: „die Ersetzung von [politischer, J.B.] Legitimität durch Metaphoriken des Gemeinwillens“ (S. 166) und 2. das Wirklichwerden des vormals Metaphorischen, genauer: „die Ersetzung der metaphorischen Verbindung von Materiellem und Intelligenz“ (ebd.).

Während das erste einleuchtend erscheint, ist das zweite, das sich dem Golem-Moment und der künstlichen Intelligenz annimmt, fragwürdig. Zwar versucht Taureck die wichtigsten Bedenken zu entkräften, indem er den Faktor Zeit ins Spiel bringt, der zugunsten der Maschine wirkt (S. 170). Alles läuft demnach auf die Frage hinaus: Werden wir noch genug Zeit haben, den Strom abzuschalten, bevor die Maschinen das Kommando übernehmen? Dennoch: Mir scheint die Gefahr größer, dass der Mensch seine Menschlichkeit einbüßt, als dass sich der Rechner die phantasievolle Reflexion aneignet, die den Menschen auszeichnet. Es sei daran erinnert, was Konrad Zuse, der „Vater des Computers“, zu der Problematik verwischender Grenzen von Mensch und Maschine sagte: „Die Gefahr, dass der Computer so wird wie der Mensch, ist nicht so groß wie die Gefahr, dass der Mensch so wird wie der Computer.“

Zwischen den Bildern. Metaphernkritische Essays über Liberalismus und Revolution ist eine interessante, stellenweise aber auch schwer lesbare Sammlung von Aufsätzen, in denen sich der Verfasser manchmal zu tief in abseitige Diskurse stürzt. In dem Maße, in dem das selbstgewählte Metaphernparadigma, also die Überzeugung, mit der Metapher ein allumfassendes Interpretament der (politischen) Philosophie gefunden zu haben, es ihm ermöglicht, neue Problemlinien aufzuzeigen und darüber zu neuen, teils bahnbrechenden  Einsichten zu gelangen, besteht zugleich die Gefahr, Welt und Wirklichkeit nicht gerecht zu werden, wenn man, wie er, zu sehr fixiert ist auf Bildbezüge und deren Deutung. Insgesamt scheint der Anspruch des Verfassers berechtigt, „organisierte Vorarbeit für weitere Studien in dieser Richtung“ (S. 5) leisten, also „nur“ die Grundlage einer weiterführenden Ikonologie legen zu wollen. Es muss sich erweisen, inwieweit diese anschlussfähig ist an soziologische, politologische oder ökonomische Gesellschaftstheorien.

Josef Bordat

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