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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 1
2007 ist das „Elisabeth-Jahr“, in dem Marburg den 800. Geburtstag der „Stammmutter der hessischen Landgrafen“ feiert. Veranstaltungen, Ausstellungen und publizistische Beiträge werden das Wirken der Hl. Elisabeth in Marburg beleuchten. Auch für das Marburger Forum ist dies eine Gelegenheit, über die für die Geschichte der Stadt Marburg und des Landes Hessen bedeutende Persönlichkeit schwerpunktmäßig nachzudenken.
Wir wollen über biographische Fragen zur heiligen Elisabeth, über die historische Perspektive hinaus, das Thema breiter anlegen, über Heiligkeit und Heiligung im Allgemeinen sprechen und diese Begriffe aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Dabei soll auch der Bezug zur Gegenwartsgesellschaft spürbar werden, etwa in der Behandlung der Frage, was hier und heute der Begriff „heilig“ bedeuten kann. Auch geht es uns darum, die christliche Dimension des Heiligkeitsbegriffs um theoretische Betrachtungen und praktische Erfahrungen mit dem Heiligen in anderen Religionen zu erweitern.
Heiligkeit erscheint einerseits als in der Postmoderne unzeitgemäßer Begriff – das Sakrale passt nicht recht mit dem Säkularen zusammen -, andererseits ist Heiligkeit heute dadurch virulent, dass das Attribut „heilig“ in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen ge- und missbraucht wird. Wir wissen zwar, was uns alles heilig ist bzw. sein kann und sind uns hinsichtlich der Objekte des Heiligen auch konfessions- und häufig gar religions- und kulturübergreifend einig, doch wenn es um eine Definition des Begriffs „heilig“ geht, darum, was das Heiligende am Heiligen ist, dann gehen die Ansichten auseinander.
Wir möchten an dieser Stelle als Einleitung in das Schwerpunktthema den vielen Versuchen, die Tiefe des Begriffs zu erfassen, keinen weiteren hinzufügen. Bereits, wenn man den konstitutiven Zusammenhang von "heilig" und "gut" in den Blick nimmt, beginnen die Probleme. Denn diese Beziehung führt unmittelbar zur kontrovers diskutierten metaethischen Frage, um welches "Gute" es sich handeln könnte, insbesondere dann, wenn das Wort "heilig" Dingen vorangestellt wird, die wir intuitiv nicht gutheißen; der "Heilige Krieg" mag hier als exponiertes Beispiel genügen.
Das Beispiel zeigt aber die Möglichkeit von Analysen, die den Heiligen und sein heiliges Tun ambivalent zu den moralischen Kategorien von gut und böse sehen, ja sogar ketzerisch die Implikationsbeziehung infrage stellen. Im Verhältnis des Heiligen zum Heil scheint der Heilige gerade das Unheil, ja sogar das Böse zu brauchen, um überhaupt heilig werden zu können. Diesen paradox-perversen Effekt gilt es bei einer Annäherung an den Heiligkeitsbegriff gerade auch in plural angelegten, nachmodernen Untersuchungen zu berücksichtigen.
Darüber hinaus sind unterschiedliche Heiligkeitsdeutungen innerhalb der Religionen möglich, deren Betrachtung uns ebenfalls ein Anliegen ist. Dem Judentum ist allein Gott heilig, eine theologische Haltung, die jüngst im Seligsprechungsprozess der konvertierten Jüdin Edith Stein zu deutlichen Spannungen zwischen Vertretern des jüdischen Glaubens und dem Vatikan geführt hat. Es ist für einen Juden undenkbar, dass eine Jüdin – und das blieb Edith Stein nach jüdischem Verständnis auch nach der Konversion zum Katholizismus – als Heilige verehrt und damit Gegenstand des Gebetes wird. Dabei ist das Heilige und die Herausstellung untadeliger Lebensweise nicht etwas spezifisch Katholisches, wohl aber die überragende Rolle der Verehrung von Heiligen, insbesondere der Gottesmutter Maria. „Manche Menschen hat die Kirche zur Ehre der Altäre erhoben und sie offiziell mit dem Titel ,heilig’ geehrt, heißt es dazu in der katholischen Liturgie zu „Allerheiligen“. Diese Ehre wird dabei den ausgewählten Menschen erst nach einem strengen kirchenrechtlichen Verfahren zuteil, dem Heiligsprechungsprozess, in dem die Biographie der Kandidatin resp. des Kandidaten auf Makellosigkeit hin genauestens durchleuchtet wird. Die Untersuchung der Hintergründe der formalen Heiligkeitsbedingungen scheint interessant zu sein: Was ist "Makellosigkeit"?
Die kirchlich attestierte Heiligkeit scheint hier als eine Ausnahme des gewöhnlich Menschlichen gedacht zu sein, und die oder der Heilige stellt entsprechend ein unerreichbares Ideal, ein Vorbild im Glauben dar. Dagegen steht die Auffassung, wir seien alle zur Heiligkeit berufen. Diese eher protestantische Heiligungsauffassung wird auch in besonderer Weise wiederum von katholischen Gruppierungen vertreten, die die Heiligkeit im Alltag, die Heiligung des gesamten Lebens ins Zentrum ihrer Suche nach Spiritualität stellen. Jeder, so deren Anliegen, soll und kann dort wo er tätig ist, heilig werden. Und, so könnte man zur weiteren Aufweichung des Heiligkeitsbegriffs hinzufügen, schöpfungstheologisch ist es schon jeder Mensch: als Abbild des Heiligen schlechthin, als Ebenbild Gottes.
Niemand, manche, alle – es ist offensichtlich, dass solche Divergenzen nur an einer unterschiedlichen Verwendung des Heiligkeitsbegriff liegen können, wobei wir wieder am Anfang wären – bei der Definitionsschwierigkeit.
Wir werden versuchen, mit den Beiträgen zum Schwerpunktthema Antworten auf diese hier angerissenen und andere wichtige Fragen zu finden. Die Artikel werden sich um historische und systematische Begriffsanalyse (Entwicklung und Bedeutung des Heiligkeitskonzepts im Christentum) ebenso bemühen, wie um die Klärung des Heiligkeitsbegriffs in anderen Religionen, und sie werden den Fragen nach dem Verhältnis von sakral und säkular, von besonders und alltäglich, von heilig und gut, nachgehen. Eine Reihe kompetenter Autoren wird sich des Themas annehmen. Der Redaktion geht es darum, seinen Facettenreichtum zu dokumentieren: Vielleicht ist der Begriff so reichhaltig, dass man ihn gar nicht - auf den Begriff bringen kann. Beliebigkeit resultiert daraus trotzdem nicht. Es wird also auch Gelegenheit zur kritischen Diskussion geben.
Der Schwerpunkt wird Essays, Berichte, Rezensionen und Gespräche enthalten. Bei aller philosophischen, historischen, theologischen und soziologischen Ausweitung des Themas wird dennoch die Gestalt der heiligen Elisabeth als Leitfigur im Zentrum stehen.
Für die Redaktion des Marburger Forums: Josef Bordat / Max Lorenzen