Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 1


 

Metzler Lexikon Weltliteratur. 1000 Autoren von der Antike bis zur Gegenwart, 3 Bände, hrsg. v. Axel Ruckaberle, Metzler Verlag, Stuttgart / Weimar 2006, 1500 Seiten, ISBN: 3-476-02093-2, 129,95 €

Mehr als 1000 Porträts von Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus aller Welt – „von der Antike bis zur Gegenwart“ – enthält das Metzler Lexikon Weltliteratur, das in drei Bänden mit insgesamt knapp 1500 Seiten im Stuttgarter / Weimarer Metzler-Verlag erschien. Berücksichtigt wurden, so der Herausgeber Axel Ruckaberle im knappen Vorwort, vor allem Autorinnen und Autoren, deren Werke bereits zum Kanon der Weltliteratur gehören, aber auch solche, die für den deutschsprachigen Raum wichtig wurden und in der Gegenwart mit Interesse gelesen werden. – Ein Lexikon dieser Art lässt sich nur mit Hilfe vieler sachkundiger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammenstellen. Am Beginn des ersten Bandes werden ihre Namen aufgeführt: Es sind hunderte. Daran lässt sich der immense Arbeitsaufwand bei der Abfassung des Nachschlagewerks erahnen.

Natürlich kann der Benutzer Autoren und literarische Werke nennen, die – zu Unrecht, wie es ihm erscheinen mag, – im Lexikon nicht aufgeführt werden. So fehlen Einträge zu Andrzej Stasiuk und Juri Andruchowytsch, den beiden großen osteuropäischen Erzählern, Essayisten und neuerdings auch Dramatikern, Pole der eine, Ukrainer der andere, europäisch-kosmopolitische Autoren, deren Romane Die Welt hinter Dukla (2000), Neun (2002) oder Zwölf Ringe (2003) längst Bestseller in vielen Ländern Europas sind und die – auch mit ihrem gemeinsamen Essayband Mein Europa (2004) – zu den eindringlichen osteuropäischen Schriftstellerstimmen der Gegenwart gehören. Und über Jonathan Franzen, dem vor wenigen Jahren mit Korrekturen ein Familienroman von Weltformat gelang, fehlt ein Lexikoneintrag genauso wie über…

Aber es wäre müßig und kleinliche „Erbsenzählerei“, die Reihe fehlender Namen und Werke fortzuführen. Der Herausgeber kennt die Grenzen, die allein durch den Umfang von nur drei Bänden einem Lexikon Weltliteratur gesetzt sind. „Dass eine solche Auswahl nicht die Weltliteratur insgesamt repräsentieren und nicht allen Vorstellungen von ihr gerecht werden kann, versteht sich von selbst“, verteidigt Axel Ruckaberle seine Auswahl. Und jedem Benutzer wird klar sein, dass der anspruchsvolle Untertitel „von der Antike bis zur Gegenwart“ nicht ganz wörtlich genommen werden darf. So meint „Gegenwart“ die anerkannte zeitgenössische Literatur, die Werke eines Paul Auster etwa, eines Don DeLillo, Umberto Eco, Péter Esterházy, Juan Goytisola, Washington Irving, Yasar Kemal, eines Imre Kertésc, einer Agota Kristof, eines Antonio Lobo Antunes, Sándor Márai, Javier Marías, einer Toni Morrison, eines Haruki Murakami, Péter Nádas, V. S. Naipul, Aziz Nesin, Kenzaburo Oe, eines Philip Roth, einer Arundhati Roy, eines Salman Rushdie, José Saramago, George Tabori, Aleksandar Tisma, John Updike, um nur einige Namen aus der großen Zahl zeitgenössischer nicht-deutschsprachiger Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu nennen, deren Bücher in den Buchhandlungen ausliegen und die hierzulande ein zuweilen breites Leserpublikum gefunden haben. Über sie informiert das Lexikon – in manchmal fünf und mehr Spalten – ausreichend. Der Leser erfährt, schlägt er beispielsweise den Namen Paul Auster auf, Wichtiges über die Romane des amerikanischen Erzählers, der in Europa populärer als in seiner Heimat ist, über die New York Trilogie (1989), aber auch über Mond über Manhattan (1990), über die Musik des Zufalls (1992) und Timbuktu (1999). Die inhaltlich-interpretatorischen Hinweise werden durch literaturgeschichtliche Zuordnungen ergänzt, so dass sich ein abgerundetes Bild eines Schriftstellers und seines Werks ergibt, das wenig Fragen offen lässt, neugierig macht und zur Lektüre einlädt.

Mehr als einhundert der „1000 Autoren von der Antike bis zur Gegenwart“ sind deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller und Werke. Die lange Reihe beginnt mit dem Hildebrandslied aus dem 9. Jahrhundert, dessen 68 tradierte Stabreimverse den tragischen Kampf zwischen den Anführern zweier feindlicher Heere schildern, zwischen Hildebrand und Hadubrand, Vater und Sohn, die zuerst in einem langen Dialog, dann aber in tödlichem Streit Sieger und Verlierer des Schlachtfelds unter sich ausmachen. Der Lexikonartikel stellt den Inhalt des Heldenlieds dar, geht auf die Quellen und die Überlieferungsgeschichte des ältesten althochdeutschen literarischen Texts ein, skizziert den geschichtlichen Hintergrund und gibt erklärende Hinweise zur Entstehung des Lieds. Der literarisch Interessierte erhält eine knappe, aber differenzierte Darstellung, die das Verständnis wichtiger Aspekte des Hildebrandslieds erleichtert und kultur- wie literaturgeschichtliche Zusammenhänge erläutert.

Das Lexikon enthält Einträge zu den großen mittelhochdeutschen Dichtern (Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg), den Barockdichtern Andreas Gryphius, Daniel Caspar von Lohenstein oder Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen, natürlich zu den bekannten Dichtern des 18. und 19. Jahrhunderts von Gotthold Ephraim Lessing bis Theodor Storm, Theodor Fontane und Gerhart Hauptmann, der bereits den Übergang ins 20. Jahrhundert markiert, zu den großen Autoren aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wie Stefan George, Rainer Maria Rilke, Georg Trakl, Bertolt Brecht, den „Manns“ (Heinrich Mann, Thomas Mann, Klaus Mann), Franz Kafka und Ernst Jünger und zu den Autorinnen und Autoren, die die Nachkriegszeit, das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts und die zeitgenössische deutsche Literatur beeinflusst und geprägt haben und immer noch prägen: zu Heinrich Böll etwa, Günter Eich, Arno Schmidt, Ingeborg Bachmann, Nelly Sachs, Paul Celan, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Rolf Hochhuth und Hans Magnus Enzensberger, zu Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Martin Walser, Durs Grünbein und natürlich Günter Grass.

Homer, Hesiod, Archilochos und Pindar sind wohl die ältesten Dichter, über die im Lexikon Artikel zu finden sind: Homer, Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr., „an der Grenze zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der griechischen Kultur“, steht mit seinen beiden Epen Odyssee und Ilias am Beginn der „Weltliteratur“; Hesiod (um 700 v. Chr.) schuf mit Werke und Tage so etwas wie ein „landwirtschaftliches Lehrbuch“ und formte mit seiner Theogonia, einem Epos über die Göttergenealogie, das vorphilosophische, noch ganz aus dem Mythos lebende Weltbild der Griechen; Archilochos (7. Jahrhundert v. Chr.) wurde, obwohl er ein lyrischer Provokateur und Lästerer war, von seinen Landsleuten als großer Poet respektiert; Pindar (5. Jahrhundert v. Chr.), der Schöpfer hymnischer Chorlieder, von Oden und Prozessionsliedern, gehört mit seinen 45 erhaltenen Siegesliedern zu den immer noch gerühmten Dichtern des antiken Griechenland. Das Lexikon widmet ihnen ausführliche Artikel. Zusammen mit den drei großen Dramatikern des 5. Jahrhunderts, Aischylos, Sophokles und Euripides, dem Komödienschreiber Aristophanes und Lyrikern wie Sappho wird dem Lexikon-Benutzer so eine kleine, aber informative „Literaturgeschichte“ der griechischen Antike geboten.

Solche Literaturgeschichten aus Namen bekannter und herausragender Dichter und Dichterinnen kann sich der Leser, ist er nur bereit, im Lexikon zu blättern, auch über iranische oder chinesische Literatur und über die Literatur anderer Länder zusammenstellen. Über afrikanische Schriftsteller beispielsweise gibt es mehrere Lexikon-Einträge. So wird Ngugi wa Thiong´o, 1938 in Kenia geboren, in drei Spalten als „bekanntester Schriftsteller Ostafrikas“ mit seinen Romanen, die zunächst in Englisch, später in seiner Muttersprache Gikuyu verfasst wurden und die allesamt die politische Situation Kenias während und nach der Kolonialzeit reflektieren, vorgestellt. Und ein anderer Artikel behandelt den einzigen Roman des aus Mali stammenden Yambo Ouologuem, geb. 1940, der mehrere literarische Preise erhielt und den europäischen Vorstellungen von Afrika ein anderes Bild des Kontinents aus Legenden und Stammesüberlieferungen gegenüberstellte.

Orhan Pamuk, der Literatur-Nobelpreisträger von 2006, wird ebenfalls im Lexikon erwähnt. Zwei seiner Bücher werden genauer vorgestellt: Rot ist mein Name (2001) und Schnee (2005). „In fast allen Romanen Pamuks“, so heißt es dort, „steht der Gedanke persönlicher Freiheit innerhalb und außerhalb einer Gemeinschaft, die an traditionelle Regeln gebunden ist, im Mittelpunkt, und Irrationales wird mit Mitteln des Phantastischen ad absurdum geführt.“

Übrigens widmet das Lexikon Weltliteratur fünf Spalten dem „auflagenstärksten und zugleich populärsten Autor der deutschen Literaturgeschichte“, dessen Romane und Erzählungen in „über 80 Millionen Exemplaren“ verkauft wurden. Sein Name steht zwischen dem französischen Erzähler Francois Mauriac (1885 – 1970) und der Wiener Schriftstellerin Friederike Mayröcker. Es ist – der Old Shatterhand- und Winnetou- Fabulierer, Fortsetzungsroman- und Reiseromanschreiber Karl May.

Herbert Fuchs

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