Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 1


 

Über ethische Korruption

von Peter Hodina

Eine Welt, die in die Barbarei geraten ist, wird beschrieben von Paul Auster, in seinem Roman „In the Country of Last Things“ (New York 1987). Eine Ghetto-Welt, eine Gesellschaft, die sich, in Regression, Rezession, Entropie geraten, selbst recycelt. Ein mögliches Horrorszenario der Zukunft.

Um zu überleben, muss man dort auf alles Phantasieren, ja sogar auf jegliche Erinnerung verzichten, sich auf das sogenannte Wesentliche – den Überlebenskampf unter immer beengenderen und absurderen Bedingungen – konzentrieren. Eine ähnliche Situation stellt sich im Krieg. Und es kristallisieren sich zwei unterschiedliche ethische Positionen dabei heraus: es wird Menschen geben, die sich in eine solche Gesellschaft „einbringen“ (wie man so schön und beschönigend sagt) und das schlimme Spiel mitspielen, um vielleicht im kleinen da und dort etwas zu verbessern, und andere, die ihre Ethik und ihr Verständnis vom Menschsein nicht unter ein bestimmtes Niveau abzusenken bereit sind.

Es gibt Ethiker und Rechtsphilosophen, die allen Ernstes erörtern, dass es besser sei, wenn ein Mensch z.B. in Bangladesh eine seiner Nieren verkauft, um seinen Lebensunterhalt für einige Jahre zu sichern (schließlich kann man ja mit einer Niere leben!), und damit eine Nierentransplantation in einer Privatklinik in einem der reichen Länder ermöglicht (so werden schließlich zwei Menschen am Leben bleiben, während andernfalls möglicherweise zwei Menschen sterben würden). Diese Ethik-Experten behaupten nicht nur, dass ein solcher Nierenverkauf besser sei, sondern dass humanitäre Bedenken gegen einen solchen Handel das eigentlich Unmenschliche wären. Auffällig ist, dass es Ethiker und Rechtsphilosophen gibt, die sich mit penibler, um nicht zu sagen sadistischer Vorliebe gerade auf solche Fragen stürzen, aber auch andere, die ihnen tunlichst ausweichen oder mit Schaudern sie als eine Barbarei von sich weisen. Einige wie gesagt blühen richtig auf, wenn es darum geht, sich auf die Seite entweder der Cholera oder der Pest zu schlagen. Sie rütteln nicht am Rahmen, sie haben sich immer schon mit dem Rahmen von Reich und Arm abgefunden. Und innerhalb dieses unhinterfragten Rahmens, als wäre dieser Rahmen eine absolute Größe, wägen sie nun die jeweiligen Optionen, die manchmal alle nur Optionen mehr oder weniger großer Verzweiflungsproduktion sind.

Den Begriff vom Menschen abstrakt hochzuhalten und nichts über die Menschenrechte kommen zu lassen, sich absolut zu weigern, unter ein bestimmtes Niveau zu gehen, eben keine ethische Ordnung des Ausnahmezustands entwickeln zu wollen, dass z.B. Folter unter Umständen erlaubt wäre – eine solche Position vertreten konsequente Ethiker und Menschenrechtsaktivisten, die deswegen noch lange nicht als Fundamentalisten bezeichnet werden können. Und die anderen lassen sich von den jeweiligen Umständen korrumpieren, sie lassen die Ethik gleichsam anknabbern, so lange, bis sie nur mehr in Dreck und Blut waten und immer noch unverdrossen ihre Sophismen dabei ausspinnen und zynisch-autoritär verkünden.

Die Frage ist die: Ist man bereit, innerhalb einer falschen Welt (einer falschen Welt etwa im Sinne Adornos) noch Entscheidungsregeln auszutüfteln – oder nicht. Wenn man nur mehr nicht die Qual der Wahl, sondern nur mehr die Wahl der Qualen hat? Oder ringt man sich zu jenem transzendierenden Standpunkt durch und verkündet furchtlos: Der Krieg selbst ist unerträglich. Ein Ghetto ist unerträglich. Leibeigenschaft, Organ- und Menschenhandel sind unerträglich und unbedingt zu bekämpfen.

Meist bekämpft der Ethiker der kleinen Schritte jenen anderen Ethiker, der den Zustand in großer Perspektive wahrnimmt und zum einzigen Richtmaß die für ihn unveräußerlichen Menschenrechte nimmt. Er verachtet ihn, er bekämpft ihn, er zeiht ihn der Naivität, der bildungsbürgerlichen Zartbesaitetheit, des Fundamentalismus, des unrealistischen Absolutheitsstandpunkts, manchmal sogar – in demagogischer Weise – der Unmenschlichkeit.

Heute haben wir es – auch an den Universitäten schon – verstärkt mit Ethikern und Rechtsphilosophen oder auch Moraltheologen zu tun, die sich dafür bezahlen lassen, dass sie die Ethik immer mehr anknabbern lassen; sie verteidigen nicht die Ethik, nicht die Menschenrechte, legen nicht mehr den Maßstab der Ethik oder der Menschenrechte an ein Problem an, sondern konstruieren Ausnahme-, nein Präzendenzfälle, die einen Einbruch, ja einen Kahlschlag innerhalb der Ethik einzuleiten vermöchten. Sie verschachern die Ethik, sie betreiben einen Ausverkauf der Ethik. Sie nennen sich Ethiker, aber befördern den Abbau, die Verschrottung der Ethik, sie betreiben den Rückbau, die Abwicklung der Ethik, die die Gesellschaft angeblich sich immer weniger leisten könne.

Der Kampf, den Kierkegaard gegen die scheinheiligen und korrupten Bischöfe und Pfarrer der dänisch-lutherischen Staatskirche einst geführt hatte, der Kampf, den Karl Kraus gegen die „schwarze Magie“ des korrupten und kriegsgeilen Pressewesens seiner Zeit geführt hatte, findet heute seine Fortsetzung im Kampf gegen jene Professoren oder andere Opinion-leader, die Ethik und Menschenrechte von Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Medizin anknabbern, immer größere Stücke davon herunterbrechen lassen. Ob ausdrücklich dafür bezahlt oder aus freiwilliger, sich den Mächtigen andienender, liebedienerischer Blödheit und Verantwortungslosigkeit. Ein Professor etwa, der behauptet, wir müssten endlich wieder töten lernen, ist ein Verbrecher, ein Volksverhetzer, dem sein schmutziges Handwerk gelegt werden müsste. Der Ton wird sich zunehmend verschärfen – das jedenfalls ist absehbar. Der Respekt vor sogenannten Autoritäten, die eine Lanze für die Unmenschlichkeit und für den Abbau von Grundrechten brechen, wird zur Gänze verloren gehen. Wir schulden ihnen keinerlei Loyalität.

Bei ethischen Entscheidungen, die die peniblen, sadistischen Ethiker treffen, muss zumeist eine der betroffenen Parteien heulend den Gerichtssaal verlassen. Zwei Ansprüche auf Menschlichkeit, wobei der eine zurückgewiesen werden muss, was zwar an sich tragisch sei, aber man könne in diesem Fall nicht anders – und außerdem sei das Leben ja überhaupt tragisch... Die kleinlichen Ethiker des genannten Schlages, die sich mit Vorliebe, ja mit Eifer solch kniffligen Fragen widmen, die auf Leben und Tod gehen, die mit viel Leid verbunden sind, in denen grausam entschieden werden muss (wie sie nicht müde werden zu behaupten), würden am liebsten nicht zwischen zwei Taten oder zwei Entscheidungen wählen, sondern zwischen den Menschen selbst. Also: Herr A ist unbedingt wertvoller als Herr B, und deshalb müsse Herr B nachgeben, sich zum Opfer bringen. Und möge das mit stoischem Gleichmut tragen, denn das Leben selbst sei eben grausam.

Eine derartige Ethik – kann sie denn überhaupt noch eine Ethik genannt werden? – spannt keinen großen Prospekt eines erhabenen Begriffs vom Menschen auf oder sucht Mitgefühl in uns zu wecken (wie etwa die Ethiken Albert Schweitzers, Arthur Schopenhauers oder Hans Jonas’), sie versucht nicht, uns gut zu machen oder wenigstens besser zu machen, uns zu guten Taten, zur Großzügigkeit zu beflügeln, sondern sie findet sich ohne Schwierigkeiten mit der Verknappung ab, ob es sich um die Verknappung materieller oder auch emotionaler Güter handelt, ist einerlei. Sie setzen gleichsam den Sparstift in der Ethik und auch der philosophischen Anthropologie an. Von Aussortierern der Entscheidungen und Taten werden sie zu Menschen-Aussortierern: zu Selektierern. Es ist die Ethik der Selektion, die sie betreiben, die Selektion als Ethik – die Rechtfertigung dieser Selektion.

Den einst großen Speicher der Ethik, der humanen Gefühle suchen solche Ethiker der Kleinlichkeit nicht weiter zu mehren, sie halten diese ethischen Emotionen geradezu für vulgär, für Sklaven-Bedürfnisse (wie Nietzsche); sie gehen von einem schier unbegrenzten, sich immer wieder von selbst erneuernden Reservoir solcher großen Ethik aus, die sie für belanglos, für ein Wunschdenken der Massen, ähnlich den mystischen Erschwingungen der Transzendenz, halten.

Für die von mir als kleine (oder genauer: kleinliche) Ethiker Bezeichneten wird die Ethik erst dann interessant, wenn es zu ethischen Problemen kommt, die ohne Grausamkeit nicht entschieden werden können. Das Ethische hingegen als das Erbauliche oder zu Erbauende ist ihnen ein Ärgernis, die Nährung eines Anspruchs der Massen, der nicht erfüllt werden kann, der hauptsächlich illusorisch sei. Mit Ernst Jünger zu reden: erst bei Problemen, in denen „die Schere schneidet“, sind die kleinen Ethiker, die sich dafür die Kompetenz angemaßt haben, in ihrem Element. Es geht ihnen um kalte, kaltschnäuzige Entscheidungen, um möglichst logisch unwiderlegliche Schnitte und Einschnitte, und sie betrachten es nicht als ihre Aufgabe, zu trösten oder die Härten zu mildern, gar sie zu umgehen. Man habe sich eben der „Vernunft als Norm“ zu fügen und die Tränen gefälligst zu ersticken, die sensiblen kleinen Mädchen, alten Weibern, Dichtern und Pfaffen besser vorbehalten blieben. Solches Weinen gilt in dieser „Umwertung aller Werte“ nun als Verlogenheit, nicht das höchst opportune und lukrative Schalten und Walten der kleinlichen Ethiker, die den Rahmen der Verknappung nicht in Frage zu stellen wagen, ja die letztlich tief einverstanden sind mit einem sich immer mehr verengernden Rahmen, der den Sozialdarwinismus, den Vernichtungskampf zwischen den Menschen befördert.

Wie der rechtskonservative französische Präsidentschaftskandidat Sarkozy mit dem Slogan „Ich mache alles möglich“ 2007 in den Wahlkampf zieht, so sind jene von mir als klein und kleinlich bezeichneten Ethiker der Engherzigkeit drauf und dran, in der Ethik „alles möglich“ zu machen: Ausbeutung, Depravierung, Ghettoisierung, Abschiebung, Euthanasie, Organ- und Menschenhandel, Folter, Krieg. Die Verbrechen an der Natur nicht zu vergessen, die Verwaltung der Gene, die zur Handelsware werden. Der einmal progressiv-befreiend gemeint gewesene Satz von Paul Feyerabend „Anything goes“ wurde zur Falle zynischer Fallensteller umfunktioniert.

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