Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 1


 

Stefan Bollmann: Frauen, die schreiben, leben gefährlich. Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich, Elisabeth Sandmann Verlag München 2006. 160 S., 80 Abb., ISBN 3-938045-12-4, 19,95 €

Auf dem Titelblatt sitzt eine Frau (Peggy Guggenheim) vor der wunderbaren Stadtkulisse Venedigs und schreibt. Ihr Gesicht spiegelt die Lust am Schreiben wider: sie scheint im Einklang mit sich und der Umgebung zu sein. Dem widerspricht jedoch der Titel des Buches, denn das Schreiben der Frauen wird mit Gefahr in Verbindung gebracht. Optisch ansprechend wird somit dem Leser in Wort und Bild das Spannungsverhältnis vorgeführt, das dieses Buch kennzeichnet, es ist "errichtet aus den Lebensbildern von Frauen, die sich für ihre Lust an der Schriftstellerei ein gefährliches Leben einhandelten" (S. 40).

Im Vorwort konkretisiert Elke Heidenreich diese Thematik, indem sie auf die große Anzahl von Schriftstellerinnen verweist, die Selbstmord begangen haben, in Krankheit oder schwerer Depression lebten und fragt nach den Ursachen solch weitgehender Verzweiflung bei schöpferisch begabten Frauen. Was Männer beflügelt, zerstört offenbar kreative Frauen: der Wunsch, nach eigenen Gesetzen zu leben, künstlerisch tätig zu sein und gleichzeitig Liebe und Alltag mit Mann und Kindern zu realisieren, führe zu zermürbenden Widersprüchen, die nicht nur in der oft schwierigen Bewältigung der Doppelrolle liegen, sondern auch in der unterschiedlichen Bewußtseinslage der Geschlechter. Der Mann nimmt relativ selbstverständlich die helfende Hand der Frau in Anspruch und macht sie bestenfalls zu seiner Muse. Umgekehrt gilt das keineswegs, ja nicht selten sah sich eine begabte Frau vor eine rigorose Alternative gestellt: entweder gemeinsames Leben oder eigene Tätigkeit. So der Maler Max Beckmann zu seiner Geliebten Mathilde, die Geigerin war. Insofern hielten schreibende Frauen nicht nur einen ungeheuren Spagat aus, sondern sie mussten sich auch der Tatsache bewusst sein, "dass es keinen Arm gibt, auf den wir uns stützen können" (Virginia Woolf).

In seinem Essay 'Der Kampf mit dem Engel' führt Stefan Bollmann diese Gesichtspunkte weiter aus. Er vertieft sie durch einen historischen Blick auf die eigene Kultur, da dieser auch schwierige Entwicklungsprozesse in anderen Kulturen, die heute an verschiedenen Stellen der Welt ablaufen, verständlich macht. Denn die Frage nach den Bedingungen und Schwierigkeiten weiblichen Schreibens stellte sich früher anders als heute und anders in westlichen Ländern, in denen kritisches Denken und die Freiheit des Individuums selbstverständlich sind, als z. B. im Iran oder Irak, wo "das gefährliche Leben" als schreibende Frau eine akute Gefährdung an Leib, Seele und Leben bedeuten kann. Der 'Kampf mit dem Engel' ist, nach Virginia Woolf, das "Idealbild der Frau, das sich die Einbildungskraft von Männern und Frauen in einem bestimmten Stadium ihrer Pilgerschaft erschuf" (S. 38).

Aus dieser Perspektive, den Blick auf das Einst und das Heute gerichtet, umfasst die Galerie schreibender Frauen, die Bollmann vorstellt, die europäische und nordamerikanische Kultur der letzten 250 Jahre. In dem Kapitel 'Ahnherrinnen' (schreibender Frauen) werden allerdings auch frühere Schriftstellerinnen wie Hildegard von Bingen oder Christine de Pizan mit einbezogen und in ihrem schriftstellerischen Selbstverständnis kurz skizziert.

Während bei Hildegard von Bingen das Schreiben durch ihr Prophetenamt legitimiert wurde, verkörperte Christine de Pizan ganz unzeitgemäß den selbstständigen und professionellen Typ einer Schriftstellerin: sie hat die frauenfeindlichen Argumente im 'Rosenroman' attackiert und die Lehre von der geistigen und moralischen Minderwertigkeit der Frau ideologie-kritisch zerpflückt. Darüber hinaus hat sie als bewunderte und gefeierte Schriftstellerin vom finanziellen Erlös ihrer Schriften sogar leben können.

In dem nicht unbedingt überzeugend benannten Kapitel 'Gegenwelten des Gefühls' werden unterschiedliche Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts vorgestellt, die sämtlich von dem Verdikt 'Literatur ist kein Handwerk für Frauen' (Knigge) betroffen waren. Dennoch gelang es ihnen, den Kampf gegen die gesellschaftlichen Konventionen aufzunehmen, ihre Werke zu schreiben und ihre Handlungsspielräume zu erweitern - sei es unter männlichem Pseudonym, wie George Eliot oder die Schwestern Brontë, sei es durch das provozierende Tragen von Männerkleidung, um dem Wunsch nach eigenem Leben und Schreiben nachdrücklich Ausdruck zu verleihen wie bei George Sand, oder couragiert und aufrührerisch zugleich auf die Unterdrückung der Frauen durch die Männer hinzuweisen, wie es in Mary Wollstonecrafts 'Verteidigung der Rechte der Frau' aus dem Jahr 1792 geschah. In gewisser Weise typisch für die Situation schreibender Frauen ist auch das Leben Bettina von Arnims: frühe Schreibversuche, die Ehe mit Achim von Arnim, ein großer Haushalt und sieben Kinder sind zu bewältigen, doch sie gibt nicht auf. Ihre Briefromane schreibt sie im Alter von über fünfzig Jahren. Brief und Briefwechsel wurden für nicht wenige Frauen im 18. Jahrhundert die Brücke zur Schriftstellerei: der Brief in seinem persönlichen und auf psychologischer Einfühlung beruhendem Ausdruck war die Domäne der Frauen und prägte die Form einer neuen geselligen, weitgehend weiblichen Kultur.

Eher assoziativ werden in weiteren Kapiteln verschiedene thematische Bereiche aneinander gereiht: Johanna Spyri, Selma Lagerlöf und Astrid Lindgren sind dafür bekannt, dass in ihren Büchern Kinder ihre Eigenständigkeit entdecken, während Anne Frank, Sophie Scholl, Lilli Jahn oder auch Irène Némirovsky sich durch ihre Tapferkeit und das Schreiben im Widerstand auszeichnen. Auch Städte wie Paris oder New York mit der freiheitlichen Kultur der zwanziger Jahre können zu Stimulantien des Schreibens werden und zur Vorstellung beitragen, das eigene Leben ohne Ansicht des Geschlechts zu gestalten. Das letzte Kapitel präsentiert sieben zeitgenössische Schriftstellerinnen der Weltliteratur (z. B. Doris Lessing, Toni Morrison, Assia Djebar oder Isabel Allende).

Die gelungene ästhetische Gestaltung des Bandes sowie die ausdrucksstarken Abbildungen der Schriftstellerinnen und die Vielfalt der Porträts laden dazu ein, unbekannte Autorinnen kennenzulernen und sich über bekannte erneut zu informieren, jedoch wären genauere Angaben dabei hilfreich. Allerdings muss kritisch angemerkt werden, dass die rein personenbezogene Skizzierung der Lebensbilder Gefahr läuft, Weiblichkeitsmuster zu wiederholen, indem allein die Lebensgeschichte der Frauen ins Zentrum des Interesses gestellt und zu wenig über ihre Werke gesagt wird. Dies scheint mir besonders in dem Kapitel 'Auf exzentrischen Bahnen' der Fall zu sein, unter dem Schriftstellerinnen subsumiert werden, die ihr Außenseitertum kultivierten. Nichtkonformes Verhalten plus Selbststilisierung sei die Lebensformel exzentrischer Persönlichkeiten wie Virginia Woolf, Tania Blixen oder Else Lasker-Schüler gewesen.

Schriftstellerinnen in das Korsett von Exzentrizität zu stecken und Silvia Plaths wie Ingeborg Bachmanns Selbstverständnis als Schriftstellerinnen mit dem Begriff 'Märtyrerin' zu beschreiben, da sie durch den Absolutheitsanspruch ihrer Kunst Angst, Leid und Schmerz als Zeichen von Auserwähltheit erfahren würden, sowie deren Süchte und Verzweiflungen einseitig als Ausdruck einer Niederlage vor der Realität zu bewerten: dies scheint mir diffuse Weiblichkeitsvorstellungen festzuschreiben, die weder den Autorinnen und schon gar nicht ihren Werken gerecht werden. Bereits in den Frankfurter Vorlesungen (1959/60) ließ Ingeborg Bachmann die Auffassung vom Dichter als dem Auserwählten für die Gegenwart nicht mehr gelten.

Nüchtern und objektiv beschreibt Christa Wolf den Zusammenhang von Selbstvernichtungstendenzen und Literatur, deshalb sei sie abschließend zitiert: "Ich behaupte, dass jede Frau, die sich in diesem Jahrhundert und in unserem Kulturkreis in die vom männlichen Selbstverständnis geprägten Institutionen gewagt hat - die 'Literatur', die 'Ästhetik' sind solche Institutionen - den Selbstvernichtungswunsch kennenlernen musste. In ihrem Roman 'Malina' lässt Ingeborg Bachmann die Frau am Ende in der Wand verschwinden und den Mann, Malina, der ein Stück von ihr ist, gelassen aussprechen, was der Fall ist: Hier ist keine Frau. Es war Mord, heißt der letzte Satz. Es war auch Selbstmord" (Christa Wolf, Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra. Sammlung Luchterhand, 1983, S. 194).

Trotz der vorgetragenen Bedenken wünsche ich diesem Buch viele Leserinnen und Leser, die sich durch die Lektüre anregen lassen, die Werke der vorgestellten Schriftstellerinnen zu lesen.

Siegrun Kraschewski-Stolz

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