Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 1


 

Elisabeth von Thüringen: Die Fremdheit des Heiligen

von Franz Langstein

 

Elisabeth als Vorbild?

Im Jubiläumsjahr 2007 wird auf vielerlei Weise der heiligen Elisabeth gedacht. Dabei kann man immer wieder hören, dass die Heilige auch für uns Heutige ein Vorbild sein kann. In gewisser Weise sind das die Heiligen der Kirche auch. Jedoch stelle ich mir gerade in Bezug auf die heilige Elisabeth die Frage, ob sie das wirklich zuerst ist – Vorbild für uns. Dürfen die Heiligen der Kirche fast ausschließlich von ihrem Vorbildcharakter her gesehen werden? Ich habe gerade in Bezug auf die heilige Elisabeth meine Zweifel.

Elisabeth stand die Zukunft offen. Als Königstochter und Gattin des Landgrafen musste sie sich über ihre Zukunft keine Gedanken machen. Sie hatte das erreicht, was viele heute anstreben oder wovon viele nur träumen: eine gesicherte Zukunft. Gesicherte Zukunft – das ist das Ziel vieler Menschen. Auch derer, die allzu leichtfertig von Elisabeth als Vorbild sprechen. Denn Elisabeth hat nun genau diese sichere Zukunft aufgegeben. Sie hat sich in Unsicherheit, Armut, ja Elend begeben; sie hat ihre Unabhängigkeit verlassen und sich abhängig gemacht. Sie hat genau das Gegenteil dessen gemacht, was eigentlich „vernünftig“ ist. „Wie kannst du nur so etwas machen?“, würde man heute sagen. „Wie kannst du diese wunderbare Zukunft aufgeben?“ Spätestens hier bin ich vorsichtig, von Elisabeth als Vorbild zu sprechen. Viel zu oft entdecke ich bei mir, dass ich bestrebt bin, meine Zukunft zu sichern bzw. den erreichten Standart zu erhalten. Ich habe oft den Wunsch, Lotto zu spielen, um mir eine noch bessere Zukunft leisten zu können. Das Streben Elisabeths war ganz anders. Sie hat ihre Zukunft gegen Elend und Armut getauscht; sie hat ein Dasein in Abhängigkeit und Unsicherheit der Sicherheit und dem Reichtum vorgezogen. Ich kann Elisabeth hier nicht folgen. Es fällt mir schwer, sie deshalb als Vorbild zu bezeichnen. Es genügt dann auch nicht, darauf hinzuweisen, so wie sich Elisabeth um die Armen und Kranken gekümmert hat, wie sie Almosen gegeben hat, sei sie vorbildlich für uns. Auch wir müssten uns um Arme und Kranke kümmern, müssten spenden usw. Elisabeth hat sich nicht einfach um Arme und Kranke gekümmert, Almosen gespendet aus sicherer Position heraus, - man kann leicht aus sicherer Position heraus Gutes tun -, nein sie ist selbst eine Arme geworden. Ihre Solidarität mit den Armen war nicht nur eine Solidarität durch Geben von Almosen, es war eine Solidarität durch Hingabe des Lebens. „Ich bin eine von euch geworden“. (Hier schon scheint ein wesentlicher Kern in ihr auf: der Inkarnationsgedanke: Gott ist einer von uns geworden, aber dazu später mehr.) Auch ganz zu schweigen davon, dass sie als Mutter ihre drei Kinder hergegeben hat. Was ist daran vorbildlich?

Spätestens jetzt wird deutlich, wie problematisch es ist, Elisabeth zuerst als Vorbildliche zu sehen. Wem dem so wäre, hätte das radikale Konsequenzen. Außerdem besteht die Gefahr, wenn man Elisabeth allzu sehr als vorbildliche Frau betont, die Radikalität dieser Heiligen zu verharmlosen und bürgerliche oder ethische Maßstäbe an sie anzulegen: Jeder müsse sich halt ein wenig anstrengen, dann könnten wir auch das tun, was sie getan hat. Auch hier sei deshalb schon angedeutet, dass Heilige sich nicht mit unserem Maß messen lassen können. Sie sprengen gesellschaftliche oder bloß ethische Maßstäbe. Aber auch dazu später mehr.

 

Elisabeth als Fremde

Bei der Beschäftigung mit dem Leben der heiligen Elisabeth ist mir aufgegangen, wie schwierig es ist, sie als Vorbild für das eigene Leben hinzustellen. Ich habe das im vorhergehenden Kapitel beschrieben. Dabei ist mir gleichzeitig auch etwas Neues aufgegangen. Wenn sie als Vorbild schon nicht zu erreichen ist, weil ich nicht gewillt bin, so zu leben, wie sie gelebt hat, ist zu fragen: Wer ist sie dann für mich? Und hier muss ich gestehen: Sie ist für mich wirklich erst einmal eine Fremde. Ihr Leben, ihre Hingabe, ihr freudiges Hingezogensein zu den Ärmsten und Elendsten, das Aufgeben einer gesicherten und vielversprechenden Zukunft – all das ist mir fremd. Und komischerweise: Je mehr ich mich mit ihr beschäftige, umso fremder wird sie mir. Und es geht mir bei vielen Heiligen so: Auch mein Namenspatron, der heilige Franz von Assisi, ist mir im Laufe der Jahre immer fremder geworden. Vielleicht sind die Heiligen der Kirche wirklich erst einmal nur sehr behutsam als Vorbilder zu bezeichnen – die Gefahr ist zu groß, sie mit menschlich nachvollziehbaren Maßstäben zu messen -, vielleicht sind die Heiligen der Kirche wirklich erst einmal unter der Eigenschaft des Fremdseins zu betrachten. Sie lassen sich nicht einordnen in bürgerlich vernünftiges Maß: Unsere Maßstäbe fallen uns aus den Händen

Eigenartig anmutend sind deshalb auch die Versuche, Elisabeth mit psychoanalytischen Methoden der Neuzeit einordnen zu wollen, so geschehen in dem bis heute bekannten Versuch der Frauenrechtlerin Busse-Wilson (1931). Ebenso hilflos wirken Vorträge an Volkshochschulen, in denen Elisabeth als Psychopathin, die an einem Helfersyndrom litt, dargestellt wird. All dies zeigt nur die Rätselhaftigkeit an, mit der wir vor dieser Heiligen stehen und bestätigt nur noch einmal mehr, wie fremd sie uns ist.

 

Elisabeth als Heilige

Für mich erscheint Elisabeth zuerst unter dem Vorzeichen des Fremdseins. Und wenn wir ihr Fremdsein für uns erst einmal akzeptieren und stehen lassen können, ohne ihrer gleich durch psychoanalytische Bewertungen habhaft werden zu wollen oder sie begreifen zu wollen, dann eröffnet sich uns eine neue Dimension. Das Fremdsein nämlich ist eine Dimension des Heiligen. Das Heilige ist das Unantastbare, das Erhabene, das Souveräne, das uns im Letzten Entzogene, das, dessen sich der Mensch nicht bemächtigen kann. Deshalb ist es immer auch das Fremde. Seit eh und je ist der Mensch versucht, sich des Heiligen zu bemächtigen, seiner habhaft zu werden, es zu erklären. Deshalb greift jede psychoanalytische Annäherung an Elisabeth viel zu kurz. Diese Versuche, sich des Heiligen zu bemächtigen, entlarven sich von selbst als Unfähigkeit, das Fremde auch als Fremdes zu akzeptieren. Müssen wir immer alles erklären wollen? Wer sind wir, dass wir meinen, es dürfe nichts geben, dessen wir uns nicht bemächtigen können?

Das Heilige ist das Fremde. Deshalb erscheint den Menschen Gott als Fremder. In dem, was Gott tut oder was er eben nicht tut, erweist er sich für uns Menschen oft genug als fremd, besser gesagt: als heilig.

Katholische und evangelische Christen stimmen darin überein, dass allein Gott heilig ist. Das heißt, unantastbar, souverän, erhaben, Ehrfurcht hervorrufend, fremd, unbegreiflich.

Und insofern nun in einem Menschen wie Elisabeth ein Fremdsein aufstrahlt, strahlt in ihr nichts anders auf als das Fremdsein Gottes selbst. Insofern Elisabeth für viele fremd erscheint, ist in ihr die Unbegreiflichkeit Gottes selbst am Werk. Oder anders ausgedrückt: Insofern eine Heiligkeit bei Elisabeth aufleuchtet, ist es nichts anderes als die Heiligkeit Gottes selbst. Wir verehren an den Heiligen den Heiligen schlechthin, Gott. Deswegen verstehen wir die Heiligen oft nicht, weil wir Gott nicht verstehen. „Die Welt hat uns nicht erkannt“, so heißt es im 1. Johannesbrief, „weil sie Ihn (Gott) nicht erkannt hat.“ Nichts anderes strahlt in den Heiligen auf als die Heiligkeit Gottes, sein Fremdsein, seine Unbegreiflichkeit. Und was ist die Unbegreiflichkeit Gottes? Es ist vor allem die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes. Sie ist das Unbegreiflichste, Fremdeste. Dieser Hang Gottes zu den Menschen, so dass Gott nicht einfach Wohltaten an die Menschen verteilt, sondern mit seiner Existenz Mensch wird, mit allem, was Menschsein heißt, nämlich auch Leid und Kreuz. Und genau diese Unbegreiflichkeit Gottes spiegelt sich in der heiligen Elisabeth wider. Auch sie hat nicht einfach Wohltaten gespendet, sondern ist selbst freiwillig eine Arme, eine Elende, eine Ausgelieferte geworden. Gottes unbegreiflicher Hang zu uns Menschen hat sich in Elisabeth auf besondere Weise inkarniert. Wundern wir uns noch, wenn wir sie nicht verstehen? Wenn wir also vor ihren Namen das Attribut „heilig“ setzen, dann genau deshalb, weil in ihr wie in allen Heiligen die unbegreifliche Heiligkeit Gottes, der allein heilig ist, lebendig geworden ist.

 

Elisabeth als Vorbild

Und damit schließt sich der Kreis wieder. Elisabeth als Vorbild. Aber nun anders. Nicht, dass wir sie imitieren, sondern dass wir an ihr ablesen können, dass Gottes Heiligkeit nicht fern von uns ist, sondern auch in uns. Die Inkarnation Gottes heißt immer auch die Inkarnation seiner Heiligkeit in meinem Leben. Aber das geschieht nicht, sofern ich andere imitiere, sondern indem ich mir klar werde, dass ein jedes Leben eine ursprünglichste Berufung hat: „Seid heilig, wie euer himmlischer Vater heilig ist“ (Matthäus-Evangelium).

Was heißt das? Gott hat viele Facetten seiner Heiligkeit. Welche Facette ist mir gegeben? Welche soll sich in mir ausprägen? Wer bin ich, und nur ich für Gott? Berufung schafft Identität.

Das ist es, warum Elisabeth Vorbild sein kann. Sie ist   i h r e n   Weg gegangen, zu dem sie berufen war. Sie hat die Heiligkeit Gottes in sich ausgeprägt, und so zu einem geglückten Menschsein gefunden. Alle Berichte über sie stimmen darüber überein, dass selbst bei ihrem schwersten Tun immer eine Freude auf ihrem Antlitz zu sehen war. Gerade in einer Zeit, in der zwar viel von Individualität geredet wird, aber in Wahrheit von den Turnschuhen bis zur Frisur alle gleichgeschaltet sind, ist Elisabeth das Vorbild einer Individualität, die im besten Sinn des Wortes Selbstverwirklichung meint. Ich verwirkliche mein Menschsein in dem Maß, wie ich mich durch Gott berufen weiß, meinen Weg zur je eigenen Heiligkeit zu finden.

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]