Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 1


 

Treibgut. Aphorismen

von Norbert Wokart

(Eine Auswahl)

 

Die Erde ist ein so unsicherer Planet, dass man es gar nicht begreifen kann, wie sich so etwas wie Weltvertrauen überhaupt hat entwickeln können.

Man irrt durch seine Tage wie über fremde Meere nach einem unbekannten Ziel. Doch läuft man in einen Hafen ein, weiß man schon: Dieser ist es nicht.

Wenn alle Wege nach Rom führen, ist es schwierig, nach Athen zu kommen.

Die Abwesenheit geliebter Menschen schmerzt mehr als ihre Anwesenheit erfreut.

Angesichts des Menschen ist es ein wenig übertrieben, anzunehmen, Gott habe ihn aus purer Liebe mit einer unsterblichen Seele begabt.

Wie unterschiedlich man doch gehen kann. Einer geht weg, ein anderer fort.

Er ging so lange die immerselben Wege, bis sie ihm fremd geworden waren.

Mancher erfüllt sich einen Traum und zieht in den Süden oder noch viel weiter weg, lebt aber dann dort wie bisher zu Hause auch, streicht sich morgens Marmelade aufs Brot und legt abends vor dem Fernseher die Füße hoch. Aber immerhin! Er lässt sich wenigstens auf einen anderen Himmel ein, auf andere Düfte, andere Farben und Wege, und das ist doch schon etwas!

Viele waren schon überall. Nur nirgends, da war noch keiner.

Wie viele Menschen kann man denn im Laufe seines Lebens lieben?

Was brachte ein tauber Beethoven nicht alles zu Stande! Kann man sich bei einem impotenten Casanova vergleichbare Leistungen vorstellen?

Das Dämonische der Sexualität wird bagatellisiert, wenn man es angesichts der Verbrechen an Kindern nur moralisch versteht und wertet.

Das Leben selber ist erotisch.

Wir reden vom Missbrauch von Kindern, als gäbe es einen rechten Gebrauch derselben.

„Ich“. Das schreibt sich so leicht hin, und dabei weiß ich noch nicht einmal, ob ich den meine, der schreibt, oder den, über den ich schreibe.

Mich interessiert nicht, was ich glaube.

Seele? Ich glaube nicht, dass ich so etwas habe. Mir wäre das sicher aufgefallen.

Ich möchte kein Kind Gottes sein. Er müsste mich schon als Erwachsenen respektieren.

Ein sehr gewöhnlicher Fehler im menschlichen Umgang ist, dass man verwechselt wird. So verwechselten mich meine Eltern mit einem Sohn, meine Freunde mit einem Komplizen, meine Kollegen mit einem Philosophen, und hin und wieder verwechsle ich mich selbst.

Ich lebe gern in geordneten Verhältnissen. Meine Wohnung ist tadellos aufgeräumt und picobello sauber. Alles liegt an seinem Platz. Bloß in meinem Kopf geht es bunt zu: ein wüstes Chaos von Eindrücken, Ideen, Wünschen und Erinnerungen, von Bewusstem und Verdrängtem, von Freuden und Leiden, von Frust, Siegen und Niederlagen. Ich verstehe eigentlich nicht, wie man so etwas aushält. Aber es ist das Laboratorium meines Lebens, aus dem auch meine geordneten Verhältnisse hervorgehen.

In müßigen Augenblicken fallen mir manchmal Namen von Personen ein, denen ich mich sehr verbunden fühle, die aber durchweg Figuren aus den hinteren Reihen sind, still-bescheidene, randständige oder nie beachtete, vergessene oder gar gescheiterte. Ein Lenz gehört dazu oder die Günderrode, August von Goethe oder Ulrike von Levetzow, auch Bertha Lecher oder Alfred Grünewald. An solchen hängt mein Herz, und ohne sie lebte ich in einer Welt voll großer Namen, doch ohne Seele.

In Gedanken verschrieb ich mich – und das Geschriebene machte mehr Sinn als mein eigener Gedanke.

Fester Vorsatz. – Keine akademischen Überbleibsel mehr in zukünftigen Arbeiten!

Da ich fürchte, dass die Qualität meiner Arbeit mit der Qualität meines Schreibgerätes zusammenhängen und edle Materialien mich denkbereiter machen könnten, schreibe ich mit einem sündhaft teuren Bleistift. Manchmal halte ich das aber doch für Verschwendung, freue mich dann aber wenigstens am edlen Stift.

In einem naxiotischen Dorf trat ich zusammen mit einem alten Mann in das Zimmer, in dem das kleine Mädchen aufgebahrt war. Der Mann trat an das Bett des toten Kindes, zog ernst seinen Hut und stand dann lange schweigend vor der Toten, ehe er ihr zum Abschied noch einmal mit der Hand über das braune Haar strich, was er zu ihren Lebzeiten sicher oft getan hatte. Dann trat er zur Seite, damit auch ich mich von dem Kind verabschieden konnte. Jene Geste der Achtung aber und diese der Liebe und Zuneigung hatten eine Würde, an die keine der Reflexionen heranreichte, die ich mir über diesen Begriff je gemacht habe.

Seit mir der Spruch eingefallen ist: „Erst denken, dann schweigen!“, rechne ich mich unter die Acht Weisen.

Wenn man tausend Meter Wasser unter sich weiß, fühlt man sich gefährdeter, als wenn es fünfzig sind.

Am Abend lag ein bronzener Glanz über dem Wasser, und die Inseln, über das Meer verstreut, lagerten anmutig wie lichte Wolken darüber. Man sehnte sich in die Ferne – und war doch schon dort.

Man bedenke nur einmal, wie viele Menschen gestern weltweit starben, dass man selbst aber dem Massaker entkam!

Die Zeit nach dem Tod ist einfach zu lang!

Die grandiose Forderung nach dem „erfüllten Augenblick“ erfüllt jeder große körperliche Schmerz.

Man kann nicht siedeln auf offenem Meer.

Man dreht sich nach rechts und dreht sich nach links, windet sich durch und ist nicht recht zufrieden. Ginge es aber immer nur geradeaus, wäre das nicht noch schlimmer?

Manchmal verhalten sich Wahrheit und Lüge wie Lüge und Wahrheit.

Auch wer nie eine Symphonie schrieb, versteht Peter Altenbergs Satz: „Es gibt Räusche, in denen man Symphonien dichtet; und es gibt Räusche, in denen man sich erbricht.“

Sieh nicht auf den Charakter! Er ist nur die Maske, die den zänkischen Chor verbirgt.

Empörung: erigierte Tugend.

Er sah sich gerne spöttisch zu, wenn er ernsthaft redete, und je spöttischer er sich zusah, desto ernsthafter redete er.

Bedenke auch die schlimme Seite des Guten!

Glaubhaft sind nur die wirklich großen Lügen.

Privilegien und Barmherzigkeit wachsen auf demselben Mist.

Bisweilen muss man lügen, um nicht noch mehr zu lügen.

Die Moral ist für die Schlechten gedacht. Doch gerade die halten sich nicht an sie.

Schiffbrüche gehören zur Vita griechischer Philosophen wie der Sand zum Strand. Aristipp aus Kyrene zum Beispiel, ein Sokratiker, doch in diesem Umkreis wenig geschätzt, weil er ein Luxus liebender Lebenskünstler war, soll einst bei Rhodos Schiffbruch erlitten haben, was insofern glaubwürdig ist, als er gern in der Welt herumgereist zu sein scheint, und auch andere See-Anekdoten über ihn im Umlauf sind. Dieser Schiffbruch soll nun aber sein Damaskus gewesen sein. Jedenfalls soll er durch ihn zu der Erkenntnis gekommen sein, dass nur solche Güter wirklichen Wert hätten, die sich auch aus einem Schiffbruch retten ließen.

Auch Zenon, der Begründer der stoischen Philosophie, soll einst bei Piräus mit einer Ladung Purpur Schiffbruch erlitten haben. Die geographische Situation war für einen künftigen Philosophen insofern günstig, weil damals in der nahe gelegenen Stadt Athen viele Philosophen ihre Lehren unters Volk brachten, weshalb also auch Zenon vom Händler zum Philosophen mutiert sein soll. Zu einem Stoiker (wobei man allerdings bedenken sollte, dass der Stoizismus durch ihn erst erfunden werden sollte!) passt natürlich ein stoisch ertragener Schiffbruch, aus dem einer dann auch noch das Beste macht, besonders gut.

Man ist nicht erstaunt, dass auch der Apostel Paulus einen Schiffbruch erlitt (er selbst rühmt sich sogar dreier), wobei er eine solche Besonnenheit zeigte, dass die Konfusion der Schiffsbesatzung umso mehr hervortrat. In dieser Haltung ist eine gewisse Arroganz gegen die ängstlichen anderen nicht zu verkennen.

Zur ewigen Seligkeit fährt man im Leichenwagen. Das ist kein gutes Zeichen.

Fortschritt: Früher waren Schiffbrüche private Tragödien, heute sind es Umweltkatastrophen und gehen jeden an.

Synesios, der Bischof von Ptolemais, wurde um 400 n. Chr. durch einen Sturm an eine einsame Küste verschlagen und schilderte seinem Bruder in einem Brief, wie gelassen er die Lage meisterte. Vergnüglich zu lesen ist sein Bericht auch heute noch, ist er doch gespickt mit grotesken Szenen, närrischen Einfällen und bizarren Situationen. Doch am Ende steht die Mahnung: „Du aber fahre nie zur See!“ Traute Synesios seinem Bruder nicht die gleiche Seelengröße zu wie sich selbst?

Wenn Schiffbrüche zu einem ordentlichen Bildungsgang gehören, können natürlich deutsche Geister nicht zurückstehen, wiewohl sie in diesem Punkt eine gewisse Mäßigung zeigen. Leibniz etwa erlebte keinen richtigen Schiffbruch, als er 1689 von Venedig aus in See gestochen war, aber doch einen „grässlichen Sturm“, was ihm aber genügte, um später von seinem großen Gleichmut und überlegten Handeln zu reden.

Herder unternahm im Jahre 1769 eine Seereise, um die Welt, wie er meinte, „von mehreren Seiten kennen zu lernen“. Die Gelegenheit dazu bot sich, als sein Schiff auf eine Sandbank fuhr. Seine Frau schildert die näheren Umstände: „Die ganze Nacht saß das Schiff auf der Sandbank fest, in ständiger Gefahr, zu sinken. Des Morgens kamen die Fischer von der Küste mit Booten zur Rettung. Unter Regen und schäumenden Meereswellen kamen er und seine Gefährten endlich ans Ufer – und sahen von da aus, nachdem alles gerettet ward, das Schiff versinken!“ Diesem Ereignis verdanken wir Herders erstaunliche Erkenntnis, dass das, was man „von Moralität und Philosophie“ aus dem Schiffbruch rette, kaum der Rede wert sei.

Ein Gott, der sich durch Gebete rühren lässt! Waren da Brandopfer nicht doch überzeugender?

Redet man über seine Gefühle, hat man sie schon ihrer unmittelbaren Leiblichkeit und damit ihrer Qualität als Gefühle beraubt.

Wahrhaft niederschmetternd ist die Erkenntnis, dass gerade der Aphoristiker doch auch ein Moralist, das Wort in unserem heutigen Verständnis genommen, ist.

Es gibt Kindergesichter, bei deren Anblick man sich dafür schämt, was man aus seinem eigenen gemacht hat.

Vielleicht ist dies hier ja das Paradies, und wir sind hier nur vorübergehend – zur Erholung!

In der Hölle hält man das Fegefeuer für das Paradies.

Schade, dass wir eine Idylle nur noch als verlogen und als Kitsch empfinden können!

Archilochos war, was sein Name sagt: Soldat. Noch dazu einer, der zuschlagen konnte, wenn es nötig war, der soff und hurte, wenn es sich ergab. Er war aber auch einer der größten Dichter Griechenlands, einer der gröbsten und der zartesten, wie auch dieses sich ergab. Welcher Säufer fände heute noch ein so kraftvolles Bild wie er, wenn er sagt, er verstehe es, dem Dionysos ein schönes Lied anzustimmen, „vom Wein zusammengedonnert im Zwerchfell“?

Die griechische Vorstellung vom Hades erhöht das Leben, die christliche vom Paradies setzt es herab.

Eine gute Sottise ersetzt manchmal eine ganze Therapie.

Dem Aphoristiker kann man wenigstens nicht vorwerfen, Ressourcen zu verschwenden.

Jeder Aphorismus spricht ein Urteil – über seinen Autor.

Nicht jede Gegend ist schon eine Landschaft.

Der Hauptmangel unserer öffentlichen Meinung ist, dass sie nicht demokratisch gebildet, sondern von Spezialisten gemacht wird.

Der Polytheismus stärkt das Gedächtnis.

Das merkwürdige Wort „vielleicht“.

Manchmal beneide ich die Bühnenfiguren. Tausendmal schon kam der Landvogt durch diese hohle Gasse und wird es nicht leid, es wieder zu tun, und wie oft schon fragte der Graf vom Strahl sein Käthchen: „Willst du mich?“, und sie hört es immer wieder gern. Ach, wenn man auch im Leben etwas tausendmal wiederholen könnte, und es wäre jedes Mal ganz neu in einer ganz neuen Inszenierung, das Problem der Langeweile wäre endgültig gelöst.

Unser Blick reicht nur bis zum Horizont. Mancher Horizont auch.

„Der erste Anschluss eines Dorfes an das städtische Elektrizitätswerk vertrieb allein mehr Gespenster als alle Traktate der Aufklärung zusammen.“ Diesem Satz von Joachim Schumacher stimmte ich gerne zu, wüsste ich nur, welche Rolle die Aufklärung für die Erfindung der Elektrizität spielte. War sie nicht vielleicht eine ihrer notwendigen Bedingungen?

Ein philosophisches System ist ein Aphorismus, der sich zu viel vorgenommen hat.

Spätestens seit der Aufklärung wird der Philosoph zum Professor und die früheren, teils bizarren Biographien antiker und mittelalterlicher Philosophen werden durch langweiligere ersetzt. Sie bestehen aus Berufungen und Versetzungen, aus Publikationen und Ehrungen. Ein Kongress hier, ein paar Vorträge dort, im übrigen bürgerliches Alltags- und Arbeitsethos ohne größere Aufschwünge. Man schlägt nicht über die Stränge, im Leben nicht, im Denken aber auch nicht.

Ein Kalauer spielt mit dem Klang einer Sprache, ein geistreicher Einfall mit ihren Bildern.

Wenn die großen Erzählungen in der Philosophie nicht mehr möglich sind, wenn Systeme und Welterklärungsmodelle keinen Sinn mehr machen, dann könnten wir doch wieder richtige Philosophen werden!

 

Die Auswahl stammt aus "Treibgut" mit den Kapiteln: Moderne Argonauten - Von Nausikaa bis Penelope - Im eigenen Boot - Auf offenem Meer - Probleme der Nautik - Schiffbrüche - Bunte Kiesel vom Strand - Die Wind- und Wolkenkenner. Das Buch erschien im Verlag Königshausen und Neumann, ISBN 3-8260-3239-X. Wir danken dem Verlag für die Abdruckgenehmigung.

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