Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 2


 

Shmuel N. Eisenstadt: Die großen Revolutionen und die Kulturen der Moderne. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, 250 S., ISBN 978-3-531-14993-6, 34,90 €

Shmuel N. Eisenstadt, sicher einer der weltweit renommiertesten Sozialwissenschaftler unserer Zeit, versteht das vorliegende Werk als Ausweitung und Neuformulierung von Gedanken, die er in seinem 1978 veröffentlichten Buch Revolution und die Transformation von Gesellschaften vorgetragen hat. Während er dort Revolutionen als Form des makro-gesellschaftlichen Wandels analysierte und sie mit anderen Formen solcher Veränderungen und Transformationen verglich, untersucht er nun in seiner neuesten Schrift, in welchem kulturellen und historischen Kontext sich die modernen Revolutionen – zu denen für gewöhnlich in erster Linie der Bürgerkrieg in England, die Amerikanische, Französische, Russische und Chinesische Revolution gerechnet werden – entwickelten und in welcher Beziehung sie zur Moderne bzw. zur Kultur der Moderne stehen. Damit ergeben sich als Schwerpunkte seiner Untersuchung: Was sind die spezifischen Eigenheiten dieser Revolutionen im Unterschied zu anderen Veränderungsprozessen? In welchem kulturellen und historischen Kontext entwickelten sich die großen Revolutionen? In welcher Beziehung stehen sie zur Moderne bzw. zur Kultur der Moderne und zur Entwicklung multipler Modernen, das heißt der Vielfalt der Moderne? Welche Ergebnisse haben Revolutionen wie die genannten insbesondere im Blick auf die Kristallisierung der modernen Kulturen erbracht?

Leiten läßt sich Eisenstadt bei seiner Analyse von der Annahme, die großen Revolutionen stellten eine eigenständige Variante makro-gesellschaftlicher Veränderung dar und seien für die Kristallisierung und Dynamik der Moderne bzw. der modernen Kultur und der multiplen Moderne, die im Rahmen eben dieser Kultur entstanden ist, von entscheidender Bedeutung gewesen. Im Ausgang von dieser Annahme formuliert er zwei grundlegende Hypothesen. Die erste besagt: Der spezifische Charakter dieser Revolutionen bestehe in der Kombination eines Wechsels des politischen Programms mit der Propagierung eines neuen kulturellen und politischen Leitbilds und sei tief in dem historischen und kulturellen Rahmen verwurzelt, in dem sich diese Revolutionen entwickelt haben. Und zweitens geht Eisenstadt davon aus, die wichtigsten kulturellen Rahmenbedingungen für die Entwicklung solcher Revolutionen seien vornehmlich in bestimmten Arten der sogenannten „Achsenzeit-Kulturen“ gegeben.

Unter einer „Revolution“ versteht man gemeinhin Situationen, in denen Absetzung und Wechsel der Regierenden – sei es durch Hinrichtung oder Ermordung, sei es ‚nur’ durch Sturz und Vertreibung – zu radikalen Veränderungen vor allem in bezug auf die politischen Spielregeln sowie die Legitimationssymbole und –grundlagen des politischen Regimes führen. Zwar wird im Zusammenhang mit Revolutionen immer wieder die zentrale Rolle der Gewalt – und auch des Terrors – als das eigentliche Wesen des revolutionären Prozesses herausgestellt, doch listet Eisenstadt darüber hinaus eine Reihe weiterer spezifischer Merkmale revolutionärer Prozesse und Ideologien auf, als da zum Beispiel sind (S. 21 ff): die Propagierung eigenständiger und neuer ontologischer und politischer Visionen; der nachdrückliche Versuch, das in der Philosophie der Aufklärung beschworene Reich der Vernunft in der Politik zu etablieren; der Primat des Politischen im Prozeß der gesellschaftlichen Neugestaltung; die universalistische und missionarische Dimension der revolutionären Ideologien; die Konstruktion neuer Symbole der kollektiven Identität bzw. des kollektiven Bewußtseins (so wurden in allen Revolutionen beispielsweise nationale Feiertage eingeführt, Bürgerarmeen ins Leben gerufen und die Grundsteine des modernen Schulsystems gelegt) sowie die spezifische Rolle kultureller, religiöser und säkularer Gruppen oder religiöser, säkularer und heterodoxer Intellektueller, die nicht nur die jeweiligen Kosmologien oder Ideologien der Revolutionen formulierten und propagierten, sondern auch den Großteil der neuen Führerschaft und des Organisationstalents darstellten.

Wichtig nun ist für Eisenstadt, daß die großen Revolutionen sich nicht nur durch Merkmale wie etwa die angeführten auszeichneten, sondern vor allem durch deren Kombinationen. Damit ist die Frage nach den Ursachen der Revolutionen berührt, denen Eisenstadt im zweiten Teil seiner Untersuchung nachspürt. Für gewöhnlich werden Revolutionen auf drei große Gruppen von Ursachen zurückgeführt: strukturelle, gesellschaftspsychologische und spezifische historische. Eisenstadt hält diese Erklärungsansätze für unzureichend: Nicht nur werden sie in der Literatur höchst unterschiedlich bewertet, sondern seiner Ansicht nach sind die meisten dieser Ursachen „schlicht und einfach nicht revolutionsspezifisch“ (S. 45), will sagen, sie stellen zwar notwendige Bedingungen für Revolutionen dar, jedoch keine hinreichenden.

Um diese benennen zu können, empfiehlt es sich nach Eisenstadts Überzeugung als Ausgangspunkt die Tatsache zu nehmen, daß all die genannten Revolutionen in der frühen modernen Periode der jeweiligen Gesellschaften stattfanden. Bezieht man diese Tatsache in die Analyse mit ein, dann wird man, wie Eisenstadt herausarbeitet, auch die wahrscheinlich wichtigsten spezifischen Elemente des revolutionären Prozesses erkennen: „nämlich die Kristallisierung spezifischer und neuer ontologischer Visionen bzw. Kosmologien und die spezifischen Träger dieser Visionen (die autonomen kulturellen oder intellektuellen Gruppen) sowie deren Verknüpfung mit anderen Komponenten des Revolutionsprozesses“ (S. 54).

All denjenigen Gesellschaften, in denen solche Prozesse abliefen, ist gemeinsam, daß sie sich im Rahmen der sogenannten Achsenzeit-Kulturen entwickelten. Als Achsenzeit-Kulturen werden gemeinhin – und Eisenstadt übernimmt diese Definition – jene Kulturen bezeichnet, die sich in den etwa tausend Jahren von 500 v. Chr. bis in die Entstehungszeit des Islam herausgebildet haben. In dieser Zeit entstanden neuartige kosmologische Visionen, darunter als eine wesentliche die Entwicklung und Institutionalisierung des Konzepts von einer grundlegenden Spannung zwischen der transzendentalen und der weltlichen Ordnung. Als Beispiele führt Eisenstadt das alte Israel, das Juden- und Christentum in der Zeit des zweiten Tempels, das alte Griechenland, das zoroastrische Persien, das frühe kaiserliche China, den Hinduismus und Buddhismus sowie, über die eigentliche Achsenzeit hinaus, den Islam an. Für das gemeinsame Element all dieser Kulturen erachtet Eisenstadt die utopische Vision einer alternativen kulturellen und gesellschaftlichen Ordnung jenseits existierender Orte oder Zeiten. Insbesondere konzentrierten sich die reflexiven Bemühungen in diesen Kulturen in hohem Maße auf die Schaffung einer neuen politischen Ordnung, die zu einer Transformation des Konzepts von der Rechenschaftspflicht der Regierenden führte und das Wesen der Regierenden selbst umgestaltete. So verschwand etwa der Gottkönig – die Verkörperung der kosmischen und irdischen Ordnung –, und ein säkularer Herrscher trat an seine Stelle.

Vor diesem Hintergrund sieht Eisenstadt eine „Wahlverwandtschaft“ (S. 64) zwischen dem politischen Prozeß, der sich in vielen der Achsenzeit-Kulturen entwickelte, und den grundlegenden Merkmalen der Revolutionen. Gleichwohl: Solche Wahlverwandtschaft bedeutet nicht, daß es in allen Achsenzeit-Kulturen mit dem Beginn der Moderne zu Revolutionen gekommen wäre.

Dem Variantenreichtum der Achsenzeit-Kulturen und der politischen Dynamiken ist der dritte Teil von Eisenstadts Untersuchung gewidmet. In ihm analysiert er unter der ihn leitenden Hinsicht die Hindu-Kultur, die konfuzianische Politikordnung in China, den Islam sowie die christlichen Kulturen (den europäischen Kulturraum). In einem Exkurs zieht er als Vergleich Japan heran, wo es 1868 zur „Meiji-Restauration“, einer nicht achsenzeitlichen revolutionären Restauration kam. Diese Analysen münden in das Fazit ein: „Die Kombination aus den Verflechtungen der Konzepte von der inner- und außerweltlichen Erlösung mit der Umsetzung der transzendentalen Ordnung und den kontinuierlichen Auseinandersetzungen um den Zugang zu sowohl den sakralen als auch den politischen Zentren schaffte in Europa das Potential für die großen Revolutionen und eine neue moderne Gesellschaftsordnung“ (S. 114).

Beschränkten sich Eisenstadts Untersuchungen bislang vornehmlich auf die politischen Dynamiken innerhalb der Achsenzeit-Kulturen, so geht Eisenstadt nun im vierten Teil seines Buchs der Frage nach, welche kulturellen Bedingungen zur Entwicklung von revolutionären bzw. nicht-revolutionären Mustern der Veränderung führten. Als eine entscheidende Bedingung für die Entwicklung revolutionären Potentials bzw. für die Entwicklung von Mustern der Veränderung in eine revolutionäre Richtung macht Eisenstadt die gleichzeitige Entwicklung einer großen Menge ‚freier Ressourcen’ sowie zahlreicher konkurrierender Eliten namhaft, welche die Möglichkeit besitzen, diese Ressourcen in eine revolutionäre Richtung zu lenken. Im Blick auf Ursachen, historischen Kontext und kulturellen Rahmen der Revolutionen führt Eisenstadt von hier aus fünf notwendige Bedingungen für die Entwicklung von Revolutionen an: 1. die verschiedenen Konstellationen von Kämpfen zwischen Eliten und Klassen, 2. die Entwicklung neuer gesellschaftlicher Gruppen und wirtschaftlicher Kräfte, die vom Zugang zur Macht ausgeschlossen sind, 3. die Schwächung von Regimen durch solche Auseinandersetzungen und wirtschaftliche Schwankungen, 4. der Einfluß internationaler Kräfte sowie 5. das kontinuierliche Feedback dieser Faktoren untereinander (S. 143).

Daß die Revolutionen einen sehr starken Einfluß auf die jeweiligen Gesellschaften und die Welt im allgemeinen gehabt haben, ist ohne Frage ein nur zu wahrer Satz. Zu fragen bleibt jedoch, worin dieser Einfluß genau bestand. Hier legt sich, so Eisenstadt, die Antwort nahe: Die Revolutionen eröffneten der menschlichen Gesellschaft die Tür für die moderne Ära, und dementsprechend haben sie die Welt verändert. Eisenstadt hält diese Auskunft für zu vereinfacht und zu allgemein. Er möchte wissen: Was haben sie verändert? Und was hat sich wegen ihnen verändert? Seine Analysen im fünften und letzten Teil des vorliegenden Buchs erbringen das Ergebnis, nach den Revolutionen und in engem Zusammenhang mit ihnen habe sich die Moderne als spezifische Kultur herausgebildet. Als einen Schwerpunkt des Projekts der Moderne identifiziert Eisenstadt die Autonomie des Menschen. Als weitere Kernpunkte des Programms der Moderne führt er an: Die Prämissen und die Legitimation der gesellschaftlichen, ontologischen und politischen Ordnungen wurden nicht länger als selbstverständlich hingenommen. Damit einhergehend bildete sich eine intensive Reflexivität sowohl in bezug auf die ontologischen Grundprämissen als auch auf die Grundlagen der gesellschaftlichen und politischen Ordnung der Herrschenden in dieser Gesellschaft. Dazu kam das Streben nach einer Befreiung des Menschen von den Fesseln ‚externer’ Autorität bzw. der Tradition sowie die damit eng verbundene ‚Naturalisierung’ des Kosmos, des Menschen und der Gesellschaft.

Nun waren bereits den Achsenzeit-Kulturen bestimmte Grundantinomien inhärent. Eisenstadt thematisiert vornehmlich drei. Im Brennpunkt der ersten steht das Bewußtsein einer großen Auswahlmöglichkeit an transzendentalen Visionen und deren möglicher Umsetzung. Im Zentrum einer zweiten formieren sich die Spannungen zwischen Vernunft und Offenbarung bzw. Glauben. Und die dritte fokussiert auf den Versuch, diese Visionen in ihrer reinen Form zu institutionalisieren.

Auch der Moderne wohnen, wie Eisenstadt darlegt, diese Grundantinomien inne – allerdings in radikal transformierten Formen. Diese Transformationen konzentrieren sich erstens auf die Bewertung der wichtigsten Dimensionen der menschlichen Erfahrung. Dabei geht es besonders um die Rolle der Vernunft bei der Konstruktion der Natur sowie der menschlichen Gesellschaft und Geschichte. Gekoppelt ist das mit dem Problem der Grundlagen für eine echte Moral und Autonomie. Die zweite Transformation betrifft die Spannungen zwischen Reflexivität und aktiver Konstruktion von Natur und Gesellschaft. Die dritte zielt auf die Spannungen zwischen den totalisierenden und pluralistischen Annäherungen an das menschliche Leben und die Konstitution der Gesellschaft. Und bei der vierten schließlich geht es um die Spannungen zwischen Kontrolle und Autonomie bzw. Disziplin und Freiheit.

Die institutionellen Ordnungen der Moderne, die im Zuge der Institutionalisierung des skizzierten kulturellen und politischen Programms der Moderne entstanden, entfalteten sich nicht weltweit gleich, sondern in multiplen, vielfältigen Mustern. Diesem Prozeß geht Eisenstadt in den letzten Kapiteln seines Werks nach. Themen sind dabei vor allem: die imperiale und koloniale Dimension der Expansion der Moderne, die Expansion der Moderne nach Osteuropa, nach Asien, Afrika und – wenn auch in anderer Form – nach Lateinamerika, die ‚samtene’ Revolution und die Transformation der kommunistischen Regime sowie fundamentalistische und regionale religiöse Bewegungen. Ein eigenes Kapitel ist der islamischen Revolution im Iran unter Khomeini gewidmet. In ihm stellt Eisenstadt heraus, daß und wie sich der religiöse Fundamentalismus gegen Autonomie und Souveränität von Vernunft und Individuum richtet. Zudem, so Eisenstadt weiter, propagieren diese zeitgenössischen fundamentalistischen Bewegungen eine deutlich auf Konfrontation ausgerichtete Einstellung gegenüber dem Westen und gegenüber dem, was als westlich empfunden wird. Gleichzeitig versuchen sie sich die neue internationale globale Bühne und die Moderne für die eigenen Traditionen oder ‚Kulturen’ anzueignen. Damit arbeiten sie an einer Entwestlichung der Moderne bzw. an einer Loslösung der Moderne von ihren ‚westlichen’ Mustern, also in gewisser Weise daran, „dem Westen das Monopol auf die Moderne zu entziehen“. In diesem übergeordneten Kontext wird klar, wie Eisenstadt abschließend festhält, „dass die europäische, westliche Moderne bzw. die europäischen und westlichen Modernen nicht als die einzige wirkliche Moderne, sondern als eine Moderne unter vielen multiplen Modernen gesehen wird“ (S. 245).

Allein schon wegen dieser Untersuchungen zu den zeitgenössischen fundamentalistischen religiösen Bewegungen lohnt sich die Lektüre des neuesten Werks von Eisenstadt. Allerdings ist damit nur ein weniges gesagt. Was das Buch vor allem auszeichnet, ist, daß es über die politischen Dynamiken hinaus, die in den politik- und sozialwissenschaftlichen Analysen der großen, ‚klassischen’ Revolutionen in der Regel im Zentrum stehen, eingehend und ausführlich auch und vor allem die kulturellen Bedingungen in den Blick nimmt, die zur Entwicklung revolutionärer Muster geführt haben. Auf diese Weise wird die Antwort auf die Frage nach den Ursachen der großen Revolutionen um eine entscheidend neue Facette bereichert. Das wirft zugleich einiges Licht auf die Moderne bzw. die Vielfalt der Modernen und deren Selbstverständnis. Von daher sei das Buch allen, die sich für die großen Revolutionen und ihre Entstehungsbedingungen sowie für sozialen Wandel und das Thema Einheit und Vielfalt der Moderne interessieren, nachdrücklich empfohlen.

Friedhelm Decher

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]