Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 2


 

„Elisabeth – die Verkörperung der Barmherzigkeit“

von Hannes Eibach

Unter diesem Thema stellt die Künstlervereinigung Marburg - Biedenkopf eine Reihe ihrer Werke im Juni 2007 in fünf Marburger Innenstadtkirchen aus.

Bis in unsere Zeit hinein erscheint Elisabeth von Thüringen vielen Christinnen und Christen als misericordia regnans – als eine herrschaftliche Gestalt, die die Barmherzigkeit mit ihrer ganzen Person verkörpert. Das hängt zuerst einmal mit ihrer besonderen Ausstrahlung und Haltung gegenüber ihren Mitmenschen zusammen, aber auch damit, was durch Wort und Bild von ihr vermittelt wurde. Die Pilger, die nach der schnellen Heiligsprechung Elisabeths zu ihrem Grab nach Marburg kamen, sahen auf ihrem Schrein von 1236 die sechs Werke der Barmherzigkeit abgebildet. Zwischen 1240 und 1250 entstanden die Medaillon-Fenster für die Elisabethkirche, auf denen neben der Geburt Christi Szenen aus ihrer Biographie parallel zu den sechs Barmherzigkeitswerken (Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen) gesetzt sind. Will sagen: In dieser Heiligen bekommt die Barmherzigkeit Gottes ihre menschliche Gestalt.

Die besondere Hervorhebung der tätigen Nächstenliebe im Mittelalter geht auf Augustinus (354-430) zurück. Er hatte in seiner Auslegung zu Matthäus 25, 34-36 die sechs von Jesus angeführten Tätigkeiten mit der Barmherzigkeit Gottes gleich gestellt und in der caritas die vollkommene Liebe zu Gott wie auch zum Nächsten gesehen.

Die Werke der Barmherzigkeit einschließlich als siebtes Werk in dieser Reihe die Bestattung der Toten sind vor dem Beginn des Christentums bereits bekannt gewesen. Im alten Ägypten sind sie schon erwähnt und auch im Alten Testament finden sich an vielen Stellen Beispiele für eine Nächstenliebe, die sich dem Anderen in seiner konkreten Bedürftigkeit zuwendet.

Zu Beginn des Hochmittelalters betonten die Theologen den Wert der caritas und verbanden sie mit einer eschatologischen Perspektive. Wer sich in der Nachahmung Gottes schon auf Erden mühte, dem winkte zur Belohnung das Himmelreich. Neben die sieben Barmherzigkeitswerke wurden zur Abschreckung die sieben Todsünden (Geiz, Zorn, Neid, Trägheit, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Stolz) gestellt. Entsprechend dieser mittelalterlichen Theologie entstanden in dieser Zeit Darstellungen, die auf die Barmherzigkeitswerke in einem besonderen Maß hinwiesen.

Worin liegt der Grund für dieses Engagement, das sich in zahlreichen Kunstwerken aus diesen Jahrhunderten widerspiegelt?

Blicken wir in die Frühzeit der Kirche, so finden wir Hinweise, dass zuerst die Bischöfe in den Städten für die Armenhilfe zuständig waren. Zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert kam es zunehmend zu Klostergründungen, die sich auch der notwendigen Armenpflege auf dem Land widmeten. Doch die materielle Not und der fehlende Schutz nahmen immer stärker zu und konnten auch von der klösterlichen Armenfürsorge nicht bewältigt werden. Hungersnöte, Epidemien und Kriege trugen dazu bei, dass das soziale Problem der mittelalterlichen Gesellschaft immer deutlicher sichtbar wurde. In dieser Situation galt es, auch die Laien für die caritas zu gewinnen. In den Kirchen und an den Kirchengebäuden wurde betont für die Werke der Barmherzigkeit in Wort und Bild geworben. Laienbruderschaften entstanden. Private Stifter fanden sich, um Armenspitale zu gründen. Besonders im 13. Jahrhundert nahm die Zahl der Fürsorgeeinrichtungen stetig zu. Eine Fürstentochter, die ihr ganzes Leben in den Dienst der Armen stellte, war in jener Zeit ein lebendiges Vorbild für eine Haltung, die die mittelalterliche Gesellschaft dringend benötigte.

In den späteren Jahrhunderten veränderte sich das Verhältnis zu den Werken der  Barmherzigkeit deutlich. Die Reformatoren stellten heraus, dass die Menschen vor Gott nicht aus Werken, sondern allein aus dem Glauben gerecht werden. Die sieben Werke der Barmherzigkeit erschienen nun nur noch als eine Frucht aus dem Glauben. Wenn auch Martin Luther immer wieder einen fruchtlosen Glauben scharf kritisiert hat, so wurde die tätige Nächstenliebe immer stärker in den weltlichen Bereich übertragen und ein persönliches Engagement der Entscheidung des Einzeln überlassen. Als „säkularisierte“ Aufgabe der sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft brauchte die caritas nicht mehr die besondere Verkörperung durch eine Heilige.

Warum Elisabeth von Thüringen nach wie vor ein besonderes Vorbild der Nächstenliebe ist, hängt mit ihrer Form der Hingabe zusammen.

Ihr Verzicht auf die herrschaftliche Macht und alle Privilegien, um sich ganz der Fürsorge unter den Ärmsten ihres Landes zu widmen, spricht ein tiefreligiöses Bild in uns an.

Durch sie wird an das Bild eines Gottes erinnert, der sich all seiner göttlichen Herrschaft entleert und aus Liebe zu den Menschen eine menschliche Gestalt annimmt, um ihren Weg auf Erden bis zur eigenen Sterblichkeit zu teilen und sie unter Einsatz seines ganzen Wesens zu heilen und zu retten. Die Fürstin, die sich immer mehr in die Niedrigkeit menschlichen Daseins begeben und sich in eine Dienerin verwandelt hat, erscheint auch heute noch als ein lebendiges Beispiel für die Entäußerung aller von Gott gegebenen Macht zugunsten der Barmherzigkeit gegenüber dem Nächsten.

In der heutigen Zeit, in der die diakonischen Institutionen auf dem Prüfstand der „Qualitätssicherung“ stehen und private Firmen auf den offenen Markt der Dienstleistungen drängen, muss zunehmend vermittelt werden, dass Form und Inhalt oder das Versprechen mit dem Produkt übereinstimmen. Trotz aller kritischen Anfragen, wie das Leben der Heiligen von anderen benutzt worden ist, vermittelt sich die Gestalt der Elisabeth immer noch selbst durch ihre eindeutige Glaubwürdigkeit. So fremd und unübertragbar ihre mittelalterliche Frömmigkeit auch in unserer modernen Welt erscheinen mag, lässt sich doch ihre Gestalt als eine Art wieder erkennbares Logo im Sinne eines Corporate Design verwenden, mit dem Vertrauen vermittelt und um Vertrauen geworben werden kann.

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