Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 2


 

Thomas Lang: Unter Paaren

Roman

208 Seiten, C. H. Beck Verlag 2007, 17,90 €

Thomas Lang, geboren 1967, wurde 2002 für seinen Roman Than mit dem Marburger Literaturpreis ausgezeichnet. Lob und Anerkennung erntete er auch für sein zweites größeres Prosawerk Am Seil, für dessen letztes Kapitel Lang 2005 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt erhielt. (Am Seil wurde 2006 im Marburger Forum besprochen.)

Unter Paaren ist ein sperriger Titel für einen Roman. Er deutet an, dass es in der Handlung um Beziehungen geht, um Konflikte zwischen Menschen, die in einem engen Verhältnis, wie auch immer, zueinander stehen. In seiner Abstraktheit signalisiert der Titel, dass der Inhalt des Romans (auch) symbolisch gemeint ist und für die „außerromanliche“ Beziehungswirklichkeit einer bestimmten Generation überhaupt steht.

Das Bild von Leander Eisenmann auf der Vor- und Rückseite des Bucheinbands zeigt junge Menschen, schick gekleidet, modern aussehend, die einer Wellness-Broschüre oder einem Ferienkatalog oder einem Autoprospekt – die Nobelmarken im Bildhintergrund sind nicht zu übersehen – entnommen sein könnten. Die drei Menschen im Vordergrund wenden sich von einander ab, gehen auseinander, zeigen Distanz. – Das Umschlagsbild greift – indirekt – den Romantitel auf und gibt ihm die unterschwellige Bedeutung von Freundschafts- und Liebeskrisen.

Auf Seite 5 des Romans stehen drei Wörter, die als Leitmotto der Geschichte dienen sollen: „Alles muss raus!“ Der Satz wird von großen Verkaufshäusern oder in Schlussverkäufen als Werbeslogan benutzt und meint, dass alles billig „erramscht“ werden kann, wohlfeile Ware zu Spottpreisen ist. – Der Leser zögert, wenn ihn ein solches Motto in ein Buch einführt. Die Assoziation mit marktschreierischer Reklame und Werbung hat den Beigeschmack von Unernsthaftigkeit und Oberflächlichkeit, drängt das Buch in die Ecke einer „coolen Schreibe“, deren durchsichtiges Show-Gehabe eher verstimmt, es sei denn der Erzähler stellte über das auffällige Motto von Beginn an ein augenzwinkerndes Einverständnis mit dem Leser her, deutete an, dass er seine Geschichte auch ironisch verstanden wissen will.

Und in der Tat treibt der Autor ein komisch-ironisches Spiel mit dem Leser. Vor jedem der vierzig Kapitel steht ebenfalls ein Satz, der indirekt auf das hindeutet, wovon die einzelnen Teile handeln. „Beim Balzen beugt sich das Männchen nach vorn, streckt den Hals aus, lässt die Flügel hängen und fächert seine Schwanzfedern … Danach jagt es das Weibchen von Ast zu Ast“ heißt das Motto vor Kapitel I, ein Zitat aus der Website einer Vogelwarte, wie man am Ende des Romans nachlesen kann. Und über Kapitel II steht ein Satz aus Goethes Wahlverwandtschaften: „Nichts ist bedeutender in jedem Zustande als die Dazwischenkunft eines Dritten.“ Weitere Sätze vor den Kapiteln sind Musils Die Amsel, Shakespeares Wie es euch gefällt oder Texten von Houellebecq, Thomas Mann, Beckett, Godard, verschiedenen Websites, Songtexten und der Werbung entnommen.

Es ist ein buntes Gemisch aus Hinweisen und Andeutungen, die für das inhaltliche Verständnis der einzelnen Kapitel belanglos und deshalb entbehrlich sind. Aber dem Autor geht es wohl um etwas anderes. Die Zitate verknüpfen die Geschichte mit Erfahrungen des Lesers mit Büchern und Filmen, mit Musik, auch Werbung und Internetseiten der verschiedensten Art und zeigen die stereotype Gewöhnlichkeit und „Normalität“ dessen, was da „unter Paaren“ abläuft und erzählt wird.

Vielleicht ist eine eher distanzierte Lesehaltung der geeignetste Zugang zu Langs Roman. Der Erzähler selbst scheint dem Leser mit einem leicht spöttischen Lächeln sagen zu wollen: So sind sie, die Figuren in diesem Roman, die jungen und nicht mehr so jungen modernen Frauen und Männer, die sich für einige Zeit zu Paaren zusammenschließen, dabei in Krisen geraten und wenig daraus lernen, danach fast so weitermachen, als sei nichts geschehen. Ihre Geschichten sind die alten Geschichten, bekannt aus eigenen Erfahrungen, durch Erzählungen anderer, aus den Medien.

Die Ironie fängt mit den Namen der Figuren an. Per und Rafa nennen sie sich, Pascal und Inita, Rufnamen, die für Peter, Rafaela und Reginita stehen und in ihrer amerikanischen Abkürzungsmanier schicke Coolness zur Schau stellen. Die vier treffen in einem aufwendig hergerichteten Haus am Land, etwa eine Autostunde von Köln entfernt, aufeinander. Und natürlich gibt der Autor seinen Figuren ein modernes Wohnambiente: „Der Deckenbereich des Living wirkt eher dunkel, die Wandstrahler sind nicht eingeschaltet. Den unteren Teil des Raumes leuchten drei Noce-1-Bodenlanmpen aus. Die ´Nussschalen´ aus Pressglas sind beweglich, man kann mit ihnen Gegenlicht erzeugen. Vor den auf die Terrasse führenden Fenstertüren ist der nackte Hirnholzboden sichtbar. Im Essbereich wird er durch einen Terrakottafliesenboden abgelöst. Der große Raum ist spärlich möbliert, im vorderen Teil auf den Fliesen steht ein großer Tisch mit acht Stühlen. Auf dem Tischtuch liegen Birnenschalen und -laub verstreut, dazwischen Zimtstangen und blaustichige Polaroids eines Zuckerrohrfeldes.“

Immer wieder streut Lang solche knappen, wie von außen beobachtete Beschreibungen der Menschen und ihrer Umgebung ein, die der Darstellung und der Sprache etwas Emotionsloses, Sachliches, klischeehaft Heutiges geben und stereotype Bilder aus Werbung und Unterhaltungsfilmen vor dem Leser entstehen lassen. Per trägt einen Dreitagebart und fährt einen Roadster von Mercedes; Pascal besitzt einen Geländewagen, bezahlt mit einer „Mercedes-Card“ und legt größten Wert auf einen durchtrainierten Körper, den er mit seiner „Zwei-Phasen-Tages-Nacht-Creme“ und einem „erfrischenden und die Durchblutung anregenden Duschgel“ pflegt; Inita, in „schwarzem Twintop, das über ihre Romy-Schneider-Brust nach unten fällt, und beigen Bermudashorts“, später in einer „grau melierten Boot-Cut-Hose“, trägt eine Ray Ban, die sie, wenn sie sie absetzt, „in ihrer beigen Bowlingbag verschwinden“ lässt; Rafa liest „Lifestyle“-Zeitschriften, hört Janet-Jackson-Songs und trägt, als sie einmal am See liegt, einen „schwarzen swim BH und [eine] Bikinihose mit hohem Beinausschnitt aus maschinenwaschbarem CoolMax“.

Es sind die Markennamen von Produkten und die Betonung bestimmter Accessoires und Kleidungsstücke und des Aussehens, die um die Figuren die Aura des vordergründig Individuellen und Besonderen, in Wirklichkeit aber Abgestandenen und Gewöhnlichen legen. Per, Rafa und die anderen leben nach den veräußerlichten Mustern einer einigermaßen gutsituierten Gruppe von Menschen um die vierzig in Berufen, in denen das „schnelle Geld“ gemacht werden kann. Ihr Lebensgefühl allein zählt, das leichtlebige, auf Wellness orientierte Gefühl von smarten Business-Menschen. Was sie vom Leben erhoffen, ist Spaß. Eine Ausnahme bildet die zielstrebige Studentin Reginita, die aus Barcelona stammt. Als Per sie einmal fragt, ob sie nicht auch Spaß und die Chance, sich auszuleben, vom Leben erwarte, sagt sie ihm ins Gesicht: „Spaß ist ein Fetisch deiner Generation. Ihr wollt für nichts Verantwortung übernehmen. Euer einziges Lebensgefühl ist es, eure Lust zu bedienen und Unlust zu vermeiden. Das ist nicht das Leben, das ist infantil."

Für diese Spaß-Menschen muss der Autor keine besondere Geschichte erfinden. Es genügt, sie, die miteinander befreundet und bekannt sind, zusammentreffen zu lassen, und schon entsteht ein spannungsvolles Gemisch aus Liebe, Freundschaft, Eifersucht und Begehren, aus Erinnerungen an die Vergangenheit und dem Versuch, der Gegenwart neue Impulse zu geben, aus offenen und verborgenen Verletzungen und Irritationen, aus Verheimlichungen und Verstellungen und plump-offenen Anträgen und Wünschen. Schauplatz für alles das ist Pers Haus auf dem Lande. In Gang kommt die Handlung, die an einem kurzen Wochenende im Mai spielt, dadurch, dass Per und Rafa, ein typisches „Wochenend-Paar“, von ihrem alten Freund Pascal, den sie seit 15 Jahren nicht mehr gesehen haben, besucht werden. In Begleitung von Pascal befindet sich die junge Spanierin Reginita. Durch die Ankunft der beiden Gäste ergeben sich wie von selbst und fast zwangsläufig unterschwellige erotische Beziehungen zwischen den vieren voller Anspielungen auf längst vergangene Verliebtheit und Nähe, voller Andeutungen auf längst Geschehenes und scheinbar noch nicht Vergessenes, voller Vorausdeutungen, dass irgendetwas geschehen könnte, das die Gruppe irritieren, vielleicht sogar erschüttern werde. Der Autor spielt souverän mit den Erwartungen seiner Leser, die, je länger das Buch dauert, umso mehr auf ein besonderes Ereignis, das eigentlich auch am Ende nicht wirklich eintritt, neugierig gemacht werden.

Durch die „Dazwischenkunft eines Dritten“ entsteht, als sei das alles ein Experiment, um „Wahlverwandtschaften“ zwischen alten und neuen Freunden und Freundinnen zu entdecken, zu prüfen und auszuprobieren, ein halb offenes, halb heimliches Partnerwechselspiel. Per möchte mit Inita schlafen, die ihn zunächst zurückweist und auf die Nacht vertröstet, und Rafa und Pascal, den Rafa bald wie in früheren Jahren Pablo nennt, reden auf Spaziergängen um das Haus und im angrenzenden Wald von ihrer einstigen Liebe und kommen sich mit jedem Schritt näher.

Dass die vier in eine wachsende Spannung versetzt und durcheinander gewirbelt werden, zeigt sich am nächsten Tag: Inita ist verschwunden, nach Köln zurückgefahren, wie sich am Ende des Buches herausstellt. Rafa und Pascal-Pablo unternehmen eine Spritztour im Roadster, ohne Per davon in Kenntnis zu setzen. Es könnte für sie beide ein neuer Anfang werden; Gelegenheiten, an die alte Vertrautheit und Verliebtheit anzuknüpfen, bieten sich während der Fahrt übers Land mehrfach. Aber der Lebemann Pascal will keine feste Beziehung mit einer Frau und Rafa erkennt, dass er in vielem nicht mehr mit jenem Pablo identisch ist, den sie vor 15 Jahren zu lieben glaubte. Sein wahrer Charakter zeigt sich, als sie am Ende des Tages ganz in der Nähe von Pers Landhaus in eine Rettungsaktion um einen Jungen aus dem Dorf, den sie bewusstlos am Straßenrand finden, verwickelt werden: Pablo kümmert sich vor allem um sein Auto, das in den Graben gerollt ist; das Schicksal des Jungen berührt ihn kaum.

Nichts, sieht man einmal vom Schicksal des Dorfjungen ab, der nicht ernsthaft verletzt ist, hat sich am Schluss des Romans wirklich ereignet. Nichts hat sich zwischen Rafa, Per, Pascal und Inita geklärt. Die Geheimnisse, die während der Geschichte angedeutet werden, werden nur ein Stück weit gelüftet. Entscheidungen, die die Beziehungen verändern könnten, bleiben aus. Inita ist bereits abgereist, Pascal wird nach Köln zurückfahren, und Per und Rafa werden weiterhin ihre Wochenenden zusammen im Landhaus verbringen. Über allem liegen eine merkwürdige Indifferenz und Unentschiedenheit, auch Unverbindlichkeit und Unechtheit. Alles bleibt an der Oberfläche, so, als könne und wolle der Erzähler nicht bis in die Herzen der Figuren und in das Innere ihrer Konflikte eindringen.

Langs Roman Unter Paaren ist in einer sachlichen, emotionslosen Sprache aus einer Beobachterposition heraus geschrieben. Der Erzähler schildert, was er „sieht“, nicht, was die Personen fühlen oder denken. Dem Text, ganz im „unerzählerischen“ Präsens geschrieben, haftet etwas Distanziertes an. Die Leser werden zu Beobachtern von Szenen, aus deren Einzelheiten sie selbst Schlüsse über das Innenleben der Beteiligten ziehen müssen.

Offensichtlich aber wollte der Autor keineswegs darauf verzichten, das Seelenleben seiner Figuren darzustellen. Sein nicht ganz überzeugender Einfall: Am Ende der meisten Kapitel lässt er Per, Rafa, Pascal und Inita in fiktiven Interviews zu ihrem Verhalten, ihren Gefühlen und Wünschen Stellung nehmen. Was vorher in einer Geschichte verpackt ist, wird jetzt aus Sicht der Beteiligten kommentiert und bewertet. Die strenge Außensicht der Vorgänge wird durch eine Innenperspektive ergänzt, die bildliche Wirkung der vorausgegangenen Szene in Reflexion aufgelöst.

Das letzte Romankapitel schildert eine Idylle, die das vorausgegangene angespannte Erotikspiel zwischen den vieren in Luft auflöst, so als habe es die Versuchungen und Verführungen, die räumliche wie emotionale Distanz zwischen Per und Rafa, Eifersucht, Liebesabenteuer und Liebesspielchen nie gegeben. Per und Rafa tapezieren in idyllischer Vertrautheit die Zimmer des Landhauses, lauschen einer Musikergruppe, die draußen auf den Feldern Lieder spielt, sprechen und lachen über Pascals Besuch und ihre eigenen Anbandelungsversuche mit Inita und Pascal, lieben sich am Fußboden zwischen den Farbeimern, machen Zukunftspläne und sprechen sogar über ein Kinderzimmer. „Sind wir nicht glücklich?“ fragt Rafa. Und Per antwortet: „Wir werden immer glücklicher.“ – Der Roman endet mit vielen kurzen Sätzen in der unemotionalen, schnörkellosen Lang-Prosa, die die falsche Idylle beschwört. Die letzten Zeilen: „Die Sonne brennt. Sie dörrt das ringsumher geschnittene Gras. Kein Auto fährt auf der kleinen Straße, die sich den Hügel hochzieht, keines auf der größeren Straße im Tal. Ein Bussard macht sich dort an einem überfahrenen Hasen zu schaffen. In der Talsohle weiden neben einem halb verfallenen Schuppen am glitzernden Bach zwei Pferde.“

In diesem letzten Kapitel zeigt sich noch einmal Langs ironisch-spöttisches Spiel mit den Erwartungen seiner Leser. Das Romanende kommt wie ein Märchen mit einem Happyend daher, das die Probleme zwischen Per und Rafa, die in der Handlung vorher aufgebrochen sind, löst und harmoniesüchtig alle Fäden, die der Leser gern geknüpft sähe, zusammenführt. Der ironische Clou des Autors ist, dass er die schöne Unwirklichkeit des Schlusses noch durch die Kapitelzahl verstärkt. Lang gibt dem Schlusskapitel die Zahl XXL, – eine Römische Zahl, die nicht existiert.

Herbert Fuchs

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]