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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 2
In einer Schlüsselszene des Films „Matrix“ (1999) bietet der Eingeweihte und Partisanenführer Morpheus dem Initianden Neo, den er für „den Auserwählten“ hält, zwei Pillen zur Auswahl an und kommentiert dies sinngemäß mit folgenden Worten: „Nimm die blaue Pille und du bleibst ein Gefangener der Matrix; du erwachst zuhause in deinem Bett und lebst weiter, als wäre nichts gewesen. Nimm die rote Pille und du bleibst im Wunderland; ich werde dich in die tiefsten Tiefen der Matrix führen.“ Jean Baudrillard, der Morpheus der Theorieszene, hat seinem Publikum die rote Pille angeboten, und nicht wenige haben sie geschluckt. Fortan waren sie Eingeweihte, Gnostiker in einer der universellen Täuschung verfallenen Welt, die bei Baudrillard mit dem Zauberwort „Simulation“ bezeichnet ist.
Simulation ist die Chiffre für eine zutiefst aus den Fugen geratene Zeit, für eine Welt im metaphysischen Status corruptionis. Alles sieht noch aus wie ehedem - und ist doch etwas völlig anderes geworden. Unmerklich sind die Politik, die Geschichte, die Natur, der Mensch, die Realität selbst in einen anderen Aggregatzustand des Seins übergegangen, sie sind – zu einem historisch nicht genau zu bestimmenden Zeitpunkt - mit den Modellen, mit den Bildern ihrer selbst identisch geworden und haben dadurch ihre einstige Substanz verloren.
Die Matrix ist überall, ihr Geschmack durchdringt alles, so muss sich der bestürzte Neo von Morpheus aufklären lassen. Die Welt, in der wir leben, ist eine gigantische Simulation, von perfiden Maschinen in Szene gesetzt, um die nichtsahnenden Menschen geistig zu versklaven. Aus Baudrillardscher Perspektive ist allerdings wichtig festzuhalten, dass dieser technische Aspekt an der Simulationswelt ein durchaus sekundärer ist. Nicht die Technik bewirkt die Virtualisierung, sondern weil wir bereits virtualisiert sind, kann sich die entsprechende Technik überhaupt erst entwickeln und Fuß fassen. Baudrillard folgte hierhin Heidegger, der mit Nachdruck darauf bestanden hatte, dass das Wesen der Technik selbst nichts Technisches sei. Wenn wir Heideggers Konzept der Seinsgeschichte, - darin die Technik die für die Neuzeit typische Weise ist, in der das Sein „entborgen“ wird -, überhaupt Kredit geben wollen, dann muss Simulation als der aktuellste Stand der Seinsgeschichte betrachtet werden. Denn in der Tat: Wo sonst ereignet sich heute so etwas wie die „Lichtung des Seins“, wenn nicht im weltweiten millionenfachen Flimmern der Computermonitore?
Im Unterschied zu Morpheus war Baudrillard kein klassischer Rebell mehr, der noch an die subversive Kraft von Gedanken oder Taten glaubte und die Veränderbarkeit des „Systems“, der „Matrix“, für möglich hielt. Der durch und durch messianische Habitus, auf einen „Auserwählten“ zu warten, der die Welt retten wird, lag ihm schon deshalb völlig fern, weil für ihn die Apokalypse bereits stattgefunden hat. Die Welt ist bereits untergegangen, das Schrecklichste ist bereits passiert - nur (fast) keiner hat es gemerkt. Baudrillards „fatale Strategie“ war nach eigenem Bekunden eine gleichsam virale: Theoriesimulationen in die Simulationswelt einzuspeisen, um durch diese Angleichung des Denkens an das zu Denkende zumindest einen Komplexitätsgleichstand herzustellen, das Spiel zumindest auf intelligente Weise mitzuspielen, wenn schon seine Regeln nicht geändert werden können. Von der prinzipiellen Unmöglichkeit, am vollendeten Unheil der Welt das Geringste zu ändern, entschädigte ihn und seine Jünger nur der schmeichelhafte Status des Wissenden, der solches alles durchschaut hat, während die übrige Welt weiter in tiefem Schlaf befangen ist.
Mit dieser Form des durchschauenden Geheimwissens ist, wie schon angedeutet, der Archetyp der Gnosis konstelliert – allerdings in einer spezifisch modernen Variante. Während nämlich in der antiken Gnosis das grenzenlose Entsetzen über die den dämonischen archontischen Mächten verfallene Welt durch den grenzenlosen Jubel über den jenseitigen Lichtgott, von dem man sich gerufen und gerettet wusste, mehr als kompensiert wurde, fehlt in Baudrillards schwarzer Gnosis ein solch rettendes Prinzip. Die Simulation ist absolut, eine Dialektik zwischen Sein und Schein findet nicht mehr statt, vielmehr hat das Sein selbst den Charakter des Scheins angenommen. Die Simulation ist ja keineswegs irreal, sondern hyperreal, in Baudrillards Terminologie - entstanden nicht durch Zerstörung, sondern durch Übersteigerung des Realitätsprinzips. Eine Rückkehr zu diesem ist daher prinzipiell verbaut; was auch immer sich noch als Gegenmacht zur Simulation präsentieren mag – kritisches Denken, revolutionäre Politik, religiöse Traditionen – es sind Agenten der Matrix und nichts außerdem. Damit verkörperte Baudrillard den latenten Gnostizismus der Postmoderne vielleicht so radikal wie kein anderer Theoretiker und jeder ernstgemeinte Überwindungsversuch des „postmodern“ genannten Zustandes wird sich an einer Durchlichtung seiner schwarzen Gnosis abzuarbeiten haben.
Als Neo schon nach der roten Pille greifen will, sagt Morpheus: „Bedenke: alles was ich dir anzubieten habe ist die Wahrheit, nicht mehr.“ Dass Neo nach kurzem Zögern trotzdem die rote Pille schluckt, ist keineswegs selbstverständlich. Denn unwillkürlich fragt man sich, welchen Vorteil es eigentlich haben sollte, einer derartigen, im wahrsten Sinn des Wortes trost-losen Wahrheit teilhaftig zu werden. Ist sie nicht zu furchtbar, um Menschen zugemutet zu werden? Wäre es nicht weit besser, in Unwissenheit zu verharren, zumal ja das Wissen keinerlei Ausweg aus dem Verhängnis der Simulation weist? Einer der Rebellen aus Morpheus’ Mannschaft, Cypher, kommt in der Tat genau zu diesem Schluss und verrät seine Kameraden an die Agenten der Matrix, damit sie ihm zum Lohn die unerträgliche Hellsichtigkeit wieder abprogrammieren und er in das illusionäre, aber sorgenfreie Leben der Matrix zurückkehren kann. Ganz im Stil Hollywoods ist diese Figur als wenig sympathischer, zwielichtiger Charakter gezeichnet, doch wir sollten ihm unser Verständnis nicht versagen. Wer könnte ehrlicherweise leugnen, dass ihm oder ihr Cyphers Wille zur Selbsttäuschung „zunächst und zumeist“ weit näher steht als die unbedingte Wahrheitssuche des heldhaften Übermenschen Neo?
Der erste, dem sich die Frage „Wozu Wahrheit?“ auf existentielle Weise stellte, war Friedrich Nietzsche – er nun wahrlich ein „Auserwählter“ auf seine Art, der nämlich die Conditio moderna exemplarisch zu durchleiden hatte. An den metaphysischen Philosophen, die bisher tonangebend waren, konstatiert Nietzsche eine seltsame Mischung aus Naivität und Unredlichkeit, wenn sie wie selbstverständlich „die Wahrheit“ und den „Willen zur Wahrheit“ als oberste Werte setzten. Denn erstens haben sie sich niemals die Frage gestellt, ob nicht der Schein, die Täuschung der Wahrheit vorzuziehen sei; und zweitens und schwerwiegender haben sie sich stets eine „Wahrheit“ mit schönen, aber nachgeschobenen Argumenten zurechtgemacht, die eher ihrem Herzenswunsch als einer unbedingten Redlichkeit entsprang. Letztere hätte sie – hat jedenfalls Nietzsche – auf den Pfad einer „furchtbaren Wahrheit“ geführt, die rein gar nichts mehr mit dem „Wahren, Schönen, Guten“ der Metaphysik und ihrer bildungsbürgerlichen Verfallsformen zu tun hat. Wer mit dieser zugleich archaischen und modernen „furchtbaren Wahrheit“, die bei Nietzsche im Zeichen des dionysischen Abgrunds steht, auch nur von ferne in Berührung kommt, weiß sofort und unmittelbar um die heilsame Kraft der Lüge und des Scheins - des Apollinischen, wie Nietzsches terminus technicus lautet. Hier, beim frühen Nietzsche, begegnen wir der Simulationstheorie gewissermaßen auf ihrer romantischen Stufe; gleichwohl hat Nietzsche bereits ein hoch entwickeltes Bewusstsein für die tiefe Ambivalenz des Scheinhaften, das auch das zeitgenössische Nachdenken über Simulation nicht aus dem Blick verlieren sollte.
In „Matrix“, der Popversion Baudrillards, verbirgt sich hinter dem schönen Schein der Simulationswelt nicht mehr der dionysische Urschmerz, der das Individuum zu zerstören droht, sondern die sehr konkrete, ganz materielle „Wüste des Realen“ - in der Morpheus den neu initiierten Neo denn auch wortwörtlich willkommen heißt. Der Film nimmt dieses Baudrillard-Zitat grob unmetaphorisch und illustriert es im Hintergrund mit verwüsteten Silhouetten einer Großstadt, die wie der gesamte Planet Erde nach dem verlorenen Endkampf der Menschen gegen die Maschinen in Ruinen liegt. Das ist offenbar ein umgedrehter Platonismus, bei dem es nicht mehr darum geht, aus der irdischen Höhle in die Ideenwelt zu erwachen, sondern aus letzterer, die jetzt „Simulation“ heißt, in die irdische „Realität“. In einem Interview hat Baudrillard diese eindeutige und unironische Trennung zwischen Realem und Virtuellem in „Matrix“ übrigens scharf kritisiert und ihr die prinzipielle Ununterscheidbarkeit der beiden Pole entgegengehalten. „Matrix“, meint er, sei sozusagen ein Film über die Matrix, den die Matrix selbst hätte fabrizieren können - offenbar um ihre Einwohner auf besonders raffinierte Weise irrezuführen. Nicht nur lässt er dabei aber außer Acht, dass am Schluss des Films die vermeintlich realen Maschinen sich wie Trugbilder auflösen und es somit doch zu einer Durchkreuzung von Realität und Virtualität kommt, man muss sich vor allen Dingen auch fragen, ob die Philosophie Baudrillards – und zwar ihrem oben zitierten Selbstverständnis nach - nicht ebenfalls eine Theorie über die Matrix ist, die die Matrix hätte fabrizieren können? Pardon, die sie fabriziert hat…
Um zu begreifen, inwiefern auch die Simulationstheorie Baudrillards noch ein Transformationsprodukt der Grundformation abendländischen Geistes namens „Platonismus“ ist, müssen wir noch einmal auf Nietzsche zurückkommen und zwar auf sein berühmtes Stück „Wie die >wahre Welt< endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrtums“. Dieser kurze Text liefert nichts Geringeres als die wahrheitsgeschichtliche Genealogie der Simulationstheorie. Auf kaum zwei Buchseiten schildert Nietzsche die allmähliche Entlarvung des platonischen Ideenhimmels als „metaphysische Hinterwelt“ in einem sechsstufigen Countdown: Platon – Christentum – Kant – Positivismus – Freigeisterei – Zarathustra (als Maske Nietzsches eigenen Denkens). Auf jeder dieser Stufen wird die platonische Idee, die vermeintlich „wahre Welt“, ein Stück weit mehr in Frage gestellt, um schließlich, überflüssig und unnütz geworden, ganz abgeschafft zu werden. Als Schlusspointe stellt Nietzsche die Frage, welche Welt denn nun übrig geblieben sei, „die scheinbare vielleicht?“ Und er gibt sich selbst die Antwort: „Aber nein! mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft!“ Die moderne, die einzig verbliebene Welt also das Ergebnis einer Implosion von Sein und Schein, von Wahrheit und „Fabel“ – das ist exakt dieselbe Diagnose, die Baudrillard rund hundert Jahre später unter dem Titel „Simulation“ stellen wird.
Woher kommt es nun aber, dass Nietzsches wahrheitsgeschichtlicher Countdown – an den sich Heideggers Seinsgeschichte später anlehnen wird - von einer euphorischen, fast manischen Stimmung getragen ist, die keinen Zweifel am Befreiungscharakter des Vorgangs aufkommen lässt, während Baudrillard seine Analysen in einer ostentativen Gleichmut vorträgt, die manche für Zynismus halten, in der das feinere Gespür aber eine „Dissimulation“ tiefer Enttäuschung und Resignation nicht verkennen kann? Verantwortlich dafür ist eine tiefe Ironie der Seinsgeschichte, die man „die Rache der Fabel“ nennen könnte und die in einer Wiederkehr des Verdrängten, oder besser, einem Rückschlag des Bekämpften, nämlich der „metaphysischen Hinterwelt“, in den rund hundert Jahren zwischen Nietzsche und Baudrillard bestand. Weit davon entfernt, wirklich abgeschafft worden zu sein, umschwirrten die ort- und heimatlos gewordenen Trümmer der metaphysischen Sphäre den nunmehr im leeren Raum schwebenden Erdglobus, kontaminierten allmählich dessen „Realität“ und transformierten sie in Virtualität, in Simulation. Ein und derselbe seinsgeschichtliche Impuls, der den metaphysischen Ideenhimmel depotenziert, „zur Fabel gemacht“ hatte, arbeitete an der verbliebenen „Realität“ weiter und drängte sie über sie selbst hinaus ins Hyperreale, in die Simulation. „Wie die Fabel endlich zur wahren Welt wurde“ könnte diese Fortsetzung der Wahrheitsgeschichte betitelt sein - beides nun freilich etwas anders verstanden.
Wie zum Hohn auf Nietzsches Pathos, der angesichts des toten Gottes der Metaphysik frohlockt hatte: „unser Meer liegt wieder offen da, vielleicht gab es noch niemals ein so >offenes Meer<“, herrscht in Baudrillards Simulationswelt eine klaustrophobische Stimmung, die von der prinzipiellen Geschlossenheit ihrer Horizonte herrührt, von der grundsätzlichen Begrenztheit aller Handlungsspielräume. Man merkt das „Gemachte“ und fühlt sich beengt. Die simulierte Welt steht im Zeichen einer totalitären Clôture, wobei diese Schließung nicht nur die räumliche, sondern auch die zeitliche Dimension des Daseins umfasst. „Du glaubst es ist 1999, in Wirklichkeit sind wir näher am Jahr 2199“ sagt Morpheus zu Neo, „aber ganz genau weiß das niemand.“ Die Simulationswelt ist eine konstitutiv posthistorische, was in dem radikalen Sinn zu verstehen ist, dass selbst unsere Traditionen und alle Zeugnisse der Vergangenheit bloßen Simulationscharakter haben. Im Klartext: eine Pyramide in Ägypten ist um keinen Deut „realer“ als ihr Nachbau in Las Vegas. Die Paradoxie, dass damit auch die Seinsgeschichte, die den Zustand der Simulation hervorgebracht hat, sich ex post als simuliert erweist, das Ende den Anfang jetzt also logisch ausschließt, anders gesagt die Simulation den Ast, auf dem sie sitzt, immer schon selbst abgesägt hat, wird nur als unzumutbar empfinden, wer sich zu begreifen weigert, dass mit der guten alten Realität auch deren logischen Gesetze suspendiert worden sind.
Betrachtet man genauer, worin Baudrillards Aufklärungsleistung eigentlich besteht, dann wird man finden, dass sie vom Hineinlocken des Geistes ins Spiegelkabinett der Simulation, ja von der Erzeugung desselben, kaum zu unterscheiden ist. Baudrillards Theorie ist offenbar selbst diejenige Krankheit, für deren Therapie sie sich nicht einmal mehr ausgibt. Sie beschreibt nicht nur die Simulation als ein zum Absolutum aufgeblähtes Imaginäres, das in seiner Unfähigkeit, Innen und Außen auseinanderzuhalten, große Ähnlichkeit mit einem psychotischen Wahnsystem hat, sondern initiiert den Leser immer tiefer in dieses Wahnsystem, während sie ihm dessen Logik erklärt. Ist Heideggers Theorie eine solche des Rufs – nämlich zur Eigentlichkeit und Entschlossenheit – so ist diejenige Baudrillards eine solche der Verführung. Der Übergang vom Diskurs der Wahrheit zu einem Diskurs der Verführung findet in dem Moment statt, da von Argumentieren auf Infizieren umgestellt wird. Baudrillard macht vor, dass wer von Simulation überzeugend sprechen will, sich performativ - und persuasiv - zu ihrem Komplizen machen muss. Und weil sie dies so gut verstanden haben, sind die Verführten und Infizierten ihrem Verführer auch gar nicht gram, sondern feiern ihn im Gegenteil als Meister und Erleuchter. Der subjektiv gefühlte Freiheitsgewinn, den jeder Erkenntnisakt eo ipso mit sich bringt, macht, dass auch Neo die Frage, ob er denn in die selige Unwissenheit der Matrix zurück wolle, trotz allem verneint.
Wer sich von Baudrillard hat hinreichend infizieren lassen, - und niemand, der auf der Höhe der Zeit denken will, kann sich diesen Selbstversuch ersparen -, wird in die Klage des gefangenen Affen in Kafkas „Ein Bericht an eine Akademie“ einstimmen müssen: „In alledem aber doch nur das eine Gefühl: kein Ausweg.“ Die geistige Krisis, die die Baudrillardsche Theorieinfektion notwendigerweise auslöst, hat dann eine produktive Wendung genommen, wenn ein Ausweg in Sicht gekommen ist, der gegenüber den Aporien der Simulation keinen Reflexions- oder Komplexitätsverlust bedeutet. Wir setzen hinzu, dass dies gleichbedeutend ist mit der oben geforderten Aufhellung der dunklen Gnosis Baudrillards, also nur gelingen kann durch deren Klärung, Übersetzung, Neukontextuierung und nicht durch deren simple Negation. Dietmar Kamper, dessen Infektionsgrad so weit fortgeschritten war, dass er auch „der deutsche Baudrillard“ genannt worden ist, glaubte in einem Aufsatz von 1989 mit dem Titel „Simulation und Differenzdenken“ einen solchen Ausweg wenigstens andeuten zu können. Indem unablässig Bilder als Bilder, Simulationen als Simulationen markiert werden, so Kamper, werde deren totalitäre Herrschaft gebrochen und das Andere der Simulation trete zumindest als Fehlendes wieder ins Bewusstsein. Als Garant für die widerständige Kraft des Realen gilt ihm der menschliche Körper, dessen Materialität und Sinnlichkeit von der entkörperlichten Abstraktion der Simulationstechniken niemals ganz eliminiert werden können. Mit anderen Worten: Aus der Illusion kommen wir zwar nicht heraus, es „kömmt“ aber alles darauf an, sie sich bewusst zu machen, und dabei hilft uns der Körper als letzter Anker im Realen.
Der Tod des Menschen Jean Baudrillard (nicht des Autors) am 6. März 2007 verleiht dem Hinweis auf das widerständige Reale des biologischen Körpers besonderen Nachdruck. Kamper bringt aber noch einen anderen Gedanken ins Spiel, der das Potential hat, zur gesuchten „hellen Simulationsgnosis“ ausgebaut zu werden: Hinter der durch das Differenzdenken ruinierten Simulation, so meint er, komme nicht die Wahrheit oder die Realität zum Vorschein, sondern die uralte „magische Matrix“ (!) menschlicher Weltbeziehung, die auf Mimesis als „bewusster Selbsttäuschung“ gründe. Wenn Kamper Mimesis weiter mit „Vor-Ahmung“ (anstatt „Nachahmung“) übersetzt, dann rekurriert er auf den Kultur- und Religionsphilosophen Leopold Ziegler (1881-1958), der unter „Ahmung“ den rituellen Zauber verstanden hatte, kraft dessen der Frühmensch sein magisches Universum poietisch hervorbringt. Auch der Ausdruck „magische Matrix“ geht auf Ziegler zurück, bei dem sie „Magia-Matrix-Imaginatio“ heißt und im Anschluss an die Theosophie Jakob Böhmes die „Begierde in der Gottheit“ bezeichnet, die zu deren Überfließen und damit zur Erschaffung der Welt – über die Zwischenstufe imaginierter Urbilder – führt. Ziegler erkennt in diesem Theologumenon eine Spur des archaischen magischen Bewusstseins, eingeschrieben in den Diskurs der Metaphysik. Ist demnach die Schöpfung bereits eine Simulation Gottes, so ist Gott seinerseits die hypostasierte, an den Himmel projizierte Ahmungs- oder Simulationskraft des menschlichen Geistes.
Wenn wir im Filmtitel „Matrix“ zurecht einen philosophischen Wink erkennen, was hat es dann zu bedeuten, dass die vorgeschichtliche „magische Matrix“ in der Nachgeschichte – nämlich heute - wieder auftaucht? Der Tatbestand der Simulation ist dann offenbar kein Novum, sondern nur der Sonderfall jenes uralten Spiels der Illusion, kraft dessen die menschliche Einbildungskraft die Welt auf unterschiedlichen historischen Wandlungsstufen konstruiert und hervorbringt. Simulation ist dann nur die Gestalt, die die mimetisch-poietische Weltkonstruktion durch Einbildungskraft in der postmetaphysischen, technischen Zivilisation angenommen hat. Dies bedingt eine radikale Perspektivenumkehr: Nicht die simulierte Welt erscheint jetzt als (mehr oder weniger perverse) Abirrung vom normalen Gang der Dinge, sondern dasjenige Zeitalter entpuppt sich als der große Ausnahmezustand, in dem „objektive Realität“ und „lineare Geschichte“ als unumstößliche Glaubenssätze galten. Auch unsere obige wahrheitsgeschichtliche Ableitung der Simulation müssen wir dann vor dem Hintergrund eines viel tieferen, nichtlinearen Geschichtsraumes neu kontextuieren, so dass sie jetzt wie eine Kreis- oder Spiralbewegung erscheint, die die Fiktion und den Schein auf dem Umweg über die „Wahrheit“ und das „Sein“ auf höherer Stufe rehabilitiert. Obwohl die (Wieder-)Entdeckung der Simulation so gesehen einer Normalisierung gleichkommt, ist es leicht nachvollziehbar, dass sie zunächst im Gewand apokalyptischer Katastrophentheorien auftreten und entsprechend verzweifelte Abwehr bzw. Resignation hervorrufen musste. Zu traumatisch ist das metaphysische Schwanken des „Bodens der Realität“, an den man sich allzu lange gewöhnt hatte.
In der Schlussszene von „Matrix“ begegnen wir einem Neo, der die Gesetze der Matrix durchschaut hat und dies mit einem kühnen Flug in die simulierten Lüfte unter Beweis stellt. Noch innerhalb der Matrix ist er nicht länger ihr Sklave, sondern ihr souveräner Beherrscher. Aus der Sicht Baudrillards kann dies natürlich nur eine Scheinfreiheit sein, von der Matrix listig zugelassen, um die wahren Herrschaftsverhältnisse am sichersten zu verdunkeln. Wir sollten uns davon aber nicht irre machen lassen und das Ziel, Navigationsfähigkeit innerhalb der simulierten Welt zu erlangen, deshalb nicht gering schätzen. Baudrillard selbst hat hierzu wichtige Vorarbeit geleistet, vor allem an den Stellen seines Werks, an denen er die Möglichkeit einer „innersimulativen Erlösung“, ja eine Erlösung durch Simulation andeutet. Wenn er mit postapokalyptischem Achselzucken immer wieder betonte, das Faktum der Simulation sei nicht weiter bedauerlich, sondern gewissermaßen jenseits von Gut und Böse angesiedelt, so verliert solche Neutralität gegenüber dem zuvor Perhorreszierten allerdings nur dann den Beigeschmack zynischen Einverständnisses mit dem Bestehenden, wenn sie ergänzt und getragen wird von einer tatsächlichen Transformation desselben durch Einsicht in seine Betriebsgeheimnisse. Die menschliche Einbildungskraft steht heute vor der Aufgabe, sich auf gleiche Augenhöhe mit jenen Techniken der Simulation erst wieder emporzuarbeiten, in die sie ihr mimetisches, ahmendes Vermögen ausgelagert hat. Dass dies bedeuten würde, der äußeren Hyperrealität die entsprechenden inneren „Hyperbilder“, die ihr hermeneutisch gewachsen wären, an die Seite zu stellen, kann an dieser Stelle nur noch angedeutet werden. Mit den paradoxen Volten und dem translogischen Schillern seiner Theorie hat sich Jean Baudrillard als Geburtshelfer dieses neu-alten Bewusstseins seinen Platz in den kulturellen Archiven gesichert.
Anmerkungen:
[1] Zu den hier und im folgenden zitierten Theorien von
Baudrillard vgl. v.a. dessen Bücher: Agonie des Realen,
Berlin 1978, Die fatalen Strategien, München 1991, Das
perfekte Verbrechen, München 1996.
[2] Vgl. Luca Di Blasi: Der Geist in der Revolte. Der
Gnostizismus und seine Wiederkehr in der Postmoderne,
München 2002.
[3] Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, darin
v.a. das Kapitel: Von den Vorurteilen der Philosophen,
Sämtliche Werke, Bd. 5, München 1980.
[4] Zum Begriffspaar des Dionysischen und Apollinischen
vgl. Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie aus dem
Geiste der Musik, Sämtliche Werke Bd. 1, München 1980. Zum
Konzept der „furchtbaren Wahrheit“ im Anschluss an dieses
Werk vgl. Peter Sloterdijk: Der Denker auf der Bühne.
Nietzsches Materialismus, Frankfurt a.M. 1986.
[5] In Le Nouvel Observateur, 19. – 25. Juni 2003, deutsch
unter dem Titel: Baudrillard entschlüsselt “Matrix”, siehe
http://on1.zkm.de/zkm/stories/storyReader$4116
(Zugriff am 20.11.2006)
[6] Wir sprechen hier nur vom ersten Matrix-Film aus dem
Jahr 1999. Die beiden Folgeepisoden „Matrix Reloaded“ und
„Matrix Revolutions“ müssen als philosophisch irrelevant
und insofern als misslungen gelten.
[7] In: Friedrich Nietzsche: Götzendämmerung, Sämtliche
Werke Bd. 6, München 1980.
[8] Ebenda, Hervorhebung vom Autor.
[9] Zur ursprünglichen Zusammengehörigkeit von Erd- und
Himmelsglobus – als Metaphern für die diesseitige und die
jenseitige Welt - vgl. Peter Sloterdijk: Sphären II.
Globen, Frankfurt a. M. 1999.
[10] Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft,
Sämtliche Werke Bd. 3.
[11] Franz Kafka: Die Erzählungen und andere ausgewählte
Prosa, Frankfurt a. M. 2004, S. 325.
[12] Dietmar Kamper: Umgang mit der Zeit. Paradoxe
Wiederholungen, in: Wolfgang Kaempfer: Die Zeit und die
Uhren, Frankfurt a. M. / Leipzig 1991, S. 337ff.
[13] Ebenda, S. 349.
[14] Leopold Ziegler: Überlieferung, Sankt Augustin 1999,
darin das Kapitel: Wunsch und Ahmung, S. 13ff. Seit
seiner (unveröffentlichten) Dissertation über Leopold
Ziegler hat Dietmar Kamper in Aufsätzen und Vorträgen
immer wieder auf diesen zu Unrecht vergessenen Autor
verwiesen.
[15] Leopold Ziegler: Menschwerdung, Bd. 2, Olten 1948, S.
292ff.
[16] Zur Theorie der Hyperbilder vgl. ausführlich vom
Verfasser: Nichtvergessenheit. Tradition und Wahrheit in
der Hypermoderne, in Vorbereitung.