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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 2
Ich sehe meine Aufgabe als Philosoph darin, in den Wein der Elisabeth-Trunkenheit einen gehörigen Schuss kaltes und klares Wasser zu gießen, um zu einer Elisabeth-Ernüchterung beizutragen. Dabei greife ich nicht auf neue historische Quellen zurück. Die gibt es nicht. Ich unterziehe nur die beiden vorhandenen Quellen aus dem Heiligsprechungsprozess – den Bericht der vier Mägde und den Brief Konrads von Marburg an den Papst – einer Neubewertung. Ich lese diese kurzen Texte, die ich allseits einem gründlichen Studium empfehle, im Lichte einer säkularen, religionskritischen Vernunft und deute sie im Widerspruch zu ihrer hagiographischen Absicht.
Dann werden die Umrisse einer jungen Adeligen aus Fleisch und Blut im Hochmittelalter sichtbar: ohne Weihrauch, ohne Heiligenschein, aber voll exaltierter, jenseitsgepolter Religiosität, wie sie damals nicht ungewöhnlich war. Gegen Ende ihres nur kurzen Lebens war sie weniger ein Wesen aus Fleisch und Blut als eines aus Haut und Knochen. Die vielen körperlichen und seelischen Kasteiungen, denen sie sich ständig selbstquälerisch unterzog, hatten sie so geschwächt, dass sie niemandem mehr helfen konnte, sondern selbst der Hilfe bedurft hätte. Völlig entkräftet und ausgebrannt starb sie, knapp vierundzwanzigjährig, eine leichte Beute mannigfacher Leiden.
An die Stelle des verbreiteten Elisabethschwulstes tritt freilich bei mir keine Elisabethschmähung, sondern der Versuch einer historisch gerechten und menschlich respektvollen Würdigung. Ihr Vorbildcharakter kommt dabei allerdings abhanden. Das rührselige Phantom einer anmutigen Frau, die sich selbstlos und voller Heiterkeit den Ärmsten der Armen hingibt, wird abgelöst vom wenig erbaulichen Bild einer tragischen Frauengestalt, die ihrerseits mehr Mitleid und Befremden hervorruft, als Bewunderung und Verehrung erzeugt.
Die bombastische Titulaturen , die ihr im Laufe der Jahrhunderte beigelegt wurden, sie sei der „Ruhm Deutschlands“ (Gloria Teutoniae), die „deutsche Nationalheilige“, inzwischen gar eine „europäische Heilige“, diese völlig überzogenen Attribute sollten ebenso rasch wie verschämt in den Archiven verschwinden und in die Fußnoten rutschen.
Dabei erfolgt dieses kritische Urteil keineswegs von einem moralischen Hochsitz herab, sondern lässt sich leiten von der Einsicht Ludwig Feuerbachs, dass alle religiösen Verirrungen Verirrungen des menschlichen Geistes sind, die jederzeit auch in nichtreligiöser Gestalt wiederkehren können.
Menschen brauchen Vorbilder, ja, zweifelsfrei, aber bitte ohne Personenkult. Menschen brauchen historische Erinnerung, ja, zweifelsfrei, aber bitte ohne Reliquienkult.
Eine gründliche Beschäftigung mit Elisabeth von Thüringen, die diese Frau weder lobhudlerisch verherrlicht noch hämisch abkanzelt
Elisabeth, die Nächstenliebe üben wollte, nahm sich einen Hassprediger zum Beichtvater und Vormund. Elisabeth, die Barmherzigkeit vorleben wollte, ließ sich quälen von einem Mann, der die Unbarmherzigkeit auf seine Fahne geschrieben hatte und unschuldige Frauen und Männer als Hexen und Ketzer lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ.
Die gewalttätigen Züge in Elisabeths Frömmigkeit fanden ihre Vorbilder in den beiden wichtigsten Männern ihres Lebens. Ihr Ehemann Ludwig zog in den Kreuzzug gegen die gottverfluchten Ungläubigen außerhalb der Christenheit. Ihr Beichtvater und „Seelenführer“ Konrad von Marburg verfolgte als päpstlich bestellter Inquisitor die gottverfluchten Ungläubigen innerhalb der Christenheit. Zu beiden Projekten sagte Elisabeth Ja und Amen.
Ihr ruinöser Lebenswandel untergrub jede effektive Hilfe für Kranke und Bedürftige. Dabei war der selbst auferlegte regelmäßige Schlafentzug – durch stundenlanges nächtliches Knien zum Gebet auf kaltem Steinboden – noch das Harmloseste. Wie konnte sie annehmen, Menschen froh zu machen, wenn sie ihnen im groben Büßerkittel aus ungefärbtem Tuch entgegentrat? Elisabeths unstetes Gefühlsleben schwankte zwischen tiefer Zerknirschung über die eigene Sündhaftigkeit einerseits und apokalyptischer Verzückung in Christusvisionen andererseits. Beides entlud sich im Almosentaumel und Helferdrang, mit denen sie Aussätzige umarmte und auf ihre Wunden küsste.
Elisabeths steile Karriere von ganz oben nach ganz unten wird nur verständlich, wenn sie ideell begründet und ergänzt gedacht wird in der gegenläufigen Karriere im Jenseits von ganz unten nach ganz oben zu Gott. Dieser Heilsegoismus ist gut neutestamentlich begründet und war damals natürlich noch weiter verbreitet als heute. Im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner sagt Jesus Christus – gemäß dem Lukas-Evangelium (18,14) - : „Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ (Luther-Übersetzung). Elisabeth selbst nimmt Bezug auf diesen gerne verschwiegenen Zusammenhang christlichen Erlösungsstrebens.
Demgemäß war ihr Ziel nicht Weltgestaltung, nicht Weltveränderung, sondern Weltentsagung – um eines baldigen Einzugs in das „himmlische Jerusalem“ willen. In diesem Sinne war ihr Wirken auch keineswegs sozialreformerisch. Sie wollte die Armen nicht sozial erheben, sondern sich selbst erniedrigen. Die aberwitzigen Versuche, sie zur antifeudalen Rebellin, gar Revolutionärin zu stilisieren, übersehen völlig, dass die religiöse Armutsbewegung jener Zeit nicht die Abschaffung der Armut anstrebte, sondern die religiöse Aufwertung der Armut. Armut wurde nicht als beklagenswertes Übel angeprangert, sondern als wünschenswerte Basis für ein gottgefälliges Leben in der Nachfolge Jesu Christi verklärt.
Franz von Assisi, dem sich Elisabeth geistesverwandt fühlte, predigte die mystische „Vermählung mit Frau Armut“, nicht etwa die tatkräftige Befreiung aus der Armut. Lässt sich eine wirksamere ideelle Verteidigung des Feudalsystems vorstellen, als den Besitzlosen vorzugaukeln, ihre elenden Verhältnisse seien geradezu ideal geeignet für ein heiliges, gottgeleitetes Leben? Weshalb wurden denn beide, Franz von Assisi und Elisabeth von Marburg, so ungewöhnlich rasch, nämlich unmittelbar nach ihrem Tode, heiliggesprochen? Heiliggesprochen durch das Papsttum, das ideelle Leitungsorgan des internationalen Feudalsystems! Weil Gregor IX mit instinktiver Klugheit die unschätzbaren Verdienste der beiden um die ideologische Stabilisierung der Verhältnisse begriffen hatte. Deshalb sah er auch großzügig darüber hinweg, dass Elisabeth keine Jungfrau und keine Märtyrerin war, was sonst eigentlich zum Muster einer heiligen Frau gehörte.
Ein alternativer, dann in gewisser Hinsicht konventioneller Lebensentwurf wäre für Elisabeth durchaus denkbar gewesen. Sie hätte keineswegs die weltfremde Schwärmerin, die Närrin in Christo, abgeben müssen, die völlig erschöpft viel zu früh starb, weil sie sich ständig überforderte und überspannte Maßstäbe an sich selbst und andere anlegte. Dieser andere Lebenslauf hätte Gestalt annehmen können, wenn sie nicht nur immer die sieben Werke der Barmherzigkeit und die sieben Todsünden vor Augen gehabt hätte, sondern sich auch an den vier Kardinaltugenden, vornehmlich an der Klugheit und an der Besonnenheit, orientiert hätte.
Ach, hätte sie doch – guten Gewissens – ihre fürstliche Stellung als gottgegebenes Geschenk und als gottgegebene Aufgabe angenommen und ihre Macht zugunsten ihrer philanthropischen Impulse eingesetzt! Statt sozialromantischer Almosenverteilerei, die strukturell alles beim Alten ließ, hätte sie sozialpolitische Beispiele für Hilfe zur Selbsthilfe einfädeln können. Warum nicht an der Seite des Stauferkaisers Friedrich II, der ihr – vergeblich – als zweiter Ehemann vorgeschlagen wurde? War doch der Enkel Barbarossas vielen modern anmutenden Projekten gegenüber aufgeschlossen.
Nach dem hinführenden Überblick über meinen Deutungsansatz und seine geistigen Koordinaten folgt nun ein erneuter Durchgang durch die Problematik anhand ausgewählter, besonders aussagekräftiger Problemfelder. Elisabeth wird dabei streng historisch – im Horizont ihrer Zeit und im Kontext ihrer Gesellschaft – wahrgenommen, verankert, erklärt. Wir selbst können freilich auch nur im Horizont unserer Zeit und aus dem Kontext unserer Gesellschaft denken und urteilen. Wir müssen Elisabeth von ihren Voraussetzungen aus verstehen und von unseren Voraussetzungen aus bewerten.
Dieser geistige Spagat ist – eingeräumtermaßen –nicht einfach zu bewältigen, aber er ist zu bewältigen. Er wird gegenüber jedem historischen Phänomen abverlangt.
Ich zitiere im folgenden aus den beiden maßgeblichen Quellen: den Zeugenaussagen der vier Mägde Elisabeths (dem so genannten libellus) im Heiligsprechungsprozess und dem Brief Konrads von Marburg für den Heiligsprechungsprozess. Die Übersetzung aus dem Lateinischen stammt von Albert Huyskens. Natürlich sprachen die Mägde mittelhochdeutsch, aber für das Kanonisationsverfahren wurden ihre Aussagen ins Lateinische übersetzt. Am leichtesten zugänglich sind die Texte im Buch „Elisabeth von Thüringen. Schutzfrau des deutschen Volkes“ von Maria Maresch (Bonn, 1931), einzusehen im Fachbereich Theologie der Universität in der Abteilung „Hessische Kirchengeschichte“.
Ich beginne mit dem Schlüsselthema der Gewalt in Elisabeths Religiosität: der Gewalt, die sie sich widerspruchslos zufügen ließ; der Gewalt, die sie anderen bedenkenlos zufügte; der Gewalt, die sie als normale Umgangsform unter Menschen fraglos bejahte.
Wie wenig ihr Alltag bereits auf der Wartburg dem überzuckerten Wunschbild einer sanftmütigen und großherzigen Menschenfreundin entsprach, ergibt sich aus folgendem Bericht ihrer Mägde:
Auch dehnte sie ihre Gebete so lange aus, daß sie oft vor dem Bett auf dem Teppich einschlief. Als sie deshalb von den Mägden gefragt wurde, warum sie nicht lieber mit dem Gatten schlafe, antwortete sie: „Wenn ich auch nicht immer beten kann, so kann ich meinem Fleisch doch dadurch Gewalt antun, daß ich mich von meinem heißgeliebten Gatten trenne.“ Auch erhob sie sich vom Lager ihres Gatten, ließ sich in einer entlegenen Kammer von den Händen der Mägde scharf geißeln und ging nach dem Gebet fröhlich zum Lager des Gatten zurück, und das tat sie oft, nachdem sie Meister Konrad Gehorsam gelobt hatte. Früher jedoch tat sie während der Fastenzeit und an Freitagen manchmal dasselbe. Bei Abwesenheit des Gatten verbrachte sie viele Nächte mit Nachtwachen, Kniebeugen, Geißelungen und Gebeten. (188/189)
Wohlgemerkt, diese ebenso beklemmenden wie entlarvenden Einzelheiten werden zu Elisabeths Gunsten berichtet: um ihre – schon früh zu beobachtende – Heiligkeit zu dokumentieren. Es kommt noch heftiger:
Schon zu Lebzeiten ihres Gatten war sie dem Meister Konrad gehorsam. Als Meister Konrad sie einst zur Predigt rief und sie wegen der plötzlichen Ankunft der Landgräfin von Meißen nicht kommen konnte, ließ er ihr aufgebracht durch einen Boten mitteilen, er wolle künftig wegen dieses Ungehorsams für sie nicht mehr Sorge tragen. Deshalb begab sie sich am nächsten Tage eilends zu ihm und bat ihn demütig, ihr die Beleidigung zu verzeihen. Als er sich weigerte, fiel sie ihm zu Füßen und wurde zugleich mit ihren Mägden, denen Meister Konrad die Schuld zuschob, bis auf das Hemd entkleidet und von ihm schwer gezüchtigt. (190)
Der Sinn des Berichtes ist deutlich: Sehet, wie demütig und damit gottselig Elisabeth war. Auch bei nichtigen Anlässen ließ sie sich, obwohl völlig unschuldig, widerspruchslos züchtigen – wie unser Herr und Heiland Jesus Christus!
Der widerwärtige Höhepunkt dieser würdelosen Selbstverleugnung Elisabeths wird vom Eingangsbereich des Klosters Altenberg bei Wetzlar berichtet. Auf Grund eines gezielt von Konrad herbei geführten Missverständnisses betritt Elisabeth das Kloster, wird dafür aber von ihm schroff gescholten und körperlich gezüchtigt.
Und obwohl Schwester Irmingard nur vor der Tür gestanden hatte, befahl er ihr doch, weil sie nur vor der Tür den Schlüssel in Empfang genommen und die Tür des Klosters aufgesperrt hatte, sich mit der seligen Elisabeth zu Boden zu werfen, und trug dem Bruder Gerhard auf, sie mit einer großen und langen Rute tüchtig zu geißeln. Inzwischen aber sang Meister Konrad das Miserere. Und die besagte Irmingard erklärte, drei Monate lang die Spuren der Schläge am Körper gehabt zu haben und dass die selige Elisabeth sie noch länger an sich gehabt habe, weil sie schärfer gezüchtigt worden wäre. (202)
Blutige Striemen am Körper, die noch länger als drei Monate zu sehen waren … Elisabeths scheinbar souveräner, in Wahrheit schmachvoller Kommentar dazu lautete: „Wir müssen solche Dinge gerne ertragen.“ (202) Welche andere mittelalterliche Frau von Rang und Stand hätte sich solche Prügelorgien bieten lassen? Die edle Markgräfin Uta von Naumburg mit dem stolz hochgeklappten Mantelkragen im Westchor des Domes hätte jeden Mann hochkantig von ihrem Hof gejagt, der sich derartig an ihr vergriffen hätte, sei er geistlichen, sei er weltlichen Standes.
Unüberbrückbar ist die Distanz Elisabeths zu einem weiblichen Selbstverständnis, das auf körperliche und seelische Integrität bedacht ist, von weitergehenden emanzipatorischen Idealen zu schweigen. Aus Elisabeths Sicht vollzog sich – mit Konrads Hilfe – die gottgewollte „mortificatio carnis“, die Abtötung des sündigen Fleisches, auf dass die verlangende Seele dem himmlischen Bräutigam umso rascher entgegen fliegen könne.
Wer geschlagen wird, schlägt irgendwann auch zurück – und zwar Schwächere. So berichten die Mägde folgende kleine Episode aus der Marburger Zeit:
Einmal ermahnte sie ein altes, armes Weiblein, die Beichte abzulegen, und als sie keinen Erfolg hatte, schlug sie sie mit Ruten, weil sie gleichsam schlaftrunken dortlag und zu träge war, auf die Ermahnungen zur Beichte zu hören, und trieb sie also gegen ihren Willen zur Beichte. (197)
Wohlgemerkt: dies wird zur Ehre Elisabeths berichtet, um ihren löblichen Glaubenseifer hervorzuheben. Ein weiteres Beispiel für Elisabeths gewaltförmiges Eiferertum ist der – ebenfalls in Marburg – lokalisierte Vorgang bei einer groß organisierten Almosenverteilung im Freien:
Es wurde die Bestimmung bekanntgemacht, daß jedem, der sich von seinem Platze rührte und zum zweitenmal das Almosen in Anspruch nehmen würde und so den anderen Armen ein schlechtes Beispiel gäbe und die Ordnung stören würde, zu seiner Beschämung das Haupthaar abgeschnitten werden sollte. Zufällig kam damals plötzlich ein junges Mädchen namens Hildegund, das wundervolles Haar hatte, ohne die vorgenannte Bestimmung zu kennen, hinzu, nicht um Almosen zu empfangen, sondern um ihre kranke Schwester zu besuchen. Diese wurde nun vor die selige Elisabeth geführt, als ob sie die genannte Bestimmung nicht beobachtet hätte, und die Selige fragte, was sie verschuldet habe, und befahl, als die das schöne Haar jenes Mädchens sah, es sofort abzuscheiden. Die Jungfrau aber begann über den Verlust ihrer Haare laut zu weinen. Es traten nun einige Leute hinzu, die wußten, daß jene unschuldig sei, und sagten es Elisabeth, daß das arme Mädchen ungerecht gestraft worden sei. Und sie sagte jenen: „Wenigstens wird sie mit diesen herrlichen Haaren nicht mehr die Tänze besuchen.“ (199/200)
Auch hier gilt wiederum: Was berichtet wurde, um Elisabeths Heiligkeit zu dokumentieren, erregt heute Abscheu und Empörung. Was sollte an dieser körperlichen Schändung, die jeden ästhetischen Sinn vermissen lässt, barmherzig, menschenfreundlich, vorbildlich sein – damals und heute?
Elisabeth hat nicht nur anderen Personen zu deren „Beschämung“ die Haare abschneiden lassen. Sie hat auch damit gedroht, sich selbst die Nase abzuschneiden. Warum? Um dem Vorhaben ihres Onkels, des Bischofs von Bamberg, entgegen zu treten, der sie – gegen ihren Willen und gegen ihr Keuschheitsgelübde – erneut verheiraten wollte. Die Mägde zitieren sie mit folgenden Worten:
„ …. Wenn mich mein Oheim gegen meinen Willen einem Manne übergeben würde, so würde ich mich dagegen wehren und verteidigen, und wenn ich keinen anderen Weg hätte, dem zu entrinnen, würde ich mir insgeheim meine Nase abschneiden, und so würde keiner mich in dieser abstoßenden Verstümmelung wollen.“ (194)
Das Stichwort „Keuschheitsgelübde“ führt uns zu einem weiteren umstrittenen Kapitel aus der Elisabeth-Biographie: dem Verhältnis zu ihrem Ehemann, Landgraf Ludwig, und zu ihren drei kleinen Kindern, die sie nach dem Weggang von der Wartburg in fremde Hände gab. Die Elisabeth-Apologetik beschwört die ungewöhnlich innige Liebesehe und beteuert, Elisabeth habe sich von ihren Kindern nur getrennt, um ihnen eine standesgemäße Erziehung zu ermöglichen. Schauen wir etwas genauer hin.
Was ist von der Qualität einer Ehe zu halten, in der die Frau nächtens heimlich aufsteht und sich zur Strafe für ihre „sündige Fleischeslust“ von ihren Mägden auspeitschen lässt? Zeugt dies Verhalten von einer vorbehaltlosen und ganzheitlichen Hinwendung zum Partner, die alle Dimensionen des Menschseins umschließt? Obwohl für die fromme Elisabeth die Ehe ein heiliges Sakrament war, klafften bei ihr Körper und Gefühl dualistisch auseinander.
Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist die Aussage Konrads in seinem Brief an den Papst:
Zwei Jahre, bevor sie mir anvertraut wurde, als noch ihr Gatte lebte, wurde ich ihr Beichtvater und fand sie damals klagend, daß sie durch die Ehe gebunden sei und das irdische Leben nicht in der Blüte der Jungfräulichkeit beschließen könnte. (209)
Nach diesen Worten bereute Elisabeth insgesamt ihre Ehe und trauerte der verlorenen jungfräulichen Reinheit nach. Spricht das für eine innige Verbundenheit mit ihrem Ehemann?
Ihre Kinder gab Elisabeth fort, nicht um ihnen eine – ihr unmöglich gewordene –standesgemäße Erziehung zu gewähren. Denn dieses Standesdenken lehnte sie ja gerade radikal ab. Elisabeth gab ihre Kinder fort, um sich von allen weltlichen Bindungen und Gütern zu befreien und sich ausschließlich der Gottesliebe hingeben zu können, wie im Evangelium ausdrücklich gefordert (Matthäus 10,37).
Dies ist der Inhalt des so genannten Karfreitagsgelübdes, das sie 1228 nach dem Tode ihres Mannes noch in Eisenach in einer Kapelle ablegte. Konrad teilt darüber in seinem Brief an den Papst mit:
… und am Karfreitag, als die Altäre entblößt waren, legte sie in einer Kapelle ihrer Stadt ,wo sie die Minderbrüder untergebracht hatte, in Gegenwart einiger Minderbrüder ihre Hände auf den Altar und verzichtete auf Eltern und Kinder, auf den eigenen Willen und allen Glanz der Welt und auf alles, was der Erlöser im Evangelium zu verlassen riet. (210)
Im Bericht der Mägde heißt es zum selben Ereignis:
Und weil ihr Meister Konrad zur Verachtung aller Dinge geraten hatte, bat sie Gott zuerst, ihr die Verachtung aller zeitlichen Dinge zu gewähren, sodann ihr die Liebe zu den Kindern zu nehmen und drittens ihr den Geist der Verachtung für alle Beschimpfungen zu verleihen. Und nach dem Gebete sagte sie zu ihren Mägden: „Der Herr hat mein Gebet erhört, ich erachte alle weltlichen Besitzungen, die ich einst geliebt habe, für Kot. Auch sei Gott mir Zeuge, dass ich meine Kinder nicht mehr liebe als irgendeinen anderen Nebenmenschen; ich habe sie Gott empfohlen, er möge mit ihnen machen, was ihm wohlgefällt. Auch an Verleumdungen und Schmähungen und Verachtung ergötze ich mich, ich liebe nichts als Gott allein.“ (195)
Und an einer anderen Stelle:
Auch befahl die gottselige Elisabeth, ihr damals eineinhalb Jahre altes Kind für immer wegzubringen, um es nicht allzu heiß zu lieben und dadurch im Dienste Gottes behindert zu werden. (203)
Das erwähnte Karfreitagsgelübde von 1228 ist in vielerlei Hinsicht ein Schlüsselereignis in Elisabeths Leben gewesen. Meister Konrad stellte es in seinem Brief an den Papst in folgenden biographischen Zusammenhang:
Als ihr Mann gestorben war und Eure Heiligkeit sie meiner Sorgfalt anvertraut hatte, da fragte sie mich, weil sie zur höchsten Vollkommenheit strebte, ob sie als Einsiedlerin oder im Kloster oder in einem anderen Stande größere Verdienste erwerben könne. Daran vor allem dachte sie unaufhörlich, daß ich ihr erlauben sollte, an den Türen zu betteln, wie sie es mit vielen Tränen von mir verlangte. Als ich ihr das schroff untersagte, antwortete sie: „So will ich tun, woran Ihr mich nicht hindern könnt“, und am Karfreitag, als die Altäre entblößt waren, legte sie in einer Kapelle ihrer Stadt, wo sie die Minderbrüder untergebracht hatte, in Gegenwart einiger Minderbrüder ihre Hände auf den Altar und verzichtete auf Eltern und Kinder, auf den eigenen Willen und allen Glanz der Welt und auf alles, was der Erlöser im Evangelium zu verlassen riet. Als sie aber auch auf ihren Besitz verzichten wollte, habe ich sie zurückgerissen, damit sie einesteils die Schulden ihres Mannes zurückerstattete, andernteils wegen der Bedürftigen, die sie meinem Willen gemäß mit ihrem Wittum unterstützen sollte. (209/210)
Aus diesen Worten ihres „Seelenführers“ ergeben sich erhellende Einblicke in Elisabeths Gemütslage: Ihr persönliches Vollkommenheitsideal, dem sie „unaufhörlich“ nachsinnt, ist das demütige und verachtete Leben einer Bettlerin, die von Tür zu Tür geht und von der Mildtätigkeit anderer Menschen abhängig ist. Diese Form der Selbsterniedrigung verweigert Konrad ihr.
Auch verhindert er den völligen Verzicht auf ihren Witwenanteil, den er als materielle Grundlage für das Hospital in Marburg vorgesehen hat. Daraus geht hervor, dass die viel gerühmte Fürsorge für Kranke und Arme im eigenen Hospital aus Elisabeths Sicht nur die zweitbeste Lösung ihres Vollkommenheits- und Heilsstrebens war. Viel lieber wäre sie unerkannt in der Masse der Bettlerinnen und Bettler untergetaucht, als eine von zahllosen, die dem zeitgenössischen religiösen Armutsideal verfallen waren. Damit aber wäre sie für Konrads ehrgeizige Pläne ausgeschieden, der für sie eine – mit seinem Namen verbundene – Heiligsprechung vorgesehen hatte.
Die eigenwillige und eigensinnige Elisabeth nutzte aber auch die Marburger Hospitaltätigkeit zur Inszenierung ihrer Demut und bezog sich im Gespräch mit Konrad explizit auf den neutestamentlichen Erlösungsmechanismus von Erhöhung durch Erniedrigung. Konrad dazu:
Dort in Marburg errichtete sie ein Hospital, wo sie die Kranken und Schwachen sammelte und die Elendsten und Verächtlichsten an ihren Tisch setzte. Als ich sie deshalb tadelte, erwiderte sie mir, daß sie von ihnen besondere Gnade und Demut empfange, und wiederholte mir als zweifellos sehr kluge Frau ihr früheres Leben und sagte, daß es für sie notwendig sei, so die Gegensätze durch einander zu heilen. (210)
In Marburg missachtete Elisabeth „zur Übung ihrer Vollkommenheit“ (210) alle Regeln des Selbstschutzes, indem sie einmal ein aussätziges Mädchen bei sich in ihrem eigenen Haus aufnahm und dort pflegte. Konrad schreibt dazu:
Als ich davon hörte, habe ich sie, Gott verzeih es mir, schwer gezüchtigt, weil ich fürchtete, daß sie dadurch angesteckt werden könnte. Ich nahm ihr schließlich die Aussätzige weg. (210)
Hieraus erfahren wir, dass natürlich bereits damals die Ansteckungsgefahr bekannt war. Aus der Sicht der Mägde lässt sich dieser Kernkomplex in Elisabeths Leben wie folgt zusammenfassen und vervollständigen:
Als sie noch in ihrer hohen Ehrenstellung lebte, liebte sie schon sehr die Bettlerarmut und sprach mit ihren Mägden häufig über die Armut. Und sie bekleidete sich in ihrem Palaste in ihrer Gegenwart mit einem alten Mantel und bedeckte ihr Haupt mit einem alten Tuch und sagte: „So werde ich einhergehen, wenn ich betteln und für Gott Elend erdulden werde.“ Auch am Gründonnerstag beschenkte sie immer feierlich die Armen. An einem Gründonnerstag sammelte sie viele Aussätzige, wusch ihre Hände und Füße und küßte gerade die Wunden und schrecklichen Stellen ihres Körpers, demütig vor ihnen kniend. Und wo immer sie später Aussätzige fand, setzte sie sich neben sie, tröstete sie und ermahnte sie zur Geduld, scheute sich vor ihnen so wenig wie vor Gesunden und beschenkte sie reich. (191)
Was auch immer Elisabeth unternahm, stets kreisten ihre Absichten um die eigene – vermeintliche – Vervollkommnung durch Selbsterniedrigung. Zwei weitere Beispiele mögen dies verdeutlichen: Elisabeth badete hingebungsvoll ihre Kranken und kultivierte namentlich Fußwaschungen, weil Jesus im Garten Gethsemane seinen Jüngern – ebenfalls als Demutsgeste – die Füße gewaschen hatte. Für sich selbst aber verschmähte Elisabeth – trotzig und konsequent – jede Körperhygiene, was sich bis zu ihrer Tante im Kloster Kitzingen herumgesprochen hatte. Dazu sagten die Mägde aus:
Einmal wurde die gottselige Elisabeth von der Aebtissin von Kitzingen, die die Schwester ihrer Mutter war, gerufen, und diese zwang sie, sich zu baden. Doch trat Elisabeth nur mit einem Fuß in das Bad, machte einiges Geräusch im Wasser, das sie hin und her bewegte, und sagte: „So, nun bin ich schon fertig mit dem Bade“. Und ging schnell aus der Wanne.(198)
Ach, wie neckisch, ach, wie kindisch! möchte man da ausrufen. Und doch steckt in dieser scheinbar banalen anekdotischen Nachricht die ganze Elisabeth, die sich hier unfreiwillig selbst entzaubert. Dabei bleibt stets zu beachten, dass diese körperfeindliche Selbstvernachlässigung zu ihren Ehren berichtet wird – als Symptom ihrer Heiligkeit. Wer will, mag hier beschönigend von ihrer erfrischend unkonventionellen Art sprechen. Beispielgebend ist sie damit nicht. Ohne Ja zum eigenen Körper und seiner Pflege lassen sich auch die Gesundheit und das Wohlbefinden anderer nicht glaubwürdig und erfolgreich befördern. Ohne wohlverstandene Selbstsorge kann es auch keine Fürsorge für andere geben.
Ein letzter Versuch der Ehrenrettung Elisabeths wird gelegentlich unternommen anhand ihrer Aufforderung an die Mägde, sie nicht als Herrin anzureden, sondern schlicht als Elisabeth und sie zu duzen. Auch ich selbst habe dies früher irrtümlich als Element einer antifeudalen egalitären Geisteshaltung gedeutet. Schauen wir genau hin. Im Libellus heißt es:
Von den Mägden wollte sie sich nicht Herrin nennen lassen, obwohl sie ganz arme und unwissende Leute waren, sondern nur in der Einzahl „du Elisabeth“. Sie ließ die Mägde an ihrer Seite sitzen und aus ihrer Schüssel essen. Einmal sagte Irmingard zu ihr: „Ihr sorgt Euch nur für Euer eigenes Verdienst, seht aber nicht auf uns, die wir stolz werden können, weil wir mit Euch essen und Euch zur Seite sitzen.“ Darauf antwortete ihr die selige Elisabeth: „Da mußt du dich nun gleich auf meinen Schoß setzen“. Und ließ dieselbe sich auf ihren Schoß setzen. (203)
Vor dem Hintergrund aller bisherigen Ausführungen ist leicht zu erkennen, dass Elisabeth auch hier nur ihr altbekanntes religiöses Programm der Selbsterniedrigung – zwecks späterer himmlischer Erhöhung – abarbeitet, weit entfernt von einem innigen Gespür für die Gleichheit und Ungleichheit derer, die Menschenantlitz tragen.
Selbstbewusst lehnt die Magd Irmingard denn auch Elisabeths Ansinnen ab, weil sie es als Anbiederung durchschaut: „Ihr sorgt Euch nur für euer eigenes Verdienst.“ Die instinktsicheren Mägde haben mehr davon, bei einer Herrin am Tisch zu sitzen statt bei einer armen Frau ihresgleichen. Eben deshalb wurde die deklassierte Bettlerin Elisabeth auch von echten Bettlerinnen und Bettlern in und um Eisenach verachtet und beschimpft. Statt einer Gönnerin hatten sie nun eine Konkurrentin in Elisabeth.
Nicht jede mittelalterliche Heilige hat eine so kopflose Frömmigkeit an den Tag gelegt wie Elisabeth von Thüringen. Von der spanischen Mystikerin Teresa von Avila wird das funkelnde Bonmot überliefert. „Wenn Fasten, dann Fasten; wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn.“ Das imponiert mir. Das hat Stil, das hat Format, das zeugt von Lebenskunst: von der Fähigkeit, Verzicht und Genuss gleichermaßen zu bejahen und in Balance zu halten, Spannung und Entspannung miteinander zu versöhnen, die Polaritäten des Daseins zu meistern.
Eine solche Lebenskunst, die die Einseitigkeiten und Maßlosigkeiten der ungarischen Königstochter meidet, ist auch heute unverzichtbar. Mitleid ist dabei ein durchaus wünschenswerter menschlicher Impuls, aber nicht Mitleid pur, sondern Mitleid, gepaart mit Klugheit. Sonst rückt die solidarische Welt, in der alle ihren Platz finden und ihr Auskommen haben, in weite Ferne. Im Gegensatz zur mittelalterlichen Bettlerbewegung kann heute auch nicht „Armut für alle“ das Ideal sein, sondern nur „Wohlstand für alle“ – ein Ziel, das zu Elisabeths Zeiten unerreichbar war, inzwischen aber sehr wohl realisierbar geworden ist.
Elisabeth gehört zu jenen Mensachen, die mit ererbtem Reichtum und mit einer privilegierten gesellschaftlichen Situation nicht zurecht kommen und darin nur ein moralisches Problem sehen. Angesichts des Elends von Bettlern und Kranken um sie herum fühlte sie sich ständig schuldig und suchte ihrem hocharistokratischen Status individuell zu entkommen, indem sie von ihrem Reichtum wahllos an Bedürftige verschenkte. Bis zur Peinlichkeit forschte sie nach der Herkunft ihrer Speisen, weil die religiöse Armuts- und Frauenbewegung ihrer Zeit die Parole ausgegeben hatte, sich aller „unrechtmäßig erworbener Güter“ (illicite acquista) zu enthalten. Diesem Ideal eiferte sie nach, darin bestärkt von Beichtvater Konrad.
Eine Grenze des Zumutbaren überschritt sie in den Augen ihrer Verwandtschaft, als sie – in Abwesenheit ihres Mannes, des Landgrafen Ludwig – bei einer Hungersnot die herrschaftlichen Vorratskammern komplett ausräumen und verteilen ließ. Wie sich eine solche Handlungsweise unter heutigen Verhältnissen ausmachen würde, hat die Berliner Ärztin und Psychotherapeutin Heike Bernhardt in einem Elisabeth-Artikel für die Neujahrsausgabe 2007 des „Tagespiegel“ formuliert. Mit sarkastischer Phantasie entwirft sie folgendes gespenstisch anmutende Szenario, das sie in der Mainmetropole ansiedelt.
Josef Ackermann tauscht in der Chefetage der Deutschen Bank seinen Anzug gegen ein Holzfällerhemd. Er lässt in Frankfurt eine Geldverteilung ausrufen. Die Obdachlosen, die Illegalen, die Kranken, die Hartz-IV-Empfänger, alle kommen. Josef küsst schnell einen Aidskranken, noch hat er Angst und öffnet die Safes. Die Bank schmeißt ihn raus. Er geht auf die Mainwiesen, wo die Ärmsten schlafen, wenn sie nicht vertriebenen werden. Er verträgt die Kälte nicht. Josef nimmt seine letzte Million und baut den Armen ein Haus. „Krass“ oder „crazy“ würden die Frankfurter flüstern.
Krass oder crazy? Durch solche punktuellen und eruptiven Aktionen lässt sich die soziale Problematik unserer Tage nicht bewältigen. Dazu bedarf es der langfristigen Kooperation möglichst vieler Menschen zugunsten struktureller Veränderungen. Und doch behält auch das exemplarische Handeln mutiger Einzelpersonen aus privilegierten Milieus seine unverzichtbare Rolle. Ich nenne als einziges Beispiel das Projekt „Menschen für Menschen“ des österreichischen Filmschauspielers Karlheinz Böhm. Als erfolgreicher Partner der jungen Romy Schneider hatte er Ruhm, Glanz und Luxus kennen gelernt. Durch die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Rainer Werner Fassbinder wurde er politisiert und gab seine Filmkarriere auf. Seine Organisation „Menschen für Menschen“ verteilt keine Almosen, sondern leistet Hilfe zur Selbsthilfe im Dienste sozialer Gerechtigkeit. Darauf kommt es an.
Der Text ist die ausgearbeitete Fassung eines Vortragsmanuskripts. Der Vortrag wurde am Dienstag, 6. März 2007, in der Marburger Vokshochschule gehalten.