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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 2
Giordano Bruno, 1548 in Nola in der Nähe von Neapel geboren, am 17. Februar 1600 auf dem Campo de' Fiori in Rom öffentlich verbrannt, gehört einer Übergangsepoche an. Er zieht radikale Konsequenzen aus der Lehre des Kopernikus, denen zufolge die Erde nichts weiter sei, als eine der unendlich vielen Welten in einem unbegrenzten Kosmos und bleibt doch, wie sich besonders in seinem zu Lebzeiten unveröffentlichten Traktat über die Magie zeigt, vielen Ansichten der Renaissance über die Einwirkung göttlich-dämonischer Kräfte auf die Natur, sowie das menschliche Leben, verbunden. Die Ausgabe, die der bei "Les Belles Lettres" erschienenen kritischen Edition Œuvres Complètes de Giordano Bruno (Paris 1993 - 1999), ediert von Giovanni Aquilecchia, folgt, wird "in chronologischer Reihenfolge zunächst alle sieben Schriften, die Bruno in italienischer Sprache verfasst hat" (Vorbemerkung, S. VII), in, wie im vorliegenden Fall, neuen, bzw. Überarbeitungen bereits vorliegender Übersetzungen, umfassen.

Der vorliegende Band enthält eine 116seitige Einleitung, sowie einen ebenfalls beinahe hundert Seiten umfassenden Kommentar von Bönker-Vallon. Beigefügt sind weiterhin eine Bibliografie, ein Glossar, ein Personen- und ein Sachregister. Die Ausstattung des Buches, dies sei gleich zu Beginn vermerkt, ist vorzüglich. Man nimmt den braunen Leineneinband mit dem grünen Vorsatzpapier gern in die Hand. Die Sorgfalt bei der Herstellung der Werkausgabe, die mit Band 4 beginnt, entspricht der editorischen und übersetzerischen Leistung (einzige Ausnahme, wenn das nicht zu hart geurteilt ist: die Druckfassung, die sinnentstellende Fehler aufweist - S. 41: "Ledig sind wir sind der Sorge...", S. 63: "Denn es notwendig zu sagen und einzusehen, dass diese Welt in einem Raum ist...", S. 69: "was das dasselbe ist...", vgl. auch S. 227, 229, 311, 326). "Aufgrund der sprachlichen Mängel und veralteten Sprachgebung ist auf die Berücksichtigung der Übersetzung von Ludwig Kuhlenbeck [...] verzichtet worden", schreibt Bönker-Vallon (S. CXXVII). Tatsächlich finden sich bei Kuhlenbeck Flüchtigkeitsfehler und Irrtümer; die Sprache allerdings wirkt, gerade wegen ihrer altertümlichen Diktion, kräftiger, weniger glatt, als die heutige der Herausgeberin. Man wird also vielleicht, gerade weil man nun einen zuverlässigen deutschen Text benutzen kann, auch immer wieder einmal zum älteren, 1904 in Jena erschienenen, 1983 in Darmstadt nachgedruckten, greifen.
Die Ausgabe wird die Beschäftigung mit der Philosophie Brunos zweifellos anregen und auf ein neues Fundament stellen. Man kann die Schriften des Nolaners unter vielerlei Aspekten betrachten; zwei übergreifende jedoch müssen in jedem Fall berücksichtigt werden. Es gilt, wie es Bönker-Vallon in ihrer Einleitung akribisch unternimmt, die ins Neuzeitliche weisenden Züge der Weltsicht Brunos herauszustellen: etwa die "mathematische[...] Beschreibung physikalischer Prozesse, die eine Abwendung von der aristotelischen Physik der Qualitäten und eine Hinwendung zu einer quantifizierenden Naturdeutung bedeutet" (S. CIII) - oder eben, umgekehrt die Verhaftung Brunos, nicht so sehr in der Kosmologie des Aristoteles, als in der platonisierenden mystisch-magischen Schöpfungsdeutung der Renaissance ins Auge zu fassen. Es wäre müßig, die zwei Vorgehensweisen gegeneinander auszuspielen. Beide haben ihren Sinn. Die erste ordnet Bruno in den Strang des sich entwickelnden naturwissenschaftlichen Denkens ein, die zweite versucht, die im Fortschreiten dieses Denkens verlorengehenden Fundamente einer sympathetischen, auf Partizipation beruhenden symbolhaften Wahrnehmungsweise zu rekonstruieren.
Immerhin werden sich die auf den berühmten Seiten des Einleitungsschreibens (im vorliegenden Band S. 33 - 43) findenden Betrachtungen zu einer Ethik, die sich aus der neuen Sicht des Universums ergibt, nur verstehen lassen, wenn man sie gleichermaßen auf die partizipativen Denkmuster, die sich jedem naturwissenschaftlichen Begriff verweigern, bezieht. Alle einzelnen zusammengesetzten Körper, sagt Bruno, unterliegen einer fortwährenden Veränderung; dennoch müsse man nicht fürchten, "dass sich irgendetwas auflöst, sich irgend ein Einzelnes verliert und wahrhaftig zu Nichts wird oder sich in das Leere ausbreitet" (S. 33), denn "die gesamte Substanz" bleibe "eine und dieselbe" (S. 35). In "Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen" finden sich die folgenden Erläuterungen: "Das Ding sei nun so klein und winzig wie es wolle, es hat in sich einen Teil von geistiger Substanz, welche, wenn sie das Substrat dazu angetan findet, sich danach streckt, eine Pflanze, ein Tier zu werden, und sich zu einem beliebigen Körper organisiert, welcher gemeinhin beseelt genannt wird. Denn Geist findet sich in allen Dingen, und es ist auch nicht das kleinste Körperchen, welches nicht einen ausreichenden Anteil davon in sich fasste, um sich beleben zu können" (6. verbesserte Auflage der Übersetzung von Adolf Lasson, Hamburg 1983, S. 37). Weil nun die Substanz oder der Geist alles Seienden einer und unvergänglich ist, wechseln nur dessen äußere Formen (vgl. S. 39), das Prinzip aber alles Existierenden, des "Wesens Wesen" (S. 70), ist das mit sich identische, das bewirkt, "dass Jegliches in Jeglichem ist" (S. 100).
Für Bruno ist mithin gewiss, dass jedes Ding des Universums, "weil es das was alles in allem ist in sich hat, in seiner Art die ganze Weltseele" umfasst (S. 102). Solche Teilhabe aber ist die Grundlage wirklicher Erkenntnis: Es ist "eine und dieselbe Stufenleiter [...], auf welcher die Natur zur Hervorbringung der Dinge herabsteigt, und auf welcher die Vernunft zur Erkenntnis derselben emporsteigt: beide gehen von der Einheit aus zur Einheit hin [...]" (S. 105 f). In "Über das Unendliche..." heißt es entsprechend: "das Lebensprinzip [bestehe] nicht in den Akzidentien [...], die aus der Zusammensetzung hervorgehen, sondern in der unteilbaren und unauflöslichen Substanz, welcher, wenn es nicht eine Störung gibt, weder das Begehren zukommt, sich zu erhalten, noch die Furcht, sich zu zerstreuen" (S. 229).
Dem eigentlichen Sein eignet weder Begehren noch Furcht. Weil es alles durchwaltet, kann sich die menschliche Anschauung zu einer Erkenntnis erheben, die weit mehr ist, als begriffliche Einsicht. Die "Ur-Intelligenz versteht das Ganze aufs vollkommenste in einer Anschauung; der göttliche Verstand und die absolute Einheit ist ohne irgendeine Vorstellung das was versteht und das was verstanden wird in einem zugleich" ("Von der Ursache..., S. 108). Die Substanz ist Sein und Denken gleichermaßen. Sie ist überall ganz anwesend, deswegen stehen alle nur scheinbar getrennten Dinge miteinander in einem unmittelbaren Kontakt: "L'âme du monde ou l'esprit de l'univers [...] apparie et joint toutes choses entre elles; il existe donc une voie d'acces de toutes choses vers toutes choses..." (De la Magie, übersetzt von Danielle Sonnier und Boris Donné, Paris 2002, S. 64 - "Die Weltseele oder der Geist des Universums paart und verbindet alle Dinge miteinander; es existiert folglich ein Zugang von allem (allen Dingen) zu allem.") Es versteht sich, dass ein solcher Zugangsweg nach Bruno die Bedingung magischer Beeinflussung ist.
Ganz wie später in der romantischen Philosophie, bei Schelling, der bekanntlich Bruno eine Abhandlung gewidmet hat, oder Novalis, fallen also die Voraussetzungen von Erkenntnis und Moralität zusammen. Wer erfasst, dass seine Seele und die Weltsubstanz eine Einheit bilden, transzendiert, und sei es im nunc stans eines inspirierten Moments, dessen Leuchtkraft sich später wieder abschwächt, Furcht und Begehren. "Wenn wir aber das Sein und die Substanz dessen betrachten, worin wir unwandelbar sind, werden wir finden, dass es keinen Tod gibt, nicht nur nicht für uns, sondern auch nicht für irgendeine Substanz..." ("Über das Unendliche..., S. 37) Im tiefsten Grund werden alle Existenzen in einer tiefen Gegenwart gehalten, und sie zu spüren, ist "wahre[...] Glückseligkeit" (S. 35). Eine Philosophie, die solche Einsicht vorbereitet und bietet, befreit den Menschen "von der eifrigen Sorge um Lust und vom blinden Empfinden von Schmerz" (S. 35/37).
Die höchste - und eigentliche - Erkenntnis ist überbegrifflich, wirkliche Glückseligkeit gerade keine, immer ephemere, Lustempfindung. Beide treffen sich und gründen in derselben Einheitserfahrung. Wer Bruno liest und sich darum bemüht, seinen Grundansatz zu verstehen, kommt nicht umhin, ihren Mustern nachzuspüren. Was in der Romantik "intellektuelle Anschauung" heißt, gewährt bei dem Nolaner, in einer Anschauung, die sich noch nicht in einzelne Vorstellungen auseinanderlegt, das unmittelbare Erfassen des Seins der Idee - der Bezug auf Nikolaus Cusanus und dessen Begriffspaar von Ein- und Ausfaltung wird von Bruno ausdrücklich hervorgehoben (Bönker-Vallon setzt sich in der Einleitung ausführlich damit auseinander - ob Bruno allerdings tatsächlich "in Abkehr von Cusanus den Grundstein für den möglichen Bezug von Unendlichem und Endlichem", S. LI, legt, bleibt fraglich).
Wer der Idee, der Einheit und des Ganzen, ansichtig wird, verwandelt sich in sie - in das, was er immer schon ist. Sie blickt also in ihm sich selber an und kommt in einem solchen Erkenntnisakt wahrhaft zu ihrem Sein. Partizipiert ein Mensch an dieser Identität von Existenz und Selbstanschauung, so auch an der ihr innewohnenden Idee des Guten: "Da wir alle der besten Wirkmacht unterworfen sind, dürfen wir nichts anderes glauben, meinen und hoffen, als dass alles vom Guten ist, wie auch, dass alles gut, für etwas gut und zum Guten ist - vom Guten, durch das Gute und für das Gute" (S. 37). Man lasse dergleichen Sätze in sich nachhallen, um ermessen zu können, in welch anderer Welt wir leben: deren Heraufkunft Bruno, darauf muss nun wiederum das Augenmerk gelenkt werden, auch mit vorbereitet hat. Jetzt lässt sich vielleicht begreifen, welches Spannungsgefüge seine Philosophie durchzieht, in der sich zwei Weltsichten, eine unter- und eine aufgehende, für einen geschichtlichen Moment die Waage halten. Hundert Jahre später zerfällt diese Konstellation und mit ihr die Möglichkeit, wissenschaftliche und moralisch-ästhetische Erkenntnis in eine Einheit zu fassen endgültig, nachdem der letzte Versuch, das Gute in der Schöpfungsordnung zu verankern: Leibniz' Theodizee, gescheitert war.
Die Schriften Brunos haben einen Rang, der ihnen auch unabhängig von ihrer Bedeutung als Quelle für das Studium der europäischen Entwicklung von Wissenschaft und Philosophie die Aufmerksamkeit sichert. Schon deswegen wäre es zu wünschen, dass die im Felix Meiner Verlag erscheinende Werkausgabe ebenfalls die lateinischen Schriften in zuverlässigen Übersetzungen zugänglich machte.
Max Lorenzen