Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 2


 

Buch des Monats April 2007

Werner Heiland-Justi: Elisabeth: Königstochter von Ungarn, Landgräfin von Thüringen und Heilige.
Untertitel: Dise fröwe ist gewesen törlich wise und wiszlich torecht.

Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2007, ISBN 978-3-89870-388-8, 106 S., 20,00 €

In der Reihe der zahlreichen Elisabethbücher sticht das vorliegende heraus. Es dokumentiert die Handschrift: "Das Leben und die Legende der Heiligen Elisabeth" und reproduziert die 14 dieser Handschrift beigegebenen Miniaturen. In einer kurzen Einleitung wird auf die komplexe Provenienz des Werkes hingewiesen:

Die Handschrift entstand 1481 im Klarissenkloster in Freiburg/Breisgau; die Schreiberin (die Nonne Elisabeth Vögtin) und die Malerin (die Nonne Sibilla von Bondorf) sind bekannt. Die Handschrift enthält mehrere Texte, darunter:

ein alemannisches 'Ave Maria', das auf die heilige Elisabeth selbst zurückgeht,
ein lateinisches 'Gaude Zion',
eine Elisabeth-Vita in Gebetform, die von einem Kartäuser verfasst und von dem Kartäuser Gregor Reisch aus dem Lateinischen übersetzt wurde. (Ob es sich bei den beiden Kartäusern um ein und dieselbe Person handelt, ist nicht mehr zu klären. Der tüchtige Kartäuserprior Reisch jedenfalls war auch Lehrer des 'Kosmographen Martin Waldseemüller, der dem neu entdeckten Kontinent den Namen 'America' geben hat. Das zeigt,  welches breite Interessen- und Wissensspektrum im Kloster gepflegt wurde.).

Wo sich die Handschrift bis zur Säkularisation unter Joseph II. befand, von wem sie dann um 1820 der Marburger Theologe Karl Wilhelm Justi erstehen konnte, ist unbekannt. Durch Erbfolge gelangte die Handschrift zu Wilhelm Justi, der bis zu seinem Tod im Jahr 1957 Direktor der Nationalgalerie Berlin war. Nach dem Tod seiner Witwe im Jahr 1975 wurde die Handschrift 1976 von der Deutschen Bücherei in Leipzig 'erworben '. Nach der Wiedervereinigung wurde den Nachfahren Wilhelm Justis in langwierigen juristischen Auseinandersetzungen das Eigentum an der Handschrift restituiert, diese überließen im Gegenzug der Deutschen Bücherei Leipzig die Handschrift als Leihgabe. So hat nun nach verschlungenen Wegen die Handschrift doch wieder einen würdigen Platz gefunden.

Das Buch besticht durch die sorgfältige, leserfreundliche Edition: Das 'Ave Maria' Elisabeths ist im mittelhochdeutschen Original und daneben in neuhochdeutscher Übertragung, das 'Gaude Sion' auf lateinisch, alemannisch und neuhochdeutsch, das 'Gebet eines Kartäusers' ebenfalls im alemannischen Original wiedergegeben So kann jeder nach Kenntnisstand die Ausführungen des Herausgebers am Original nachvollziehen.

Im Mittelpunkt steht aber die Analyse des Textes 'Leben einer Heiligen als Gebet eines Kartäusers'. Dabei ist für den Herausgeber die Frage leitend, die sich wohl mancher angesichts des derzeitigen Elisabeth-Spektakels stellt: "Wer ist nun diese Frau, die zugleich klug und töricht war, ... die eine ungeheure Heiligenverehrung erreichte. ... Elisabeth kann nicht bloß eine religiöse Schwärmerin und eine von Konrad von Marburg unterjochte Frau gewesen sein. Insbesondere dieser Frage geht, gestützt auf die handschriftliche Quelle, das folgende Kapitel nach." (S. 18) 

Erfreulich kurz hält der Verfasser den allgemeinen Überblick über das Leben Elisabeths. Dieser ist jedoch notwendig, damit der Leser auch die einzelnen Stationen in ihrem Leben, die anhand der Quelle beleuchtet werden, in den Lebenszusammenhang einordnen kann.

In vier Kapitel gegliedert geht dann Heiland-Justi seiner Leitfrage nach und untersucht vergleichend mit den Quellen das 'Gebet 'unter den folgenden Gesichtspunkten :

Kindheit und Jugend
Elisabeth als verheiratete Frau und Landgräfin
Die Marburger Zeit

Eine Zusammenfassung rundet das Untersuchungsergebnis ab. Zu den Quellen des Kartäusers gehören zum einen die Elisabethvita Diedrichs von Apolda und zum anderen das 'libellus de dictis quator ancillarum s. Elisabeth confectus" - das Büchlein mit den Aussagen der vier Dienerinnen Elisabeths (S. 19), das Grundlage der Heiligsprechung Elisabeths bilden sollte. Heiland-Justi zieht das lateinische Original heran, um Interpretationen, die in jede Übersetzung einfließen, von vornherein auszuschließen. Abweichungen und Kürzungen, die der Kartäuser vorgenommen hat, werden herausgestellt und in ihrer Bedeutung erläutert.

So wird durch einen Vergleich die Persönlichkeit Elisabeths erschlossen: Ihre Frömmigkeit, aber auch ihre Fröhlichkeit, ihre Tricksereien und ihre Führungsqualitäten, die ihr mit der Erziehung vermittelt wurden und die sie später beim Aufbau ihres Hospitals nutzen konnte - nicht immer zur Freude ihres Beichtvaters und Zuchtmeister Konrad von Marburg.

Wer die Ausführungen Heiland-Justis im Einzelnen nachvollziehen will, kann das anhand einer Gegenüberstellung themengleicher Abschnitte aus dem 'Gebet' und entsprechender lateinischer Textstellen aus dem 'libellus' tun. Im einem weiteren Kapitel werden die drei Quellen in einer kleinen Konkordanz verglichen. Auffällig ist, dass der Kartäuser "fast alle Legenden oder kleinen Wunder" (S. 67) übergangen hat. Spiegelt sich hier vielleicht schon eine neue Zeit, die eher auf Fakten als auf Wunder baut? Immerhin sind die Quellen zwischen 1235 (libellus) und 1481 (Gebet) entstanden. Während es zunächst darum ging, Elisabeths Heiligsprechung zu betreiben, stellt der Kartäuser die bedeutende, vorbildlich und selbständig handelnde Frau heraus.

Geklärt wird vom Verfasser auch die Frage, wann und in welchem Umfang Elisabeth Gelübde abgelegt hat: Sie hat als Witwe Keuschheit gelobt, eventuell auch Konrad von Marburg Gehorsam gelobt, aber nie als Nonne gelebt oder ein Armutsgelübde abgelegt. Offensichtlich erst in Marburg (und nicht schon früher, wie Konrad es für die schnelle Heiligsprechung behauptete), hat Elisabeth das 'graue Gewand' genommen - so belegt es der Verfasser. Dennoch hat sie auf ihren adeligen Hauptschleier nicht verzichtet.

Eine abgewogene Würdigung rundet das Bild Elisabeths ab, wobei der Verfasser auch Elisabeths Ehemann und vor allem Konrad von Marburg mit einbezieht. Elisabeth hat zunächst die ihr zugedachte Rolle als Landesherrin und Mutter des zukünftigen Erben bzw. heiratsfähiger Töchter wahrgenommen und sich um deren standesgemäße Versorgung gekümmert: Sohn Herrmann wurde auf der Wartburg, Tochter Sophie in Brabant und Tochter Gertrud im Kloster Altenberg erzogen. Dann erst hat sie sich voll dem sozialen Dienst gewidmet.

Zum Schluss betont Heiland-Justi die menschlichen Charakterzüge der Heiligen, wozu etwa auch - die Liebe zu Honigtörtchen gehörte. Insofern haben auch die Marburger Konditoren, die vor 25 Jahren die 'Elisabethtorte' kreierten, im Sinne der Heiligen gehandelt.

Abgerundet wird das schöne Buch durch den hier zum ersten Mal gelungenen Nachweis, dass die Miniaturen von der Nonne Sibille von Bondorf gemalt wurden; der Verfasser ordnet diese Miniaturen in die Malerei des 15. Jahrhunderts ein. Hervorragend reproduziertes Vergleichsmaterial macht anschaulich, dass es sich bei der Malerin um eine eigenständige Künstlerin handelt. Hervorstechend sind die pausbäckigen, lebensnahen Figuren mit realistischen Details wie ein Spinnrocken. Insofern passen die Bilder zu einer Quelle, die auf  Mystisches eher verzichtet.

Die umfangreichen Quellenangaben am Schluss ermöglichen es, sich auch weiterführend mit dem Thema 'Elisabeth' auseinander zu setzen. Das vorliegende Buch trägt sicher dazu bei, das Bild der Heiligen zu differenzieren.

Regina Neumann

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